Zu Leben heißt: Licht und Kälte zu ertragen

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  • Veröffentlicht: 4 Apr 2018
  • Aktualisiert: 4 Apr 2018
  • Status: Fertig

Alles war in Ordnung, bis zu dem Tag, als meine Welt sich gegen mich verschworen hatte. Dabei war es hier so warm und weich. Zugegeben, so langsam wurde es etwas eng. Viel Platz zum Bewegen hatte ich nicht mehr, aber daran konnte ich mich immerhin neun Monate lang gewöhnen. Doch niemand hat mich auf den Horror vorbereitet, der an diesem Morgen seinen Lauf nahm...

Gedanken eines Säuglings, auf seinem Weg in die Welt.

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1. Zu Leben heißt: Licht und Kälte zu ertragen

Eine seltsame Unruhe weckt mich aus tiefem Schlaf. Das leise Schlagen eines Herzens und ein monotones Rauschen sind zu hören. Nichts Neues, keine fremden Stimmen, keine Bewegung. Alles ist wie immer und doch beschleicht mich dieses unbestimmte Gefühl der Furcht. Vielleicht eine Vorahnung?
Dunkelheit umgibt mich und die weiche Welt, in der ich mich befinde. Auch daran hat sich nichts verändert. Das Wasser, in dem ich schwimme, ist angenehm warm und still. 

Mit den Händen fahre ich mir verschlafen über die Augen. Vielleicht habe ich nur geträumt und das Gefühl ist ein letzter Rest davon. Ich versuche nicht mehr darüber nachzudenken. Ganze neun Monate habe ich es mir hier gemütlich gemacht und nie ist etwas schlimmes passiert.
Wobei, eine Kleinigkeit wird ganz allmählich zum Problem. So klein ich mich auch mache, viel Platz, um mich zu bewegen, habe ich nicht mehr. Meine weiche Welt schrumpft mit jedem Tag ein bisschen mehr.
Inzwischen kann ich nicht einmal mehr die Arme ausstrecken. Eingerollt um mich selbst, warte ich vielleicht auch einfach nur auf etwas: Auf ein Geräusch von Außen, eine Berührung der Wände um mich herum, ein nettes Wort. Sonst ist es nie so leise, ständig rufen die verschiedensten Stimmen wild durcheinander, nur heute nicht. Das ist so ungewohnt. Keine hastigen Bewegungen, die mich durchschüttelten, kein Lärm, nur das stete Pochen und Rauschen.

Sachte Wellen umspülen mich, bringen ein bisschen Bewegung in meine Welt. Bin ich dafür verantwortlich? Ich habe mich nicht gerührt, keinen Zentimeter, trotzdem werden die Wellen stärker. Meine weiche Welt, zieht sich zusammen. Erschrocken taste ich danach. Harte Muskeln pressen sich fest an mich. Ich stoße energisch dagegen. Für solche Späße ist hier viel zu wenig Platz. Aufhören!
Auahh!”, schreit eine helle Stimme. Ich kenne sie, sie ist schon immer da gewesen.

Immer mehr Druck lastet auf meinem kleinen Körper. Panik überkommt mich. Beide Arme stemme ich gegen die warme Masse.
Ahhhh!”, schreit die Stimme erneut, dann wird alles wieder weit. Die Wellen im Wasser verebben. Ist es vorbei? Ich stupse die weiche Masse an, nichts passiert. Erleichtert atme ich ein wenig Wasser, um mich vom Schrecken zu erholen, als mein Körper immer schwerer wird. Ganz allmählich lastet immer mehr Gewicht auf mir. Was ist jetzt wieder? Diese Mal liegt es nicht an den Wänden. Das Wasser, dass mich seit jeher umgibt, verschwindet, versickert allmählich im Boden. Das ist irgendwie nicht gut, das kann gar nicht gut sein. Diese Schwere erträgt mein kleiner Körper nicht. Ich strample, versuche auf mich aufmerksam zu machen. 
“Schatz, wach auf, meine Fruchtblase ist geplatzt!”, ruft die Stimme aufgeregt. Was ist geplatzt? Hier darf nichts platzen, das ist doch mein zu Hause. Es ist zwar nicht mehr so gemütlich, wie früher, doch es ist alles was ich kenne, alles was ich brauche. Macht das es wieder heile wird.
~Tu doch was!~, bitte ich die Stimme inständig. Ich will nicht sterben, ich bin noch viel zu jung dafür.
Was? Wer?”, erklingt verschlafen eine viel dunklere Stimme. Auch sie kenne ich gut, sie kommt manchmal zu Besuch und dann bekomme ich immer ein gutes Gefühl. Hoffentlich kann sie auch jetzt helfen.
Geh, hole Anette. Ich brauch ne Hebamme!” Gute Idee. Hol Hilfe, schnell, hier passiert etwas schreckliches! Die Wände kommen näher, wieder schmiegen sie sich fest und immer fester an mich. Von ihrer Druckwelle werde ich ein Stück getragen, dann wird alles wieder weich. 
Nein! Ich will ihn doch auf die Welt holen!” Wohin will er mich holen? Ich gehe nirgendwo hin! Auch wenn sich die Wände gegen mich verschworen haben, gebe ich noch lange nicht auf. Schon wieder pressen sie sich eng an mich, tragen mich weiter.
Ahrrg, verschwinde endlich! Hhha, ich hab keine Nerven für deine Spielchen!”, schreit sie.
~Genau gib’s ihm~, kommentiere ich. Wir brauchen hier professionelle Hilfe, keinen Laien. Ein leises Schlurfen, ein lauter Knall und die dunkle Stimme ist verschwunden. Hoffentlich beeilt er sich. Längst sind die Wände nicht mehr weich. Um meinen Kopf spannt sich ein fester Ring. Das kann auf keinen Fall so bleiben, das halte ich nicht.
~He, liebste aller Stimmen, du, die du immer hier bist. Mach was!~, rufe ich sie verzweifelt an und sie tut auch etwas: Sie schreit und ich rutsche ein weiteres Stück. Der Ring schließt meinen Kopf nun ganz ein, meine Nase wird mir ins Gesicht gedrückt, meinen Mund kann ich nicht mehr bewegen. Panik erfüllt mich, lässt meine Herz schneller schlagen. Das stete Pochen und das Rauschen meiner Umgebung, begleiten mich im selben Takt. Wieder bewegen sich die Wände, meine Schultern werden eingedrückt, meine Arme pressen sich eng an meinem Körper. Das ist eindeutig die falsche Richtung, besser wir versuchen es mal anders herum. Bitte?

Aufgeregte Stimmen unterbrechen meinen Kampf um Platz. Die meisten kenne ich, ich habe sie schon oft gehört, aber sie sind keine Hilfe. Sie rufen nur wild durcheinander. 
"Raus hier! Alle! Nur du nicht, du bleibst hier, damit ich dich für das hier hassen und verfluchen kann!" Wer soll bleiben? Hoffentlich jemand, der weiß, was er tut. Na schön, meinetwegen auch jemand, der das nicht weiß. Hauptsache nicht die dunkle Stimme, die mich irgendwo hin holen will.
"Meinetwegen kannst du mir auch, wie beim letzten Mal die Hand brechen. Hauptsache ich verpasse das hier nicht." Ich habe es geahnt. Natürlich er, wer sonst. Aber was meint er mit, beim letzten Mal? Das hier ist schon mal passiert? Wie schrecklich! Welches armes Wesen musste das hier bitte auch durchmachen? Ein weiterer Schrei folgt, eine weitere Druckwelle befördert mich noch ein Stück durch den engen Kanal. Hier ist kein Platz mehr, merken die Stimmen das denn nicht? Hier geht es nicht weiter!
So werde ich also enden? Zerquetscht, weil ein paar unwissende Stimmen nichts dagegen unternahmen. Nie wieder werde ich mit dem langen Schlauch spielen, der an meinem Bauch befestigt ist. Nie wieder werde ich mit der Faust Dellen in die weichen Wände schlagen. Alles vorbei.
Wieder ertönt ein lauter Schrei, gefolgt von einigen Flüchen: „Ahhhrr, ich hasse dich! Wir haben nie wieder Sex, das schwöre ich dir!“ Ja, nur ihr habt Probleme, was glaubt ihr denn, wie es mir hier geht?

Ja, ja! Hast du nach den Zwillingen auch schon behauptet und nun liegst du hier“, lacht er.

Zusammengepfercht, meines Wassers beraubt, rutsche ich noch ein Stück tiefer. Wo soll das nur enden? Mir tut alles weh, ich will nicht mehr. Hat man das hier nicht größer bauen können? Aber nein, ich zwänge mich auch so hier durch. Klar, habe ich doch Spaß dran. Wenn ich wieder zurück bin, werde ich Beulen machen, da wird euch Hören und Sehen vergehen.
He was ist das, da ist was kalt am Kopf. Hey, hier zieht es, macht das weg! Was ist das, das will ich da nicht haben.
Glaubt ja nicht, dass ich irgendwo hin gehe, wo es so arschkalt ist! Ein letzter Aufschrei und auf einmal ist alles kalt und hell und laut. Wo ist meine weiche Welt, wo das vertraute schlagende Herz? Auf einmal engt mich gar nichts mehr ein. Hier ist nicht einmal etwas. Wo bin ich nur gelandet? Das darf nicht sein. Bringt mich gefälligst zurück:
"Wähhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!!!" Bin ich das eben gewesen? Gut so, was zu viel ist, ist zu viel. Gleich noch mal: „Wääähhhhh!“

Ein bedrohlicher Schatten beugt sich über mich. Ich kann einen verschwommen Umriss erkennen. Zwei Hände fahren unter meinen Körper, heben mich hoch. Hilfe! Ich werde entführt. Hey, nicht was um mich wickeln! Nein, weg damit, das kratzt! "Wähhhhhhhhhhhhh!", ja genau das sollt ihr hören, von jetzt an, für den Rest eures Lebens. Jetzt plärre ich euch mal voll. "Wäähhhhhh!", und noch mal, damit ihr auch genau wisst, dass mir das hier überhaupt nicht passt. Was habe ich denn verbrochen, um das zu verdienen? Was habe ich euch getan?
"Willkommen auf der Welt! Ich bin dein Papa", meint der merkwürdige Umriss. Ja du, das ist mir doch herzlich egal du. Bring mich gefälligst zurück!
"Und das da, ist deine Mama?" Hä, wer ist wo? Hier ist nur alles hell. Sicher das du weißt, wovon du redest, du komischer Papa, du?
"Gib ihn mir!", murmelt erschöpft die Stimme, die ich zuletzt nur noch schreiend vernommen habe. Sie ist schwach, so habe ich sie noch nie gehört. Hoffentlich verschwindet sie nicht auch noch, sie ist doch alles, was mir geblieben ist.
Kalte Luft streift mich, ein Kribbeln zieht sich durch meinen Magen, dann werde ich auf weicher Haut abgelegt. Der Untergrund bewegte sich, auf und ab, im bekannten Rhythmus. Ein leises Bum Bum, es ist das selbe Herz. Es ist nicht weg. Euer Glück, sonst hätte ich hier Terror ... gähn gemacht.
Man, was für ein Tag. Hätte ich den doch nur verschlafen.
"Hallo Aaron!", erklingt ihre sanfte Stimme und ist genau so müde, wie ich.
~Ja, hallo auch ...~, denke ich mir, ~... und guten Nacht.~ Damit machte ich die Augen zu und alles ist wieder schön dunkel. Mit dem leisen Geräusch des schlagenden Herzens, unter mir, gebe ich mich vorerst zufrieden. Wenn ich nur erst mal ausgeschlafen habe, werde ich den seltsamen Stimmen schon beweisen, dass ich von nun an, viel lauter sein kann, als sie alle zusammen.

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