Erblühen

Ein Umzug führt Fion in den Radius eines jungen Mannes, zu dem er sich recht bald hingezogen fühlt. Durch ein traumatisches Erlebnis führt dieser jedoch ein Leben voller Selbstzerstörung, Gleichgültigkeit und Ablenkung und so beginnt Fions Gratwanderung zwischen Zuneigung und Selbstschutz.

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Ich suche nicht, denn bisher schickte das Leben zu mir, was es als wichtig empfand. Alleine mit diesen Faktoren ist die permanente Beschäftigung sichergestellt und es brauchen nicht noch mehr zu sein.

Deswegen suche ich nicht nach dem, was ich nicht habe, sondern nutze das nahe Werkzeug.

Das Leben gab mir die Art, wie ich bin. Es gab mir die Schule, meine Freunde und die Aufgaben des Alltages, neben denen nicht viel mehr eine Rolle spielen sollte, denn die Alltäglichkeit wird unterschätzt. Ich treffe Entscheidungen, beschließe Trennung und Neuanfang. Es ist ein neuer Weg, dem ich mich zuwende und einem Umzug in jeder Form.

Alles verschwindet, alles entsteht neu und wie unzählig sind alleine schon diese gewöhnlichen Faktoren, wie gierig nach meiner Kraft und Aufmerksamkeit.

Was ich habe, ist mehr als genug, also suche ich nicht nach neuem.

Was eine Rolle spielen soll, schickt das Leben ohnehin zu mir.

Vielleicht ein Unglück oder ein Erfolgserlebnis. Menschen, mit denen ich mich gerne umgebe oder andere, zu denen ich Abstand suche.

Neue Gesichter, neue Persönlichkeiten mitsamt ihren Eigenheiten. Nachbarn, Bekannte und Freunde.

Und vielleicht wird es auch einen Menschen geben, der hervorsticht aus dieser Masse.

Möglicherweise hat sich das Leben längst dazu entschieden, jemanden zu mir zu schicken, dem ich hoffnungslos verfallen werde.

 

Den Menschen, den das Leben zu mir schickt, unerwartet rasch und natürlich unvorhergesehen, lerne ich an einem frühen Abend kennen, den ich mit den Folgen des Umzuges zubringe. Das helle Braun unzähliger Kartons umgibt mich und erinnert daran, dass ich Beschriftungen nicht für nötig hielt.

Meine Bewegungen werden langsamer, während sich die Motivation stetig ihrem Ende entgegenneigt und abermals halte ich müde inne im ziellosen Suchen, als ein Geräusch zu mir dringt. Es ist die Eingangstür, an der sich das Kratzen eines Schlüssels erhebt und unweigerlich spähe ich zur Uhr. Meine Schwester verließ die Wohnung vor einer halben Stunde und auch wenn der Ausfall ihrer Lesung eine Salbung ihrer müden Seele wäre, glaube ich nicht an Zufälle dieser Art. Sie jammerte zu viel und wenn man das tut, ist es unwahrscheinlich, dass das Schicksal den Wunsch erfüllt.

Ich runzle die Stirn. Die Tür ist immer noch verschlossen, während ein Schlüsselbund raschelt und dann kratzt es erneut.

Natürlich komme ich auf die Beine, mich beiläufig von vereinzelten Gegenständen befreiend und wie gähne ich auf dem Weg durch den Flur. Die letzte Pfütze meiner Beharrlichkeit trocknet aus und wie träge kriechen meine Gedanken bereits dem Bett entgegen, von dem mein Körper noch weit entfernt ist.

Anhaltend dringt das Kratzen eines Schlüssels durch das Holz, bevor ich die Tür öffne und dann stehe ich dort, regungslos und irritiert, wie eine Zielscheibe, in deren Zentrum sich sauber der Pfeil des Entsetzens bohrt.

Es ist nicht meine Schwester, die ich vor mir habe. Sie führte das Leben nicht zurück zu unserer gemeinsamen Wohnung. Offenbar entschied es sich für einen Fremden, der auf der Fußmatte zu Eis erstarrt. Die Hand mit dem Schlüssel noch immer erhoben, präsentiert er mir Fassungslosigkeit in reinster Form.

Ein Kerl, nicht älter als ich, mir in anderen Gebieten aber haushoch überlegen.

Seine geweiteten Augen brennen ein Loch in mein Gesicht. Sie sind blau, auffällig glasig und scheinen seit meinem Auftauchen einen Alptraum zu sehen. Sein Mund öffnet sich, still bleibt es trotzdem und in der unergründlichen Materie dieser Situation zucke ich bald nur mit den Schultern.

Ich weiß nicht, wer er ist. Auch den Sinn dieses Augenblickes verstehe ich nicht aber er scheint die Geste zu begreifen. Seine Hand senkt sich stockend, als er Luft holt.

„Meine Wohnung“, ächzt er, seinen starren Blick mit einem hastigen Blinzeln unterbrechend. „Wieso?“

Der Fremde ist fassungslos und irritiert verliert mein Gesicht an Spannung. Eine passende Antwort gibt es für mich nicht und so verfolge ich seine beispiellose Darbietung. Er schüttelt den Kopf und fährt sich durch den schwarzen, ungekämmten Schopf.

„Du wohnst in meiner Wohnung“, fährt er fort. „Wie lange schon? Warum?“

„Seit gestern.“

„Gestern?“ Er schneidet eine gründliche Grimasse. „Aber wie… ich war doch heute Morgen noch da.“

„Dann wird das hier wohl die falsche Wohnung sein.“ Tief durchatmend löse ich die Hand von der Klinke.

Erfrischend begrüßt mich die Luft der Außenwelt und wie ächze ich innerlich bei dieser seltsamen Ironie. Zumindest teilweise beginne ich die Situation zu begreifen und dann lehne ich mit verschränkten Armen im Türrahmen und rümpfe die Nase.

Der Schockzustand meines Gegenübers linderte sich im Gegensatz zu meinem um keinen Deut.

„Die falsche Wohnung.“ Angestrengte Grübeleien sind ihm anzusehen. „Wow, das ist jetzt aber wirklich mysteriös.“

„Du riechst nach Gras und Alkohol. Das Mysterium ist gelüftet.“

„Gras!“, stöhnt er entsetzt, bevor sich auf seinem Mund das typisch dümmliche Grinsen eines Bekifften abzeichnet. „Gras ist illegal! Wie kannst du sowas behaupten?“

Aus einem seltsamen Röcheln heraus beginnt er zu lachen und resigniert spiele ich Zuschauer, als er sich auf die Knie stemmt, um es sich zu erleichtern. Er jauchzt, kichert, ächzt und eine Weile sehe ich ihn nur an, bevor ich die Augen verdrehe.

„Vielleicht ist es nur die falsche Wohnung aber das richtige Haus? Schau unten am Klingelschild nach.“

Ich versuche es, obwohl ich den Grund nicht kenne, denn Marihuana macht etwas unzugänglich für Logik. Die Reaktion des Fremden beweist es mir und so ergebe ich mich, greife nach dem Schlüssel und verlasse meine Wohnung.

Hätte jemand diesen Kerl direkt zu mir geschickt, denke ich mir in dem Moment, wäre er niemals angekommen.

Er hatte kein Ziel, er schwebte und ließ sich tragen von der Leichtigkeit seines Deliriums.

Das führte zu dieser fundamentalen Begegnung, auf die ich im Moment gerne verzichten würde.

„Komm mit.“ Müde bekomme ich die Jacke meines Zeitgenossen zu fassen und ziehe ihn mit, jedes überflüssige Wort vermeidend.

„Wo gehen wir hin?“, flüstert er hinter mir, bevor wir den überdachten Vorbau der Etage verlassen und ich ihn ins Treppenhaus ziehe. „Wohin bringst du mich nur?“

Als ich ihn loslasse, steigt er die Treppen glücklicherweise selbstständig hinab.

„Wie heißt du?“, ergebe ich mich der letzten Notwendigkeit.

„Nenn mich Bluebell.“

„Und der Nachname?“ Ich reibe meine Augen, mit meinen Kräften ringend aber wir sind bereits am Ziel.

Im Foyer des Erdgeschosses prangt die Übersicht der Mieter und vor dieser stehe ich, während das Hasenglöckchen den Handlauf erforscht.

„Bitte kenne deinen Nachnamen“, beschwöre ich den Menschen, der fasziniert einen Kaugummi von der Halterung puhlt. „Bluebell, bist du noch bei mir? Etwas Hilfe wäre gut. Ich bin nicht geübt im Umgang mit Trotteln.“

„Oh, ich weiß, Bruder.“ Er sendet mir ein mitfühlendes Nicken. „Ich auch nicht.“

„Okay.“ Nachdrücklich weise ich auf die Übersicht. „Dein Name liegt hier verborgen. In diesen unendlichen Weiten, verstehst du? Deine Bestimmung ist es, ihn zu finden.“

Endlich gesellt er sich zu mir und nähert sich schlingernd der Herausforderung.

„Oh Gott, wow.“ Die ehrfurchtsvolle Entschlossenheit seines Gesichtes lässt mich hoffen und dann starrt er auf die Schilder und ich starre ihn an.

Das ist es wohl, was man einen herzlichen Empfang nennt. Sich als Nachbar vorzustellen ist immer eine nette Geste.

Sein Zeigefinger, der gerade noch konzentriert die Unterlippe betastete, verschwindet Stück für Stück in seinem Mund und flüchtig mustere ich ihn von Kopf bis Fuß.

Seine Kleidung ist sauber, macht sogar den Eindruck, bedacht ausgewählt worden zu sein. Ich erkenne einen gewissen Stil und im Allgemeinen einen Jugendlichen, nicht mehr oder weniger durchschnittlich als ich selbst. Er wirkt gepflegt und gesund und so minimiert sich das Problem auf die Substanzen, die in sein Gehirn stiegen.

„Ah!“ Triumphal richtet er sich auf. „Ich nehme ‚Dawson‘, wenn´s recht ist.“

„Du erfüllst die Bestimmung nur, wenn dieser Name dir schon gehört“, übe ich mich weiterhin im Umgang mit Trotteln. „Wenn du einen fremden Namen nimmst, könnte es zu einer Katastrophe kommen.“

„Ja klar, krass.“ In ehrfürchtiger Ergriffenheit kratzt er sich im Schopf und kurz darauf bekomme ich abermals seine Jacke zu fassen.

 

Offenbar trug die Wolke meinen Zeitgenossen nur eine Etage zu wenig empor und darauf beschränkt sich das Problem, denn die Wohnung liegt direkt über meiner. Das Namensschild scheint auch zu stimmen und wie zermürbt lehne ich an der Wand, während Bluebell nach dem richtigen Schlüssel sucht. Sein Körper schwankt, während er immerzu blinzelt, wohl um der mystisch verschwommenen Welt deutlichere Konturen zu verleihen.

Anscheinend genießt er den Höhepunkt des Rausches und nicht erst jetzt befasse ich mich mit der Wahrscheinlichkeit, dass unser Beisammensein an diesem Punkt endet. Ich bin nicht sicher, ob er sich selbst überlassen werden kann und was es für mich zu tun gäbe, wenn ich mich dagegen entscheide.

Kurz macht er den Eindruck einzuschlafen, doch dann blinzelt er erneut und wird fündig.

Er ist nur stoned und betrunken, denke ich mir. Sanitäter ruft man, wenn es Schwerverletzte gibt und in diesem Fall die Polizei auch nur, wenn man garstig ist und jemandem eine Strafakte schenken will.

Ich selbst rauchte schon Gras und auch der Alkohol verschaffte mir so einige wertvolle Erfahrungen und so besteht die einzige Bitterkeit dieses Erlebnisses aus meiner Mattigkeit und dem dünnen Band meiner Geduld.

Bluebell war etwas ungezogen aber die Welt wird ihm verzeihen, denn er ist kein Monster, sondern nur ein junger Typ, der sich das Leben lustig und leicht gestalten wollte.

Endlich öffnet er die Tür und ich bin erleichtert, denn diese Etappe ist überwunden.

„Hallo?“ In der Dunkelheit des Spalts tastet er nach dem Lichtschalter. „Hallo, Bett? Noch da? Ich komme jetzt!“

Die Deckenlampe schaltet sich ein, erleichtert betritt Bluebell die Wohnung und nur wenige Schritte höre ich, bevor ein Scheppern den dumpfen Laut eines Aufpralles nach sich zieht. Und weiterhin spiele ich Retter, als ich ihm zurück auf die Beine helfe.

Der Grundriss der Wohnung wirkt vertraut. Ich blicke um mich, das kichernde Elend abermals hinter mir herziehend und stets dem Ort entgegen, der hoffentlich den Abschied bedeutet.

Die Einrichtung deutet nicht nur darauf hin, dass er alleine hier lebt, sondern offenbart mir auch den feinen Zug einer Persönlichkeit, die nicht kompatibel ist mit Ordnung und Struktur. So steigen wir über einige Gegenstände, um das Bett zu erreichen und kaum begegnet die Kante Bluebells Beinen, da lässt er sich sinken.

Ich kann ihn loslassen, denke ich mir erleichtert. Selbst wie ich die Wohnung verlasse, sehe ich bereits vor mir und wie abrupt reißt mich die Realität zurück, als mein Körper in Bewegung versetzt wird. Fremde Finger versenkten sich im Stoff meines Shirts und wie perplex lasse ich mich ziehen, überrumpelt und unvorbereitet hinab auf die Matratze.

Im letzten Moment stemme ich mich ab.

Der Fremde zog mich zu sich, raubte mein Gleichgewicht und nun kauere ich auf ihm, während sich sein Bein um meinen Oberschenkel legt und die blauen, glasigen Augen eine seltsam unpassende Direktheit offenbaren. Ein Grinsen zuckt an seinem Mundwinkel, längst gaben seine Finger mein Shirt frei und wortlos öffne ich den Mund, als sie zielstrebig in mein Haar dringen, meinen Schopf liebkosen, meine Wange.

Offenbar befinde ich mich dort, wo er mich bevorzugt und ein inbrünstiger Atemzug erreicht mich, als er genießerisch blinzelt.

„Du bist verdammt hübsch“, erreicht mich dann sein stimmloses Flüstern. Seine Hand streicht in meinen Nacken und übt einen fordernden Druck auf ihn aus. „Wollen wir es treiben?“

So benebelt sein Verstand auch ist, jedes Fragment seines Benehmens und jede Regung seines Körpers offenbart mir den absolut authentischen Willen hinter jenen Worten. Sein Verlangen scheint intensiv genug, um sich durch das Labyrinth des Deliriums zu winden und in der Stille des Raumes schöpfe ich tiefen Atem. Noch immer kraulen seine Finger meinen Nacken, noch immer sehe ich auch dieses Grinsen und ich fühle mich ernüchtert bei der Erkenntnis, die mich unvermittelt erreicht.

Mein Nachbar hätte jeder Mensch sein können.

Bis zu diesem Punkt ließ sich sein Charakter nicht annäherungsweise einschätzen.

Ich bin müde, greife nach seiner Hand und löse sie aus meinem Nacken.

In diesen Augenblicken erkenne ich die erste untrügliche Eigenschaft dieses Menschen.

„Schön, dich kennenzulernen, Mr. Dawson.“ Somit befreie ich mich ebenfalls und sachte von seinem Bein und richte mich auf.

„Komm schon.“ Blind und unbeholfen tastet seine Hand nach mir. „Ich hab´s nötig.“

„Offensichtlich.“ Ich stemme mich in die Höhe und komme auf die Beine. „So wie du aussiehst hattest du heute schon genug Spaß. Schlaf.“

„Alleine?“

„Die Engel wachen über dich“, verabschiede ich mich stoisch und es fällt mir nicht schwer, ihm anschließend den Rücken zu kehren. Er bleibt liegen, nur ein unverständliches Nuscheln begleitet mich zurück in den Flur. Ich werde das Licht löschen, die Wohnung verlassen und es wird mir unerwartet leicht fallen, denn es ist unwahrscheinlich, dass Bluebell in absehbarer Zeit zurück auf die Beine kommt.

Die Bewegung der Wohnungstür lässt mich innehalten. Es ist ein älterer Mann, der plötzlich in den Eingangsbereich tritt und stehen bleibt, als er mich ebenso erkennt. Verblüffung zeichnet sein Gesicht, bevor er flüchtig um sich späht.

„Wer sind Sie?“

„Fion“, antworte ich zögernd, da ich die nächste Episode des Wahnsinns erwarte. „Ein Nachbar.“

„Ah.“ Der Mann nickt, wird seine Aktentasche auf dem Schuhschrank los. „Wo ist Astor?“

Er ist nüchtern, stelle ich fest, doch die Erleichterung währt kurz, denn eine düstere Befürchtung kriecht meinen Rücken empor. Vielleicht ist er genau das, was Bluebell in diesem Moment benötigt – ein Liebhaber.

Ob die Wahrheit für Erleichterung taugt oder eher doch zur Verschlimmerung der Lage, kann ich schwer einschätzen, als ich kurz darauf erfahre, dass es Bluebells Vater ist, den ich vor mir habe. Der Zufall führte ihn in die Wohnung seines Sohnes und flüchtig mustere ich ihn, als er neben mir durch den Türrahmen blickt. Der Körper meines Nachbarn zeigt kaum noch Regung, während sich ein leises Summen erhebt und die Atmosphäre mit der Melodie eines Trickfilmes ziert.

„Er ist ein bisschen betrunken“, kommentiere ich den Anblick. Meine Worte entstehen aus dem spontanen Zufall, als würde ein Teil von mir Wert darauf legen, diesen Fremden zu schützen. Mr. Dawson deutet das Nicken nur an.

„Betrunken, ja?“ Er schöpft tiefen Atem und mit einem Mal begreife ich, dass ich der einzige bin, der an Situationen wie diese nicht gewöhnt ist. Für den Mann scheint es eine klägliche Routine zu sein, doch er wirkt recht gefasst, als er mir die Hand reicht.

„Danke, dass Sie ihm geholfen haben. Sie können jetzt gehen.“

 

Der Nachgeschmack dieses Abenteuers begleitet mich noch lange. Er ist nicht sonderlich bitter, bildet auch kein spürbares Gewicht auf meinen Schultern, doch die Brise dieser Angelegenheit umstreicht mich permanent und leicht, als ich in mein Bett sinke, am nächsten Morgen aufstehe und erst, als ich mich auf den Weg mache, die neue Schule und die Klasse kennenzulernen, verschieben sich die Prioritäten. Es ist nicht mehr von Belang, die Grübeleien verblassen und während ich mit dem Rektor spreche, das umständliche Prozedere des ersten Tages durchlaufend, ist es, als wäre am vorherigen Abend nichts geschehen.

Wir wechseln Worte, während längst die Melodie des Stundenbeginns aus den Lautsprechern drang und dann führt er mich zu meiner Klasse und überlässt mir den unliebsamen Platz vor der Tafel und im Zentrum aller Aufmerksamkeit. Fremde Augen fokussieren mich, fremde Ohren hören meine knappe Vorstellung und die letzte große Hürde scheint überwunden, sobald ich dann eintauchen kann in die Anordnung aus Tischen und einen freien Platz für mich einnehme.

Ich bin angekommen, denke ich mir, als ich die freie Fläche vor mir mit Büchern und Heftern belaste.

Um ein Stück mehr.

Hier herrscht die Routine, die Sicherheit verleiht und natürlich spähe ich in den ersten Minuten um mich, mustere die Umwelt, treffe auf den einen oder anderen Blick und schließe die ersten, dünnen Bündnisse durch das Wechselspiel andeuteten Lächelns. Meine Mitschüler wirken sympathisch und ihre Gemeinschaft offen und empfänglich.

Flüchtig betrachte ich mir all die Gesichter, ergebe mich vorsichtig der Fülle an Eindrücken und dann halte ich inne in jeder Regung, gebannt von einem einzigen Faktor und alleine durch das Bild meiner Augen herausgeschleudert aus jeder Besonnenheit.

Ich wandte mich um, blickte zur Fensterfront und wie absent reibe ich meine Lippen, der Betrachtung treu bleibend und unsicher darüber, was sie in mir auslöst. Was sich meinen Augen bietet, natürlich unvorhergesehen und mit bizarrer Natürlichkeit, ist das schlafende Gesicht Bluebells.

Das Licht der Sonne wärmt seinen Rücken, während sich seine Wange mit der harten Fläche des Tisches zufrieden gibt. Ich erkenne dasselbe chaotische Haar. Der Mund, aus dem vor wenigen Stunden noch fragwürdige Vorschläge flossen, ist leicht geöffnet und nicht zuletzt seine langsamen Atemzüge zeugen von einem gesunden Tiefschlaf.

Was hat es zu bedeuten, frage ich mich, dass das Leben diesen Menschen penetrant in meinen Radius rückt?

Gestern war er ein Nachbar, der zwar im selben Haus, jedoch in einer Entfernung lebt, die ihn von jeder besonderen Rolle befreit. Heute ist er ein Klassenkamerad, dem ich täglich begegnen werde.

Schau hin, scheint das Schicksal zu sagen aber mir ist überhaupt nicht danach. Welche Weisheit könnte hervorgehen aus dem Kontakt zu einem Mensch, der nicht nur Alkohol und Gras liebt, sondern auch Sex mit Fremden?

Wem soll ich in zehn Jahren mit einem nostalgischen Seufzen von Bluebell erzählen?

Fürs erste entschließe ich mich dazu, dieser Anhäufung von Zufällen keine weitere Beachtung zu schenken. Sie sind weder faszinierend noch vielversprechend und sollten meine Schritte nicht zum Stocken bringen.

 

-tbc-

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