Erblühen

Ein Umzug führt Fion in den Radius eines jungen Mannes, zu dem er sich recht bald hingezogen fühlt. Durch ein traumatisches Erlebnis führt dieser jedoch ein Leben voller Selbstzerstörung, Gleichgültigkeit und Ablenkung und so beginnt Fions Gratwanderung zwischen Zuneigung und Selbstschutz.

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Reglos starre ich auf die Taste des Getränkeautomaten. Vor einer Weile wollte ich sie drücken, bevor es meine Gedanken wegzog und ich zu einer sinnlosen Statue wurde. Auf diese Weise nutze ich die letzten Minuten der Pause und als die Melodie aus den Lautsprechern dringt, blinzle ich und nehme sie wieder wahr – die lachende Orange neben der Taste.

Es ist an der Zeit, in die Aula zurückzukehren, Kartons zu tragen und Chaos zu sortieren, doch mir ist nicht danach.

Ich fühle mich ernüchtert, seltsamerweise jedoch auch nahe der Grenze, an der man in Lachen ausbricht. Es ist zu seltsam und unbegreiflich. Vermutlich würde es mir gefallen, wenn Astor wirklich nur ein Idiot wäre und dadurch simpel. Auch für mich wäre die Lage einfacher und meine Gedanken in diesen Momenten bei weitem nicht so wirr.

Ich fühle mich nicht schuldig, denn er verdiente meine Worte. Was sich verändert, ist das Licht und somit auch der Blickwinkel.

Unter einem leisen Ächzen erreiche ich die Taste und fische meine Dose aus dem Fach.

In den beiden letzten Stunden des Tages werden die Schüler ohne jede Ordnung durch die Aula und dazugehörigen Räume strömen. Drei Klassen bilden somit einen Haufen, der dem Tummeln von Ameisen gleicht und es wird nicht auffallen, wenn eine fehlt.

So beginne ich zu schlendern, die riskanten Bereiche umgehend, doch bald darauf mit einem Ziel. Mein Weg ist vermutlich absolut berechenbar aber ich akzeptiere diesen verständlichen Drang und so stehe ich kurz darauf im Westflügel und vor der roten Kette, die mich vom Dach trennt.

An diesem Punkt endet der Weg nach oben. Die Nachricht ist unmissverständlich, also widersetze ich mich ihr bewusst und steige über die Absperrung. Zwei weitere Treppenabschnitte führen hinauf und enden an einer Blechtür. Sie ist das letzte Hindernis, jedoch nicht sonderlich widerstandsfähig und wohl deshalb mit einem zusätzlichen Schloss versehen.

Leise knistert die Kohlensäure in meiner Dose, als ich die letzten Stufen überwinde.

Über das Verbot, dieses Dach zu betreten, wurde ich schon am ersten Tag aufgeklärt. Man könne es auch gar nicht, habe ich damals gehört, denn es ist verschlossen.

Ich denke an nichts, während ich mir das massive Stahlblech betrachte. Lose erstreckt es sich über den Rahmen bis hin zur Tür selbst, doch es ist nutzlos ohne das Schloss, das die Verbindung schafft. Die stählerne Schlinge ist leer und wenn auch dezent, im Türspalt zeichnet sich das dünne Band des Tageslichtes ab. Nur einen leichten Druck meiner Hand braucht es und das Hindernis setzt sich in Bewegung.

Es ist eine weite, helle Fläche, die sich daraufhin vor mir erstreckt. Sie wirkt kahl durch den grauen Boden und eingesperrt von dem Stahlgeländer, hinter dem sich die schmale Brüstung erstreckt. In einer Höhe von knapp dreißig Metern erfasst mich der angenehm warme Wind und lädt mich ein, hinauszutreten. Entspannt führen mich meine Schritte unter den freien Himmel und dann bleibe ich stehen und nippe an der Dose. Dieses Dach ist leer und kahl, ohne seine Geschichte wäre es auch nichtssagend und ich lasse mir Zeit und schließe die Augen, bevor ich den Wind einatme und mich umdrehe.

Weiß und dicht dringt der Rauch aus Astors Mund, als er die Zigarette sinken lässt. Nicht weit von der Tür entfernt hat er es auf dem Boden bequem. Die Beine gestreckt und überschlagen und mit dem Rücken an die Wand des kleinen Treppenhäuschens gelehnt, erwidert er meine Aufmerksamkeit gleichmütig.

„Da hat er mich wieder erwischt, der Sittenpolizist“, erreicht mich dann seine Stimme. Er gönnt sich einen weiteren Zug und bequem kehre ich zu ihm zurück. Dass ich ihn hier oben treffe, wusste ich, als ich die Tür unverschlossen vorfand und bedacht dränge ich sie zurück in den Rahmen.

„Wie bist du an die Schlüssel gekommen?“, erkundige ich mich, als das offensichtlichste Risiko beseitigt ist.

Astor zuckt nur mit den Schultern. Die Zigarette nahe am Mund blickt er in den Himmel und nicht erst jetzt realisiere ich die Neutralität, die zum ersten Mal das Fundament unseres Kontaktes bildet.

Er ist nicht stoned, ich bin nicht wütend und so werden wir beide zu anderen Menschen.

„Ich habe einmal offiziell nach ihnen gefragt, du weißt schon, zur Trauma-Verarbeitung, und sie dann nachmachen lassen.“ Er regt sich, wechselt die Position seiner Beine und späht auf, als ich zu ihm trete.

„Was dagegen, dass ich kurz bleibe?“

„Da muss ich meine Scheiß-egal-Einstellung fragen.“ Er täuscht ein kurzes Grübeln vor. „Also sie sagt, es ist ihr scheißegal.“

Träge lasse ich mich sinken, rücke zur Wand, nutze ihre Stütze und strecke die Beine. Es ist unerwartet bequem.

Ein grauer Fetzen aus Rauch driftet an mir vorbei.

„Die Andeutung ist klar aber ich bin nicht hier, um mich zu entschuldigen.“

„Natürlich nicht.“ Der Deut eines Grinsens zuckt an seinem Mundwinkel, während er sich wieder den Himmel betrachtet. „Du bist hier, weil du vor kurzem vom großen Abenteuer gehört hast. Wie lange bist du schon hier? Das hat ja ewig gedauert.“

„Es hängt nicht gerade an der größten Glocke.“ Flüchtig weise ich auf die kleine Schachtel, die neben ihm liegt. „Darf ich?“

Ein gleichgültiges Schulterzucken gibt mir die Erlaubnis und dann sitzen wir dort, rauchen und schweigen.

Astor scheint sich in dem Zustand zu befinden, der nach seinem Maßstab Ausgeglichenheit bedeutet. Er findet die Mitte zwischen seiner alltäglichen Müdigkeit und der düsteren Stimmung, die er bisher mir gegenüber pflegte, wenn er nicht gerade unter Drogen stand. Auch sein Gesicht wirkt anders und als ich abermals zu ihm spähe, versuche ich mir vorzustellen, wie er in diesem Moment mit hellblondem Haar aussähe. Jetzt ist sein Schopf schwarz wie die Nacht und wie immer ungekämmt und wüst. Dass er sich am Kopf kratzt, macht die Sache nicht besser.

Die seltsame Leichtigkeit, die ich hier an diesem Ort spüre, lässt alle Grenzen verschwinden und so ergreife ich das Wort ohne Zögern oder das Gefühl, einen Fehler zu begehen.

„Wird es leichter durch das, was du tust?“, frage ich Astor und erlange seine sofortige Aufmerksamkeit. „Das Gras, der Alkohol und das Leben im Energiesparmodus. Hilft das?“

Seine Stirn runzelt sich, während er meinem Blick standhält. Die Direktheit scheint seine Gefühle nicht zu verletzen, doch ebenso wenig sieht er wohl erleichtert die Möglichkeit, endlich über die Thematik sprechen zu können. Er mustert mich forschend, bevor er mit der Zunge schnalzt und dann betrachtet er sich wieder den Himmel.

„Hat dir keiner erzählt, dass ich nicht darauf angesprochen werden darf? Das blockiert den Prozess der Trauma-Verarbeitung.“

„Hier in der Schule ergibt das Sinn.“ Träge sinkt mein Hinterkopf zurück gegen die Wand. „Solange es da draußen irgendjemanden gibt, für den keine Sperrzonen existieren.“

„Fragst du mich allen Ernstes, ob ich jemanden zum Reden habe?“ Es amüsiert ihn und diesmal zucke ich mit den Schultern.

„Warum nicht? Spielt doch keine Rolle, wie lange wir uns schon kennen und was wir voneinander denken. Die Sache ist und bleibt wichtig.“

„Tatsächlich?“ Astor seufzt, bevor er die Zigarette auf den Boden drückt.

„Was ist mit deinem Ritter?“

„Mein…“ Er verzieht das Gesicht, hält inne, doch dann begreift er es. „Curtis“, sagt er abermals in seiner trockenen Form der Belustigung. „Unser Fundament sind unsere Triebe. Im Zentrum steht mein Arsch und auch meinen Mund nutze ich bei ihm selten zum Reden.“

„Ach so.“

„Aber ich habe noch ein paar andere, mit denen ich nicht nur Körperflüssigkeiten wechsle. Wir reden, verstehst du, tauschen uns aus. Ich sage zum Beispiel, dass ich Gras will und dann fragen sie mich, wieviel es sein soll. Wir reden über den Preis und wenn der zu hoch ist, frage ich, ob ich Rabatt bekomme, wenn ich sie nochmal drüber rutschen lasse. An dem Punkt antworten sie dann, dass sie es als Fuckbuddies ohnehin kostenlos kriegen. Das sind gute Argumente.“

„Wirkliche Freunde gibt es also nicht“, schlussfolgere ich und tippe die Asche von meiner Zigarette. „Ist die Auswahl zu klein oder die Hürde zu groß?“ Seine Aufmerksamkeit kommentiere ich mit einem Augenrollen. „Ja, das war die eigentliche Frage, also spielt es keine Rolle, wie viele Schwänze dir zur Verfügung stehen. Das lenkt mich nicht ab, sondern langweilt mich nur und auf der anderen Seite ist es anstrengend, weil ich mir meine Antwort zwischen den Zeilen herauspicken muss.“

Kopfschüttelnd nehme ich den letzten Zug und ich spüre seinen Blick noch, als ich die Zigarette ausdrücke. Er mustert mich grübelnd und präsentiert mir bald darauf ein durchtriebenes Grinsen.

„Dass du schwul bist, hätte ich nicht gedacht. Du hast mich erwischt. Greif zu, warmer Lochschwager. Das hast du dir verdient.“ Er reicht mir die Schachtel und so gönne ich mir eine weitere. „Wie konntest du bei mir widerstehen? Ich biete dir meine Hintertür an, wehrlos und so drauf, dass der Filmriss vorprogrammiert ist und du haust ab mit deiner Bibel in der Hosentasche und dem Gelübde, nur in Schächten zu bohren, mit denen du verheiratet bist.“

„Mach mal Pause, okay? Wenn ich unverbindlichen Sex bräuchte, würde ich ihn mir holen und ganz sicher nicht auf den Zufall hoffen, dass sich bekiffte Nachbarn anbieten. Gut, dass wir das geklärt haben.“ Wieder spähe ich zu ihm und begegne seinem Blick. „Du brauchst einen einzigen Menschen, mit dem du reden kannst. Mehr nicht.“

„Junge.“ Zermürbt lässt sich Astor tiefer rutschen. Er zerfließt auf dem grauen Boden. „Was verschafft mir die Ehre deiner Fürsorge? Ist die Belästigung eines Fremden die Etappe zum nächsten Pfadfinder-Abzeichen? Das Ziel der Woche?“

„Was soll ich sagen?“ Meine Schultern heben und senken sich unter einem tiefen Atemzug. Abermals und belebend umspielen uns die Brisen des Windes und dann blicke ich zu ihm. Frustriert betrachtet er sich die farblose Fläche, die sich vor uns erstreckt. „Manchmal sollte man sich nicht zu viele Fragen stellen, sondern sich einfach in die Richtung ziehen lassen, die der Kopf vorgibt. Ich meinem Fall akzeptiere ich die Tatsache, dass du mich aus irgendeinem Grund einfach nicht kalt lässt.“

Er verzieht die Brauen, als würde sich ein bitterer Geschmack in seinem Mund ausbreiten.

„Wow“, bringt er dann hervor. „Wir befinden uns auf dem Dach der Schule und du gestehst mir deine Gefühle. Soll ich jetzt erröten, weglaufen und dabei mein Kleidchen festhalten?“

„Das ist die Antwort.“ Besonnen bewege ich die Zigarette vor meinem Gesicht, drehe sie zwischen den Fingern und betrachte sie mir. „Dass ich dich nach zwei Wochen zweifelhafter Bekanntschaft darauf anspreche, ist dreist und vermutlich falsch. Das weiß ich. Ich habe nicht das Recht dazu aber langsam glaube ich, dass es niemand hat, also muss jemand die Regeln brechen, um den Anfang zu machen. Was du praktizierst, ist Selbstzerstörung. Warum bestrafst du dich für diesen Unfall?“

Neben mir senkt sich die Zigarette zum Boden und kratzend stirbt auch diese Glut. Astors Bewegungen wirken entspannt und ebenso gemächlich richtet er sich im Anschluss auf. Ich verfolge, wie er sich auf die Knie erhebt, sich mir zuwendet und ich rege mich nicht, als seine Hand auf meine Schulter sinkt und sein Körper hinab auf meine Oberschenkel.

Kitzelnd bröckelt die Asche der Zigarette meinen Unterarm hinab und auch als er näher rückt, sämtliche Schranken überwindend und hinein in meinen intimsten Radius, da sehe ich ihn nur an.

Gestochen scharf bohrt sich sein Blick in meine Augen und kurz darauf spüre ich die Wärme seiner Hand auf meiner Wange. Sein Atem streift mein Gesicht, als er die Distanz weiterhin verringert, sich näher drängt, als wolle er mich in seiner Präsenz und Nähe ersticken. Seine Mimik scheint ausgetrocknet ohne den Deut von Verschmitztheit oder Verdruss.

„Warum hörst du nicht auf, dir Fragen zu stellen und lässt dich einfach mal in die Richtung ziehen, die dir dein Kopf vorgibt?“ Sein Daumen streift meine Unterlippe, während er nicht ein einziges Mal blinzelt. „Wenn du etwas für mich empfindest, warum lässt du den Unfall nicht einfach zu? Du magst mich nicht bekifft? Mit dir mache ich es auch nüchtern. Mein Arsch wäre höchst erfreut, hätte er die Möglichkeit, deine Gefühle zu würdigen.“

Noch immer versuchen sie mich zu zersetzen, seine Augen, so dunkel wie das tiefste Gewässer. Ich betrachte mir die Strukturen seiner Iris, spüre seine Finger an meinem Ohr und eine Weile habe ich nicht das Verlangen danach, den starren Augenblick mit Bewegung zu zerreißen. Er bannt mich nicht durch Behaglichkeit, denn so etwas besitzt er nicht im Entferntesten.

Ich schlucke und blinzle, als der Wind vereinzelte Strähnen in meine Stirn treibt.

„Welche meiner Worte waren es?“, frage ich ihn dann und es braucht nur ein Flüstern, um ihn zu erreichen. „Was genau hat deine Grenze so überschritten, dass du meine überschreiten musstest?“

Der seichte Widerstand, den er zu Beginn formulierte, zerfloss ins Nichts. Was sich in der zurückbleibenden Leere  entwickelte, ist ein Zeichen, so scharf und eindeutig, dass ich kapituliere. Einen weiteren Schritt kann ich nicht gehen. Der Deut eines humorlosen Lächelns driftet über Astors Lippen. Gleichzeitig gleitet seine Hand von meinem Gesicht und auch die Trennung unserer Augen ist endgültig. Er entfernt sich, driftet aus der beklemmenden Nähe und kommt auf die Beine, ohne mir abermals Beachtung zu schenken.

Auch für mich gibt es keine Worte mehr und wie endlos starre ich auf das Blau des Himmels, nachdem die Tür des Treppenhauses ihn verschluckte.

 

-tbc-

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