Die Melodie des Niederganges

Lennard, der Sohn eines reichen Staatsanwaltes, führt ein geborgenes, angenehmes Leben, bis es zu einem irrealen Bruch kommt und er sich in einer kriminellen, gnadenlosen Welt wiederfindet, die ihn bedroht, verletzt und an seiner Seele kratzt. Um zu überleben hat er Entscheidungen zu treffen, die in seiner bisherigen Existenz nie eine Rolle spielten. Je mehr er sich der Dunkelheit anpasst, desto weniger ist er in der Lage, das Licht der Normalität zu ertragen.

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Als sich das Klingeln meines Handys einen Weg in mein Bewusstsein bahnt, treffen meine müden Augen auf die Dunkelheit der Nacht. Es ist drei Uhr morgens, wie mir meine Uhr verrät und soeben aus dem Schlaf gerissen, findet meine Hand doch recht schnell zum Ziel.

„Hier ist Dr. Miller“, dringt eine vertraute Stimme an mein Ohr, während ich mich noch in die Höhe stemme. „Verzeihen Sie die Störung, Dr. Pharell, aber Lennard verfiel vor wenigen Minuten einer Panikattacke und lässt sich nicht beruhigen.

Hinsichtlich der Belastung, die diese Situation für seinen Körper darstellt und der Gefahr, dass er sich verletzt, halte ich eine leichte Sedierung für unerlässlich. Natürlich liegt die Entscheidung als behandelnder Psychiater bei Ihnen.“

 

Nur wenige Minuten, nachdem ich das Handy sinken ließ, sitze ich in meinem Mietwagen und sehe die Laternen an mir vorbeidriften. Sie begleiten mich, führen mich in der Finsternis zurück zu Lennard. Das Radio schweigt, nur die angenehmen Brisen der Nacht rauschen in meinen Ohren und gleiten über meine Haut, während ich nachdenke. Absent den Daumen am Mund, folge ich den Lichtern.

Etwas an dem Verhalten, das Lennard mir durch die Beantwortung seiner Frage bot, ließ mich vermuten, dass er nur verstummte, um Atem zu schöpfen. Und nun, mit dem Bewusstsein über die Realität, scheint ihn etwas in Bewegung zu versetzen, das ihm Emotionen schenkt, wenn es sich dabei auch nur um schmerzhafte handelt.

Alles, was er offenbart, weist mir die richtige Richtung.

 

Eine kunstvolle Stehlampe taucht den Raum in einen warmen Schein, als ich ihn betrete. Wie immer erwartet mich Stille, verbunden alleine mit dem monotonen Ticken einer Uhr, die sich irgendwo verbirgt. Ein leichter Geruch von Schweiß liegt in der Luft, sich jedoch hinter dem Hauch von Lavendel verbergend, der einer kleinen Öllampe entströmt. Vor kurzem muss gelüftet worden sein. Die dünnen Vorhänge verbergen das Glas hinter sich und bieten eine angenehme Abschottung. Reglos liegt Lennard in diesem behüteten Kern.

Die Decke, von aufmerksamen Händen gerichtet, wärmt seinen auf der Seite ruhenden Körper und formt sich mit jedem langsamen Atemzug, der ihm entströmt. Reglos liegt sein Arm auf dem dunklen Laken. Fast scheint es, streckt er sich mir entgegen, doch streift nicht einmal das Haar zurück, das in die Stirn sank und sich unter den langsamen Bewegungen der Wimpern regt. Abermals erfassten mich die blauen Augen und sorgfältig scheinen sie abermals zu verfolgen, wie ich mich nähere.

Was ich vor mir zu sehen glaube, ist eine Hülle, leer von jeglicher Kraft oder Spannung. Wie schwer lastet er auf der Matratze, während allein das Driften seiner Pupillen ein Leben beweist. Was man ihm verabreichte, entriss ihm jede destruktive Kraft. Zum ersten Mal, seit er erwachte, wird diesem Körper Entspannung zuteil, denke ich, als ich mir abermals den Stuhl heranziehe und mich in gewohnter Distanz niederlasse. Ein angedeutetes Lächeln formt meinen Mund, leise strömt vor mir ein tiefer Atemzug und dann verfolge ich die Bewegungen der Lippen, die sich aufeinander bewegen. Die Verletzung der unteren scheint abermals aufgebrochen zu sein. Wenn das Blut auch weggetupft wurde, noch immer erzählt sie mit lauter Stimme eine Geschichte.

Fortwährend bleiben Lennards Augen auf mich gerichtet. Ich spüre seine ins Leere fallende Betrachtung, als ich eine Schramme an seinem Unterarm bemerke. Wie schwer die Panikattacke war, kann ich nur vermuten, doch sie führte an diesen Punkt und unweigerlich zu Veränderungen. Nichts kann rückgängig gemacht werden und umso durchdachter hat jeder Schritt zu sein.

Hier an diesem Wendepunkt, an dem Lennard von der bedeutungsvollen Angst gepackt wurde. Ich frage mich, ob es meine Worte waren, die ihn dazu trieben, gemeinsam mit der Realität, von der sie zeugten. Auch ich hole tief Luft, bevor ich Lennards Blick erwidere und einmal mehr in seinen Augen zu lesen versuche. Er ist müde, jedes Blinzeln träge. Ein kurzes Zucken seines Daumens, bevor eine weiter herabgleitende Strähne sich unter jedem seiner Atemzüge wiegt. Die Dämmerung, in der er driftet, muss warm und behütend sein. Nachdem seine Seele ihm das Fürchten lehrte, erlebt er hier eine Auszeit ohne Zeit, Geräusch oder Bedrohung.

Und ich leiste ihm Gesellschaft, ohne die Stille zu brechen, den Kampf seiner Augen verfolgend. Immer schwerer scheinen die Lider zu werden, im Laufe der Zeit heben sie sich nur noch schwerfällig und wohl mit erheblicher Überwindung, bis er nach einer Stunde endgültig schläft. Die Müdigkeit siegt über das Misstrauen, das er jedem Fragment seiner Umwelt gegenüber zu empfinden scheint. Vielleicht fiel es ihm auch leichter, während er mich ansah und ich ihm wortlos versprach, bei ihm zu bleiben. Ich lehne mich zurück, als sich seine Atemzüge vertiefen und wie aufmerksam nutze ich dann die Gelegenheit der einseitigen Betrachtung.

Kurz wirkte es, als wäre sein Schlaf tief und ruhig, doch schnell bemerke ich das Zucken seiner Lider. Ein Traum erreicht ihn, kaum dass er sich aus der Realität zurückzog und nur wenige Augenblicke später zuckt sein ganzer Leib. Unentwegt windet er sich vor mir und von einer Seite auf die andere, stets nur wenige Momente der Ruhe genießend. Seine Lippen formen sich bisweilen, lassen mich auf Worte hoffen, die Gewissheit schenken, doch stets bleibt es bei einem Ächzen, das in einem Röcheln versiegt. Nichts gibt er preis und während er sich selbst in einem so fernen Zustand vor mir verschließt, beobachte ich seine Augen und stelle mir die Frage, was für eine Welt sie erleben.

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Sein Körper scheint ein einziger dumpfer Brodem aus Schmerz zu sein. Eine erstarrte Masse, nicht in Bewegung zu versetzen und so unscheinbar auf dem Polster des Sofas. Nicht einmal sein Atem erhebt sich hörbar, sickert vielmehr über seine Lippen wie ein dünnes Bächlein, das sich vor der Welt fürchtet. Der Schweiß auf seiner Haut ist in der Zwischenzeit getrocknet. Noch immer haften vereinzelte Strähnen auf seiner Wange. Sein Gesicht ist so blass, als hätte sich selbst jegliche gesunde Farbe vor Graus davongestohlen und wie entrückt folgen seine Augen dem Mann, der sich schlendernd durch den Raum bewegt.

Nackt trottet er seiner Wege, stets begleitet von den grauen Fetzen des Zigarettenrauches und am Ohr das Handy. Seit mehreren Minuten erhebt sich seine Stimme in fließendem Spanisch. Die Welt um ihn herum stinkt nach Vanille, doch Lennard nimmt den Geruch kaum noch wahr. Keine Regung lässt er sich entgehen, während er auf der Seite liegt, die Beine angezogen und mit dazwischen geklemmten Händen. Die einst feuchte Schicht auf seinen Fingern trocknete mittlerweile, bildet nun einen klebrigen, porösen Überzug. Alles, was er riecht, ist Schweiß, Blut und der säuerliche Geruch von Sperma.

Mit einem Brennen erinnern ihn seine Augen daran, dass er blinzeln muss und nachdem er es tat, da bietet sich ihnen dasselbe Bild. Der nackte Körper des Mannes und die hölzernen Wände des Bungalows. Dabei wartet er darauf, dass sich die Welt um ihn herum verändert und der kalte Mantel aus Schmerz und Entsetzen sich von ihm löst. Jedes Mal, wenn er die Augen öffnet, erhofft er sich den Anblick seines Zimmers und die Tatsache, dass es sich um einen abgrundtief makabren Traum handelte. Doch der Schmerz ist real. Auch der Mann ist es.

In seinem Rachen brennt Säure. In seinem Magen befand sich nichts, das er hätte erbrechen können und so blieb es bei der Übelkeit, unter der sein Bauch krampft.

Gleich ist es vorbei, sagt er sich, als er unter dem dumpfen Schmerz die Augen schließt.

Was hier geschah, geschah nicht mit ihm, geschah nicht in seiner Welt und nicht mit diesem Mann, der aus einer anderen stammt. Die Distanz ist zu groß zwischen den Grausamkeiten der Realität und seiner Wirklichkeit. Was hier geschah, ist nicht logisch, nicht möglich und noch immer ist er weit entfernt von jedem Begreifen, die Beweise negierend, die erdrückend auf ihm lasten. Natürlich wehrte er sich nicht und er empfand es nicht als grotesk, dass er in jedem Moment, mit jeder Berührung und bald auch jedem Schmerz darauf wartete, das Bild mitsamt seiner Wirklichkeit zerbrechen zu sehen.

Es würde binnen einer Sekunde zerreißen und sich verflüchtigen, wie es Träume so an sich haben, wenn sich der Alarm des Weckers meldet. Doch der Schmerz bleibt, auch der nackte Körper des Mannes löst sich nicht auf und dann scheint sich die Tür des Hauses zu öffnen. Der Traum fließt dahin, auf wenige, langsame Schritte auf dem hölzernen Boden folgt Stille und während sich fortwährend die Stimme des Schakals erhebt, spürt Lennard hinter sich die Gegenwart eines anderen. Säuerlich und dünn erreicht ihn die Aura eines fremden Mitspielers, während das Handy auf der anderen Seite des Raumes endlich sinken gelassen wird.

„Wir verschwinden“, erhebt sich dann die Stimme des Schakals; hinter dem Sofa knarrt der Boden unter einer Regung. „Geht vor.“

Grauer Staub erhebt sich über einen vollen Aschenbecher, als sich die Zigarette im Meer der Leichen versenkt. Dann wiederholt Schritte, das leise Scharren der Tür und als Stille einkehrt, versucht sich Lennard in einem Schlucken. Durchaus peinigend ist der Druck, der sich wie ein Geschwür in seinem Rachen ausbreitet. Der Traum will nicht enden und wie irritiert bemerkt er, wie seine Sicht verschwimmt. Nur undeutlich sieht er kurz darauf die Bewegungen, in denen sich der Mann ihm nähert.

Wie er sich hinab beugt und in seine Shorts steigt. Vielleicht sieht er ihn an. Vielleicht ist es nur ein fliehender Blick. Auf ein Blinzeln folgt ein Kitzeln, das zärtlich über seine Nase driftet und das Antlitz seines Peinigers schärfer umrandet. Noch immer ist sein Haar so zerzaust, noch immer seine Augen so stechend, als er vor dem Sofa in die Knie geht, die Ellbogen auf die Oberschenkel stemmt, es bequem hat.

Weich zurück, glaubt Lennard irgendwo in seinem Inneren ein Flüstern wahrzunehmen, doch sein Körper ist nur noch Schmerz und Starre, als die fremde Hand sein Gesicht erreicht und das fragile Gefühl, erst vor kurzem in ihm zum Leben erwacht, haltlos vertieft. Er ekelt sich vor den Fingern, die sich auf seine Stirn setzen, sein Haar zurückstreichen und sich verhalten, als wären sie verliebt. Er ekelt sich vor dem angedeuteten Lächeln auf den Lippen des Schakals, vor jedem Zentimeter seines Körpers und der Erinnerung, was er mit ihm tat. Wie pulsiert diese Abscheu in ihm, wie verzerrt sie seine Muskeln und doch liegt er nur dort, sich nicht regend, als würde er dadurch verschwinden. Das erneute Kitzeln auf seiner Schläfe stirbt unter einer weiteren Berührung der Finger, die ihn soeben noch packten und quälten.

„Du bist wunderschön“, dringt es dann zu ihm, das schmachtende Flüstern der Lippen. Flüchtig verstärkt sich der Druck der Hand, erinnert unweigerlich an die Kraft, die sie aufbrachte, obwohl jeder Widerstand ausblieb. „Du solltest dich anziehen. Davor kannst du duschen, aber lass dir nicht zu viel Zeit. Wir müssen weiter, du und ich.“

Mit dem nächsten Blinzeln bietet sich Lennard die Wirklichkeit. Kein Traum, der unter jeder Brise zerreißt.

Was hier geschieht, ist fest und unbeugsam, ist real und nicht zu verleugnen. Er liegt hier auf dem Polster, das er mit seinem Blut säumt und in sich zusammengekrochen, bis er kaum noch existiert. Tatsächlich kauert dieser Mann vor ihm und tatsächlich wurde er von ihm vergewaltigt. Letztendlich ist die Hand, die ihn liebkost, ebenso wirklich wie die Worte, die kalt das Bewusstsein zu ihm zurückkriechen lassen. Unweigerlich formen sich seine Lippen, abermals angstvoll getrieben und doch vor der Hürde zaudernd. 

„Sie lassen mich nicht gehen?“, bringt er letztlich hervor und sieht, wie sich das Lächeln beinahe bemitleidend vertieft. Es ist die Geste eines Erwachsenen, der die Dummheit eines Kindes verhöhnt und letztlich beugt er sich nur hinab und küsst Lennards Ohr.

Schwer und stählern ist die Schranke, die sich somit senkt. Undurchschaubar in ihrer Masse und ihn von allem trennend, das hinter ihm liegt. Die Geste des innigen Kusses, den der Schakal in seinen Schopf bettet, beendet alles Schützende. Kein Traum, keine Fantasie. Die Realität ist nicht nur grausam, sie ist es überall und bis in jeden Winkel der Welt hinein.

Als er bald darauf und abermals auf dem Polster des Rücksitzes liegt, macht ihn nur sein nasses Haar darauf aufmerksam, dass er geduscht haben muss. Der Film läuft langsamer, springt mitunter in den schrillsten Facetten und wie ungläubig verfiel er der alten Starre. Noch immer den tobenden Schmerz in sich, starrt er auf die Kante des Fensters und zu den Ecken der Welt, die noch zu ihm dringen. Der Brünette fixiert sich auf die Straße und der Gestank nach Vanille erfüllt den Wagen. Die Situation wiederholt sich, nur der Mensch unter der Kleidung ist ein anderer.

„Fliegst du gerne?“ Flüchtig wendet der Schakal das Gesicht zu ihm. „Sicher tust du das. In weniger als sieben Stunden sind wir in Costa Rica.“

An angedeutetes Lächeln, kurz darauf erwacht das Radio zum Leben und als Lennard für einen Augenblick den Gesang einer Geige vernimmt, scheint es, als würde sie zitternd eine Elegie für ihn zustande bringen. Eine Klage über Verlust und Abschied, bis ihr zärtlicher, weinender Ton von einem anderen Sender und vom dumpfen Beat eines Technostückes abgelöst wird.

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-tbc-

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