Hochzeit auf Umwegen

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  • Jugendschutz:
  • Veröffentlicht: 22 Mär 2018
  • Aktualisiert: 22 Mär 2018
  • Status: Fertig
Kurzgeschichte.
Eine Hochzeit auf Umwegen.

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1. Hochzeit auf Umwegen

Margareta lief die Zeit davon. Sie hatte nur einen winzigen Anhaltspunkt, der sie zuversichtlich bleiben ließ, und nur deshalb ging sie dieses große Risiko ein. Eilig lief sie zur Straßenbahn. Wenn sie Glück hatte, war die 5 noch nicht weg. Zur Not konnte sie auch die 7 nehmen, am Markt umsteigen und so zum Rathaus kommen. Das würde sie zwar ein paar Minuten kosten, war aber auf jeden Fall schneller, als mit dem Auto zu fahren. Von weitem konnte sie die Traube Menschen auf dem Bahngleis sehen, alle ausgestattet mit ihren Fanschals, Mützen und ein paar Flaggen. Das Derby Spiel! Es lief seit den frühen Morgenstunden im Radio, das heute das große Spiel stattfand, weswegen man dazu aufrief, die Innenstadt zu meiden und sich rechtzeitig nach Ersatzzügen umschauen sollte. Das hatte sie natürlich nicht getan. Wie auch, wenn es ihr spontan in den Kopf kam, etwas Dummes zu tun. Besser gesagt, sie versuchte, auf ihren Bauch zu hören, statt auf ihren Kopf. Der schalt sie nämlich eine Närrin. Doch das war ihr gerade egal.

Außer Atem kam sie auf dem Bahnsteig an und suchte den Fahrkartenautomaten. Ein paar Fans prosteten ihr zu, einige rauchten, tranken Bier und ein paar wenige sangen sich schon mal warm. Verzweifelt versuchte sie, herauszufinden welches Ticket sie benötigte, drückte ein paar Tastenkombinationen, doch auf dem Display tat sich nichts. Fluchend probierte sie ein paar andere Tasten, doch der Bildschirm blieb schwarz.
»Der is kaputt«, sprach sie ein Fan an, der sie dabei beobachtet hatte, wie sie verzweifelt ein Ticket ziehen wollte. »Wenn se inne Stadt wollen, ich hab’n Gruppenticket. Da geht so ein kleines Frolein wohl noch drauf.« Er zwinkerte ihr scherzhaft zu und winkte sie zu sich rüber.
»Nur keine Angst. Die singen nur, die beißen nicht.« Am Ende des Steiges konnte sie schon die Bahn sehen. Widerwillig gab sie nach.
»Mensch Hebbert, was ne fesche Perle!«, feuerte ihn einer an und sie stimmten augenblicklich »Faust auf Faust« von Klaus Lage an. Am liebsten wäre sie umgedreht, doch Herbert legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter.
»Die sinn nich so. Keine Panik, ich pass auf.« Sie rang sich ein dankbares Lächeln ab und betrat von Herbert angeschoben die Bahn. Er boxte ihr auch gleich einen Sitzplatz in der Nähe der Tür frei.
»Wo müssen se denn hin?«
»Zum Rathaus.«
Er nickte. »Hochzeit, was? Sie sehen jut aus.«
»Danke.« Herbert hielt Wort, es kam ihr niemand zu Nahe. Eigentlich beachtete sie gar keiner. Nach gefühlten fünf weiteren Fangesängen und Schmähungen auf die andere Mannschaft, kam endlich ihre Haltestelle.
»Dann mal allet Jute und viel Spaß!«
»Danke, ihnen auch.« Sie zwängte aus der schmalen Tür, vorbei an den anderen Fans, die zustiegen, orientierte sich kurz und lief dann los.

Die Innenstadt war rappelvoll. Gutes Wetter, Feiertagslaune und das Derby. Es musste ja alles heute sein. Gestern wäre es ja auch egal gewesen. Heute kam es einer Prüfung gleich. Jedes glückliche Pärchen, das ihr entgegenkam, war eine Mahnung. Jedes quengelnde Kind eine Warnung. Doch sie musste es einfach versuchen. Was wenn sie jetzt aufgab und er nur auf sie gewartet hatte? Im Zickzack Kurs eilte sie durch die sonnenhungrigen Einkaufsbummler und Fußballfans. Unter all dem Lärm hörte sie ein vertrautes Klingeln und das Vibrieren in ihrer Handtasche ließ sie innehalten. Sie kramte ihr Smartphone aus der Tasche, nahm den Anruf entgegen und lief weiter.
»Mama?«
»Ach Kind, gut das ich dich erwische. Ich hab es schon bei dir zu Hause versucht. Bist du unterwegs?«
Sie rollte mit den Augen. »Ja Mama, ich bin in der Stadt.«
»Ach, was machst du denn?« Sie blieb stehen und sah auf ihr Handy. Was sollte man in der Stadt auf einem freien Tag mit verkaufsoffenen Geschäften schon machen? Das war typisch ihre Mutter.
»Ich muss noch was erledigen.«
»Ach so, ja. Also was ich fragen wollte. Der Vaddern, der sucht die Grillzange. Wir wollten nachher noch grillen. Weißt du noch, wo er die hingelegt hat, beim letzten Mal?«
»Die Zange?«, sie fragte nach der Zange und kam nicht mal auf die Idee sie einzuladen. Das war auch typisch. Nicht das sie dafür heute wohl Zeit hätte. Aber der Gedanke daran, wäre tröstlich.
»Ja, die große Gute, die er zu Weihnachten bekommen hat. Weißt du noch?«
»Äh ja, ich glaub hinterm Tresen, in der Hütte.«
»Kind, du bist so außer Atem. Hast du es eilig?«
»Ja Mama. Ich muss die Bahn erwischen.« Oder eher gesagt jemanden.
»Ach so, ja. Dann schauen wir da mal. Danke dir! Komm doch nachher vorbei, wenn du willst. Vaddern hat auch Hühnchen.«
»Ja, danke, das ist lieb. Bis nachher.« Sie beendete das Gespräch und lief weiter. Es war kurz vor halb drei. Sie kramte den Zettel aus der Tasche. 14.30 Uhr hatte er darauf notiert. Was hatte ihn nur geritten ihr das gestern zu sagen? Wochenlang hatte sie nichts von ihm gehört und dann das. Schwer atmend, blieb sie an einer Hausecke stehen, stützte sich ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Blinzelnd sah sie die schmale Straße hinauf. Das Rathaus konnte sie schon sehen. Sie musste es nur noch bis dahin schaffen. Ihre Knie zitterten, ihr Herz raste und die Lunge sog kratzend Luft ein. Wenn sie den Tag überlebte, würde sie sich im Fitnessstudio anmelden. Oder einfach tot umfallen, wenn es umsonst war.

Sie schleppte sich die Stufen hinauf, zog die große Tür auf und betrat das Gebäude. Kühle klimatisierte Luft schlug ihr entgegen. »Oh tut das gut.« Sie zog ein weiteres Taschentuch aus der Packung, wischte sich damit über das Gesicht und die Arme. Ihre Hände zitterten vor Anstrengung. Ihre Armbanduhr zeigte 14.34 Uhr an. Keine Zeit mehr, sich Gedanken über das verschwitzte Kleid zu machen, oder die Haarsträhnen, die sich gelöst hatten. Sie ging zur Tafel, wo die Hochzeiten ausgezeichnet waren. Da stand sein Name. Raum 116. erleichtert, dass sie nicht noch mehr Treppen steigen musste, ging sie den Flur entlang und suchte nach dem Raum. Unsicher blieb sie vor der Tür stehen, als sie die 116 gefunden hatte. Hinter der Tür war es ganz ruhig. War sie zu spät? Ja, gute 10 Minuten schon. Aber lasen die nicht erst alles vor und kontrollierten die Personalien? Vielleicht hatte sie Glück. Ihre Hand lag auf dem kühlen Griff. Sollte sie da wirklich tun? Alle würden sie anstarren. Nicht nur weil sie aussah, als käme sie von der Rennbahn. Was sollte sie denn sagen? Hey, all die Jahre haben wir doch toll zusammen gepasst. Die letzten Monate waren dumm, tut mir leid? Du kennst diese Tanja doch gar nicht? Sie könnte auch einfach als seine Freundin daneben stehen und ihm alles Gute wünschen. Kopfschüttelnd drückte sie die Klinke herunter und öffnete die Tür. Wie befürchtet war der Raum voller Leute. Unsicher schlurfte sie hinein. Sie sah seine Eltern und die Geschwister, die sie kichernd musterten. Ihre Eltern, gleich daneben. Mama in ihrem schicken roten Kleid. »Mama?«
»Da ist ja unsere Braut«, erklang es von der Seite. Vollkommen perplex drehte sie sich um und sah die Standesbeamtin hinter dem Tisch stehen. Davor stand ihr Markus, breit grinsend, zu seiner Linken eine Frau, die sie nicht kannte und sein bester Kumpel Peter.
»Was...?« Ihr verschlug es die Sprache. Markus kam ihr entgegen, nahm ihre Hand und führte sie zu dem leeren Stuhl vor dem Pult der Beamtin.
»Setz dich. Möchtest du etwas trinken?« Er schüttete etwas Wasser in ein Glas, das bereits auf ihrem Platz stand.
»Wie...«
»Dachtest du wirklich, ich würde jemand anderen als dich heiraten?«
»Und Tanja?« Die Dame an Peters Seite winkte ihr zu.
»Aber ... ich ... wie ...« »Ich hab das alles mit deinen Eltern geplant. So bekam ich die Ausweis Kopie, Geburtsurkunde, alles was ich brauchte.« Sie sah zu ihren Eltern. Ihr Vater hob die Daumen und ihre Mutter wischte sich mit einem Taschentuch schon die Tränen weg, ohne das sie überhaupt Ja gesagt hatte. Sie sah an sich herunter. Ihr grünes Kleid, das sie seit dem letzten Sommer im Schrank hängen hatte, spannte sich über ihren Bauchansatz, sie war verschwitzt und trug ihre alten ausgelatschten Halbschuhe, weil sie in den Guten nicht so schnell laufen konnte.
»Du sahst nie besser aus«, er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und klemmte sie hinter ihr Ohr.
»Du bist verrückt.«
»Ja, nach dir.« Zärtlich gab er ihr einen Kuss. Wie hatte sie das vermisst.
»Wollen wir dann anfangen?«, fragte die Beamtin, die ebenfalls leicht grinste.
Sie sah Markus in die grünen Augen. »Ja.«

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