Erblühen

Ein Umzug führt Fion in den Radius eines jungen Mannes, zu dem er sich recht bald hingezogen fühlt. Durch ein traumatisches Erlebnis führt dieser jedoch ein Leben voller Selbstzerstörung, Gleichgültigkeit und Ablenkung und so beginnt Fions Gratwanderung zwischen Zuneigung und Selbstschutz.

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3. -3-

Menschliches Verhalten ist nicht über eine gewisse Vorhersehbarkeit erhaben, solange es gesund ist.

Den Rest des Tages verbringe ich mit unfreiwilligen Gedanken.

Wenn Idioten Freunde haben, sind es fast ausschließlich andere Idioten. Seltsam wird die Sache, wenn es aufrichtige und freundliche Menschen sind, die mit Idioten sympathisieren. Normale Zustände würden Astor etwas einsam machen und wenn er mit Leuten Kontakt hätte, dann entstünde da eine Gruppe, die den IQ der gesamten Stadt drosselt und die niemand ausstehen kann.

In diesem Fall jedoch kommt er in den Genuss von Aufmerksamkeit, Verständnis und Sorgen.

Dadurch scheidet er nicht nur aus der Riege der herkömmlichen Idioten aus, sondern verweist hinzukommen noch auf die Tatsache, dass es eine Geschichte gibt und allgemein viel Füllmaterial, das seine Herabsetzung auf einen Statisten verhindert. Ich denke darüber nach, obwohl mir mein Verstand längst dazu rät, die einfachste Lösung zu wählen. Die einfachste Lösung ist in diesem Fall vermutlich die Beste und binnen der nächsten Tage übe ich mich darin.

Astor und ich wechseln kein Wort.

Unser Umgang ist auf eine Klassenkameradschaft dezimiert und das auch nur, wenn man es optimistisch betrachtet.

Wir gehen uns aus dem Weg, nicht in aktiver Antipathie, eher in selbstverständlichem Einvernehmen, da in keinem Winkel eines möglichen Kontaktes Vorteile versteckt sind. Für keinen von uns.

Die Bedrohung durch mögliche Gruppenarbeiten bleibt aus, auch sonst genieße ich meine Unabhängigkeit und vielleicht wäre es auf diese Weise weitergegangen. Tag für Tag, für den Rest dieses letzten Schuljahres und im Anschluss würde Astor lediglich als kleines, störendes Fragment einen unwichtigen grauen Winkel meiner Erinnerung bewohnen.

Doch nur wenige Minuten erschweren es mir, diesem Weg und dieser Ansichtsweise treu zu bleiben.

Wieder windet sich etwas durch das Labyrinth der Zufälle und wieder beweist das Schicksal die Unfähigkeit, etwas glaubwürdig mit Zufall zu tarnen. Mehrere Klassen beteiligen sich an jenem Tag bei Aufräumarbeiten und Vorbereitungen eines nahen Schulfestes. Die Aula im leicht abgelegenen Westflügel diente in den letzten Monaten als Lager und Plan B für vielerlei Probleme. Jetzt hat sie zu erwachen und zu erstrahlen und ihrem alten Zweck treu zu werden, doch das Meer aus Kisten und anderen Gegenständen wirkt endlos. Wir beginnen die Arbeiten nicht mit übertriebener Motivation, doch wir bewegen uns voran.

Plakate werden zusammengerollt und Mappen aufeinandergestapelt. Gemeinsam versuchen wir Ordnung herzustellen aber nach knapp einer Stunde erlebt unser Willen einen Moment der Schwäche. Der schwere, dicke Vorhang deckt die spontane Pause, die wir uns gönnen. Zu fünft kapitulieren wir und machen es uns im Meer der Unordnung bequem. Die Stimmen der anderen erreichen uns nur gedrungen, als wir uns mit sinnlosen Gesprächen aufheitern. Es hat nichts zu bedeuten, dass ich beiläufig Mappen öffne und ihren Inhalt erforsche.

Eine alte Sammlung der Kunst-AG verschaffte mir diesen Antrieb und so blättere ich hin und wieder, nicht wirklich vertieft und nebenbei in die Unterhaltungen verstrickt. Meine Aufmerksamkeit ist flüchtig und umso fragwürdiger der Zufall, dass ich in einer gut gefüllten Fotomappe auf ein bestimmtes Bild stoße. Zuerst ein flüchtiger Blick, ein Innehalten, ein Wiedertreuwerden und dann hocke ich dort, starre auf dieses Foto und bin kein Teil mehr der Worte und des Lachens.

Ich werde herausgenommen, entfernt und in eine andere Situation versetzt.

Was ein Fotoapparat verewigte, ist ein Moment, der zwei Jahre zurückliegt und eine seltsame Deutlichkeit besitzt.

Der Fotograf wurde wohl auf zwei Schüler aufmerksam. Als er sie rief, drehten sie sich um und der Auslöser klickte, bevor sich ihre Natürlichkeit dem Podest unterwarf, auf dem sie sich plötzlich wiederfanden. Ihre Gesichter sind entspannt. Offenbar blieb nicht einmal die Zeit für Verblüffung. Die Ausstrahlung des Bildes ist faszinierend leicht, doch sie bleibt nur ein Teil des Bannes. Was meine Aufmerksamkeit erzwingt, sind die vertrauten Gesichtszüge.

Ich erkenne Astor und ich erkenne ihn sogar zweimal.

Es sind eineiige Zwillinge, auf die sich die Linse des Fotoapparates richtete. So identisch wie die Reflexion eines Spiegels, nur ihre hellblonden Haare weisen durch die Frisur einen Unterschied auf.

Die nahen Stimmen meiner Klassenkameraden verschwimmen in ihrer Deutlichkeit, als ich mich tiefer neige und stetig dem Foto entgegen.

‚Astor Neles Dawson & Levis Dawson‘ steht auf einem nahen Etikett, über das ich absent mit den Fingerkuppen streiche. Viele Gedankengänge beherrschen mich zu diesem Zeitpunkt nicht, denn ich verharre noch in blankem Erstaunen. Natürlich bemerke ich auch nicht, wie sich Gretchen meiner Beobachtung anschließt.

Neben mir beugt sie sich hinab und erst ihr Flüstern, nahe an meinem Ohr, bricht den Bann.

„Das gibt´s doch nicht“, bringt sie stimmlos hervor und mit einem Mal setzt sich die Situation in Bewegung. Eilig und blind winkt sie nach den anderen. „Leute, das müsst ihr sehen.“

Als ich zu ihr blicke, erkenne ich die gestochene Schärfe ihres Blickes. Nicht nur ich reagiere auf dieses Foto, doch sie tut es ohne Umschweife. So finden weitere Augen zu diesem einen Ziel und wie entgleisen die Gesichter meiner Mitschüler vor Ungläubigkeit. Ein Anteil könnte aus Begeisterung bestehen, doch es lässt sich schwer deuten durch diese alles überragende Intensität.

„Das ist Bisquit“, ächzt Hunter, bevor sein Zeigefinger auf den linken Zwilling weist.

„Das ist Bluebell“, widerspricht Gretchen. „Bisquit hatte die kurzen Haare.“

„Krass.“ Zu mehr ist Vince nicht in der Lage.

Eine durchdringende, absolut dominante Atmosphäre ist es, die uns mit einem Mal umgibt. Ein einziges Foto durchbrach die gesamte Gegenwart und lässt die kleine Gruppe abrupt innehalten.

„Ich dachte, es gibt keine Fotos mehr“, murmelt Marleen. „Das müssen sie übersehen haben.“

„Blond sah er ganz anders aus“, flüstert Gretchen viel eher an sich selbst gerichtet.

Marleen schöpft tiefen Atem und auch das anfänglich so kraftvolle Lächeln der anderen verliert an Kraft. So kauern sie bei mir, allesamt über die Mappe geneigt und offenbaren mir mit ihrem anschließenden Schweigen ein verschlossenes Tor der Wahrheit. Sie alle wissen, was ich nicht weiß und eine Weile schließe ich mich ihrer Stille an, bevor ich die Frage stelle. Blicke treffen mich, Blicke suchen auch einander und so folgt auf meine Worte vorerst eine beklemmte Stimmung voll Zögern und Räuspern.

„Eigentlich reden wir nicht darüber“, ergreift Hunter dann leise das Wort. Gretchens prüfender Blick zur schützenden Mauer des Vorhanges bekräftigt diese Tatsache. „Es hat lange genug gedauert, bis hier wieder alles normal war. So ist es einfacher, verstehst du? Auf diese Weise geht es vorüber.“

„Fion ist in unserer Klasse“, wendet sich Marleen an ihn. „Sollte er es nicht wissen?“

„Ich bin kein Klatschweib.“

„Er sollte es wissen.“ Vince späht in die Runde, als wäre es wichtig, die Entscheidung im Verband zu treffen.

Wieder begegnen sich Blicke, doch auch angedeutetes Nicken erbringt die Antwort und unwillkürlich schöpfe ich tiefen Atem, als sich Gretchen näher zu mir neigt. Versteckt und unscheinbar erhebt sich kurz darauf ihr Flüstern in der lichtgedämmten Abgeschiedenheit der Aula.

„Vor etwa einem Jahr sind Astor und Levis vom Dach des Westflügels gestürzt“, dringt ihre Stimme zu mir und ich bin aufmerksam, so vertieft, dass mein Blick ins Leere driftet. „Die Stunde lief schon aber sie waren da oben. Das haben sie oft gemacht.“

„Levis hat oft geschwänzt“, berichtigt Hunter. „Astor eher selten.“

„Jedenfalls waren sie auf dem Dach“, fährt Gretchen fort und nicht nur ich höre ihr zu. Es scheint, als würde hier eine Geschichte zum Leben erweckt, die lange nicht mehr außerhalb der Gedanken existierte. „Wir wissen nicht genau, wie es dazu kam. Vielleicht sind sie aus Spaß über die Brüstung geklettert. Vielleicht hat das dazu geführt. Soviel ich weiß, landete Astor auf dem Hausmeisterschuppen. Er brach durch das Dach und dadurch hat er überlebt.“

„Levis ist bei dem Sturz gestorben“, murmelt Vince und unweigerlich finden meine Augen zu ihm.

„Wir haben es nicht gesehen“, erinnert sich Marleen. „Wir hörten nur eine Stimme im Flur, dann hat uns der Lehrer verboten, den Klassenraum zu verlassen und anschließend war er fast eine halbe Stunde weg. Wir waren verunsichert, also sind wir wirklich im Zimmer geblieben aber durch das Fenster haben wir gesehen, wie immer mehr Rettungswagen und Polizeiautos auf das Gelände kamen. Und dann landete sogar ein Rettungshubschrauber auf dem Sportplatz.“ Sie presst die Lippen aufeinander, erfasst von einer Brise der Vergangenheit, die nicht leichter wurde durch die Entfernung. „Da wussten wir es irgendwie.“ Ihre Stimme verliert an Kraft. „Astor und Levis fehlten. Deshalb.“

„Es dauerte nicht lange, bis die Einsatzkräfte verschwanden.“ Vince löst sie ab. „Und dann wurden wir alle Nachhause geschickt und die Lehrer gaben uns keine direkten Antworten. Sie durften es nicht aber es ging ihnen auch sehr nahe. Sie sagten, Astor und Levis hätten sich ernsthaft verletzt und etwas anderes haben wir in den nächsten Tagen auch nicht gehört. Nach einer Woche sollten wir uns alle in der Aula versammeln.“ Er weitet die Augen. „So etwas ordnet der Rektor nur im Ernstfall an, also konnten wir es uns denken und keiner von uns hatte es eilig.“

„Wir haben damit gerechnet, dass beide tot sind.“ Marleen schöpft tiefen Atem, bevor sie sich angespannt durch das Haar fährt. „Und wir wussten nicht, ob wir erleichtert sein sollen, als wir erfuhren, dass nur Levis gestorben ist und Astor mit einer schweren Kopfverletzung und sieben Brüchen im Koma liegt.“

Langsam erwache ich zum Leben und richte mich auf. Ich stellte die Frage, legte den Grundstein dieses Moments und so wichtig dieser Inhalt der Vergangenheit auch ist, er beschwört alte Dämonen herauf.

Die Gesichter meiner Klassenkameraden sprechen eine Sprache, wie sie nicht eindeutiger sein könnte. Die Worte fallen ihnen schwer. Möglicherweise sind sie sogar schmerzhaft, doch nicht nur um meinetwillen scheint es wichtig zu sein, sie auszusprechen. Es hätten weniger sein können aber aus irgendeinem Grund ist es notwendig und gut, der Thematik diese Fülle zu schenken.

„Nach sechs Monaten wurden alle Klassen von den Lehrern darum gebeten, den Unfall nicht mehr zu erwähnen und einen Tag später kam Astor zurück.“ Ein schwer zu deutendes Lächeln zeichnet sich auf Marleens Lippen ab. „Für uns war es nicht leicht aber für ihn war es am schwersten. Natürlich sprachen wir ihn nie auf den Unfall an aber nach ein paar Wochen erwähnte er ihn von sich aus. Er sagte nicht viel und es war auch nur ein einziges Mal. Weil er so lange nicht in der Schule war, soll der Rektor ihm vorgeschlagen haben, den Rest des Jahres zu pausieren und die Klasse dann zu wiederholen. Das hat er abgelehnt und die Leitung war einverstanden, weil er zu den Klassenbesten gehörte. Das hat er erzählt und auch, dass er nicht mehr so viel Sport machen darf, weil er in seinem rechten Bein einige Platten und Schrauben hat. Er hat damals so viel Basketball gespielt. Das muss hart für ihn sein.“

„Es hätte schlimmer ausgehen können“, fügt Gretchen hinzu. „Seine Verletzungen waren so schwer aber jetzt ist ihm nichts mehr anzumerken.“

Wie ein störender Keil rammt sich die Pausenmelodie in unsere stille Atmosphäre. Auch die Stimmen der anderen Schüler nehme ich mit einem Mal wieder wahr und während sich auf der anderen Seite des Vorhanges alle in Bewegung setzen, seufzend und heiter der Pause entgegen, bleiben wir noch einen Moment kauern. Schweigend lassen wir den Ton dieser Erinnerung ausklingen, die Zeit verliert an Bedeutung und es ist Vince, der den Augenblick beendet.

Er tastet nach der Fotomappe und schließt sie und ich atme durch, als hätte ich soeben die Wasseroberfläche erreicht. Nur stockend erwachen wir dann zum Leben und kommen auf die Beine.

Marleen scheint noch mit sich zu ringen, doch richtet sich auf, als Vince´ Hand ihre Schulter erreicht. Auch ich spüre ein Zupfen an meinem Ärmel. Gretchen hat noch etwas auf dem Herzen und wie ehrlich und unbeschwert, wie tief und innig ist das Lächeln, zu dem sie plötzlich imstande ist.

„Astor kann schwierig sein“, sagt sie dann. „Aber für uns ist das alles absolut bedeutungslos. Wir lieben ihn.“

 

-tbc-

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