Die Melodie des Niederganges

Lennard, der Sohn eines reichen Staatsanwaltes, führt ein geborgenes, angenehmes Leben, bis es zu einem irrealen Bruch kommt und er sich in einer kriminellen, gnadenlosen Welt wiederfindet, die ihn bedroht, verletzt und an seiner Seele kratzt. Um zu überleben hat er Entscheidungen zu treffen, die in seiner bisherigen Existenz nie eine Rolle spielten. Je mehr er sich der Dunkelheit anpasst, desto weniger ist er in der Lage, das Licht der Normalität zu ertragen.

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8. -7-

Als Lennard am frühen Nachmittag zu sich kommt, ist es vorerst nur sein Körper, der auftaucht an der Oberfläche des Bewusstseins. Lange liegt er dort, absent in den Raum blinzelnd und mich betrachtend, als wäre ich ein unscheinbarer Splitter der Einrichtung und nicht weiter von Belang. Lange sitze ich neben ihm und auf dem Stuhl, der mich Stunde um Stunde trug, wenn ich nicht ziellos umherzog oder kurz die Tür hinter mir schloss, um frische Luft zu genießen.

Ich erwidere seinen Blick, verfolge das Zucken seiner Finger und wie deutlich erkenne ich im Laufe der Zeit, wie sein Blick klarer wird und seine entrückte Miene fester. Drifteten seine Augen zuvor noch ziellos, beginnen sie das Umfeld nun zu erforschen und wie offensichtlich sucht er nach Erinnerung, als er mich erkennt.

Nur selten unterbricht ein Blinzeln seine Konzentration und wie lange schweigen wir abermals, bevor er sich zu regen beginnt. Es mag seinem Leib viel abverlangen, sich in die Höhe zu stemmen. Kräfte fehlen noch immer, doch irgendwann kauert er auf der Matratze, wahllos von der Decke umschlungen und mit einer Miene, pendelnd zwischen Erschöpfung und Unschlüssigkeit.

Wieder bietet sich ihm der Raum, den er schon einmal sah. Auch derselbe Gast leistet ihm Gesellschaft und schenkt ihm ein angedeutetes Lächeln, als er seine Musterung in einem solchen Maß vertieft, als würde er seinen Augen und der Wirklichkeit noch immer mit bitterem Misstrauen begegnen.

„Hallo“, erhebe ich die Stimme und unter einem letzten Blinzeln erwacht er vollends.

Schüchternes Leben fließt in sein Gesicht, als er zu den Fenstern späht und zu den Baumwipfeln, die sich kaum regen in der Windstille. Nur ein wenig zog ich die Vorhänge zurück, um die Helligkeit des Tages hineinzulassen und Lennard den Anblick des blauen Himmels zu gönnen. Die Sonne ist momentan nicht sonderlich präsent und doch verirrt sich bisweilen ein Strahl gleißenden Lichtes an diesen Ort.

„Kein Traum“, höre ich ihn nach einer gefühlten Ewigkeit flüstern, während seine Augen absent auf den Schirm der Stehlampe gerichtet sind.

„Kein Traum“, versichere ich ihm und als sich unsere Blicke erneut begegnen, erkenne ich sein Begreifen, sein endgültiges Akzeptieren der Wirklichkeit. Er fragte mich, er hörte meine Antwort und nun, da ihn sein blinder Weg nur erneut zurückführte in diese Welt, ist selbst er nicht mehr in der Lage, sie zu verleugnen. Vielleicht versuchte er es und lieferte sich in all der destruktiven Energie, die er für Verzweiflung hergab, nur der Panik aus. Hier und jetzt scheint diese Kraft aus ihm gewichen zu sein und während sich seine Stimme in ihm verbirgt, versuche ich ihn und das Ausmaß seiner Gegenwart einzuschätzen.

„Wie geht es dir?“, frage ich dann und habe die Worte bald darauf zu wiederholen, da jede Reaktion ausbleibt. Nach der emotionalen Erschütterung, die er im Laufe der Nacht erlitt, wirkt er auffallend monoton. Kein Deut der alten Erregung lenkt die Bewegungen seines Körpers. Beinahe begegnet er mir mit der Teilnahmslosigkeit des ersten Treffens, das er für den Splitter eines wirren Traumes hielt und deswegen nicht weiter beachtenswert.

„Mir?“, murmelt er letztendlich nur und hebt die Hand zur verletzten Unterlippe.

„Geht es dir gut?“, forsche ich nach und sehe ihn die Wunde betasten. „Hast du Schmerzen?“

Es ist ein Kopfschütteln, das die Antwort erbringt. Nur angedeutet, möglicherweise kaum auf die Fragen bezogen sondern aus dem Zufall geboren. Während er über seinen Mundwinkel streicht, lehne ich mich zurück. Meine Musterung stört ihn nicht, da er nicht vollständig anwesend ist und ich ihn nicht einmal mit meiner Gegenwart und Stimme an diese Realität zu binden vermag. Wenn sein scheeles Interesse an seiner Umwelt auch abschwächte, seine Augen driften noch immer über wahllose Einrichtungsgegenstände, ohne dass er sie wirklich sieht.

„Erinnerst du dich an die vergangene Nacht?“, erkundige ich mich, als seine Augen mir begegnen. „Weißt du noch, was geschehen ist?“

„Ich weiß, was geschehen ist.“ Seine Finger verlieren das Interesse an den Lippen und unweigerlich fällt mir auf, wie ruhig sie auf die Decke sinken. Kein Anzeichen mehr von der immensen inneren Unruhe, die ich gestern an ihm wahrnahm. Kein zielloses Zupfen am Stoff, auch die Zähne fügten der Unterlippe bislang keine weitere Verletzung zu.

Was sich mir bietet, ist ein seltsamer Widerspruch, der mich längst alarmierte.

„Erinnerst du dich an den Auslöser?“, taste ich mich weiter, doch der Boden unter mir stellt sich als stabil dar. Wenn die Art auch speziell ist, Lennard weicht zurück, gibt mir mit seiner Abgestumpftheit Spielraum und wie vorsichtig wage ich mich voran.

Der Mantel, in den er sich nach dem emotionalen Ausbruch zurückzog, schützt ihn anscheinend so gut, dass kein Tropfen Wahrheit hinaus sickert. „Als ich mich verabschiedete, hast du ruhig gewirkt. Was hat dazu geführt, dass du dich so aufgeregt hast?“

Seine Mimik offenbart den Hauch von Grübeleien, offenbart für mich auch den Hauch der Hoffnung, dass er nach der Antwort sucht, doch letztendlich driftet sein Blick erneut über jede reale Grenze hinaus und lässt ihn die Thematik in einem beiläufigen Schulterzucken ertränken. Unter einem verstehenden Nicken bette ich den Arm auf der tiefen Rückenlehne und suche mir die rechte Bequemlichkeit auf dem Polster.

Nachdem er gestern die Wahrhaftigkeit dessen in Frage stellte, was er erlebte, begegnet er all dem nun mit offensichtlicher Gleichgültigkeit. Gestern hatten seine Augen ein Ziel, jetzt driften sie planlos im engen Radius, während ihn selbst meine Anwesenheit kaum in emotionale Bewegung versetzt. Die frischen Getränke, die gebracht wurden, während er schlief, sind nicht von Belang und auch seine körperliche Verfassung anscheinend nicht von Interesse.

Vielleicht nimmt er es selbst nicht wahr, wie strähnig und wirr sein Haar fällt und welcher Duft seinem Hemd entströmt. Noch immer wird der Geruch des Raumes von Schweiß beherrscht. Ich öffnete die Fenster, ohne dass es auf lange Sicht zu einer Besserung führte, doch Lennard, der stets auf Sauberkeit bedacht war und so empfindlich, was Gerüche anbelangte, scheint es nicht aufzufallen. Die Decke ist so wirr, dass sie ihn kaum noch zu wärmen vermag.

Das Kissen hängt an der Kante der Matratze. Alles, was ihm nahe ist, zeugt von den Strapazen der letzten Stunden, doch diese Thematik passt nicht in den Zeitpunkt, den wir wieder in viel zu langem Schweigen zu bringen. Es gibt kaum einen Punkt, den Lennard mir bietet. Kaum ein Fundament, auf dem sich aufbauen lässt. Eher ist es Unschlüssigkeit, die meine Umgebung noch immer verfinstert. Der junge Mann, der vor mir kauert, lässt sich kaum einschätzen.

„Weißt du, wo du hier bist?“, entscheide ich mich so für eine Richtung, in der ich das geringste Risiko vermute. Auf sein Kopfschütteln hin, fahre ich fort. „Wir befinden uns in einer privaten Klinik in Minnesota. Fernab jeder Stadt. Hier gibt es weniger Menschen, nur Ruhe und Natur. Die Ärzte und Pflegekräfte sind, soweit ich es einschätzen kann, professionell und sehr freundlich. Du wirst den einen oder anderen schon kennen gelernt haben.“ Somit lasse ich ihm die Gelegenheit zur Reaktion und fahre fort, als sie ausbleibt. „Die Gestaltung des Geländes ist interessant und schön zu betrachten und die Speisen, die serviert werden, sehr zu empfehlen.“

Ich spreche weiter, da er schweigt, versuche ihn auf irgendeine Weise zu locken oder mir einen Pfad zu ihm zu erkämpfen. Er hört mir zu, sieht mich sogar annähernd ununterbrochen an, doch letztlich bedeutet es ihm wohl nichts.

„Die Küche richtet sich sogar nach individuellen Wünschen, wenn dir also der Sinn nach etwas Bestimmtem steht, brauchst du es nur zu bestellen.“ Eine flüchtige Überlegung trennt mich vom nächsten Satz. „Eine pikante Kürbissuppe zum Beispiel.“

Es ist das erste Mal, dass ich das Resümee nutze, das mir Dwayne über seinen Sohn erarbeitete. Ich fragte ihn und wie leicht fiel es ihm, die meisten seiner Vorlieben und Abneigungen zusammenzutragen. Die Kürbissuppe ist dabei der erste Punkt auf der Liste der absoluten Aversionen. Allein ihr Geruch soll damals in der Lage gewesen sein, ihn unverzüglich aus der Küche zu vertreiben, doch hier an diesem Punkt genügt seine Reaktion nicht einmal annähernd, um den Scherz überhaupt zum Leben zu erwecken. Kein Zucken seiner Miene, das von Begreifen zeugt. Kein Widerspruch, der die Aversion bekräftigt und so wird er mit einem Mal zu einem Mensch, in dessen Leben Kürbissuppe niemals eine spezielle Rolle spielte.

„Wonach würde dir denn der Sinn stehen?“, führe ich meinen Monolog fort. „Hast du auf irgendetwas Appetit?“

„Nein.“

„Nicht einmal auf Gratin?“, nenne ich den Anführer der wahren Favoritenliste. „Mit Brokkoli und Pilzen?“

„Nein.“

Nachdenklich presse ich die Lippen aufeinander und dann vergehen erneute Momente in Schweigen. Am Ende des Weges, für den ich mich entschied, sehe ich eine Sackgasse lauern und doch möchte ich der Richtung noch treu bleiben. Mit einer Handbewegung mache ich Lennard auf die Getränke aufmerksam, nahe dem Bett auf dem Nachtschrank und leicht zu erreichen.

„Du hast sehr wenig getrunken in der letzten Zeit. Bist du nicht durstig?“

„Ich denke nicht“, antwortet er erneut mit der Stimme, die bereits wieder entkräftet ist.

Das sagt er, während seine Lippen augenscheinlich trocken sind. Seit er in Michigan eine Infusion erhielt, ist es überschaubar dürftig, was er zu sich nahm. Das Warnzeichen des Durstes muss längst in ihm rumoren, doch stirbt entweder durch Verleugnung oder Empfindungslosigkeit.

„Fühlst du dich gekräftigt?“, versuche ich ihn weiter in eine Richtung zu lotsen, die für ihn nicht zu existieren scheint. „Hat dein Körper alles, was er braucht?“

Und endlich meine ich eine Regung wahrzunehmen. Es ist nur ein Zucken, das seine Brauen in Skepsis formt. Als würde es Unverständnis in ihm geben, vielleicht gar Widerwillen, doch ein weiteres Schulterzucken verwischt die unscheinbare Spur und lässt mich innehalten an meinem Ziel - der Sackgasse.

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Als er aus großer Höhe auf die Welt hinabblickt, fühlt er sich seltsam kompatibel mit diesem Bild.

Weit entfernt ist er von allem, was real und greifbar ist. Er verlor den Boden unter den Füßen und zurück bleibt Fremde und ein Schmerz, der ihm noch immer jede Beweglichkeit nimmt. Die Beine angezogen ruht er seitlich auf einem der gepolsterten Sessel, die den Innenraum des Privatjets ausfüllen.

Selten blinzelnd driftet er so vor sich hin, eingehüllt im Surren der Turbinen und dem entfernten Klang eines Radios. Irgendwo dringt Musik aus einer Box, bisweilen erhebt sich auch das nur zu erahnende Rauschen eines Funks hinter der geschlossenen Tür des Cockpits. Es sind unzählige Laute, Bewegungen und Präsenzen, die ihn umgeben und die er auszuschließen versucht aus seinem Raum.

Keiner seiner Blicke wird der Welt über den Wolken untreu und so sehr er dieser Welt auch den Rücken kehrt, permanent und gnadenlos hält sie ihn umklammert, geifernd um jedes Fragment seines Bewusstseins. Abermals atmet er nicht nur Luft, sondern die herbe Vanillenote und obgleich neben ihm nur der Brünette anwesend ist, fühlt er den Raum um sich herum schwinden. Zu spürbar ist die Gegenwart des Mannes, der ihm gegenüber sitzt, zu immens und gierig. Bisweilen driften die grauen Fetzen der Zigarette zu ihm, als würden stinkende Geisterhände nach ihm greifen.

Und sind sie es nicht, die ihm Stiche versetzen, so sind es die grünen Augen, die unerträglich oft zu ihm finden, um ihn abstoßend lange und mit erbärmlichem Wohlwollen zu figurieren.

Einmal berührten sich ihre Füße zufällig, scheinbar unwillkürlich zog sich Lennard zurück und wie erstarrte er kurz darauf in der Haltung, die unangenehm ist, doch die beste in der Lage. Das quälende Pulsieren in seinem Körper driftet in einen erträglichen Rahmen. Auch das Zittern seiner Hände legte sich, sobald er sie unter sich klemmte, doch so sehr er sich auch dreht und wendet, um die Qual zu lindern, die Pein in seinem Inneren bleibt. Beinahe unerträglich ist mittlerweile der Druck in seinem Hals.

Etwas scheint aus seinem Körper empor zu sickern und sich in seiner Kehle zu stauen, bis das Gefühl ihn packt, sein Kopf könnte bersten. Er schluckte, vertiefte seinen Atem und räusperte sich, bis seine Kräfte aufgezehrt waren und sich die Grenze verwischte. In der ersten Zeit nach dem Start verschwamm die blaue Welt auf der anderen Seite des Glases abermals. Sie schwand zu einem kontrastlosen Meer. Zurück blieben das Brennen seiner Augen und das Kitzeln auf seinen Wangen.

Als die Hand des Mannes ihn die wenigen Stufen empor zwang und sich die Luke hinter ihm schloss, da schien sich dröhnend ein riesiges Tor zu versperren. In diesem Moment begriff er etwas. Noch immer stellte sich die Situation nicht als Scherz heraus und als die Räder des Jets sich vom Boden lösten, da spürte er regelrecht, wie die Wärme des Vaters von ihm blätterte. Wie er zurück stolperte, gezogen von einer unbarmherzigen Hand, und so weit, bis der schützende Flügel des Vaters nicht mehr über ihn reichte. Es war eiskalt außerhalb dieses behüteten Kreises und nur zögerlich wagte er sich heran an ein Denken, das die Möglichkeiten gegeneinander abwog. 

„Lennard“, formt da eine leise Stimme seinen Namen und treibt ihn gemeinsam mit einem kalten Schauer zurück in die Realität, in der der Schakal einen seiner Ausweise zwischen den Fingern bewegt.

Eine Gebärde, ähnlich einem Lächeln, formt seine Lippen, während Lennard auf sein Portemonnaie aufmerksam wird. Es fand seinen Weg in die Hände des Mannes, der so verzückt scheint, während er auch das Letzte an sich reißt, was sich an Intimität vor ihm verbarg. Persönliche Grenzen gab es nicht mehr viele zu diesem Zeitpunkt, an dem eine weitere niedergemetzelt wird. Der Schakal nahm nicht nur seinen Körper, nun reißt er selbst seinen Namen an sich und wie seltsam ist der Moment, als sich ihre Blicke treffen. Der eine mit Entzücken, während der andere nur Hilflosigkeit in sich birgt.

„Ist mir ein Vergnügen, dich kennenzulernen, Lennard Eneas Hunter.“ Beiläufig klappen die Hände ein Seitenfach des Portemonnaies auf, um es weiterhin zu ergründen. „Nenne mich Ardan. Zurzeit mag ich diesen Namen.“

 

Es ist tiefe Nacht, als Lennard zum ersten Mal die glänzenden Mauern dessen erkennt, das sein erstes Gefängnis sein soll. Seit der Jet auf einem abgelegenen Rollfeld inmitten des stillen Nichts der Natur den Boden erreichte, fällt es ihm schwer, sich auf den Beinen zu halten. Die Stunden, die er auf dem Polster des Sessels verbrachte, leiteten nichts zu ihm zurück, das mit Stärkung zu vergleichen wäre.

Noch immer der Schmerz in seinem Leib, die Mattigkeit in seinen Knien und wie verbittert hält er sich aufrecht und inmitten der kleinen Gruppe, die sich bei der Landung bildete. Zwei Männer verbrachten den Flug offensichtlich im hinteren, abgetrennten Bordabteil und mit gesundem Schlaf. Nicht nur sie waren abrupt da, sondern zwei weitere, die am Rand des Rollfeldes warteten. Eines Eskorte mit zwei schwarzen Wagen und wieder sank Lennard nur auf ein Polster und starrte durch das Glas in eine fremde Welt.

Und während das Rauschen der Räder sich mit dem leisen Murmeln der Männer verband, versuchte er sich zu erinnern, welches Land der Schakal zuvor erwähnte. Er ist sich nicht sicher. Sein Kopf weigert sich gegen jede Beanspruchung und so ist er sich nur der Tatsache bewusst, dass seine Verschleppung in weite Ferne führte.

Es sind Palmen, die er in der Finsternis auszumachen glaubt und auch als er nach einer nicht einzuschätzenden Zeit aus dem Wagen steigt, säumen die Bäume den Weg zum luxuriösen Monstrum. Umgeben vom Traben der Schritte späht er auf zu den Vorsprüngen und Lichtern und Lampen, die im Freien und hinter ovalen Fenstern schimmern.

Es ist eine Villa, die sich seinen brennenden Augen bietet, ein feudaler, fast verschwenderischer Palast, der jedem noch so weit Entfernten den Reichtum provokant und lästig entgegen schleudert.

Müdigkeit lässt ihn wanken, ihn zwischen den schwarzen Schatten der großen Männer stolpern, doch welch eine Körperspannung bringt alleine der Schrecken mit sich, als die vertraute Brise von Vanille eine Hand mit sich treibt. Abrupt fasst sie ihn unter dem Arm, die Grenze zwischen Fixierung und Unterstützung verdunkelnd und nicht einmal von ihm lassend, als er seine Schritte konzentriert lenkt.

Fast gelingt es ihm, sich aufzurichten, als er die Kälte der fremden Haut durch den Stoff seines Hemdes zu spüren glaubt. Der Griff ist ihm unangenehm, die aufgezwungene Nähe des Peinigers eine Qual, doch sie bleibt, bis über die Stufen zur steinernen Veranda hinaus.

Vor einer großen, mit Laternen bestückten Tür driftet die Gruppe der Gesichtslosen auseinander. Die schwarzen Staturen der Männer ziehen weiter, während der Schakal den schweren hölzernen Flügel zurückdrängt und Lennard hinein in sein Reich. Marmor schallt unter ihren Füßen, als sie ein Foyer hinter sich lassen und jeder der folgenden Eindrücke ist dem ebenbürtig. Prunk umgibt sie zu jeder Seite, glänzende Reinheit und Endlosigkeit in jeder Richtung.

Es schimmert, es strahlt und doch sieht Lennard bei jedem der gezwungenen Schritte nur den grauen wabernden Schleier seiner Angst. Jede Sicht verdunkelnd, begleitet er ihn frostig und schmerzhaft und wie sticht sein Herz unter dem Grauen der Vorstellung, die Zielstrebigkeit des Schakals führe nur zum nächsten weichen Lager. Flehend scheint die Pein in ihm neu aufzuleben, doch als sich die Hand von seinem Arm löst, steht er an einer Cocktailbar, neben einem Pool und unter einem gläsernen Dach.

Es ist der Tresen, zu dem der Schakal ihn zog und eine Geste, mit der er ihm einen Platz auf einem der hohen Hocker anbietet. Einen Ausdruck von Zufriedenheit auf den Lippen wählt er selbst die Position hinter der Bar und wie bequem beginnt er dann sein Treiben, während Lennard sich nicht regt. Dem Fleck treu bleibend verfolgt er, wie eine Flasche nach der anderen geöffnet und der Mixer gefüllt wird. Es sind abstruse Situationen, die sein Leben seit einigen Stunden bestimmen und wie still atmet er, während er jeden Blick zu dem Schakal zu unterbinden versucht.

„Glaubst du an das Schicksal?“, lässt ihn seine Stimme zusammenzucken, als das Klimpern von Eiswürfeln ertönt. „Wie auch immer die Wahrheit dieser Welt aussieht, Eneas, seit heute glaube ich. Dass du zu mir gefunden hast, muss Bestimmung sein. Es ist, als wäre in meinem Leben immer dieser Platz reserviert gewesen, findest du nicht auch? Ich denke, wenn sich die Dinge so entwickeln, dann gehört man zusammen und darf sich nie wieder verlieren.“ Als er sich zu einem Kühlschrank neigt, finden die blauen Augen ungläubig zu ihm. „Mein Zuhause soll dein Zuhause sein. Dein Platz ist an meiner Seite und vor der Grausamkeit der Welt musst du dich nicht mehr fürchten, weil ich dich beschützen werde.“

Bestürzt und der Furcht zum Trotz bleibt Lennard der Betrachtung treu. Selbst als der Schakal sich aufrichtet und sich ihre Blicke treffen könnten. Keinen Moment kann er sich abwenden und wieder sieht er diese Geste an den Lippen des Mannes zerren, die ein Lächeln sein soll. Behäbig setzt er kurz darauf den Deckel auf den Mixer, umfasst ihn mit beiden Händen und lässt das Eis in seinem Inneren krachen. Und dann, als er das Behältnis abstellt, entrinnt ihm dieses tiefe Seufzen, unter dem er der alten entzückten Betrachtung treu wird.

„Ich bin dir verfallen“, murmelt er und wie unwillkürlich erbringt Lennard die Antwort.

„Sie halten mich gefangen“, flüstert er, doch bemerkt rasch, dass seine Worte weder notwendig oder erheblich sind. Alleine seine Stimme scheint den Mann zu erreichen und sein verzerrtes Lächeln zu vertiefen. Kurz darauf senkt er den Blick und entleert den Cocktail in zwei Gläser.

„Lass uns anstoßen, Eneas. Unsere lange Suche ist endlich vorbei.“

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Endlos kann ich mir Lennard betrachten und bleibe ungestört in dieser Position, da ich vorrangig der einzige bin, der sich in dem stillen Raum aufhält. Nur wenige Worte fallen in all den Stunden, in denen ich ihm Gesellschaft leiste. Vorrangig sind es meine. Überdachte und vorsichtige Sätze erwachen mit dem Idealismus eines Ziels und gehen kurz darauf unter im Vakuum der Beachtungslosigkeit, das sie jeder Bedeutung beraubt.

Oft schließt Lennard die Augen, doch regt sich lediglich ziellos im aufgewühlten Bett. Nicht annähernd findet er etwas, das sich mit Ruhe vergleichen ließe und erweckt er den Eindruck, gegenwärtig zu sein, so überzeugt er mich rasch vom Gegenteil und liefert mir teilnahmslos eine Herausforderung, die viel von mir fordert.

Mit ihm zu sprechen, ohne ihn mit Worten zu ersticken. Auf ihn zuzugehen, ohne ihm zu nahe zu treten. Am Nachmittag suche ich mir für zwei Stunden die Wärme der Sonne und habe es, über meine Ledermappe geneigt, auf einer der Bänke bequem. Und ich selbst entdrifte der Wirklichkeit, so vertieft bin ich in die Bewegungen des Kugelschreibers.

Mit vereinzelten Antworten bewies mir Lennard, dass er jedes meiner Worte versteht. Selbst seine Orientiertheit ist bei weitem nicht so schlecht, wie es im ersten Moment den Eindruck machte. Seine Erinnerungen sind, soweit es sich an dem Punkt einschätzen lässt, zumindest im kurzzeitigen Bereich vollständig und nur wenige Gedanken widme ich der nächsten Stufe, bevor ich den Fuß sicher auf sie setze.

Er weiß, was in den sieben Monaten geschah. Seine Attitüde verweist nicht auf ein Gebiet der Unsicherheit, das durch das bedrohlich schwarze Loch einer Erinnerungslücke entstand. Weit nervöser hätte er zu sein, wenn er nicht wüsste, wie er hergelangte oder was verschlang, was ihm derzeit fehlt. Sein Kopf, abgeschottet durch Schweigen, macht fast den Eindruck einer gewissen Ordnung, die ich nicht begreifen könnte ohne den Schlüssel des Anlasses. So hört er zwar meine Worte, doch sieht keinen Grund, auf sie zu antworten.

Er sieht keinen Grund für Formulierungen des Vertrauens und keinen Nährboden der Sicherheit. Beinahe könnte man meinen, es würde sich bei Lennard nicht um eine Rückkehr in den sicheren Hafen handeln, sondern vielmehr um eine Etappe ohne jede Bedeutung.

„Dwayne möchte dich bald besuchen kommen“, sagte ich, nachdem er zu anderen Themen entweder schwieg oder sie scheinbar als irrelevant einstufte. „Jetzt weißt du ja, dass es sich auch bei eurer ersten Begegnung um keinen Traum handelte. Er wird so lange bleiben, wie du es möchtest.“

Nur kurz begegneten mir seine Augen, während ich sprach. Als ich mich daran erinnere, halte ich kurze inne in  meinen Notizen und betrachte mir die fernen Blumenbeete. Es war ein fliehender Blick, der mir abermals sein Verstehen bewies. Wenn sich etwas in ihm regte, so nahm ich es nicht wahr und bevor ich mich versah, war der Funken verglüht und die stumpfe Wortlosigkeit zurück.

 

-tbc-

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