Erblühen

Ein Umzug führt Fion in den Radius eines jungen Mannes, zu dem er sich recht bald hingezogen fühlt. Durch ein traumatisches Erlebnis führt dieser jedoch ein Leben voller Selbstzerstörung, Gleichgültigkeit und Ablenkung und so beginnt Fions Gratwanderung zwischen Zuneigung und Selbstschutz.

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2. -2-

‚Astor Dawson‘ lese ich den Namen in der ersten Pause, in der ich mich feierlich in den Sitzplan eintrage.

Die Klassensprecherin zögerte keinen Augenblick, bevor sie mit Freude und Gelassenheit ihr Amt ausführte und auch andere Gespräche kommen zustande im Laufe des Tages, der meine Substanz in angenehmer Beiläufigkeit mit der meiner Klassenkameraden verbindet. Ich fließe hinein in ihren Strom und bemerke dabei nur allzu oft, dass es tatsächlich einen Stein in dem fließenden Gewässer gibt. Unwillkürlich schenke ich Astor einen höheren Anteil meiner Aufmerksamkeit, doch kann mich recht schnell sicher fühlen.

In den Pausen erwacht er, teils selbstständig teils auch durch den Nachdruck seiner Freunde und Mitschüler. Auch innerhalb der letzten Stunden kommt er des Öfteren zu sich, blinzelt zum Lehrer, späht aus dem Fenster und puhlt an den Lehrbüchern. Seine Präsenz reduziert sich auf die pure Körperlichkeit und auch wenn fremde Hände nach ihm winken, hinauszugehen auf den Flur, auf den Hof, in die Sonne, setzt er sich nur schwerfällig in Bewegung und wird zum Ziel leichter Witze und Sticheleien.

Aber die Nachwirkungen des Grases machen diese Fakten für ihn uninteressant.

Wodurch ich mich sicher fühle, ist ein kurzer Moment während der ersten Pause, die wir im Schatten der Bäume verbrachten. Die Motivation der Klassensprecherin führt zu einer weiteren Vorstellung und zu einem Schwall aus Namen, der letztendlich an mir vorbeifließt. Jeden meiner Mitschüler stellt sie mir vor und ich bin nicht verwundert, als Astor mich ansieht, grüßend die Hand hebt und mich somit abtut.

Ohne Umschweife. Die Geste besteht aus Aufrichtigkeit in seiner reinsten Form und wie genieße ich die Lücke, die in seinem Gedächtnis klafft, denn sie schenkt mir Möglichkeiten und eine milde Wiedergutmachung. Es ist meine Entscheidung, inwieweit ich mich von ihm entferne.

Den Schritt, den er in mein Leben setzte, kann ich ungeschehen machen, ohne dass er jemals von ihm wusste.

Ich begrüße diese Ungezwungenheit und den Leerraum, der durch das Verschwinden unserer Verbindung entsteht und binnen der nächsten Tage vermisse ich sie nicht. Im Schulalltag stellt sich Astor als Mensch heraus, der über ein überschaubares Maß an Emotionen verfügt. Hin und wieder grinst er und dann gähnt er mit der Unbeschwertheit eines Menschen, dem erstaunlich viel gleichgültig ist.

Auch die Intensität seines Antriebes offenbart sich durch permanentes Zuspätkommen und die Schlafphasen während des Unterrichts. Wird er in der Stunde zu Worten gezwungen, schleppt er sich durch jedes einzelne von ihnen und erfüllt die Aufgaben in einem befriedigenden Maß.

Er ist ein Teil der Klasse, ohne hervorzustechen und auch wenn er sich in unmittelbarer Nähe an Gesprächen beteiligt, macht er den Eindruck eines faulen Fisches, der es begrüßt, dass sein Fluss von alleine in Bewegung bleibt.

 

Zum ersten nötigen Kontakt kommt es nach drei Tagen, als wir Teil derselben kleinen Gruppe werden, die ein umfassendes Referat ausarbeiten soll. Die Frist ist kurz, die Präsentation auf den nächsten Tag festgelegt und mittlerweile bin ich geübt darin, den Menschen, der Körpersäfte mit mir tauschen wollte, wie einen normalen Faktor zu behandeln.

Natürlich nimmt er in der Gruppe nicht die Position des Anführers ein. Natürlich bleibt er sich treu und nicht sehr spät bemerke ich die Dynamik unserer Einheit, die dem faulen Fisch von Beginn an den richtigen Lebensraum bietet.

Ihm werden keine Fragen gestellt. Man erwartet offenbar weder Meinung noch Ideen aus seiner Richtung und natürlich akzeptiert er das Thema, dessen Ausarbeitung ihm zugeteilt wird.

Ich kann mich irren, doch der Abschnitt macht den Eindruck, von allen am simpelsten zu sein. Der Umfang ist überschaubar, der Inhalt nicht sehr komplex und wie unwillkürlich mustere ich ihn, als er auf der anderen Seite des Tisches nach seinem Notizbuch zu suchen beginnt. Er braucht eine Weile, dann blättert er vor und zurück, sucht nach einem Kugelschreiber und versucht sich ganz offensichtlich an sein Thema zu erinnern, als er die Ziellinie überquert.

Wie ein graues Fragment hockt er bei uns, während unsere Worte fließen und zahlreiche Ideen das erste Konstrukt erschaffen.

Seine Beteiligung ist von da an kaum vorhanden, doch niemand scheint sich daran zu stören.

Hin und wieder erreicht ihn eine witzige Bemerkung. Auch lockere Anrempler oder ein Klaps auf die Schulter beziehen ihn permanent ein und als wir dann unsere Ausarbeitungen beginnen, Notizen verfassen und das Wesentliche aus den Texten ziehen, starrt er nur in sein Lehrbuch.

Dadurch wird sein Tun und Lassen zu meiner Angelegenheit und einem permanenten Beigeschmack, während ich am Nachmittag den Rest meines Anteils ausarbeite. Ich lege Wert darauf, dass meine Beteiligung aussagekräftig ist und eine ebenbürtige Unterstützung auf dem Weg zu einer guten Note, von der wir alle profitieren. Wenn es einen Schatten gibt, springe ich über ihn und nicht nur einmal versuche ich das Bild meiner Fantasie, in dem Astor den Nachmittag mit derselben Aktivität füllt, als glaubwürdig anzuerkennen.

Die Gruppenarbeit scheint sich harmonisch einzufügen in sein Schema der Gleichgültigkeit, doch ich halte ihn nicht für einen Menschen, der seine Klassenkameraden und Freude einlädt, an seinem Absturz teilzunehmen.

Für diese Überzeugung schäme ich mich am nächsten Tag.

Auf meinem Stuhl erfroren, schule ich mich darin, mit meinen Augen ein Loch in Astor zu brennen. Er offenbart keine außergewöhnliche Regung, während zwei Mitglieder unserer Gruppe mit dem Lehrer sprechen. Ihre Gesten sind inständig, während sie unsere Note zu retten versuchen und gleichzeitig Erklärungen aus dem Nichts erschaffen.

Der Anteil, dessen Ausarbeitung Astor aus Versehen vergaß, lässt das gesamte Konstrukt zusammenbrechen. Das Referat, ansonsten vollständig, ansprechend und kreativ, kann nicht stattfinden und ich spüre die Schläge meines Herzens im ganzen Körper, während Astor das Stechen meines Blickes nicht wahrzunehmen scheint.

‚Schön, dich kennenzulernen, Mr. Dawson‘, könnte ich in diesem Moment abermals sagen.

Ich kämpfe um Ausgeglichenheit und es wird nicht leichter durch die nächsten Momente.

„Wir haben Aufschub bis morgen bekommen“, verkündet meine Mitschülerin erleichtert das Urteil des Lehrers, während sich Astor im Ohr puhlt.

Und dann beginnt die Darbietung, unter der ich mehrfach zu schlucken habe.

„Also, Blue, schaffst du es heute?“, erkundigt sich der Klassenkamerad, der ebenfalls mit dem Lehrer sprach. „Das Thema ist wirklich nicht umfangreich. Wenn du Probleme hast, dann helfen wir dir beim Aufbau.“

„Genau“, findet die Idee sofort Zustimmung. „Wir könnten es nach der Schule auch einfach zusammen ausarbeiten.“

„Wir gehen in ein Café, machen es uns bequem. Ganz entspannt, wie findest du das?“

Astor ist stinkend faul, rumort es indessen in meinem Kopf. Würde sein Herzschlag nur auf seinem Willen basieren, wäre er sofort tot und jeder, der um ihn trauert, in erbärmlichem Maß dumm und barmherzig.

Das Hasenglöckchen schert sich einen Dreck um andere Menschen und macht sehr rasch den Eindruck, die Angebote und Worte der Gruppenmitglieder wären sehr anstrengend. Eingepackt in Watte, so weich, dass sie kaum noch existiert, beschwert er sich über mangelnden Komfort und beendet die Belästigungen letztendlich mit einem Stöhnen.

„Ich hab doch gesagt, ich schaffe das alleine.“

Somit sind die Fakten eindeutig. Die Gruppe gibt sich damit zufrieden und nur wenige Minuten später wird mir annähernd übel. Astor verlässt den Raum, um sich zu erleichtern und sofort wird die Möglichkeit genutzt.

„Ich mache den ersten Absatz“, ergreift eine Mitschülerin das Wort. Die Entscheidung ist anscheinend längst getroffen und die Lösung durch die gesammelten Erfahrungen wohl ebenso offensichtlich.

Sie kennen Astor länger, also sind sie frei von jeglicher Illusion.

„Zeile 10 bis 26 übernehme ich“, meldet sich der nächste Freiwillige und auch der Rest der Ausarbeitung ist rasch aufgeteilt.

In diesen Momenten erwacht unscheinbar der Keim der Feindseligkeit in mir zum Leben.

Bisher verurteilte ich Astor nicht für sein Verhalten und ich war auch nicht wütend oder dachte schlecht von ihm, da ich einfach kein Interesse an ihm hatte und mich außerhalb seines destruktiven Umkreises bewegte. Jetzt ist die Grenze überschritten. Es tut bereits ein wenig weh, dieses kleine Stechen, und am nächsten Tag wird daraus ein permanenter, dumpfer Schmerz, denn Astor kommt erst gar nicht zur Schule.

Sein Tisch ist leer und von da an zähle ich die Stunden.

Die Gruppe ist vorbereitet, Astors Thema ausgearbeitet und auch für das Vortragen findet sich schnell ein Freiwilliger. Eilig und in der Pause wird das Konstrukt der Präsentation angepasst.

Das Referat wird zum Erfolg, doch das verändert nichts am Aufbau meiner Gedankenwelt.

„Hoffentlich kriegt Bluebell die Chance, die Note irgendwie nachzuholen“, höre ich eines meiner Gruppenmitglieder seufzen, bevor wir uns auflösen.

 

Langsam drängt mein Zeigefinger den Knopf der Klingel in seine Vertiefung. Das Schellen erhebt sich auf der anderen Seite der Tür und es wird zu einer permanenten Qual, denn ich lasse nicht los. Eher noch drücke ich fester, während ich mit tiefen Atemzügen ein halbwegs gesundes Fundament zu schaffen versuche.

Die Wohnung mit dem ‚Dawson‘-Klingelschild fand ich problemlos wieder. Es ist nostalgisch und das bleibt es auch, als sich die Tür mit energischer Schnelligkeit öffnet. Noch immer schellt die Klingel, als wir dann voreinander stehen und mir Bluebells Miene die bekannte Fassungslosigkeit präsentiert. Ein paar Sekunden warte ich noch, als sich sein Gesicht zu einer genervten Grimasse verdunkelt. Erst dann lasse ich den Knopf in Ruhe. Kurz und konsterniert folgen seine Augen meiner Hand, als ich sie sinken lasse.

„Bist du noch ganz dicht?“, nutzt er dann die wiedergekehrte Stille und so beginnt unser erstes wirkliches Gespräch.

„Was soll der Scheiß?“

„Geht´s dir besser?“ Entspannt versenke ich die Hände in den Hosentaschen. „Du warst nicht in der Schule und alle haben sich Sorgen gemacht. Keine Bange, das Referat war ein Erfolg, weil die anderen deinen Teil ausgearbeitet haben. Jetzt brauchen sie sich nur noch Gedanken darüber zu machen, wie du an eine gute Note kommst. Vermutlich werden sie dem Lehrer sexuelle Dienste anbieten, um dir die bestmögliche Chance zu sichern.“

Hinter Astors Miene läuft ein kurzer Arbeitsprozess, bevor er seiner alten Entrüstung wieder treu wird.

„Häh?“, ist seine erste Reaktion, bevor er die Hände zu einer konfusen Geste hebt. „Woher weißt du überhaupt, wo ich wohne? Stalkst du mich? Bist du irgendwie pervers?“

„Am Sonntagabend warst du zu besoffen und zu stoned, um deine Wohnung zu finden, also kamst du mich besuchen. Ich habe dich Nachhause gebracht und du warst so dankbar, dass du es mit mir treiben wolltest. Aber bei deiner Libido endete meine Unterstützung und kurz darauf lernte ich deinen stolzen Vater kennen, der zur Nachtschicht kam.“

Erkenntnis schenkt seiner Mimik Entspannung. Er begreift es, nickt langsam und präsentiert mir kurz darauf ein knappes Schulterzucken.

„Ach so.“

„Mm.“ Resigniert erwidere ich sein Nicken.

„Und was willst du jetzt?“

„Wenige Momente deines Schweigens und deiner Aufmerksamkeit. Bist du bereit?“ Wieder komme ich in den Genuss einer Grimasse, doch akzeptiere sie als Zustimmung. „Es ist mir egal, was du treibst, solange ich damit nichts zu tun habe. Das ist nicht mehr der Fall, also werde ich etwas dazu sagen. Deine Scheiß-egal-Einstellung hat sich auf die gesamte Gruppe ausgewirkt und ihr fast eine ungerechtfertigte, miserable Note eingeräumt.

Darüber hinaus hast du den Fleiß deiner Mitschüler mit Füßen getreten. Deine Reaktion auf die angebotene Unterstützung ist ein Armutszeugnis deines Charakters. Wie die anderen damit umgehen, ist nicht meine Sache aber ich habe folgenden Standpunkt.“

Unter einem Augenrollen lehnt sich Astor gegen den Türrahmen. Wieder scheint ihn eine Situation viel Kraft zu kosten und so geizt er nicht am nonverbalen Ausdruck dieser Empfindung. Er ist genervt, verschränkt die Arme, doch es fällt mir leicht, diese pubertäre Auflehnung in Nichtbeachtung zu ertränken.

„Auf mich wirkst du selbstsüchtig, faul und undankbar. Du machst dir nichts aus den Gefühlen der Menschen, die dich unterstützen wollen, also hast du offenbar keine Angst davor, irgendwann alleine dazustehen. Das ist eine gesunde Denkweise.“ Sein demonstratives Stöhnen stört mich nicht.

„Ich bin wütend auf dich“, bringe ich es auf den Punkt. „Und ich werde mich hüten, mich irgendwann nochmal auf dich zu verlassen. Ich bringe mich in Sicherheit und es wäre angebracht, wenn du die verschonen könntest, die nicht dazu in der Lage sind. Weshalb auch immer, Gott stehe ihnen bei.“

„Junge.“ Unter einem erneuten Stöhnen regt sich Astor im Türrahmen. „Sicher, dass das schon alles war?“

„Das war die Kurzfassung.“

Eine Bewegung dringt in meine Wahrnehmung und kurz darauf haben wir Gesellschaft. Ein junger Typ setzte sich dasselbe Ziel wie ich, doch offenbar nicht mit demselben Vorhaben. Die wenigen Zentimeter, um die er mich schlägt, scheinen ihm gut zu tun und nur einen Blick benötigt er, um die Situation zu begreifen. Astor reibt sich abermals das Gesicht, als er sich in langsamer Bedrohlichkeit vor mir aufbaut.

„Gibt‘s hier ein Problem?“ Von mir driften seine Augen zu Astor, doch auch der bestätigt ihn nicht in seiner Rolle.

Er ist ebenso wenig erleichtert wie ich beeindruckt bin, endlich richtet sich sein Stöhnen nicht gegen mich und dann greift er einfach nach dem Ärmel seines Ritters und zieht ihn in die Wohnung.

„Nachricht erhalten“, versichert er mir zum Abschied. „Ich gehe wieder beichten.“

 

-tbc-

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