Dreamer - Träumst du noch oder lebst du schon?

Jayla ist eigentlich eine gewöhnliche, junge Frau. Sie hat durchschnittlich viele Freunde, mit denen sie gut auskommt und sie hat einen ebenso normalen Job in einem kleinen Bistro, das einem amerikanischen Diner ähnelt. Durch ihren amerikanischen Vater, der sich während des Medizinstudiums in die deutsche Lisa Adelmann verliebte und so seine Heimat, New York City hinter sich ließ, brennt in Jayla schon immer das dringende Bedürfnis, ihren Wurzeln zu folgen.
Ihr Traum ist es insgeheim mit ihren Geschichten, die sich auf ihrem Laptop angesammelt haben, Geld zu verdienen. Bislang hat sie davon niemandem erzählt. Als sie eines abends frustriert über den sich immer wiederholenden Alltag ein wenig zu viel Wein trinkt und ihrer besten Freundin May von ihren Sorgen erzählt, hat diese eine Idee, von der die Halb-Amerikanerin erst so gar nicht überzeugt ist.Woher sollte sie auch ahnen, dass genau diese Idee ihr die Tür in eine Welt öffnet, die ihr komplettes Leben auf den Kopf stellt..

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1. Eins.

1 - Alltag.

 

Vor mir liegt ein Bestellzettel mit fünf Extrawünschen und ich weiß schon, bevor ich ihn überhaupt abgebe, dass ich mir eine Schimpforgie von Felipe anhören kann, der das als 'Eingriff in seine Kochkunst', empfindet.
"Ich habe hier zwei Mal den Burger mit Bacon, allerdings ohne Tomate. Auf dem Einen bitte eine Extraportion Chillipulver, dafür soll der andere extra mild sein, da die Dame keine Schärfe verträgt. Bei den Curly Fries einmal mit Ketchup und die anderen mit Currysoße." Die ganze Bestellung gingen wir zur Sicherheit noch ein zweites Mal durch, denn die Liste mit Veränderungen, war mehr als verwirrend. Selbst für einen Profi wie Felipe, der das Kochen bereits früh auf Kuba, seinem Heimatland, lernte.
 "Du willst mir also sagen, dass ich hier zwei komplett neue Burger kreieren kann, richtig?- !Qué barbaridad!"
Ich unterdrücke den Impuls ihn nach einer Übersetzung zu fragen, da ich bereits ahne, dass es keine spanischen Komplimente sind, die er täglich durch die Küche schleudert. Sein Temperament spricht für seine südländischen Wurzeln. Stattdessen werfe ich ihm lediglich ein aufbauendes Lächeln zu und verschwinde dann wieder nach draußen, in den Gastraum.

"Der süße Duft der Freiheit", flöte ich gut gelaunt und ziehe schwungvoll die Schürze auf, um sie dann fein säuberlich zu falten und in meiner Tasche zu verstauen, um sie zu waschen. Nach einem Tag wie heute, kann ich sie unmöglich ein zweites Mal tragen.
"Und hast du heute Zeit für mich, für einen Cocktail oder ein Abendessen? Wir können auch nur einen Film ansehen." Der starke, kubanisch - spanische Akzent von Felipe, dringt von der Theke zu mir nach hinten in den Pausenraum, in welchem ich auch einen Spint für meine privaten Sachen habe. Ich puste Luft in die Wangen und verdrehe die Augen. Er ist wirklich ein lieber Kerl, aber wann versteht er endlich, dass mir seine aufdringlichen Einladungen zu viel sind?
"Meine Cousine hat Geburtstag und da muss ich gleich noch ganz dringend hin. Sonst ist sie enttäuscht", rufe ich und ziehe mir eine graue Strickjacke über. Es ist Juli, allerdings noch lange keine Temperaturen für eine laue Sommernacht.
"Wir können ja zusammen dorthin!"
Mist, verdammter. Wieso neige ich nur immer dazu, wenn ich in Panik gerate, irgendwelche dämlichen Lügen zu erfinden? Jeder weiß doch, dass sie irgendwann rauskommen. Bei mir leider viel zu schnell, nämlich sofort.
Es bringt nichts, ich muss ihm einfach die Wahrheit sagen. Vielleicht versteht er es ja dieses Mal.
"Felipe..", ich zögere und kaue auf meiner Unterlippe, während ich meine Handtasche schultere und mit der flachen Hand verlegen über die dunkle Holzetheke wische, die lupenrein ist. Da ich viel zu feige bin ihn dabei anzusehen, starre ich auf meine Schuhspitzen.
"Si, mi rica?"
Auch wenn ich die spanische Sprache wirklich mag, treibt er mich damit oft in den Wahnsinn. Er weiß genau, dass ich ihn nicht verstehen kann. Ein paar seiner etlichen Kosenamen, kenne ich allerdings inzwischen.
"Ich fühle mich wirklich geschmeichelt von deinen netten Worten und deinen ständigen Einladungen, aber das muss aufhören. Du bist wirklich ein toller Mann, aber ich bin einfach nicht bereit für so etwas."
Kurz wage ich es aufzusehen. Blaue Augen treffen auf karamell und ich erkenne das enttäuschte Flackern darin.
"Bitte, versteh das nicht falsch. Ich mag dich, aber..als Freund. Ok?"
Zaghaft streife ich seine Hand, hebe einen Mundwinkel an und räusper mich dann. Die Sache ist mir tierisch unangenehm und ich spüre wie meine Wangen brennen.
"Claro que si, ich verstehe. Das ist ok, aber ich kann einfach nicht anders. Du bist so eine schöne Frau, wieso bist du überhaupt allein?"
Erleichterung macht sich in mir breit. Er ist mir nicht böse, zum Glück. Ich bin froh, dass sonst niemand mehr hier ist, da Rita bereits zwei Stunden eher nach Hause gegangen ist und auch die Küchen-Crew meist eher verschwindet, bleiben oftmals nur Felipe und ich übrig. Seit fünf Jahren arbeite ich nun schon hier.
"Ich habe einfach andere Dinge im Kopf, es passt momentan nicht in mein Leben", rede ich mich raus, wobei darin sogar ein Funken Wahrheit steckt. Das größte Hindernis, bin ich selber. Mein Selbstwertgefühl ist nicht das gesündeste, um es gelinde auszudrücken. Dabei kann ich mich wirklich nicht beschweren. Ich bin durchschnittlich groß, verfüge über eine ziemlich üppige Oberweite, habe Kurven an den richtigen Stellen und lange Haare, die ich momentan in einem Rot-Ton trage, der ziemlich undefinierbar ist. Dazu schmücken mein Gesicht ein paar hellblaue Augen, die sich mandelartig formen.
Es gibt genug Leute, die versuchen mir klar zu machen, dass ich eine schöne Frau bin, aber wirklich verstehen, will mein Unterbewusstsein das nicht. Aber wie heißt es so schön; zuerst einmal musst du anfangen dich selbst zu lieben. Da bringt auch Bestätigung von außerhalb nicht viel. Oder?
"Komm, lass uns gehen. Es ist spät und deine Cousine wartet", das Grinsen des Kubaners ist verschmitzt und verdeutlicht, dass er mir die Lüge keine Sekunde abgekauft hat.
"Tut mir leid deswegen, ich bin unmöglich." Peinlich berührt vergrabe ich das Gesicht in den Händen und kichere.
"Schon vergessen, komm gut nach hause! Und süße Träume."
Wir verabschieden uns wie immer mit einer herzlichen Umarmung und jeder verschwindet in seine Richtung. Ich für meinen Teil, muss in die südliche Altstadt, in der ich nun seit knapp vier Jahren allein wohne. Meine Eltern leben in einem Reihenhaus, in einem Nebenort von Köln.
Zwar liebe ich sie abgöttisch, aber manchmal bin ich doch ganz froh darüber, sie nur am Wochenende zu sehen. Ihre grenzenlose Liebe zueinander ist manchmal kaum erträglich für eine Frau wie mich. Dabei gehe ich stark auf die dreißig zu und denke nicht mal im Entferntesten ans Heiraten. Dafür bin ich gut darin, mein fehlendes Liebesleben in Geschichten zu verpacken, die ich selbst verfasse, um nach der Arbeit abzuschalten.
So auch heute.
Unachtsam schmeiße ich die Strickjacke über die Lehne eines Esszimmer-Stuhles, ebenso kicke ich die Turnschuhe beiseite. Meine Füße schreien: Hurra, Freiheit!
Nachdem ich mir lieblos ein Brot geschmiert und dazu eine Tasse Tee gemacht hab, pflanze ich mich, mitsamt meines Macbooks, in den Kuschelsessel, der direkt an der großzügigen Fensterfront steht. Ich liebe diesen Platz, er inspiriert mich ungemein und lässt meine Nerven entspannen. Wenn ich aus dem Fenster sehe, kann ich das Stadtleben beobachten.
Das altbekannte Geräusch des Laptops klingt wie Musik in meinen Ohren, in mir wächst die Vorfreude, endlich wieder schreiben zu können. Die unzähligen Ideen, die mir über den Tag durch den Kopf flattern, müssen schleunigst in die Geschichte verbaut werden, die mir seit Wochen keine Ruhe lässt.
Mafia, eine unschuldige Frau, die sich in den falschen Mann verliebt, Gefahr, Leidenschaft, Action. Sofort bin ich wieder gefangen in meiner eigenen Traumwelt und wieder vergesse ich, was um mich herum passiert und wie eintönig doch mein eigentliches Leben ist..

 

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