Dreamer - Träumst du noch oder lebst du schon?

Jayla ist eigentlich eine gewöhnliche, junge Frau. Sie hat durchschnittlich viele Freunde, mit denen sie gut auskommt und sie hat einen ebenso normalen Job in einem kleinen Bistro, das einem amerikanischen Diner ähnelt. Durch ihren amerikanischen Vater, der sich während des Medizinstudiums in die deutsche Lisa Adelmann verliebte und so seine Heimat, New York City hinter sich ließ, brennt in Jayla schon immer das dringende Bedürfnis, ihren Wurzeln zu folgen.
Ihr Traum ist es insgeheim mit ihren Geschichten, die sich auf ihrem Laptop angesammelt haben, Geld zu verdienen. Bislang hat sie davon niemandem erzählt. Als sie eines abends frustriert über den sich immer wiederholenden Alltag ein wenig zu viel Wein trinkt und ihrer besten Freundin May von ihren Sorgen erzählt, hat diese eine Idee, von der die Halb-Amerikanerin erst so gar nicht überzeugt ist.Woher sollte sie auch ahnen, dass genau diese Idee ihr die Tür in eine Welt öffnet, die ihr komplettes Leben auf den Kopf stellt..

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4. Vier.

# Überraschung

 

Drei Monate sind vergangen. Der Sommer verabschiedet sich allmählich und wird vom Herbst abgelöst, der bislang ein paar sonnige Tage mitgebracht hat und die Landschaft in herrliche Farben taucht. Es riecht nach Morgentau und nassem Laub, als ich die Tür öffne, um die Post aus dem Briefkasten zu nehmen und wieder nach oben zu gehen.

„Handyrechnung, Werbung, Langweilig, Prospekte..lese ich sowieso nicht,“ gehe ich den Stapel bereits im Gehen durch, und schiebe die Tür dann mit meinem Füß zu, als ich meine Wohnung erreiche.

Kurz bevor ich die Couch erreiche, neben welcher eine dampfende Tasse Kaffee steht, rutscht mir einer der Briefe aus den Händen und landet vor meinen Füßen.

„Henry William Davenport? Was zum Geier?“ Innehaltend, überfliege ich die Zeilen, lese sie nochmal und lasse dabei den Rest der Briefe, versehentlich ebenfalls zu Boden fallen. „Das gibt’s nicht!“

Mit halb geöffnetem Mund, den ich vor lauter Staunen nicht schließen kann, schlürfe ich zu meinem Handy und wähle mit zitternden Fingern die Nummer meiner besten Freundin.

„May!“, nach dem zweiten Klingeln höre ich ihre Stimme am anderen Ende. „Du wirst es nicht glauben, aber ich habe Post bekommen!!“ Mir ist gar nicht bewusst, wie unverständlich diese Aussage für sie sein muss.

„Wow, Glückwunsch. Ich würde mich auch gern mal so über Rechnungen freuen können, wie machst du das?“ Sie lacht ein wenig albern und fügt dann hinzu: „Oder hat dein Daddy dir einen fetten Check ausgestellt? Dann weißt du ja, was auf dem Plan steht.“

Wie immer denkt sie nur an irgendwelche wilden Partynächte. Ob diese Frau je erwachsen wird?

„Nein, viel besser! William Henry – Henry William, ich habe Post aus den USA, aus Los Angeles um genau zu sein. Meine Güte, hast du eigentlich eine Ahnung, was das bedeutet?“

Es fällt mir schwer überhaupt einen zusammenhängenden Satz von mir zu geben, meine Stimme überschlägt sich vor Aufregung und ich spüre das Glühen meiner Wangen.

„Wovon redest du, wer ist Henry?“, hakt May verwirrt nach.

„Du bist eine Wahrsagerin, eine Hexe! Du hast es gewusst. Alles. Ich muss dich umarmen und du hast definitiv was gut bei mir. Lebenslang frei Essen im Diner, oder..freien Eintritt im VIP – Club. Du hast die Wahl.“

„Jayla würdest du bitte auf den Punkt kommen? Ich hatte eine ziemlich kurze Nacht. Alex ist hier und wir haben ziemlich wild rumgemacht, nicht nur das..-“, als mir klar wird, worauf diese Erzählung hinaus läuft, unterbreche ich sie.
„Ew, bitte. Keine Details! Schön, dass du Spaß hattest. Aber ich soll verdammt nochmal nach L.A, die wollen mich kennen lernen! Die sind beeindruckt von meinen Stories und da ich zwei davon sogar Englisch verfasst habe, aus Neugierde, ob ich meine zweite Muttersprache gut genug beherrsche, sind die gleich auf mich aufmerksam geworden. Sie sagen, dass ich einen außergewöhnlichen Schreibstil hätte und mich persönlich kennen lernen möchten!!“, die letzten Worte kreische ich fast, vor lauter Aufregung. Immer noch zittern meine Hände wie verrückt und in meinem Innersten kribbelt alles. Ich bin geplättet, völlig trunken von dem Glücksgefühl, das Besitz von mir ergreift. Da will jemand ernsthaft mit mir über meine Geschichten reden und dann auch noch aus dem Land der unbegrenzen Möglichkeit. Hollywood, verdammt! Es ist zwar 'nur' Los Angeles, aber den Hollywood Hills nahe genug.

„Hör auf, du machst Witze!“ Jetzt begreift auch May und fängt an wild zu kreischen. Ein wenig zu laut für meinen Begriff, ich muss das Handy kurz weghalten. „Ich wusste, wusste, wusste es. Du bist ein Genie. Und du sagst mir noch, ich hätte das nie tun sollen. Wenn du berühmt wirst, krieg ich aber Provision, oder?“

„Langsam, bis jetzt ist es nur eine Einladung, eine Art Bewerbungsgespräch“, bremse ich meine beste Freundin, kann aber nicht verbergen, dass ich mindestens genauso hibbelig bin.

„Um ehrlich zu sein, habe ich das Ganze schon fast verdrängt.“ Das stimmt nicht genau. Jeden Abend habe ich da gesessen und mir sehnlichst gewünscht, dass mich jemand kontaktiert, um mich einzuladen. Und was soll ich sagen? Das Universum sagt ja! Es hat funktioniert. Es ist der Hauptgewinn, ein Pusher, den ich an diesem Punkt meines Lebens mehr denn je gebrauchen kann.

„Du musst unbedingt Jonas davon erzählen!“, erinnert mich May, als würde ich es sonst vergessen. Und für den Bruchteil einer Sekunde, habe ich tatsächlich nicht an ihn gedacht.

„Ja, logisch. Ich leg jetzt auf, ich muss ein paar Dinge durchgehen und gucken, ob ich die nächsten zwei Wochen frei kriege.“

„Kündige direkt, du wirst ein Star! Hollywood ruft dich, süße!“

Ich muss lachen, auch wenn ich ihre Reaktion – wieder einmal – völlig übertrieben finde.

„Na klar, das mache ich gleich nachdem ich mir die Haare abrasiert und drei Tattoos hab stechen lassen, um cool genug zu sein.“

„Du wirst schon sehen, bis dann! Ich freu mich riesig.“ Ihre fröhliche Stimme, lässt mich strahlen und auch wenn ich nicht geglaubt habe, dass meine Laune noch steigen kann, platze ich beinahe vor Freude.

Ich lasse mir ein wenig Zeit, verfalle ins Träumen und gebe mich den Vorstellungen hin, wie es dort wohl wird. Die Sonne strahlt durch die große Fensterfront in mein Wohnzimmer, als wolle sie mir bestätigen, dass ich alles richtig mache.

Und dann wird mir klar: Ich habe einen Freund, dem ich die Sache beibringen muss. Um genau zu sein ist Jonas der Kerl, der mich mit seinem Fahrrad erwischt hat, als ich von meinen Eltern nach Hause gestürmt bin. Irgendwie hat er es geschafft mich im Diner zu finden, ob durch Zufall oder anderen Quellen, hat er mir bis heute nicht verraten. Auch wenn ich von Männern nichts wissen wollte, hat es nach zwei Dates irgendwie gefunkt. Er ist ein wirklich lieber Kerl, arbeitet als Steuerberater im Büro seines Onkels, ist tierlieb und ziemlich verständnisvoll. Jonas hat nur ein Problem: Er ist absolut nicht spontan. Hinzu kommt, dass ich ihm nicht erzählt habe, dass May die Geschichten versendet hat. Immerhin weiß er, dass ich schreibe.

Wie verfasst man eine so große Neuigkeit in einem möglichst kompakten Text? Bei der Arbeit anrufen kann ich ihn nicht, nur in Notfällen. Dafür ist er zu beschäftigt.

Ich klappe meinen Mac auf und tippe ein:

'Wie verfasst man...'

Augenrollend tippe ich mir selbst an die Stirn. Habe ich wirklich vor gehabt online danach zu suchen, wie ich meinem Freund verklicker, dass ich in die USA fliegen werde?
Die andere Frage ist, will ich ihn dabei haben? Wie wird er die Sache aufnehmen? Mich quält die Ungewissheit, also entschließe ich kurzen Prozess zu machen.
Das ist eine Art Notfall, nur positiv.

 

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