Patenmörder - Die Wölfe I

  • von
  • Jugendschutz:
  • Veröffentlicht: 3 Apr 2018
  • Aktualisiert: 3 Apr 2018
  • Status: Fertig
Der 15-jährige Enrico River lernt im Park einen süßen Jungen mit einer coolen Lederjacke kennen. Der schüchterne Antonio gefällt ihm, also freundet er sich mit ihm an. Er ahnt nicht, in welch dunkle Machenschaften der Kerl verstrickt ist, bis er ihm neugierig auf das Dach eines Hochhauses folgt. Der Mord, den er dort oben mit ansehen muss, bringt die beiden Freunde in Lebensgefahr und zwingt Enrico in ein Leben zwischen Bandenkrieg, Drogen und Mord.

Leseprobe

0Likes
0Kommentare
113Views
AA

2. 2. Kapitel ~Das Leben des Anderen~

Ich gähne herzhaft, während ich meinen Spind aufschließe, um die Schulsachen für den Unterricht zu holen. Es ist einfach unmenschlich schon um Sieben aufstehen zu müssen, nur um pünktlich acht Uhr in der Schule zu sein. 
Ich hätte vergangene Nacht nicht bis zwei Uhr aufbleiben und meinem Bruder in der Werkstatt helfen sollen. Aber ich wollte nicht, dass er heute wieder Überstunden schieben muss, denn dann wäre der Ausflug in den Park einmal mehr ins Wasser gefallen.
Ich ziehe die Spindtür auf. Etliche gefaltete Zettel fallen mir entgegen, sie sammeln sich vor meinen Füßen. 
Nicht weit entfernt, steht eine Gruppe Mädchen. Die Schulbücher fest an sich gepresst, schauen sie mich lachend an, sie spielen mit ihren Haaren. Zwei von ihnen winken mir zu. 
Ich verdrehe die Augen und ignoriere sie. Stattdessen befreie ich meine Schulbücher von den anderen vier Zetteln, die sich darauf türmen. 
Was soll ich damit? Ich kenne diese Mädchen nur vom Sehen, habe noch kein einziges Wort mit ihnen gewechselt.
„Na, wie viele sind es heute?“, spricht mich mein Freund Alex an. Er öffnet den Spind neben meinem und schiebt sich die viel zu große Brille auf der Nase zurecht. 
„Keine Ahnung“, entgegne ich. Die Zettel lasse ich unbeachtet liegen.
„Willst du nicht lesen, was drin steht?“, fragt Alex. Er bückt sich nach einem der Papierschnipsel. 
„Nein, ich weiß, was drin steht.“ Es ist immer dasselbe: Ob ich nicht ihr Freund sein will, wie toll sie mich doch finden, wie hübsch ich bin. Ich weiß das alles, ich brauche ihre Bestätigung nicht, ich brauche auch keine Freundin, die wie eine Klette an mir klebt. 
„Du kannst sie gern, haben wenn du magst. Ich kann damit nichts anfangen.“ Ich hole mein Mathebuch heraus, dann schließe ich den Spind. 
Die Mädchen tuscheln, sie beobachten mich noch immer. 
Ich schenke ihnen ein Grinsen und werfe ihnen einen Handkuss zu. 
Sie kichern, ihre Wangen werden rot. 
Warum freuen sie sich denn darüber? Ich will sie doch nur aufziehen. Weiber, ich werde aus ihnen einfach nicht schlau.
„Was soll ich damit, die sind nicht an mich gerichtet. Du bist echt undankbar. Ich hatte noch nie einen Zettel in meinem Spind.“ 
Ich lächle, als mir eine Idee kommt. „Dann schmeiß ich dir morgen einen von meinen rein.“
„Du Arsch! Das ist doch nicht dasselbe.“ 
Anette hält auf uns zu, sie schüttet ihre blonde Lockenmähne. Als sie meinen Spind erreicht, bückt sie sich nach den Zetteln. Sie sucht sich einen aus und liest ihn vor: „Du hast so schöne blaue Augen, wollen wir nicht Freunde sein?“ Sie schüttelt abfällig den Kopf. „Denen fällt auch nichts Neues mehr ein“ Böse funkelt sie die Mädchen an. 
Die Schülerinnen schauen unter ihrem strengen Blick hinweg. Gegenseitig schubsen sie sich an, dann verschwinden sie in ihrem Klassenzimmer. 
„Vielleicht solltest du mit Anette gehen, dann bist du die anderen Weiber los“, flüstert mir Alex zu. Ich schüttle abwehrend mit dem Kopf. Anette ist meine beste Freundin, das reicht mir. 
„Was tuschelt ihr da so geheimnisvoll?“, will sie wissen. 
Ich winke ab.
Ein schrilles Läuten halt durch die Gänge. Mrs. Miller geht an uns vorbei. In ihrer Hand schüttelt sie eine Glocke, das Zeichen für den Beginn des Unterrichts. 
Anette geht zwei Türen weiter, zu den Mädchen, während ich und Alex im Klassenraum der Jungen verschwinden. 
Mathe in der ersten Stunde, gibt es etwas schlimmeres? Mr. Moore am frühen Morgen ertragen müssen, grenzt an Folter. Der steife Mann, mit der Glatze, in seinem feinen Anzug, hat heute Henry als Opfer erwählt. Der arme Kerl, hat sein Mathebuch vergessen, nun kassiert er dafür den dritten Rohrstockhieb auf den Hintern. 
Das Knallen des Stockes lässt uns alle zusammen zucken. Jeder hat sich diese Strafe schon einmal eingehandelt. 
Alex trägt noch immer einen dunkelblauen Striemen über dem Handrücken, weil er eine Frage Mr. Moors nicht beantworten konnte. 
Wie oft habe ich mir vorgestellt, den Spieß umzudrehen, dem Kerl zu zeigen, wie weh so ein Rohrstockhieb tut. 
Der letzte Schlag verklingt, Henry darf sich setzen, wenn er nur noch sitzen könnte. Der arme Kerl, rutscht auf seinem Stuhl hin und her und findet keine schmerzfreie Position mehr. 
Mr. Moor kommt in meine Sitzreihe, er sammelt die Hausaufgaben ein und teilt die Klassenarbeit der letzten Woche aus. 
Ich gebe meinen Zettel ab und nehme die Arbeit entgegen. 
Heute hat er nichts zu beanstanden. 
Mathe fällt mir zum Glück leicht. Mit dickem Rotstift, ist auf meiner Arbeit ein A- geschrieben. Wäre unser Lehrer nicht so ein Arsch, könnte mir das Fach fast Spaß machen. 
Als Mr. Moore hinter mir verschwindet, schiebe ich meine Heft hoch. Darunter habe ich meinen Zeichenblock versteckt. So lange Mr. Moore mit dem Verteilen der Arbeiten beschäftigt ist, kann ich meine Zeichnung vervollständigen. 
Den Kopf des Wolfes habe ich schon fertig, nun arbeite ich den Flügel aus, der wie Flammen von ihm abstehen soll. 
Ein großer Schatten fällt auf mein Blatt. 
Erschrocken schaue ich auf. 
Ein Stockhieb trifft meinen Handrücken, ein brennendes Mahl entsteht. Ich beiße die Zähne fest zusammen, um nicht aufschreien zu müssen und reibe über die wunde Haut.
„Was ist das?“, will Mr. Moore wissen. Er nimmt sich die Zeichnung. Einen Moment lang sieht er sie an, dann zeigt er sie allen Schülern. „Kunst meine Herren! Wir haben einen Künstler unter uns!“, ruft er spöttisch. 
Als wenn der Kerl Ahnung davon hat. 
Finster mustere ich ihn, eine passende Antwort liegt mir auf den Lippen, als einer der Jungen hinter mir ruft: „Das sieht toll aus Enrico!“ 
„Ja, zeichnest du mir einen Drachen?“, ruft sein Banknachbar.
„Bekomme ich die Zeichnung, wenn du sie fertig hast?“, will ein Dritter wissen. 
Ich drehe mich nach ihnen um. „Was für einen Drachen willst du denn haben?“ 
„Einen mit weit aufgerissenem Maul und scharfen Krallen!“
„Ruhe!“, brüllt der Lehrer, „Dreh dich um! Hände auf den Tisch!“ 
Augenblicklich verstummen alle Gespräche. 
Ich wende mich Mr. Moore zu. „Muss das wirklich sein?“ Sein strenger Blick lässt mir keine Wahl. Gehorsam lege ich die Hände auf den Tisch. 
Mr. Moore hebt den Rohrstock, er holt weit aus und schlägt mit aller Kraft zu. 
Im letzten Moment ziehe ich meine Finger weg. 
Der Stock knallt auf die Tischplatte und bricht in der Mitte, das kurze Ende fliegt ihm entgegen.
Grinsend sehe ich zu ihm auf. „Daneben!“, sage ich herausfordernd. Das wollte ich schon immer machen. Ich lache ihn frech an. 
Mr. Moor wird rot. 
Ein Raunen geht durch die Bankreihen, die Schüler beginnen zu tuscheln.
„Das wird ein Nachspiel für dich haben, junger Mann!“, schreit Mr. Moor. Der abgebrochene Stab zittert unter seinem festen Griff. 
„Ja, ist gut!“, entgegne ich. Es ist nicht das erste Mal, dass mir eine Strafe aufgebrummt wird. Für diese Aktion nehme ich das gern in Kauf. 
„Geh mir aus den Augen!“, befiehlt er. 
Gehorsam erhebe ich mich und schiebe meinen Stuhl an den Tisch. Im Vorbeigehen greife ich mir die Zeichnung, die er noch immer in der Hand hält, dann verlasse ich den Raum. 
Die Gespräche meiner Mitschüler werden lauter. Sie sehen mir nach.
„Ruhe! Seid still!“, schreit der alte Mann. 
Ich lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen.
Der Rohrstock-Zwischenfall ist auch in der Mittagspause noch Gesprächsthema Nummer eins, auf dem Schulhof. In allen Ecken kann ich meine Mitschüler darüber tuscheln hören. Selbst das Lehrpersonal sagt immer wieder meinen Namen. Egal wo ich hinkomme, alle Blicke richten sich auf mich. 
Wenn ich das meinem großen Bruder erzähle, der wird sich sicher kaputtlachen. 
Mit den Gedanken an den versprochenen Tag im Park, laufe ich zu meinen Freunden, als mich einer der Jungs aus der Zehnten anspricht: „River, warte mal!“ 
Ich bleibe stehen. Ein Basketball schießt auf mich zu, ich schaffe es gerade noch, die Hände hoch zu nehmen, um ihn vor meinem Gesicht abzufangen. Irritiert betrachte ich Taylor. 
Der Kerl ist gut einen Kopf größer als ich, er trägt das Trikot der Schulbasketballmannschaft. Er ist ihr Kapitän und einer der beliebtesten Jungen seines Jahrgangs. Sein Blick ist anerkennend auf mich gerichtet. „Gute Reaktion! Komm mal hier rüber!“, ruft er. 
Ich gehe zu ihm.
„Stimmt es, dass du den Moore heute verarscht hast?“, fragt Taylor.
„Der ist selbst schuld, wenn er nicht schnell genug zuschlagen kann“, entgegne ich und zucke mit den Schultern. 
„Respekt! Das hat sich bisher nicht mal einer von uns getraut.“ Taylor schlägt mir auf die Schulter. Ich lächle stolz. 
„Komm, spiel doch eine Runde bei uns mit!“ Ist das sein ernst? Das durfte bisher noch keiner aus der Neun. 
Ich bin mir nicht sicher, ob das Angebot ernst gemeint. 
Taylors lächelt. 
„Klar, warum nicht, aber ich bin darin nicht besonders gut“ , gebe ich zu. Es ist lange her, dass sich mein Bruder die Zeit genommen hat, mit mir Basketball zu spielen und allein habe ich lange keine Körbe mehr geworfen. 
„Keine Sorge, das bringen wir dir schon bei.“ Taylor legt mir seine Hand auf die Schulter, er schiebt mich zu seinen Freunden. Sie kommen alle zusammen und verteilen sich um mich. 
Ich bin der Kleinste in ihrer Mitte. In ihrem Schatten komme ich mir verloren vor. 
„Das ist der Knirps, an dem sich der Moore den Rohrstock zerbrochen hat“, stellt mich der Kapitän vor. „Wie heißt du eigentlich mit Vornamen?“, fragt Taylor.
„Enrico.“
„Okay Enrico, du spielst bei uns mit!“, sagt einer der anderen Jungen. Über seinem Trikot hat er ein rotes Band geschnürt, wie die Hälfte der Mannschaft. 
Ich nicke, dann verteilen sich alle auf dem Spielfeld. 
Das Spiel beginnt. 
Ich komme nicht mal in die Nähe des Balls. 
Sie alle sind viel schneller als ich. Trotzdem macht es Spaß, mit ihnen zu wetteifern. Die beliebtesten Jungen der Schule und ich mitten unter ihnen, das glaubt mir morgen keiner mehr. Einer meiner Mannschaftskollegen erobert sich den Ball, er wirft ihn weit über die Köpfe aller hinweg und versenkt ihn sicher im Korb. Der Ball springt auf den Boden und rollt bis an den Zaun. 
„Ich hole ihn!“, rufe ich und laufe ihm nach. 
Als ich ihn aufhebe, fällt mir ein Junge hinter dem Maschendraht auf. 
Seine smaragdgrünen Augen mustert mich. Matt und müde schauen er mich an. Seine schwarzen Haaren sind verschwitzt, sie kleben ihm im Gesicht. Er atmet schwer und ist leichenblass. Seine Gestalt ist dürr, die Wangen eingefallen. Als er sich meines Blickes bewusst wird, schaut er finster.
Ich lächle ihn an, doch seine Gesichtszüge hellen sich nicht auf. 
Was für ein seltsamer Kerl. Seine Klamotten sind komplett schwarz: Die Stoffhose, das Hemd, die Lederjacke. Die Farbe lässt ihn noch dürrer wirken. Warum hat er überhaupt so dickes Zeug an, in dieser Mittagshitze? Kein Wunder das ihm der Schweiß von den Haaren tropft. 
Dunkel kann ich mich erinnern, ihn hier schon mal gesehen zu haben. Dabei geht er gar nicht auf unsere Schule und die nächste ist zehn Busstationen entfernt. 
Er wendet den Blick ab und sieht auf seine Taschenuhr, seine Augen weiten sich. Wo er die wohl her hat? So etwas Teures tragen doch nur Erwachsene bei sich. 
Als ich ihn ansprechen will, läuft er los. Mein Blick fällt auf die Rückseite seiner Lederjacke. 
Ein roter Drache, ist aufwendig hineingearbeitet, jede einzelne Schuppe kann ich erkennen. Wie toll! So eine hätte ich auch gern. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, sollte ich ihn unbedingt fragen, wo er sie gekauft hat. 
„Enrico, was brauchst du so lange?"
„Wir wollen weiter spielen!"
„Wo bleibt der Ball!", rufen sie nach mir.
„Ich komme, ja schon." Ich laufe zum Spielfeld zurück, doch als ich vor dem Kapitän stehen bleibe, kann ich nicht anders, als dem Jungen noch einmal hinterher zu schauen. 
„Kennst du den etwa?“, fragt Taylor. 
„Nein, du?
„Nicht wirklich, aber ich habe gehört, er soll hier zur Schule gegangen sein.“ 
Die Mannschaft wird auf unser Gespräch aufmerksam. Sie kommen zusammen und verteilen sich um uns.
„Der Typ ist seltsam, oder?“, sagt Einer von ihnen.
„Man erzählt sich, er gehört einer Gang an“, fügt ein Anderer an. 
Einer Gang? Der? Ist er dafür nicht zu jung und zu schmächtig?  
„Halt dich besser von ihm fern. Der Kerl hat sicher Dreck am Stecken“, rät der Kapitän. Ich schaue noch einmal die Straße, in die der Junge verschwunden ist. 
Gefährlich? Das halbe Hemd? Kann ich mir nicht vorstellen. Er sah eher einsam und hungrig aus. 
„Los kommt, noch ein kurzes Spiel, bevor die Pause zu Ende ist“, ruft der Kapitän die Mannschaft zusammen, „Du auch Enrico!“ 
Die Pause und der Tag mit meinen neuen Freunden, geht viel zu schnell vorbei. Irgendwann finde ich mich vor dem großen Schulgebäude wieder. Alex hat heute Schlagzeugunterricht, Anette muss arbeiten und die Basketballer haben noch zwei Stunden Unterricht. So warte ich ganz allein auf meinen Bruder, der sich heute wieder viel Zeit lässt. 
Als er endlich in Sichtweite kommt, schauen seine blauen Augen grimmig, seine ganze Haltung ist angespannt. Bis er mich erreicht, sieht er an mir vorbei und auch als er bei mir ist, würdigt er mich nur eines kurzen Blickes. „Kein Wort will ich von dir hören!“, sagt er und geht an mir vorbei. Ohne anzuhalten, verschwindet er im Schulgebäude. 
Ein ungutes Gefühl gräbt sich in meinen Magen. Ich schlucke schwer und sehe ihm nach. 
Mr. Moore spielt also seine Trumpfkarte aus. Meine Eltern kann er nicht rufen lassen, da ich keine mehr habe, aber meinen älteren Bruder schon. 
Was wird Raphael wohl zu dem Vorfall sagen? Ich habe angenommen wir können herzhaft darüber lachen, so wie ich es den ganzen Tag mit meinen Mitschülern getan habe. 
Seufzend setze ich mich auf die Steintreppen vor dem Gebäude und ringe mit den Fingern. Das versaut uns noch den Tag. 
Dämlicher Mr. Moore, kann er seine Niederlage nicht einmal auf sich sitzen lassen? Was muss er uns auch immer schlagen? 
Ich betrachte meinen Handrücken, über den sich noch immer ein tiefroter Striemen zieht. Soll ich mir das immerzu gefallen lassen? Manchmal wirft er sogar seinen Schlüsselbund nach uns. Einmal hat er mein rechtes Auge damit nur um Haaresbreite verfehlt. 
Ich habe doch nichts weiter gemacht, als meine Hände im richtigen Moment wegzuziehen. Ob Raphael das auch so sehen wird? 
Ich schaue zur Tür. Mein Bruder ist noch immer nicht zurück, das dauert vielleicht lange. Gibt es denn so viel über mich zu sagen? 
Ich schaue an dem Turm nach oben zur Uhr. Er ist da jetzt schon eine halbe Stunde drin. Wir könnten jetzt schon hier weg sein und uns einen schönen Tag machen. Ob Raphael danach überhaupt noch der Sinn steht, wenn er meinetwegen Probleme bekommt? Seine Vormundschaft für mich steht sowieso ständig auf der Kippe. 
Ich hätte die Strafe einfach über mich ergehen lassen sollen. Seufzend sehe ich die Straße entlang.
In der Ferne glänzt der große See in mitten des Parks. Die Sonne brennt heiß vom Himmel, die Luft über dem Asphalt vibriert. 
Endlich öffnet sich die Tür. Mein Bruder kommt die Treppen hinunter. Sein Blick ist nachdenklich.
Ich kann nicht einschätzen, wie die Sache für mich ausgegangen ist. Rasch erhebe ich mich. „Und?“, fragen ich. 
Der feste Blick meines Bruders lässt mich erschaudern. Er holt weit aus und schlägt mir mit der flachen Hand ins Gesicht. „Was fällt dir ein, deinen Lehrer zu demütigen!“, schimpft er. 
Ich reibe mir über die getroffene Wange. Schuldbewusst senke ich den Blick und suche nach einer passenden Antwort: „Vater hat immer gesagt, ich soll mich wehren, wenn mich jemand angreift.“
Unseren toten Vater ins Gespräch zu bringen, kocht ihn immer weich, doch heute bleibt Raphael ernst. „Das galt nicht für deinen Lehrer, sondern dem Nachbarsjungen, der dich verprügelt hat.“ 
„Soll ich mich also von dem Kerl verprügeln lassen, nur weil er erwachsen ist?“ 
Raphael überlegt einen Moment, er verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich reiß mir den Arsch auf, damit du zur Schule gehen kannst und nicht ins Heim musst. Halt wenigstens noch ein Jahr lang die Füße still und mach deinen Abschluss. Ich will mir nicht auch noch über deine Zukunft Sorgen machen müssen.“ 
Reumütig schweige ich. Ich weiß wie hart er arbeitet, damit wir zusammen bleiben können. Er hat sogar die Schule geschmissen, um Geld zu verdienen. „Überlegen sie etwa mich von der Schule zu werfen?“
„Nein, aber du darfst einen ganzen Monat den Schulhof fegen. Außerdem bist du in letzter Zeit ständig aufgefallen und abgesehen von Mathe, in jedem Fach um eine Note abgesackt. Ich kann dir kein College bezahlen Enrico, du musst versuchen ein Stipendium zu bekommen.“ 
Geht das wieder los. Es ist mir zu anstrengend in jedem Fach ein A zu schreiben. Ich will auch noch ein bisschen was vom Leben haben, und nicht immer nur lernen. Reicht ein B+ nicht aus? Außerdem, wer sagt denn, dass ich unbedingt aufs College muss? „Ich könnte auch einfach Mechaniker werden, wie du“, schlage ich vor.
„Nein! Du lernst was anständiges, damit du später eine Familie ernähren kannst!“ 
Dieses Thema haben wir bestimmt schon hundert Mal diskutiert. Dabei bringt er uns doch auch mit seinem Job durch. Warum muss ich es unbedingt sein, der irgendwann viel Geld verdient? 
Der finstere Blick meines Bruders lässt keine Diskussion zu. „Gehen wir heim!“
„Aber wir wollten doch in den Park!“, protestiere ich.
„Ich muss arbeiten.“ 
Was? Wir haben gestern extra bis zwei Uhr gearbeitet, damit er heute einen freien Tag hat. 
„Schau nicht so entsetzt. Mit der Sonderschicht haben wir endlich genug Geld zusammen, um das Dach reparieren zu können.“ 
Na toll! Das Dach ist mir egal. Dann stelle ich halt beim nächsten Regen noch einen Topf auf. Die Zeit mit meinem Bruder ist mir viel mehr wert, als ein trockenes Haus. 
„War ja klar, dass du dein Versprechen wieder nicht hältst“, murre ich und stopfe meine Hände in die Hosentaschen. Während des Laufens, trete ich einen Kieselstein vor mir her. 
„Wir holen das am Wochenende nach.“
Gleichgültig zucke ich mit den Schultern. Als wenn er nicht auch am Wochenende arbeiten würde. Warum nimmt er sich nicht einen Schlafsack und übernachtet gleich in der Werkstatt? Verdammtes Geld, wenn wir doch nur genug davon hätten. Vielleicht hat er ja recht und ich sollte etwas lernen, womit ich reich werde. Banker oder so. Dann reiß ich unsere alte Hütte ab und baue uns ein anständiges Haus.

Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...