Die Melodie des Niederganges

Lennard, der Sohn eines reichen Staatsanwaltes, führt ein geborgenes, angenehmes Leben, bis es zu einem irrealen Bruch kommt und er sich in einer kriminellen, gnadenlosen Welt wiederfindet, die ihn bedroht, verletzt und an seiner Seele kratzt. Um zu überleben hat er Entscheidungen zu treffen, die in seiner bisherigen Existenz nie eine Rolle spielten. Je mehr er sich der Dunkelheit anpasst, desto weniger ist er in der Lage, das Licht der Normalität zu ertragen.

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Es ist eine kleine Pension, in der ich die nächste, unbestimmte Zeit verbringen werde. Nicht weit entfernt, bietet sie mir jede Grundlage für Konzentration und Grübelei. Stunde um Stunde kann ich mich über meine Mappe neigen, ohne dass die rote Schnur in meinen Gedanken unterbrochen wird. Das Fenster neben mir steht offen, als ich zum ersten Mal an dem kleinen Tisch sitze und den Kugelschreiber über das Papier führe. Das Kratzen seiner Miene vermischt sich mit dem Zwitschern der Vögel und dem Rauschen der Bäume.

Die Straße ist zu weit entfernt, um auf sich aufmerksam zu machen. Auch die Karte an der Tür untersagt jede Störung, während ich mich an jeden meiner Eindrücke zu entsinnen versuche. Ich möchte Lennard figurieren, darstellen, was er mir an Attitüde offenbarte und möglicherweise in diesem Gespinst eine Spur finden, der es sich zu folgen lohnt.

Wie oft driften meine Augen durch den Raum, ohne ihn zu sehen. Gelegentlich lehne ich mich zurück, strecke mich, klemme mir nach zwei Stunden eine Zigarette zwischen die Lippen und betrachte mir meine Notizen, während der graue Rauch vor mir aus dem Fenster driftet.

Lennard scheint verstummt.

Seine Sprache mag fast zum Erliegen gekommen sein und selbst sein Körper teilte sich nur leise mit. Schwach und nur noch instinktiv bahnen sich tiefe Emotionen ihren Weg zur Oberfläche und so sehe ich noch vor mir, wie seine Finger tasteten, in stetiger unruhiger Bewegung, doch ohne Ziel. Auch seine Zähne, die die Unterlippe zerbissen und wohl so einiges zurückhielten, das drohte, nach außen zu strömen.

Es sind fremde Verhaltensweisen, die in den sanften Charakter des jungen Mannes gepflanzt wurden.

Widersprüchlich bis aufs Letzte, doch anscheinend in all der Tragik notwendig, um zu schützen, was als Leben bezeichnet wurde.

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In der Dunkelheit, die ihn umgibt, existiert vorübergehend nur sein Herzschlag.

Dumpf pocht er in seinen Ohren, während er am Boden kauert, blind durch das Tuch, das sich über seine Augen legte, fixiert mit Kabelbindern, die sich um seine Handgelenke zurrten und verstummt durch jede Gewalt, die er über sich ergehen zu lassen hatte. Der Boden unter seinen Knien ist hart. Bevor man ihn hinab zwang, meinte er ein Knistern zu hören, doch nun ist es ruhig um ihn herum. Bisweilen mischen sich leise Schritte unter das Rasen seines Herzens und den zitternden Atem, der vorsichtig über seine Lippen streift. Er regt sich nicht, bis er dazu aufgefordert wird.

Das beißende Pulsieren seiner Arme macht die Erbarmungslosigkeit der Hände, die ihn wie Schraubstöcke umgriffen, zur Gegenwart, in der er jeden erneuten Kontakt vermeiden möchte. Auch sein Kopf entsendet noch immer leichten Schmerz. Als man ihn in einen Wagen zerrte und ihm jedes Gleichgewicht nahm, traf seine Stirn auf den harten Untergrund. Diese Pein steht nicht im Vordergrund, doch fügt sich nahtlos ein in den dumpfen Brodem aus Angst und Überforderung.

Vor seinen Augen sieht er noch das Bild der Straße, die er in der üblichen Eile überquerte. Das Bistro, in dem er essen wollte, war nicht mehr weit entfernt und dann riss der Film und ließ ihn hineinstolpern in diese seltsame, makabre und andere Realität. Kein Wort wurde an ihn gerichtet, weder Erklärung noch Drohung. Er hörte nur das Knacken der Handbremse, bevor man ihn zu weiteren Schritten zwang und ihn auf dem raschelnden Untergrund zum Stillstand brachte. Nur vorsichtig regt er die Finger.

Seine Handgelenke entsenden ein Brennen. Das Plastik scheint sich in seine Haut geritzt zu haben und obwohl es seine heiligen Werkzeuge sind, deren Beschädigung er befürchtet, er würde keinen Ton über die Lippen bringen. Seine Schultern heben und senken sich unter raschen und doch lautlosen Atemzügen, während sich um ihn herum abermals Schritte erheben. Das Klicken eines Feuerzeuges lässt ihn zusammenzucken, dann erreichen ihn das unverständliche Gemurmel von Stimmen und ein Luftzug, der zärtlich ist und nach Sommer riecht.

Es war ein schöner Tag, glaubt er sich zu erinnern, bevor man ihn herausriss aus seiner beständigen Sicherheit und längst pulsiert neben dem Schmerz auch ein Gewitter aus Fantasien in seinem Kopf. An eine Verwechslung glaubte er nur zu Beginn und auch nur andeutungsweise, bevor er sich an die Position seines Vaters erinnerte und realisierte, dass das Drama im Film auf wahren Begebenheiten basieren muss.

Er glaubt Augen auf sich zu spüren, als abermals der leise Klang von Schritten um ihn streicht. Wie ein Raubtier umkreist man ihn und nur zögerlich wendet er das Gesicht in die bedrohliche Richtung. So wie er sich wünscht, der Stoff würde sich auflösen, so sehr sehnt er sich auch danach, sich von Kopf bis Fuß in ihm einzuhüllen und dadurch selbst zu verschwinden. Noch nie fühlte er sich so nackt und ausgeliefert. Jedes Geräusch, das sich auch nur gering von den Gewöhnlichen abhebt, lässt ihn in sich zusammenfahren und wie endlos wirkt die Schwärze, die ihn umgibt, bis er in der Ferne den Motor eines Wagens vernimmt.

Jemand nähert sich und abrupt verstummen die Schritte, die ihn soeben noch umkreisten.

Die schwarze Welt scheint inne zu halten und sie bleibt still, bis der dumpfe Ton einer zufallenden Autotür ihre Atmosphäre zerreißt. Was auch immer geschieht, rast der Gedanke in seinem Kopf, es geschieht jetzt und sobald ihn das Schallen der Schritte erreicht. Jemand nähert sich, jemand leistet der grotesken Situation Gesellschaft und selbst sein Atem kommt beinahe zum Erliegen, als sich abermals das Rascheln erhebt. Beinahe glaubt er die fremde Präsenz wahrzunehmen. Die Brise eines herben Geruchs erreicht ihn, als die Schritte an ihm vorbeiführen und wie zuckt er zusammen, als eine plötzliche Berührung am Kopf das Tuch von seinen Augen löst.

Eine Hand streift es von seinem Schopf, fließend gleitet der Stoff zu Boden und vorerst geblendet vom Licht der Realität und der damit verbundenen Furcht, wagt Lennard es nicht sofort, die Augen zu öffnen.

Im Gespinst seiner Überforderung glaubte er noch weitere raschelnde Schritte wahrzunehmen. Als wäre jemand an ihm vorbeispaziert. Wieder erheben sich die unverständlichen Fetzen des leisen Gemurmels, als er zögerlich die Lider hebt.

Es ist ein dunkles Blau, das sich seinen Augen bietet. Noch verschwommen, doch mit jedem Blinzeln klarer und kurz darauf möchte er schlucken, doch kann es nicht. Ein dumpfer Druck baut sich in seinem Rachen auf, als er sich in einem Quadrat aus Müllsäcken kauern sieht. Penibel wurde der Boden um ihn herum ausgestattet und unweigerlich fällt sein Blick auch auf eine nicht weit entfernte Sporttasche. Ihr Reißverschluss ist geöffnet. Zwei rote Griffe ragen aus einem Stück ihres Schlundes und so sehr Lennard auch würgt, der Druck in seinem Hals vergeht nicht und raubt ihm die Atemluft.

Auch weiterhin erhebt sich das Murmeln neben ihm, doch eine zielstrebige Bewegung genügt, dass er sich losreißt von der Betrachtung und zur Gestalt des Neuankömmlings späht. Es sind mehrere Männer, die um ihn herum stehen, die geduldig warten, als Zuschauer dieser makabren Szene, doch dieser eine ist es, der Lennards Aufmerksamkeit lockt. Er sieht seine Kehrseite, außerhalb des blauen Quadrats.

Eine große Gestalt, gekleidet in einen schwarzen, lockeren Anzug. Ein brünetter, leicht zerzauster Schopf, ganz kurz auch das Profil, als der Mann zur Seite späht, doch es ist der graue Stahl einer Beretta, der sämtliche Beachtung letztendlich gierig für sich beansprucht. Nur flüchtig erkennt Lennard sie in der Hand des Mannes, hört auch das Klicken, als ein Finger routiniert die Waffe entsichert. Und wie tief und heftig ringt er nach Atem, als der Mann sich ihm zum ersten Mal zuwendet.

Es ist eine langsame und beiläufige Bewegung, ebenso bedächtig richtet sich die schwarze Mündung auf sein Gesicht und erst als seine Lungen keinen Sauerstoff mehr aufnehmen können, endet sein Atemzug. Es ist das letzte Luftholen vor dem Sprung, ganz sicher der letzte Atem, der über seine Lippen dringt und die grünen Augen des Mannes das letzte, das sich in seine Netzhaut brennt.

Er ist sich sicher, doch abrupt erfriert die Situation.

In der letzten Sekunde seines Lebens, so scheint es, bleibt die Zeit stehen und während er empor starrt zu seinem Vollstrecker, keines Blinzelns fähig, scheint dessen Mimik in einem plötzlichen Ausdruck von Ungläubigkeit und Entrüstung erstarrt. Reglos hält seine erhobene Hand die Waffe, umso lauter und schneller rast der Puls in Lennards Ohren und wie lange harren sie aus, wie lange starren sie einander an, bevor der Mann zum Leben erwacht. Seine Brauen verziehen sich, als er den Kopf schief legt. Seine vorrangige Empörung scheint sich abrupt in Irritation zu neigen und wie unerwartet dringt ein weiterer Atemzug über Lennards Lippen. Er atmet aus, dünn und zitternd, der sich senkenden Beretta mit den Augen folgend.

Beinahe wäre es dunkel geworden.

Vielleicht hätte er den Schuss noch gehört, bevor sein Blut das Plastik der Müllsäcke marmoriert. Es wäre binnen einer Zehntelsekunde geschehen und nichts an der Art des Mannes hätte ihn daran zweifeln lassen, dass er abdrückt. Gewohnheit begegnete ihm, fast schon der Hauch von Überdruss und Langeweile, doch mit einem Mal weichen selbst diese Emotionen aus dem Gesicht des Mannes. Nur eine verhaltene Bewegung aus den Reihen der Anwesenden dringt zu Lennard, als sich ein leises Murren erhebt.

Als der Mann die Nase rümpft, ähnelt er einem Schakal. Selbst die Betrachtung seiner Augen, die Lennard von Kopf bis Fuß figurieren, wirkt wölfisch und verstohlen. Die nächste Regung der Waffe besteht daraus, dass sie blind zum Hintermann geworfen wird und während die eiligen Hände sie fangen, setzt er sich in Bewegung. Wieder ertönt das Rascheln, wieder setzen sich seine Schuhe auf den blauen Untergrund und dann erreicht er Lennard und geht vor ihm in die Knie.

Weich zurück, fordert seine Angst, doch sein Körper bleibt starr in der unangenehmen Präsenz des Raubtiers. Nicht einmal zurücklehnen kann er sich, als der Mann jählings die Hand hebt und sein bleiches Gesicht berührt. Seine Haut fühlt sich rau an, als sie sich auf seine Wange bettet und so vorsichtig dieser erste Kontakt auch erscheint, der Druck, mit dem er Lennards Gesicht zur Seite wendet, ist weitaus energischer. Es bleibt bei einer stummen und doch eindeutigen Aufforderung und kein Deut des Widerstandes lässt Lennard zögern, sich mustern zu lassen. Irritiert spürt er die anhaltende Rauheit der Hand, bevor er das Gesicht abermals dreht, stetig unter der Fixierung des Schakals.

„Mm“, erhebt sich bald darauf sein erneutes Brummen und erst als sich seine Hand endlich von Lennards Gesicht löst, lehnt sich der junge Mann um ein belangloses Stück zurück. Die Berührungen des Älteren und seine Präsenz an sich erwecken nicht nur ein ungutes Gefühl in ihm. Es bleibt nicht bei dem seltsamen Druck im Rachen oder dem kalten Schauer, der ihm durch den Körper fuhr.

Dieser Mann macht ihm Angst.

Mit jedem Fragment seiner Ausstrahlung und jedem Deut seiner Bewegung.

Mit dünnem Atem verfolgt er, wie die Bestie die Zähne fletscht. Der Mann schürzt die Lippen, bevor er sich das Kinn reibt und während die Kugel zwar tödlich jedoch nicht zu spüren wäre, bleibt sein Blick langwierig und ätzend wie eine Säure, die sich bei der Zerstörung Zeit lässt.

„Weißt du“, erhebt er dann die Stimme auf bequeme, blasierte Weise, „eigentlich wollte ich dich zersägen lassen und deinem Vater ein Kunstwerk aus deinen Gliedmaßen bauen. Das fleißige Bienchen sticht mich nicht, aber es umschwirrt mich immerzu. Dauernd höre ich sein Brummen, dauernd saugt es an meinen Blumen und das stört mich. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Just in dem Moment.“ Ein Seufzen begleitet das erneute Heben seiner Hand. Abermals bettet sie sich auf Lennards Wange und verstört erkennt der junge Mann ein Zerren an den Lippen des Schakals, das vermutlich als Lächeln gelten soll. „Zum Teufel mit all den Bienen und ihrem Summen.“ Innig beginnt die Hand ihn zu streicheln. „Ich hasse Störungen aber Schönheit liebe ich mehr.

Ich kann deinem Gesicht nicht mit einer Kugel schaden. Zur Hölle mit den monotonen Konventionen der Rache. Dich behalte ich.“

Als er auf die Beine kommt, zieht er Lennard mit sich und wie unmenschlich empfindet der junge Mann diese fremde Kraft. Die Hand wanderte so unscheinbar unter seinen Arm, doch als der Zug folgt, wird er mitgerissen, als hätte nicht einmal der Gedanke an Widerstand Energie gefunden. Keine Anstrengung scheint es indessen zu kosten, ihn emporzuziehen und wie makaber ist die Tatsache, dass die Hand, die ihm in Unerbittlichkeit treu bleibt, ihn nicht nur fixiert sondern auch stützt. Seine Knie wollen versagen, Schwindel setzt die Welt um ihn in Bewegung, doch es ist unmöglich, zu Boden zu gehen, wenn dieser Arm ihn hält.

„Ihr könnt aufräumen“, dringt die Stimme des Schakals an seine Ohren, als er langsam herumgezogen wird. Die Tasche mit dem roten Griff driftet durch seine Wahrnehmung, abermals rascheln unter ihm die Säcke und wie unsicher ist jeder seine Schritte, als er aus dem blauen Quadrat geführt wird. „Wir sind hier fertig.“

Schnell verstummt das Rascheln unter ihren Füßen. Grauer Beton ebnet von da an ihren Weg und nur flüchtig späht Lennard um sich, als er beiläufig und doch mit eiserner Entschiedenheit zu einem schwarzen, noblen Wagen gelenkt wird.

Der Griff um seinen Arm scheint sanft, doch nur ein angedeutetes Streben in die andere Richtung würde ihn schmerzhaft und spürbar machen. Von dieser Natur ist auch die Berührung der Hand im Nacken, nachdem der Mann die hintere Tür öffnete. Ein knappes Nicken, der kalte Hauch eines Lächelns und nur kurz begegnen sich ihre Blicke, bevor Lennard hinab und auf die Rückbank des Wagens gezwungen wird. Und als er ungelenk auf das schwarze Polster sinkt und sich die Tür hinter ihm schließt, da glaubt er die Luft einer anderen Welt zu atmen, die ihn soeben verschlang.

Sie scheint kaum Sauerstoff zu enthalten, versenkt sich dumpf und bitter in seiner Lunge und ist erfüllt von einer herben Vanillenote. Scheu und widerwillig verflacht sich seine Atmung und wie starr verfolgt er anschließend, wie der Mann vor ihm hinter das Lenkrad sinkt. Ruhig und bedächtig wirken seine Bewegungen, routiniert auch der Griff zu einem goldenen Etui und als der Motor zum Leben erwacht, verteilte sich längst der graue Rauch einer Zigarette im engen Raum.

Sie ist es, die den Gestank entsendet. Auch die offenen Fenster sind der Intensität nicht gewachsen, doch als sich der Wagen in Bewegung setzt und sich geschmeidig entfernt vom letzten Ort, den er sehen sollte, da stirbt das Kratzen in seiner Lunge. Unterworfen vom dumpfen Klopfen seines Herzens, driftet es aus seiner Wahrnehmung und mit jedem Meter, den die Räder überwinden, wird er mitgerissen von einer Nervosität, die aus einem verborgenen Winkel schnellte und ihn eiskalt packte.

Was ihn bis jetzt und zum Bersten füllte, war die Angst durch jegliche Gewalt, die er erfuhr, die Angst auch um sein nacktes Leben und vor den roten Griffen. Er fürchtete die Männer, fürchtete sich vor der Waffe, vor der Bedeutung der blauen Säcke und wie abgrundtief war sein Grauen letztlich auch vor dem Mann, der wie aus dem Nichts erschien und sofort die Herrschaft an sich riss.

Doch nun, da er in diesem Wagen sitzt und die Welt still auf der anderen Seite des Fensters vorbeidriftet, da steigt bitter und brennend eine Frage in ihm höher. Wie Magensäure kriecht sie in seinen Rachen und wie bewegt er die Lippen aufeinander, während er auf den wirren Schopf des Mannes starrt, dessen Hand bequem hinter dem Lenkrad pendelt. Er sagte etwas zu ihm, bevor er ihn in die Höhe zog, doch wie schwer fällt es ihm, sich an die Worte zu erinnern.

Ein kühler Schauer fließt durch jede Faser seines Körpers. Der enge Raum, in dem er sich windet, gleicht einem kalten Kokon aus Angst und Unsicherheit. Wie blind fühlt er sich, da er den Weg vor sich nicht sieht und erst recht nicht das Ziel. Er weiß nicht um den Zweck der Schritte, zu denen er gezwungen wurde und auch jetzt ahnt er nicht, weshalb sich dieser Wagen bewegt und wohin. Dünn sind die Fäden, an denen er baumelt, während er keinen Boden unter sich sieht. Möglicherweise ist es nur ein anderer Ort, an dem die Kugel seine Stirn liebkosen wird.

Möglicherweise nur wenige Minuten oder Stunden, die ihm in Sinnlosigkeit zur Verfügung gestellt werden. Annähernd schmerzhaft ist das Verlangen seiner Lippen, dem Drang der Zunge nachzugeben.

Eine Frage muss formuliert werden, doch während das Unwissen ihn nahe um den Verstand bringt, fürchtet er sich doch umso mehr vor der Gewissheit. Wie vernarrt starrt er auf den brünetten Schopf, wie ringt er mit sich, den Schmerz seiner Handgelenke vergessend und alles, was um ihn herum existiert. Er sieht nicht die abgelegene Umgebung, durch die der glänzende schwarze Lack driftet, riecht bald darauf nicht einmal mehr die penetrante Vanillenote und wie unzählbar erscheinen die Minuten, die hinter ihm liegen, bevor die Stimme aus ihm sickert, als würde der Körper sie nicht mehr länger in sich ertragen.

„Wie geht es jetzt weiter?“, flüstert er vielmehr als dass er spricht und doch wendet sich das Gesicht des Mannes gleich zur Seite. Der Mann nahm teil an seinem Schweigen. Die zweite Zigarette wippt zwischen seinen Lippen, als Lennard sein Profil sieht.

„Du musst keine Angst haben“, antwortet er dann nur und lauscht der zurückgekehrten Stille.

Kein weiteres Mal wagt es Lennard, die Stimme zu erheben. Abermals könnte er die Frage stellen, könnte es tun, bis er eine Antwort erhält, die den leeren Raum seines Unwissens füllt, doch sein Wesen ist nicht geschaffen, um zu appellieren und zu fordern. Was er an Mut in sich trug, formte sich zu einer einzigen Frage und so schweigt er, während sich die Bitterkeit in seinem Mund mit dem Geschmack von Vanille verbindet.

Die Welt um sie herum wird kaum lebendiger. Die Fahrt, die er auf dem Boden des Vans zubrachte, muss länger gewesen sein, als es auf ihn den Eindruck machte. Bald darauf sind es nur noch Felder und Wiesen, die er sieht, durchwoben von Hügeln und vereinzelten Schuppen. Nachdem die dichten Stämme eines kleinen Waldstückes den Blick zum Horizont verwehren, bewegt sich der Wagen nur noch wenige Minuten voran, bevor er im Kern des Dickichts eine Lichtung erreicht.

Die hölzerne Fassade eines Waldhäuschens bietet sich Lennards Augen, als die Handbremse knackt. Absolut ungeeignet, sich neben dem teuren Lack des Wagens zu erheben.

Abermals öffnen sich die Türen, abermals auch der Griff um Lennards Arm und wie zögerlich atmet er die Luft des Waldes. Längst erhob sich ein Stechen hinter seinen Schläfen. Wie angenehm ist es, sich von den Polstern zu lösen und ebenso aus dem dumpfen Smog aus Zigarettenrauch. Das Zwitschern der Vögel umgibt ihn, als er zur Tür des Häuschens geführt wird. Eine Stufe führt auf die Terrasse, bevor ein Schlüsselbund raschelt und wie dunkel erstreckt sich kurz darauf der Innenraum des Bungalows vor ihnen. Ihre Schritte geben einen dumpfen Ton von sich, bevor sie verstummen und nur beiläufig vernimmt Lennard das erneute Knacken des Schlosses, als er um sich späht.

Das Inventar erweckt den Eindruck, die Hütte würde den Zweck eines notdürftigen Versteckes erfüllen. Die Kochecke scheint nie benutzt worden zu sein, das Sofa noch nie jemanden getragen zu haben. Die Bildfläche des kleinen Fernsehers ist schwarz und leblos, der Boden hölzern und kahl. Es gibt kaum etwas, das von Leben zeugt und doch hängt auch hier der widerliche Vanillegeruch in der Luft.

Wieder erreicht ihn die Hand, wieder lässt er sich ziehen und selbstverständlich ohne Protest auf das Polster des Sofas hinab zwingen. Nur ein Druck auf seine Schultern und kaum spürt er die weiche Fläche unter sich, drängt eine Hand seinen Oberkörper nach vorn und hinab, um seine Handgelenke zu erreichen.

Als sich die Kabelbinder von seiner Haut lösen, dominiert der Schmerz flüchtig sein Bewusstsein. Ein Stechen begleitet die alte Freiheit seiner Hände und nur zögernd bewegt er die Arme aus den Grenzen der Fixation hinaus. Selbst seine Schultern beklagen sich und wie vorsichtig betastet er kurz darauf die geröteten, mitunter blutigen Spuren der Fesselung. Vor ihm schiebt sich die kleine Klinge des Messers zurück in ihre stählerne Hülle. Nur flüchtig sieht er die Schneide verschwinden, bevor das Taschenmesser sich in einer der Hosentaschen versenkt.

Noch immer baut sich die Gestalt des Mannes vor ihm auf, während er zögerlich seine Handgelenke bewegt. Er vermeidet es, ihm in die Augen zu sehen, fühlt sich auf dem Polster zwar klein, doch sicherer ohne die Gegenwart dieses grotesken Blickes und der Hand, die Schmerz hervorruft.

Kaum ein Geräusch erhebt sich um sie herum, als die Finger des Mannes flüchtig über den Stoff der Hose fahren. Vorerst ziellos, als wollten sie sich von Schmutz befreien, doch unter der wachsamen Betrachtung der besorgten Augen streichen sie kurz darauf zum schwarzen Leder des Gürtels. Und Lennard spürt es. Permanent lastet auf ihm das erdrückende Gewicht der grünen Augen. In jeder Sekunde, in der er die Regungen der Hand verfolgt.

Unter dem Rasseln der Schnalle löst sich der Gürtel, zielstrebig drehen die Finger auch den Knopf aus dem Loch und erst als sie den Reißverschluss hinab ziehen, bemerkt Lennard, dass sein Atem längst versagte.

„Wie willst du es?“, dringt dann die Stimme des Schakals in seine Stille. „Simpel oder dramatisch? Kriegen werde ich dich so oder so.“

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-tbc-

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