Ein steiniger Weg

Es ist ein ganz normaler Tag, die Schulsprecherin Lily und ihre Freundin Alice sind auf dem Rückweg vom Kräuterkunde Unterricht, da stoplert Lily. Der Weg der nun vor ihr liegt ist voller Steine, doch was bedeuten die seltsamen Nachrichten, die auf ihnen stehen?

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Ich hoffe es gefällt euch! Falls ihr etwas auf dem Herzen habt, wie zum Beispiel Kritik oder Wünsche so schreibt einen Kommentar!
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1. Ein steiniger Weg

Nach dem Kräuterkundeunterricht am Montag, den ersten Mai 1978, machten sich die Schüler des siebten Jahrgang auf den Weg zurück zum Schloss. Lily lief neben ihrer Freundin Alice her und redete mit ihr über die vergangene Stunde. „Lily, wir haben so viele Hausaufgaben, das schaffen wir nie“, jammerte Alice. Lily lächelte und antwortete, dass sie es sicher schaffen würden, wenn sie gleich heute mit der Arbeit begännen. Alice zog ein Gesicht und seufzte: „Frank hatte vorgeschlagen, heute einen ersten Badeversuch zu starten. Naja, vermutlich wäre das Wasser ohnehin viel zu kalt gewesen.“ Sie waren noch nicht weit gegangen, als Lily plötzlich stolperte und zu Boden fiel. Alice kniete sich sofort neben sie und schaute, ob sie helfen konnte. Lily war über einen Stein gestolpert und mit dem Kopf auf einen anderen gefallen. Sie hatte eine Wunde an der Stirn und blutete heftig. Alice erschrak, nahm rasch das Tuch ab, das sie um den Hals trug und winkelte es Lily um den Kopf. Hinter sich hörte sie mit Erleichterung die Stimme von Professor Sprout, die besorgt fragte, was geschehen sei.

Als Lily eine Viertelstunde später im Krankenflügel aufwachte, stöhnte sie und berührte vorsichtig ihren Kopf. Sie fühlte einen Verband und versuchte sich zu erinnern, was geschehen war. Sie und Alice hatten Kräuterkunde gehabt und über die Unmengen an Hausaufgaben gesprochen. Aber dann? Ein Mantel von Dunkelheit lag über ihren Erinnerungen. Sie sah sich um und stellte fest, wo sie war und auch, dass sie die einzige Patientin war. Sie versuchte sich aufzurichten, doch ihr Kopf tat zu sehr weh, so dass sie aufgab und sich wieder in die Kissen fallen ließ.

Plötzlich ging die Tür auf und Alice betrat den Krankenflügel. Als sie sah, dass ihre Freundin wieder wach war, eilte sie mit einen Freudenruf auf ihr Bett zu und setzte sich auf die Bettkante. „Wie geht es dir?“, fragte sie. Lily versicherte, dass es ihr gut gehe, wenn sie sich nicht bewege. Sie fragte ihre Freundin, was genau geschehen sei. Alice klärte sie über den Unfall auf. Lily sagte eine Weile nichts, dann fragte sie: „Hast du meine Schulsachen mit hierhergebracht?“ Lächelnd nickte Alice und zeigte auf die Tasche neben dem Bett. Erleichtert dachte Lily, dass sie dann wenigstens die Zeit im Krankenflügel nutzen konnte, um ihre Hausaufgaben zu machen. Jetzt holte Alice aus ihrer eigenen Tasche einen Stein hervor und legte ihn auf die Bettkante. „Das solltest du dir mal ansehen“, erklärte sie. „Was ist das für ein Stein?“, fragte Lily. Sie war ein wenig irritiert. Alice erklärte ihr, dies sei ihr Stolperstein gewesen. „Und warum hast du ihn mitgebracht? Was soll ich damit?“, forschte Lily irritiert. Alice lächelte und gab ihr den Stein nun in die Hand. „Schau ihn mal genau an.“ Ihre Freundin drehte ihn in der Hand und entdeckte, dass etwas darauf geschrieben stand:

Für Lily Evans.

Du bist das schönste Mädchen, das ich kenne!

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Verwirrt las sie die drei kurzen Zeilen mehrmals durch und sah Alice dann fragend an. „Hast du eine Ahnung, wer das geschrieben haben könnte?“ „Keine Ahnung! Ich hab auch schon überlegt, ob ich jemanden gesehen habe, der ihn da hingelegt haben könnte. Aber mir ist niemand aufgefallen. Dir?“ „Nein!“, antwortete Lily. „Es muss aber offensichtlich von jemandem stammen, der ein Auge auf dich geworfen hat. Hast du übrigens die Rückseite gelesen?“, fügte Alice hinzu. Lily drehte den Stein um und las.

Da wo ich versteckt bin, solltest Du mich nicht werfen.

Eine Tür öffnete sich im hinteren Teil des Krankenflügels und eine Frauenstimme rief: „Sie sind wach, Miss Evans, sehr schön!“ Die pummelige Krankenschwester eilte auf Lilys Bett zu und gab ihr einen Trank, den sie zur Linderung ihrer Kopfschmerzen nehmen sollte. „Wie lange muss ich hier bleiben?“, fragte Lily. „Morgen früh können sie wieder gehen“, antwortete die Schwester und verschwand wieder in ihrem Büro, nicht ohne Alice ermahnt zu haben, dass sie ihren Besuch bitte kurz halten solle – Miss Evans benötige jetzt vor allem Ruhe.

Am Nachmittag kam James Potter vorbei. Lily hatte gerade den Stein ein weiteres Mal untersucht, schob ihn jedoch unter ihr Bett, als sie James hereinkommen sah. Er fragte besorgt, wie es ihr gehe und setzte sich neben ihr Bett auf einen Stuhl. Er hatte einen Blick auf den Stein erhaschen können, bevor ihn Lily verstecken konnte, doch er sprach sie nicht auf ihn an. „Mir geht es gut, danke“, sagte sie nüchtern. Sie waren beide Schulsprecher, und Lily erledigte ihre Aufgaben gewissenhaft und sorgsam. Obwohl sie ihn nicht besonders gut leiden konnte, hatten sie bisher halbwegs ordentlich zusammengearbeitet. Immerhin hatte er dieses Jahr aufgehört, sie nach einer Verabredung zu fragen. Trotzdem vermied sie jedes Zusammensein, das über die Schulsprecherpflichten hinausging. Er fragte, wie lange sie wohl noch im Krankenflügel würde bleiben müssen und war erleichtert zu hören, dass es nicht sehr lange sein würde. Nach wenigen Minuten, in denen er offensichtlich bedrückt vorwiegend geschwiegen hatte, verabschiedete sich James mit den besten Wünschen für ihre Gesundheit und verließ den Raum. Lily nahm sofort den Stein ein weiteres Mal unter die Lupe, als die Tür sich hinter ihm schloss. Sie konnte die Handschrift nicht erkennen, war sich aber wenigstens sicher, dass die Schrift magisch auf den Stein gebracht worden war. Nun war das in einer Schule magisch begabter Schüler leider keine große Hilfe bei der Suche nach dem Absender. Nun grübelte sie über die dritte Zeile nach. Die ergab keinen Sinn; was sollte dieses Zahlenpaar bedeuten? Doch wie lange sie auch grübelte, sie konnte keinen Sinn darin erkennen. Lily drehte den Stein erneut um. Das hier ergab weitaus mehr Sinn. War hier von Glas die Rede? Aber der Stein war doch in ihrer Hand. Vielleicht ging es um einen weiteren Stein? Aber warum versteckte jemand Steine, über die man stolpern sollte? Das hörte sich nach einem ziemlichen Trottel an. Nun, vielleicht hatte sie nicht darüber stolpern sollen. Wo würde jemand nicht mit einem Stein werfen wollen? Am ehesten in den Gewächshäusern, oder? Müde legte Lily den Stein beiseite und legte den Kopf aufs Kissen. Sie würde morgen weiter darüber nachdenken; jetzt war sie zu erschöpft.

Als Lily am nächsten Morgen den Krankenflügel verließ und sich auf den Weg zum Frühstück machte, traf sie Alice in der Eingangshalle. „Wirst du heute zum Gewächshaus gehen und den nächsten Stein suchen?“, fragte Alice sofort. Sie hatte also denselben Gedankengang gehabt wie Lily! Die dachte nach. Sollte sie sich wirklich auf dieses Spiel einlassen? Wer konnte der Steineleger sein? Sie antwortete, dass sie nicht so genau wisse, ob dies eine kluge Entscheidung wäre. „Im schlimmsten Fall erlaubt sich jemand einen Scherz“, antwortete Alice. „Doch vielleicht verbirgt sich dahinter auch ein schüchterner Junge, der sich nicht traut, dich offen anzusprechen.“ Lily musste sich eingestehen, dass sie diesen Gedanken schon niedlich fand, doch laut sagte sie: „Wohl kaum, aber wir können ja schauen, ob wir Zeit fürs Gewächshaus finden.“

Nach dem letzten Unterricht dieses Tages fanden die beiden tatsächlich Zeit, ins Gewächshaus zu gehen. Nach einigen Minuten des Suchens – Lily war drauf und dran aufzugeben – fanden sie den Stein unter einigen dichten Blättern versteckt. Alice hob ihn auf und säuberte ihn mit einem Schwenk ihres Zauberstabs. Auf dem Stein stand geschrieben:

Für Lily Evans!

Du bist außerordentlich klug und gibst trotzdem nie mit deinem Wissen an, das schätze ich besonders an Dir.

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Beide lasen die Zeilen gemeinsam, dann reichte Alice den Stein ihrer Freundin. Die drehte ihn um, und wie der letzte hatte auch dieser eine Aufschrift auf der Rückseite.

Der nächste Stein befindet sich im Garten des Freundes vom Menschenfresser von Cornwall.

Lily dachte scharf nach, doch ihr wollte im Moment nicht einfallen, was das zu bedeuten haben könnte. Da die Mädchen nicht weiter kamen, gingen sie in den Gemeinschaftsraum. Erst am Abend, als sich Lily in ihrem Zimmer in der Schulsprecherwohnung auf ihr Bett setzte und nach dem Buch griff, in dem sie seit einigen Tagen las, fiel ihr etwas ein. Es handelte sich um eine Prosasammlung von Oscar Wilde, und sie hatte gestern ein Märchen daraus gelesen. In diesem Märchen kam ein selbstsüchtiger Riese und dessen Garten vor, und dieser Riese hatte einen Freund, den Menschenfresser von Cornwall! Doch wo gab es in der Nähe von Hogwarts einen Riesen? Sie grübelte einen Moment, und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Natürlich war Hagrid gemeint! Na gut, Hagrid war weder selbstsüchtig noch ein echter Riese; aber er war am nächsten an dieser Beschreibung als alles andere, was sie sich vorstellen konnte. Lily stand auf und legte die beiden Steine in die Fensterbank. Wie viele wohl noch dazukommen würden?

Als sie Alice am nächsten Tag im Verwandlungsunterricht von ihrer Theorie erzählte, stimmte diese ihr zu und flüsterte: „Wie wäre es, wenn wir dann heute Hagrid besuchen?Lily nickte ihr nur zu, weil gerade Professor McGonagall in ihre Richtung sah. Sie hatten heute Nachmittag frei, und so kam es, dass sie nach dem Essen zum Wildhüter gingen. Lily klopfte, und eine brummige Stimme bat sie herein. Sie setzten sich an den Tisch und ließen sich Tee einschenken. „Wie geht es euch so?“, fragte Hagrid die Mädchen und setzte sich ihnen gegenüber auf einen Stuhl. Sie erzählten, dass in einem Monat die Prüfungen beginnen würden und dass sie deshalb neben dem Unterricht kaum noch Freizeit hätten. „Doch immerhin sind wir dann fertig und endlich frei“, sagte Alice augenzwinkernd und fragte Hagrid, ob sie kurz in seinen Garten dürften. Dieser nickte erstaunt. Sofort stand Alice auf und zog Lily mit sich durch die Hintertür. Hier schauten sie sich aufmerksam um und schon kurze Zeit später war es wieder Alice, die einen runden Stein vom Rand eines Beets aufhob. Schnell kam Lily zu ihr und sah sich den Stein an, den Alice ihr gab.

Für Lily Evans:

Immer wenn ich Dich sehe, geht in mir ein Licht auf. Du bist das Erste, was ich suche, wenn ich einen Raum betrete.

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Das wurde ja jetzt richtig romantisch! Sie lächelte, packte den Stein in ihre Tasche und ging, gefolgt von Alice, wieder zu Hagrid zurück. Mit diesem plauderten sie noch eine Weile, bis sie sich schließlich auf den Weg zurück zum Schloss machten. „Ich gehe kurz in mein Zimmer, dann komm ich zu dir in die Bibliothek und wir machen unsere Hausaufgaben“, sagte Lily zu Alice. Diese nickte und antwortete, sie werde ihnen dann schon mal einen Tisch sichern. In letzter Zeit traf man in der Bibliothek immer mehr Schüler an, die sich auf die Prüfungen vorbereiteten. Als Lily die Wohnung betrat, sah sie James auf einem der Sofas am Kamin sitzen und in einer Zeitschrift blättern. Sie ging rasch an ihm vorbei in ihr Zimmer. Erst als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, fiel ihr ein, dass Alice und sie beide vergessen hatten, auf die Rückseite des Steins zu sehen. Sie setzte sich auf ihr Bett, nahm den Stein aus ihrer Tasche und drehte ihn um.

Der nächste Stein wird beim morgigen Fastenbrechen am von den Älteren am weitesten entfernten Platz erscheinen.

Lily starrte auf den Stein. Was sollte das bedeuten? Was war mit dem Fastenbrechen gemeint? Sie dachte eine Weile nach, kam aber zu keiner passablen Idee. Sie legte den Stein zu den anderen beiden und machte sich auf den Weg in die Bibliothek. Nachdem die Hausaufgabe erledigt waren, erzählte Lily Alice von dem Hinweis zum nächsten Stein und fragte, ob die Freundin eine Idee habe, was das bedeuten könnte. Alice dachte einen Moment nach und plötzlich glitzerte etwas in ihren Augen. Lily sah sie fragend an. Alice kicherte und schlug vor, dass das Fastenbrechen vielleicht das Frühstück sein könnte. Lily dachte kurz darüber nach. Tatsächlich, wenn man die Nacht als Fastenzeit betrachtete, wäre das Frühstück das Fastenbrechen. Wenn dem also so war, würde der Stein wohl beim Frühstück erscheinen. Dann ergab auch der Rest einen Sinn: Sie würde sich am Gryffindortisch auf die Seite setzen müssen, die am weitesten von den Lehrern entfernt war. Zufrieden nickten die Mädchen sich zu – also würde das morgige Frühstück spannend werden.

Der nächste Morgen kam schneller als erwartet und mit ihm auch das Frühstück. Lily hatte sich ihren magischen Wecker so gestellt, dass sie eine halbe Stunde vor dem Öffnen der Großen Halle wach war. So konnte sie sicherstellen, dass sie den gewünschten Platz bekam. Rasch machte sie sich fertig und ging hinunter in die Eingangshalle. Gerade als sie bei der Tür zur Großen Halle ankam, wurde die geöffnet. Professor Dumbledore stand im Eingang und blickte sie verwundert an: „Guten Morgen, so früh schon wach?“ Lily schlief gern so lange wie möglich und gehörte selten zu den ersten beim Frühstück. Sie nickte und erklärte, sie sei schon länger wach, weil sie nicht gut habe schlafen können und sei nun sehr hungrig. „Nun, du musst nicht mehr lange warten, in fünf Minuten steht das Essen auf dem Tisch.“ Sie nickte und ging an ihm vorbei in die Halle. Der Schulleiter verabschiedete sie lächelnd mit den Worten: „Du kannst dir ja schon mal den besten Platz aussuchen.“ Sie erwiderte, dass sie dies vorhabe und machte sich auf den Weg zu dem Platz, den der letzte Stein beschrieben hatte.

Kurz darauf tauchte auch Alice auf, die fast ebenso gespannt auf den nächsten Stein war wie Lily. Nachdem Albus Dumbledore seinen Morgengruß gesagt hatte, klatschte er in die Hände und die Teller erschienen. Auf Lilys Teller erschien zudem ein Stein.

Für Lily Evans:

Wann immer ich Dich sehe, stockt mir das Herz, nur um anschließend doppelt so schnell weiter zu schlagen.

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Sie las die Worte und wurde rot. Das war ein bisschen zu viel des Guten. Irgendjemand in Hogwarts hatte einen zu weit entwickelten Sinn für Romantik! Alice kicherte und sagte: „Da ist jemand ganz schön verliebt in dich.“ Lily schüttelte unwirsch den Kopf und murrte, langsam entwickele sich das doch zu einem ziemlich öden Scherz. Alice war zwar anderer Meinung, doch sie sagte nichts. Stattdessen wollte sie wissen, wo wohl der nächste Stein zu finden sein würde. Lily drehte den Stein um. Auf der Rückseite stand:

Der nächste Stein befindet sich im Überbleibsel eines sehr alten Lebens.

Alice dachte nach. Was konnte das heißen? Im Überbleibsel eines sehr alten Lebens – sollten sie etwa auf einem Friedhof suchen? Lily begann nachdenklich zu essen. Kurz darauf beugte sich Alice zu ihr schlug vor, dass mit dem sehr alten Wesen einer der Geister gemeint sein könnte. Lily musste zugeben, dass dies nicht unwahrscheinlich sei. Sie aßen weiter still vor sich hin, bis Alice noch etwas sagte: „Was wäre, wenn der Stein im Bad der maulenden Myrte versteckt wäre?“ Lily gab zu, dass dies zumindest einen Versuch wert sei.

Im Zaubertrankunterricht saßen Lily und Alice zunächst schweigend nebeneinander, weil Professor Slughorn vorne an der Tafel stand und seine Schüler aufmerksam beobachtete. Doch nach etwa einer halben Stunde bot sich den Mädchen eine Chance zum Reden, denn der Lehrer ging durch die Tür neben der Tafel in einen angrenzenden Lagerraum. „Das mit dem Bad der maulenden Myrte war ja kein wirklicher Erfolg, oder?“, flüsterte Alice und Lily stimmte ihr zu. „Doch ...“, fügte Alice hinzu: „… es könnte sich natürlich auf einen anderen Geist beziehen.“ Lily schüttelte den Kopf und meinte, der Text müsse etwas anderes bedeuten. Nach einigen Sekunden ergänzte sie sinnend: „Was wäre, wenn der Hinweis sich auf einen Baumstumpf bezöge?“ Alice fragte, wie sie denn darauf gekommen sei. Lily erklärte, Bäume würden sehr alt, ein Baumstumpf sei also im wörtlichen Sinne das Überbleibsel eines sehr alten Lebens, während die Geister ja einst Menschen gewesen und Menschen im Allgemeinen nicht so sehr lange lebten. Alice nickte ihr lediglich zu, weil in diesem Moment Professor Slughorn ins Klassenzimmer zurückgekehrt war und nun die Reihen seiner Schüler abschritt, um zu sehen, wie weit ihre Tränke gediehen waren.

Eine halbe Stunde nach dem Ende des Unterrichts gingen die beiden Mädchen am Wald entlang und untersuchten jeden Baumstumpf, den sie finden konnten. Schließlich sagte Alice: „Lass uns eine Pause einlegen! Guck mal, da vorn ist wieder ein Baumstumpf. Den untersuchen wir noch, dann setzen wir uns drauf und ruhen uns aus.“ Sie fanden auch bei diesem nichts und setzten sich aufatmend hin. Plötzlich sah Lily etwas zwischen zwei Wurzeln, das ihr bis jetzt gar nicht aufgefallen war. Es war ein unförmig und merkwürdig aussehendes Stück Moos, und sie bückte sich und hob es auf. Es war erstaunlich hart, und als sie darüber strich, fiel ein Teil des Grüns ab. Erstaunt sah sie, dass das vermeintliche Moos in Wirklichkeit ein Stein war. Inzwischen hatte auch Alice erkannt, was Lily da in den Händen hielt. „Wo hast du den gefunden?“, fragte sie. Lily zeigte auf das Versteck zwischen den Wurzeln. Nun lasen Mädchen die Zeilen, die auf dem Stein standen.

Für Lily Evans:

Du bist für mich die wundervollste Person, die es gibt - immer bereit, allen zu helfen, egal wie viel Du selbst zu tun hast.

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Es waren nette Worte, das musste Lily schon zugeben. Doch von wem konnten sie nur stammen? Sie hatte die Jungen im Schloss möglichst unauffällig beobachtet, doch niemand war ihr durch verdächtiges Verhalten aufgefallen. Sie wandte sich an Alice und fragte, ob sie etwas gesehen oder gehört habe, das auf einen bestimmten Jungen hindeute, doch die Freundin schüttelte ratlos den Kopf. So sahen sie noch auf der Rückseite nach dem Hinweis zum nächsten Stein und machten sich dann auf den Weg zurück zum Schloss. Alice wiederholte noch einmal den Hinweis: „Der nächste Stein soll am höchsten Punkt von Hogwarts sein. Das muss der Astronomieturm sein!“ Lily nickte, und sie beschlossen, vor dem nächsten Astronomieunterricht nach dem Stein zu suchen. Das würde am kommenden Freitag sein.

Die Zeit bis zum Astronomieunterricht verging schnell, und noch immer hatte Lily keine Ahnung, wer der „Steineleger“ sein könnte. Nun war es Freitagabend und eben ließ Professor Sinistra sie in den Astronomieturm. Eilig ging Lily an ihr vorbei und stieg die Treppen hoch. Oben angelangt sah sie sich um. Wo konnte der Stein sein? Glücklicherweise musste sie nicht lange suchen. Er lag hinter einigen Teleskopen auf dem Boden. Sie bückte sich und verstaute ihn schnell in ihrer Tasche. Auf Alices Frage, was auf dem Stein stehe , sagte sie nur leise: „Ich weiß es nicht, ich habe ihn schnell eingepackt, lass uns später nachschauen.“ Alice nickte, und da kam auch schon die Lehrerin mit den anderen Schülern die Treppe hoch.

Die Stunde war anstrengend, da Professor Sinistra sie um mehr als dreißig Minuten verlängerte, nachdem sie hatte feststellen müssen, dass einige der Schüler sehr schlecht vorbereitet in den Unterricht gekommen waren. Sie hielt ihnen einen langen Vortrag über die Wichtigkeit fleißiger Vorbereitung auf die bevorstehenden Prüfungen und bestand darauf, die verlorene Zeit am Ende der Stunde nachzuholen. Die Klage, dass doch das Wochenende bevorstehe und eigentlich schon Sonnabend und damit ein freier Tag sei, tat sie ungerührt ab. Erst als Lily sich in ihrem Zimmer erschöpft aufs Bett fallen ließ, fiel ihr der Stein wieder ein. Jetzt konnte sie ihn zwar nicht mit Alice anschauen, doch sie war zu neugierig, als dass sie bis morgen hätte warten können. Sie holte ihn heraus und erhellte ihr Zimmer mit ihrem Zauberstab.

Für Lily Evans:

Du scheinst wie die Sonne. Du gibst den Menschen in deiner Nähe neue Hoffnung.

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Wer auch immer für diese Steine verantwortlich war, ihr gefielen sie. Wann er sich wohl zu erkennen geben würde? Über die Zahlen wunderte sie sich schon gar nicht mehr. Vielleicht verbarg sich hinter ihnen ein Code, und sie würden irgendwann einen Sinn ergeben. Sie beschloss, nur noch zu schauen, wo sich der nächste Stein befinden würde und anschließend zu schlafen. Sie drehte den Stein um und las die Zeile:

Der nächste Stein befindet sich an einem kopflosen Ort.

Lily las die Zeile mehrmals, doch dadurch ergab sie nicht mehr Sinn. An einem kopflosen Ort? Was konnte damit gemeint sein? Doch sie war zu müde, um sich richtig auf dieses Rätsel konzentrieren zu können. Vielleicht würde morgen ja alles einen Sinn ergeben.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war es bereits neun Uhr. Sie konnte sich trotzdem noch Zeit lassen, denn am Wochenende gab es länger Frühstück als an den anderen Tagen. Beim Essen erzählte sie dann Alice, was auf dem Stein gestanden hatte. Alice hatte nach dem Frühstück eine Verabredung mit Frank Longbottom, deshalb ging Lily allein in die Bibliothek, um etwas zu lesen. Vielleicht würde ihr ja hier eine Idee wegen des Steins kommen.

Sie saß schon eine Weile an einem Tisch in der Bibliothek und las, als sie Schritte auf sich zukommen hörte. „Na, wen haben wir denn hier?“, fragte eine zuckersüße Stimme. Lily blickte auf und sah Bellatrix Lestrange. Sie hatte eine Tasche über die Schulter geschwungen und sah so, aus als wolle auch sie lernen. Lily wollte höflich sein und bot ihr an, sich an ihren Tisch zu setzten. „Mit dir an einem Tisch, nein danke, dafür ist mir mein Blut zu schade“, sagte Bellatrix überheblich und verschwand zwischen den nächstgelegenen Bücherregalen. Lily schüttelte den Kopf und arbeitete weiter, ohne noch einen Gedanken an Bellatrix zu verschwenden. Nach einer Weile des stillen Lernens machte sie sich auf den Weg zurück zur Wohnung. In einem der Flure kam sie an einer Rüstung vorbei, deren Helm fehlte. Suchend schaute sie sich um, ob er vielleicht in der Nähe lag, doch als sie nichts fand, wollte sie gerade weitergehen, als ihr etwas durch den Kopf ging. Stand auf dem Stein nicht, dass sich der nächste Stein an einem kopflosen Ort befinden würde? Einen Versuch war es wert! Aufgeregt wandte sie sich wieder der Rüstung zu. Und tatsächlich befand sich im Harnisch der Rüstung ein Beutel, und im Beutel ein Stein. Sie nahm ihn heraus und ging zur nächsten Fackel, um die Inschrift lesen zu können.

Für Lily Evans:

Du bist viel mehr wert als diejenigen, die dich deiner Abstammung wegen verachten. Ihr Reinblutwahnsinn ist widerlich und ekelerregend. Niemand hat das Recht, einen anderen wegen seiner Abstammung zu benachteiligen!

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Der Schreiber musste wirklich ein guter Mensch sein! Ihr war allerdings niemand aufgefallen, der sich so deutlich gegen die Anhänger dieser neuen „Religion“ gestellt hätte. Ganz so mutig war er also in der Öffentlichkeit nicht. Sie las noch die Rückseite, die wie folgt lautete:

Der nächste Stein wird dir morgen per Eule gebracht.

Das klang doch sehr gut, sie würde also nicht suchen müssen. Zufrieden packte sie den Stein in ihre Tasche und ging in Richtung des Gryffindorturms, um zu schauen, ob Alice schon zurück war. Die ließ zwar noch auf sich warten, Lily traf aber einige andere Siebtkklässler im Gemeinschaftsraum und verbrachte mit ihnen eine unterhaltsame Stunde. Alice kam spät und erzählte von einem richtig schönen Nachmittag mit Frank in Hogsmeade. Lily freute sich für sie – Frank war ein ausgesprochen netter, intelligenter Junge, der gut zur klugen, lebhaften Alice passte.

Am nächsten Morgen brachte eine der Schuleulen Lily ein Paket. Sie musste nicht lange überlegen, was wohl darin sein konnte. Sie packte den Stein aus, ignorierte die neugierigen Blicke der anderen und las seine Inschrift unter dem Tisch.

Für Lily Evans:

Ich kann nicht anders, als ständig an Dich zu denken. Du beherrschst meine Gedanken und Gefühle.

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Lily reichte den Stein an Alice weiter, die auch die Rückseite las und ihn anschließend in Lilys Tasche steckte. Sie schlug vor: „Lass uns heute zum See gehen, wir können den warmen Tag genießen.“ Lily wusste nicht so recht. Sollten sie nicht lieber noch etwas lernen? Doch wahrscheinlich würde ihr eine Pause gut tun. „Was stand eigentlich auf der Rückseite?“, fragte sie dann leise. Alice antwortete lachend: „Rat mal!“ Einen Moment lang sah Lily die Freundin fragend an, dann lachte sie auch auf. „Genau!“, sagte Alice grinsend. „In der Nähe der Weide am See.“ Nach dem Frühstück machten die beiden sich also auf den Weg nach draußen. Sie setzten sich unter die Weide, schoben das Suchen aber auf, weil sich gar nicht weit entfernt vier Jungen niedergelassen hatten. Es waren James Potter, Sirius Black, Remus Lupin und Peter Pettigrew. Die vier nannten sich selbst die Rumtreiber und waren eine Clique, die von manchen bewundert und von anderen – und zu ihnen gehörte Lily – verachtet wurde. Immer bereit, Mitschüler zu verspotten; selten in der Lage, etwas ernst zu nehmen, waren sie das Gegenteil von dem, was sie an ihren Mitmenschen schätzte und bewunderte. Remus war der Einzige, mit dem man sich manchmal ernsthaft unterhalten konnte und der seinen Freunden gelegentlich Einhalt gebot, wenn sie gar zu albern wurden. Gerade hob James Potter kurz den Blick und sah zu ihr hinüber. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Augen, doch dann senkte er sie und schaute wieder zu Sirius, der ihm gerade etwas erzählte. Lily kam in den Sinn, dass James sich im Laufe dieses Schuljahrs verändert hatte. Als Schulsprecher zumindest schien er begriffen zu haben, dass bei manchen Gelegenheiten Ernsthaftigkeit nötig war. Nun, was hatte das schon zu sagen und vor allem, was ging es sie an. Lily hatte an Wichtigeres zu denken. Ein Junge, und zwar einer, der mit Sicherheit erheblich interessanter war, interessierte sich für sie! Ihre Augen machten sich auf die Suche. Der Stein sollte hier irgendwo sein, nur wo? Vielleicht auf einem der Äste? Nun wanderte ihr Blick den Stamm hinauf, bis er auf eine Verzweigung des Stammes fiel. Ungefähr in Mannshöhe verzweigte sich der Stamm, und dort lag etwas. Sie stand auf und hob den Stein aus der Verzweigung. Dann setzte sie sich rasch wieder und begann zu lesen.

Für Lily Evans:

Ich war nicht immer der Sympathischste. Ich habe Fehler gemacht; doch Du hast es geschafft, mich zum Nachdenken zu bringen. Deinetwegen habe ich mich ändern und zu einem besseren Menschen werden können.

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Sie wandte sich zu Alice, die ihr gespannt zugeschaut hatte. „Du hast ihn gefunden! Zeig mal her.“ Lily reichte den Stein weiter und legte sich ins Gras. Die Sonne war schon richtig schön warm, doch das Wasser wahrscheinlich noch ziemlich kühl, schließlich war erst Anfang Mai. Alice sagte zu ihr: „Der Hinweis lautet:

Der nächste Stein ist am Ort, wo vieles lagert, was heute vergessen ist.

Lily hatte sofort eine Idee, was hiermit gemeint sein könnte. In alten Büchern über Hogwarts wurde ein Ort beschrieben, der schon Generationen von Schülern als geheimer Lagerraum gedient hatte. Der Raum der Wünsche – war das nicht das Name gewesen? Sie konnte sich allerdings nicht an nähere Einzelheiten erinnern. Als sie Alice fragte, musste die zugeben, noch nie davon gehört zu haben. Daher beschloss Lily, vor dem Mittagessen einen Abstecher in die Bibliothek zu machen. Sie schloss die Augen und genoss die Sonne auf ihrem Gesicht. Alice sagte nachdenklich: „Wer immer derjenige ist, der die Steine versteckt; du hast ihn wohl mächtig beeinflusst, wenn du ihm geholfen hast, zu einem besseren Menschen zu werden.“ Verträumt murmelte Lily: „Gebrauchen könnten das einige! Bei diesen lächerlichen „Rumtreibern“ zum Beispiel wäre einiges an Luft nach oben!“ „Ach, ich weiß nicht“, antwortete ihre Freundin. „Remus Lupin ist doch gar nicht so übel. Black allerdings ist schon eine fürchterliche Nervensäge. Dass er sich allerdings in der letzten Zeit groß verändert hätte, kann ich nicht sagen!“ Lily nickte und hoffte, ihr heimlicher Anbeter sei ein bisschen sympathischer als Sirius Black. Selbst wenn der sich eines Tages ändern sollte, wäre die Wahrscheinlichkeit, sich in ihn zu verlieben, äußerst gering.

So leicht war die Information über den mysteriösen Raum der Wünsche allerdings nicht zu finden. Lily verbrachte auch am Montag noch einige Zeit in der Bibliothek über alten Büchern, bis sie am Abend endlich fündig wurde. Nun wusste sie, wie man ihn betreten konnte. Morgen würden sie und Alice den Stein suchen. Lily hoffte inständig, dass sich der ganze Aufwand lohnen würde und sie auf der richtigen Spur waren. Als am Dienstag dann der Unterricht endlich beendet war, machten Lily und Alice sich auf den Weg in den siebten Stock. Vor dem Portrait von Barnabas dem Bekloppten blieben sie stehen. Lily erklärte Alice, dass sie nun dreimal mit geschlossenen Augen an der Wand gegenüber des Portraits vorbeigehen müssten. „Währenddessen müssen wir uns vorstellen, was wir suchen!“ Alice nickte und ergänzte: „Und wir suchen einen Ort, an dem alles lagert, was heute schon vergessen ist, richtig?“ Lily nickte und schlug vor zu beginnen. So liefen sie mit geschlossenen Augen an der Wand entlang und dachten intensiv an den gesuchten Ort.

Als sie beide dreimal an der Wand vorbeigegangen waren, öffnete Lily besorgt die Augen. Erleichtert und aufgeregt sah sie eine Tür, die vorher nicht dagewesen war. Alice rief freudig aus: „Da ist es!“ Rasch gingen sie auf die Tür zu und öffneten sie, nachdem sie sich vorher noch einmal vorsichtig umgesehen hatten. Bei dieser sehr merkwürdigen Suche wollten sie lieber nicht beobachtet werden. Hinter der Tür erstreckte sich eine scheinbar endlose Halle. Lange Regale reichten vom Boden bis unter die Decke und waren mit allen möglichen Gegenständen gefüllt. Alice und Lily sahen sich fassungslos um. Wie viele Generationen von Hogwartsschülern hatten hier Dinge versteckt, die ihnen wichtig waren? Und warum hatten sie das getan? Im Grunde konnte doch jeder diesen Raum betreten und sich an allem bedienen, was hier untergebracht war. Oder diente er als Rumpelkammer, in die nur gebracht wurde, was keiner mehr brauchen konnte? Die beiden Mädchen begannen mit der Suche. Ziellos wanderten sie durch die Regalreihen und ließen die Blicke schweifen. Die Suche schien einigermaßen aussichtslos. Der Stein hatte nicht gleich am Eingang gelegen und es gab keinen Hinweis, wie sie bei der Suche vorgehen sollten. Lily kam ein Gedanke: Der Stein würde wohl kaum höher liegen, als ein Junge ihn verstecken konnte. Dem musste Alice zustimmen, doch selbst wenn sie nur die unteren Regalfächer absuchen mussten, konnte das Wochen dauern. „Ist es dir das wert?“, fragte sie kritisch. „Ich weiß nicht“, antwortete ihre Freundin zögernd. Dann schlug sie sich plötzlich mit der Hand gegen die Stirn und rief aus: „Alice, wir sind echt blöd! Natürlich gibt es eine schnellere Möglichkeit! Hoffen wir, dass der Stein nicht mit einem Zauber belegt ist, der es uns unmöglich macht, ihn mit Accio herbeizurufen!“ Alice hätte sich die Haare raufen können – warum waren sie nicht früher auf die Idee gekommen. Sie waren inzwischen schon fast eine Stunde hier! Lily hob den Zauberstab und rief: „Accio Stein!“ Den Bruchteil einer Sekunde lang fragte sie sich, wie viele davon hier wohl versteckt sein mochten. Würden sie beide jetzt gleich unter einem Berg von Steinen begraben werden? Doch der Zauber war nicht missverstanden worden: Ein einziger Stein bewegte sich rasch auf sie zu. Alice war reaktionsschneller als ihre Freundin und hatte ihn schon in der Hand. Neugierig beugten beide sich darüber und lasen im Licht der Fackeln, die überall an den Wänden befestigt waren, die Aufschrift:

Für Lily Evans:

Du inspirierst mich zu Dingen, zu denen ich sonst niemals fähig wäre. Ein Blick Deiner Augen reicht aus, damit ich über mich hinauswachse.

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Lily errötete. Langsam wurden die endlosen Komplimente ihr peinlich. Schnell drehte sie den Stein um. Auf der Rückseite war zu lesen, dass der nächste Stein da sein würde, wo auch der erste gewesen sei. Alice sah grübelnd vor sich hin. „Ich habe eine Vermutung, was die Zahlen bedeuten könnten“, sagte sie. „Einen Stein brauche ich aber noch, um sicher zu sein.“ Gespannt sah Lily sie an. „Was meinst du? Was könnten sie bedeuten?“ „Warte ab! Ich will mich nicht lächerlich machen mit einer falschen Vermutung – und die könnte wirklich ziemlich lächerlich sein!“ „Wo war denn der erste Stein genau?“, fragte Lily ihre Freundin. Ihre Erinnerung an den Unfall war immer noch verschwommen. „So ganz genau weiß ich das auch nicht. Lass uns den Weg vom Gewächshaus in Richtung Schloss einfach abgehen“, antwortete Alice. „Diesmal aber sehr vorsichtig“, lachte sie. Dem konnte Lily nur zustimmen. Auf einen weiteren Sturz hatte sie ganz und gar keine Lust. Sie beschlossen, den Weg auf morgen zu verschieben, denn inzwischen war es schon fast dunkel geworden.

Am folgenden Tag wurde es dann doch schon Abend, bevor die beiden Zeit fanden, hinauszugehen. Kurz vor dem Abendessen liefen sie nach draußen und machten sich auf den Weg zum Gewächshaus fünf. Sie waren nicht mehr weit entfernt, als Lily plötzlich stolperte. Nur das rasche Eingreifen von Alice bewahrte sie vor einem zweiten Besuch im Krankenflügel. Die hielt die Freundin am Arm, bis sie ihr Gleichgewicht wiedererlangt hatte. Nun bückte sich Lily, um den Stein aufzuheben – denn der war es tatsächlich gewesen, der sie ins Straucheln gebracht hatte. Plötzlich wurde sie wütend. Wegen dieses Unbekannten hatte sie in den letzten Tagen so viel Mühe auf sich genommen! Ihm so viel Zeit gewidmet! Und nun sorgte er dafür, dass sie fast wieder stürzte. Wenn er nicht bald schrieb, wer er war, konnte er ihr gestohlen bleiben. Gereizt drehte sie den Stein in der Hand und begann zu lesen:

Für Lily Evans:

Ich muss Dir endlich meine wahren Intentionen gestehen. Diese ganzen Steine dienen dazu, dir näher zu kommen, ohne dass Du weißt, wer Dir schreibt. Ich hätte es nie gewagt, Dir all das ins Gesicht zu sagen! Doch nun kommen wir zum Ende. Den letzten Stein erhältst Du morgen, und er kommt wieder mit einer Eule.

18

Lilys Ärger hatte sich nicht ganz gelegt, doch scheinbar neigte sich das ganze wenigstens dem Ende zu. Hoffentlich enthüllte der letzte Stein endlich die Identität seines Absenders. Alice hatte den Text auch gelesen und sagte nun: „Mein Verdacht hat sich bestätigt. Komm mit in den Schlafsaal, dann verrate ich dir, was ich denke.“ Lily schlug ihrer Freundin vor, dass sie auch in die Schulsprecherwohnung gehen könnten, sie würde ihnen dann einen Tee machen. Alice sah sich kurz um, und als sie unter den vielen Schülern, die heute die Maiwärme genossen, auch die Rumtreiber entdeckte, nickte sie Lily zu und beide machten sich auf den Weg. Während Lily Tee kochte, saß Alice auf einem der Sofas am Kamin. Mit gerunzelter Stirn sah sie vor sich hin. Lily kam schließlich mit einem Tablett wieder, auf dem zwei Tassen dampfenden Tees standen, und setzte sich neben Alice. „Ich weiß jetzt, wer die Steine geschickt hat“, begann Alice und biss sich auf die Lippen. Stirnrunzelnd fragte Lily: „Ja? Du scheinst dich wenig darüber zu freuen. Klär mich auf!“ Alice seufzte und erklärte ihrer Freundin, dass die Ziffern auf den Steinen für Buchstaben stünden. „Hierbei steht das ‚A‘ an erster Stelle, das ‚B‘ an zweiter und das ‚Z‘ an sechsundzwanzigster.“ Lily nickte und nahm ein Pergament vom Tisch. Eilig schrieb sie die Ziffern in der Reihenfolge ab, in der sie die Steine gefunden hatte. Als nächstes schrieb sie die passenden Buchstaben unter die Ziffern. Am Ende stand dort: James Potter.

Lily starrte auf die Buchstaben, die sie eben selbst geschrieben hatte, und konnte es nicht fassen. James Potter? Dieser arrogante Affe? Er war Schuld daran, dass sie einen Tag im Krankenflügel verbracht hatte, und er hatte sie die letzten zehn Tage so beschäftigt? Das konnte nicht wahr sein! Sie sprang auf und begann, im Zimmer auf und ab zu laufen. Was hatte sie sich vorgestellt? Wen hatte sie sich vorgestellt? Dass ihr heimlicher Verehrer aus einer sehr kleinen Gruppe von Leuten stammen musste, hätte sie bedenken können, hatte es aber nicht getan. Es war anzunehmen gewesen, dass es sich nur um einen Siebt-, höchstens um einen Sechstklässler handeln konnte. Die kannte sie alle gut – schließlich waren sie seit Jahren zusammen hier im Schloss. Trotzdem hatte sie sich offenbar einen geheimnisvollen Fremden eingebildet. Wie dumm! Sie spürte, wie Tränen in ihren Augen brannten, wollte sich vor Alice aber nicht noch lächerlicher machen, als sie sich ohnehin schon fühlte. Mit kleiner Stimme bat sie die Freundin, sie jetzt allein zu lassen. Sie müsse über die ganze Sache nachdenken und sei zudem müde. Mitleidig sah Alice sie an, umarmte sie stumm und ging dann hinaus. Lily lief in ihr Zimmer, schloss die Tür hinter sich und schob den Riegel vor. Dann überwältigten sie Wut und Kummer. Sie warf sich aufs Bett und ließ die Tränen fließen. Nach einer ganzen Weile stand sie auf und ging energisch zum Fenster. Die Steine, die sie dort neugierig und gespannt sortiert hatte, würden jetzt verschwinden. Sie hatte vor, die ganze Sammlung in einem Beutel auf Nimmerwiedersehen im See zu versenken. Den Beutel in der Hand, griff sie nach einem Stein. „Immer wenn ich Dich sehe, geht in mir ein Licht auf.“ Schon wieder stiegen Tränen in ihre Augen. Was für ein Ideal hatte sie vor Augen gehabt, als sie all diese Nachrichten gelesen hatte! „Du bist für mich die wundervollste Person, die es gibt.“ Der nächste Stein wanderte in den Beutel. „Du beherrschst meine Gedanken und Gefühle.“ Was für ein Unsinn! Warum hatte er das getan? Dass sie wirklich seine Gedanken und Gefühle beherrschte, war kaum anzunehmen. Weg mit dem Stein! „Ich war nicht immer der Sympathischste. Ich habe Fehler gemacht.“ Ja, da hätte sie an James Potter denken können. Recht hatte er! „Deinetwegen habe ich mich ändern und zu einem besseren Menschen werden können.“ Ha, ein besserer Mensch! Das konnte jeder sagen! In den Beutel mit ihm! „Ich hätte es nie gewagt, Dir all das ins Gesicht zu sagen!“ Das war auch besser so! Er hätte es nur wagen sollen! Sie dachte an seinen Blick, als sie mit Alice unter der Weide nach einem der Steine gesucht hatte. War er besorgt gewesen? Ihr fiel ein, dass sich ihre Blicke in der letzten Zeit häufiger getroffen hatten. Er schien sie zu beobachten. Es war ihr nicht weiter aufgefallen, sie hatte ständig an ihren heimlichen Verehrer denken müssen.Sein Besuch im Krankenflügel kam ihr in den Sinn. Er war lange bei ihr geblieben und hatte mit gesenktem Kopf neben ihrem Bett gesessen. Sie war zu erschöpft gewesen, um es richtig zu bemerken. Im Rückblick schien es ihr, als habe er ein paarmal etwas sagen wollen, sich dann aber doch nicht dazu bringen können. Und abends, wenn er schon vor ihr in der Wohnung war, hatte er erwartungsvoll aufgeschaut und ihr Gesicht für einen Moment lang gespannt studiert. Merkwürdig, dass ihr das jetzt erst einfiel. Lilys Wut war verraucht. Nachdenklich legte sie den Stein, den sie noch in der Hand hielt, ins Fenster zurück. Sie schaute in die Dunkelheit hinaus. Fast tat er ihr leid. Er wusste, dass sie ihn nicht leiden konnte. Sie hatte ihn das bei vielen Gelegenheiten in der vergangenen Jahren wissen lassen. Was für eine alberne Idee, diese Steine! Ganz erstaunlich romantisch für einen wie ihn. Das war nicht der James Potter den sie in den letzten Jahren kennengelernt hatte. Nun, so sah er sich offensichtlich auch selbst. „Ich habe Fehler gemacht; doch Du hast es geschafft, mich zum Nachdenken zu bringen.“ Konnte das wirklich sein? Sie beschloss, dass sie zu müde war, um weiter nachzudenken. Rasch zog sie sich aus und schlüpfte unter die Bettdecke. Bis sie einschlief, verging jedoch noch einige Zeit – zu viele Gedanken wanderten durch ihren Kopf.

Am nächsten Morgen erwachte Lily früh. Sie fühlte sich trotz des zermürbenden Abends ausgeruht und hatte einen klaren Kopf. Sie sah sich im Zimmer um, und ihr Blick fiel auf den halb gefüllten Beutel in der Fensterbank. Sie warf die Bettdecke zur Seite und sprang aus dem Bett. Dann lief sie zum Fenster und setzte sich auf den Stuhl, auf dem sie beim Lesen so gern saß. Auch jetzt ließ sie ihren Blick erst einmal über die Hügel schweifen. Die Sonne war schon vor etwa einer Stunde aufgegangen und hatte die Kuppe der Anhöhe überschritten, die das erste Morgenlicht vom Schloss fernhielt. Jetzt lag die ganze Umgebung in einem warmen Sonnenlicht: die Hügel, die in frühlingshaftem Grün plötzlich gar nicht mehr so schroff und abweisend wirkten wie im Winter und die kleine Ecke des Sees, die Lily von hier aus sehen konnte. Das Wasser glitzerte, und ließ die Landschaft noch frischer und wie neugeboren wirken. Nun griff Lily nach dem Beutel und nahm die hastig hineingeworfenen Steine wieder heraus. Sorgfältig ordnete sie sie in der Reihenfolge, in der sie aufgetaucht waren. Noch einmal las sie die Botschaften; diesmal in dem klaren Bewusstsein, wer sie geschrieben hatte. Bei jedem Satz versuchte sie, sich vorzustellen, wie James sich wohl gefühlt haben mochte und bemühte sich, Erinnerungen an den jeweiligen Tag wachzurufen. Dabei wurde ihr langsam klar, wie sehr er sich verändert hatte. Der James Potter, den sie verachtet und verabscheut hatte, war längst nicht mehr da. Ersetzt hatte ihn ein zurückhaltender, freundlicher Junge, der sie vorsichtig zu beobachten schien. Viele Gelegenheiten fielen ihr jetzt ein, bei denen er sie geradezu schüchtern angelächelt hatte, mit so etwas wie Hoffnung im Blick. Ja, sie musste wohl glauben, was er geschrieben hatte. Es war ihm ernst. Ein warmes Gefühl stieg in ihr auf. Konnte sie ihn tatsächlich mögen?

In diesem Augenblick landete eine Eule vor dem Fenster. Lily erkannte sofort, dass es James‘ eigene war. Er hatte jetzt also sämtliche Deckungen aufgegeben. Sie öffnete einen Fensterflügel, nahm der Eule das ans Bein gebundene Päckchen ab und nahm einen Keks aus der Schale, die auf dem Tischchen neben ihrem Stuhl stand. Nachdem die Eule ihn in den Schnabel genommen hatte, flog sie davon. Lily begann langsam, das Paket zu öffnen. Als sie die letzte Schicht Papier beiseite schlug, lag vor ihr ein flacher rötlicher Stein, der zahllose winzige glitzernde Partikel enthielt und mit dünnen schwarzen Buchstaben beschriftet war.

Liebe Lily,

vielleicht weißt Du schon lange, wer dir die Steine geschickt hat? Magst Du mich heute Abend nach dem Essen am See treffen? Ich hoffe so sehr, dass Du kommen wirst und werde unter der Weide auf Dich warten.

Immer Dein

James Potter

Lily strich sanft mit dem Finger über die Oberfläche des Steins. Wie glatt und kühl er sich anfühlte. Sie ließ ihre Gedanken noch einen Moment schweifen. Die Botschaften der Steine, James‘ Gesicht und seine Stimme, der wunderschöne Morgen und ihre gestrige Enttäuschung – alles vermischte sich zu einem einzigen Gefühl: Sie wollte es mit ihm versuchen! Heute Abend würde sie zur Weide gehen und mit James sprechen. Alles weitere würde sich dann ergeben. Mit diesem Entschluss stand sie auf, um sich anzuziehen. Diesen Tag wollte sie unbeschwert mit ihren Freunden verbringen. Daher war es ratsam, die Wohnung bald zu verlassen, um James nicht schon jetzt über den Weg zu laufen. Diese Begegnung wollte sie sich für den Abend aufheben.

Im Laufe des Tages stellte sich heraus, dass auch James diesen Wunsch zu haben schien. Er war nirgends zu sehen – weder beim Frühstück, bei dem Lily Alices Fragen geschickt auswich, noch am See, an dem die Freundinnen gemeinsam mit vielen anderen den Nachmittag verbrachten. Auch den Mahlzeiten blieb er fern. Zum Abendessen ging auch Lily nicht. Jetzt war sie doch nervös. Sie machte sich auf den Weg nach draußen, stieß das Eingangsportal auf und ging hinunter zum See. Schon aus der Ferne sah sie eine Gestalt neben der Weide stehen und ging direkt auf sie zu.

Als sie schließlich hinter James Potter stand, drehte er sich um und sah sie an. „Du bist gekommen!“ sagte er glücklich. Dann wies er auf zwei etwas größere Steine am See. „Wollen wir uns setzen?“ Lily nickte und sie ließen sich nieder. Ein Moment verging. James sah sie an, dann blickte er zu Boden. „Was sollte all das?“, fragte Lily kurz entschlossen. Er blickte zu ihr hoch und sagte: „Es war der verzweifelte Versuch, dir ein wenig näher zu kommen! Ich wusste, dass du mich nicht leiden kannst. Mit gutem Grund, ich weiß! Ich habe es einfach nicht gewagt, mit dir zu sprechen. Du weißt ja, wie oft ich dich früher nach einer Verabredung gefragt habe… Ich konnte mich noch so gut an deinen Gesichtsausdruck erinnern und hatte riesige Angst, ihn wieder zu sehen.“ „Und du hättest ihn gesehen, da bin ich mir sicher.“ Lily lächelte. „Du bedeutest mir alles, Lily! Wirklich, nur du hast mir den Mut gegeben mich zu verändern. Dein verächtlicher Blick hat mir gezeigt, wie verächtlich ich war!“ Er schwieg kurz und schaute ihr intensiv in die Augen. Dann fuhr er fort: „Und mir lief die Zeit davon. In etwa zwei Monaten ist das Schuljahr zu Ende, und wenn ich es bis dahin nicht schaffe, Dir zu zeigen, wie sehr ich dich mag ...“ Er führte den Satz nicht zu Ende und sah zu Boden. „Was wäre dann?“, fragte sie leise. Er flüsterte: „… sehe ich dich vielleicht nie wieder.“ Er zögerte einen Moment, dann brach es aus ihm heraus: „Ich liebe dich, und ein Leben ohne dich kann ich mir nicht vorstellen.“ Er hatte es gesagt, nun lag alles in ihrer Hand. Das warme Gefühl vom Morgen kehrte in Lilys Herz zurück. „James, ich weiß selbst noch nicht genau, was ich fühle. Aber ganz sicher verachte ich dich nicht mehr! Deine Steine haben mich gespannt gemacht, und sie haben mich gerührt. Und als ich verstanden habe, wer sie versteckt, ist mir klargeworden, wie sehr du dich verändert hast.“ Sein plötzlich so hoffnungsvoller Blick ließ ihr Herz schneller schlagen. „Die Steine haben mir erzählt, dass du ein romantischer und einfühlsamer Mensch sein kannst. So einen könnte ich mögen. Willst du mir Gelegenheit geben, dich besser kennenzulernen?“

James sah Lily an. Jetzt lächelte er. „Das will ich“, versprach er. „Du sollst alle Zeit der Welt haben, um zu entscheiden, ob du mich wirklich mögen kannst.“ Er griff zögernd nach ihrer Hand und wurde mutiger, als sie sie ihm nicht entzog. „Heute fühle ich mich wie neugeboren. Danke, dass du mir eine Chance gibst, Lily!“ Sie drückte seine Hand und antwortete: „Vielleicht ist es eine Chance für uns beide. Ich bin gespannt darauf, was die Zukunft für uns bereithält!“

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