Von Haien und Haustieren

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  • Jugendschutz:
  • Veröffentlicht: 14 Jun 2018
  • Aktualisiert: 14 Jun 2018
  • Status: Fertig
Eine Jagdgeschichte zu dem Rollenspiel Vampire: The Masquerade
Die Toreador zieht los, denn der Hunger nagt an ihr. Es wird Zeit, das Tier in sich zu füttern.

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3. Der Hai

Unter dem schützenden Dach der Kapelle entdeckte sie das Bündel, dessen ungleichmäßiges Klopfen sie unterschwellig hergeführt hatte. Der Hunger erkannte ein Herz, wenn es in der Nähe war. Bedächtig ging sie darauf zu. Hielt sich im Schatten verborgen, bis sie die Distanz zu ihm überwinden musste. Sie roch ihn schon von Weitem. Schweiß. Alkohol. Dreck. Den einzigen CEO, den er noch treffen würde, wäre der Pfarrer. Die alte Schwere Jacke aus Armeebeständen. Fleckig, speckig. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ein holpriges altes Herz. Wirre Träume längst vergangener Zeiten. Kinderlachen, Meeresrauschen, Maschinengestank. Dazwischen der Alkohol. Wie Flussbett zieht er sich durch sein Leben. Der erste Likör bei der Oma. Das Bier vom Opa. Die wilden jungen Jahre. Das halblange Haar, die Kippe im Mundwinkel, die Flasche, die unter Freunden kreist. Steter Tropfen höhlt den Stein. Wischt das Lachen aus dem Gesicht. Sammelt sich wie Tränen im Glas. Heruntergespült mit noch einem Glas. Immer wieder. Bis der Job weg ist. Das Auto. Die Frau. Die Kinder. Das Leben. Nur der Schmerz. Der bleibt.
Sie schaut hinab auf seine dreckige, zittrige Hand, die ihre fest umschlossen hält, im Traume hoffend, seine Frau zu halten. Vorsichtig legt sie sich zu ihm, lässt ihn gewähren, für einen Moment sie zu halten, zu träumen, zu hoffen. Sanft drückt sie seine Hand, zieht sie hoch zu ihrem Mund und schiebt sachte den Ärmel beiseite. Kinderleicht gleiten ihre Fänge durch die dünne weiße Haut. Das schwere, träge Blut rinnt in ihrem Mund, während Bilder einer schönen Zeit sie beide begleiten. Tretboot fahren am Gardasee. Sonnenuntergang am Meer. Ein letztes Lachen.
Gesättigt verzieht sich der Hai, verschwindet im Türkisblau des Meeres. Die Zeugen ihres Mahles beseitigend, fährt sie mit der Zunge über die Stelle, nimmt die letzten Tropfen auf. Das ungleichmäßige Klopfen ist geblieben. Schwächer. Noch existent. Weit hat er es nicht mehr. Es obliegt ihm, den letzten Weg zu gehen. Behutsam löst sie sich aus seiner Umarmung. Geht so leise, wie sie kam. Die Reihen entlang schreitend. Unter dem Mantel der Bäume innehaltend. Ein letztes Mal die vermeintliche Ruhe genießend, bevor sie den Totenacker verlässt.

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