Die Melodie des Niederganges

Lennard, der Sohn eines reichen Staatsanwaltes, führt ein geborgenes, angenehmes Leben, bis es zu einem irrealen Bruch kommt und er sich in einer kriminellen, gnadenlosen Welt wiederfindet, die ihn bedroht, verletzt und an seiner Seele kratzt. Um zu überleben hat er Entscheidungen zu treffen, die in seiner bisherigen Existenz nie eine Rolle spielten. Je mehr er sich der Dunkelheit anpasst, desto weniger ist er in der Lage, das Licht der Normalität zu ertragen.

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-Marten-

 

Als ich mich der Klinik nähere, spüre ich um mich herum eine Atmosphäre, so widersprüchlich, als wäre sie allein für diesen Tag gemacht. Das Ziel am Ende der von Bäumen umsäumten Straße scheint keine Rolle zu spielen, während der warme Sommerwind auf der Haut zu spüren ist und ich indessen nichts als die Stille der Natur höre. Das Rascheln der Bäume, die ihre langen Schatten auf den Asphalt werfen. Auch den Gesang der Vögel und das Zirpen der Grillen in den Wiesen der Umgebung.

Die Privatklinik scheint in eine von der Realität abgekehrte Welt der Ruhe versetzt. Alleine der Weg, um sie zu erreichen, gleicht einer Kur für den Verstand. Er macht die Gedanken leicht und unweigerlich driften meine zurück zu jenem Augenblick, der sich gestern zutrug.

Nach seinem entrückten Monolog schwieg Dwayne für geraume Zeit, doch er tat es nicht, weil es nichts mehr zu sagen gab. Viel eher aus dem Grund, dass er nichts zu sagen brauchte, um mich wissen zu lassen, was sich in ihm regte. Er betrachtete sich eine Weile den Boden, bevor mich sein Blick traf, seine müden, geröteten Augen, denen Schlaf und Glaube fehlte. Er sah mich an, in sich zusammengesackt wie eine Marionette ohne Fäden.

„Du bist der empathischste Mensch, den ich kenne“, hörte ich ihn flüstern. Vielleicht zwang ich ihn mit meinem Schweigen dazu, seines zu beenden. „Und du bist mein bester Freund, Marten. Mein Sohn ist Glas. Ich habe nicht genug Vertrauen, um ihn in fremde Hände zu geben, denn ich befürchte, dass er zerbricht.“

Während sein Blick weiterhin bittend auf mir lastete, erinnerte ich mich unwillkürlich an Momente, in denen ich den Kopf schüttelte und Akten aus der Hand gab. Das abrupte Auftauchen dieser Gedanken wirkte wie die manifeste Warnung meines Verstandes.

„Du bist zu involviert“, schien er mir zu sagen. „Deine emotionale Distanz zu diesem Patienten genügt nicht annähernd. Sein Leid wird dich nicht unberührt lassen und deine Professionalität Schaden nehmen.“

Kein Therapeut, in dem ein Konflikt herrscht, kann Heilung hervorbringen. Auch Stärke kann er nicht geben, wenn Zweifel ihn schwächen. Und wie sollte er die Wut des Patienten tragen, wenn es selbst Wut in ihm gibt über alles, was geschehen ist. Einem Menschen als Therapeut zu begegnen, heißt in erster Linie Festigkeit zu schenken und den sicheren Hafen zu symbolisieren. Dieser Halt ist der Nährboden für alles, das dem Vertrauen gleichkommt und in der langen Stille, die über uns hereinbrach, versuchte ich abzuwägen, was kaum einzuschätzen ist. Unaufhörlich meldete sich mein Stolz, der professionelle Arbeit fordert und die Ausgrenzung jedes schädlichen Faktors.

Die Unterstützung, die ich biete, hat die bestmögliche zu sein und so deutlich ich Lennard auch vor mir sah und so sehr ich auch meine damit verbundenen Gefühle zu lesen versuchte, kaum näherte ich mich einer Wahrheit, die glaubwürdig erschien, so verblasste das Bild vor meinem inneren Auge und ließ nichts zurück als stumme Schwärze, die gierig alles in sich barg. Das Risiko wog schwer, doch nicht erheblich schwerer als die Hilfe, die ich bieten wollte. Dwayne benötigte Sicherheit und was Lennard brauchte, hatte ich herauszufinden. So verflocht sich Objektivität mit Glaube und dem Vorhaben, größtmögliche Vorsicht walten zu lassen. Es wurde zu einem Gespinst, undurchschaubar und nicht aufzutrennen und vielleicht war das der Grund für die Wahl meiner Worte.

„Ich denke, ich kann ein paar Termine verschieben, um zu ihm zu fahren“, sagte ich und mit einem Blinzeln erwachte Dwayne aus seiner Starre. „Ich werde mit ihm sprechen, ihn erleben. Erst dann kann ich entscheiden, ob ich etwas für ihn tun kann.“

Ich weiß nicht, weshalb ich verleugnete, die Entscheidung bereits getroffen zu haben. Es war nicht nur für mich belanglos, denn Dwayne, erneut in den Kampf mit seinen Tränen verstrickt, presste nur die Lippen aufeinander und nickte. Seine Dankbarkeit glich in diesen Momenten weiterer Trauer und wie fest umarmte er mich, bevor er ging.

„Ich habe nicht daran geglaubt, je wieder den Atem meines Sohnes zu hören. Ihn zu verlieren… so muss sich die Hölle anfühlen, Marten. Am liebsten würde ich ihn umarmen und nie wieder los lassen. Aber wenn du ihn unter deine Fittiche nimmst, bin ich beruhigt. Ich kann ihn nur dir anvertrauen.“

 

Als ich das Gelände der Klinik betrete, folgt mir ein unliebsamer Begleiter.

Es ist ein Gefühl, das mir im Nacken sitzt. Mit einer leichten Kälte auf sich aufmerksam machend, ist es nicht zu verleugnen. Fraglich ist nicht nur, was mich erwartet, sondern auch die Auswirkung meiner Wahl und die Art, wie ich mit ihr zurechtkomme. Ein Schauer durchflutet mich, während ich das freundliche und helle Foyer des Haupthauses durchquere.

Ich schließe die Finger fester um meine lederne Mappe und wie großen Wert lege ich auch auf die Art meiner Schritte. Sie dürfen nicht langsamer werden. Beginnt mein Körper zu zögern, wird es meinem Kopf noch schwerer fallen, sich auf diesen obskuren Pfad einzulassen.

Bald darauf schüttle ich Hände, begrüße Kollegen, werde willkommen geheißen und nehme die Patientenakte an mich. Sie ist dünn, ihr Inhalt rar und vorläufig bette ich sie auf dem kleinen Tisch, im Zentrum der überschaubaren Konferenz.

Dr. Hutson, einer der Oberärzte der Klinik, rückt sich im gegenüberliegenden Sessel zurecht. Schräg neben mir neigt sich Dr. Miller, seines Zeichens Psychiater, zum Kaffeeservice und schenkt sich ein. Es ist ein helles, einladendes Büro, in dem wir nach wenigen Telefonaten nun aufeinander treffen. Und während ich lächle und teilnehme am ersten, noch recht belanglosen Strom der Worte, denke ich an die Tatsache, dass Lennard nach sieben Monaten nun nahe ist. Vermutlich sind es nur wenige Meter und wenige Wände, auch wenige Schritte, um ihn zu erreichen.

Mit einem tiefen, endgültigen Durchatmen lehnt sich Dr. Miller letztendlich zurück, bevor er die Stimme erhebt. Die dünne Akte ruht noch immer auf dem Tisch, als sich mein Kugelschreiber zur Mappe senkt.

„Wie Sie wissen, fand die Aufnahme von Mr. Hunter gestern Mittag statt. Im Verlauf der Reise schlief er unter dem Einfluss eines leichten Beruhigungsmittels und kam zwei Stunden nach der Ankunft wieder zu sich. Unter Beachtung der Informationen, die wir von unseren Kollegen aus Michigan erhielten, versuchten wir jede Form der Überforderung zu vermeiden.

Wir ließen ihm Zeit, sich an das Umfeld zu gewöhnen. Da er bekannter Weise auf mehrere Besucher mit Anspannung reagiert, geschah die erste Kontaktaufnahme durch eine Schwester. Sie erkundigte sich nach besonderen Wünschen, erhielt jedoch keine Antwort. Eine angebotene Zwischenmahlzeit lehnte er nicht ab, rührte sie jedoch auch nicht an. Das Aufnahmegespräch wurde vorsichtshalber erst am Abend und allein durch Dr. Miller geführt.“

„Wenn man es so nennen möchte“, meldet sich der Psychiater zu Wort. „Die Unterhaltung war einseitiger Natur und wurde vorzeitig beendet, da Mr. Hunter den Eindruck machte, dass selbst die simple Thematik zu einer Spannungssituation führte, deren Ausgang und Ausmaß ich mit meinem derzeitigen Wissen über den Patienten nicht einschätzen kann. Er scheint sich mit seinem Namen zu identifizieren, wirkte aber desorientiert bezüglich des Ortes. Auf meine Erklärungen hin reagierte er unschlüssig und ratlos, stellte jedoch keine Fragen.

Im Verlauf meines Besuches machte er den Anschein, mich nicht zu verstehen, reagierte auf direkte Fragen nonverbal aber angemessen. Seine Körpersprache war indessen eindeutig. Meine Anwesenheit war für ihn ein Stressfaktor. Nach den wenigen Minuten kann ich keine Einschätzung des Patienten liefern, doch wenn ich die bekannte Historie in Betracht ziehe und die Tatsache, dass in ihr ein Loch von sieben Monaten klafft, liegt für mich die Vermutung nahe, dass sich die Diagnose in die Richtung eines schweren Traumas bewegt.“ Eine Geste seiner Hand macht mich abermals auf die Akte aufmerksam. „Die einzige körperliche Untersuchung wurde in Michigan vorgenommen und während seiner Bewusstlosigkeit. Wie Sie den Unterlagen entnehmen werden, ist er bis auf eine kleine Platzwunde im Stirnbereich unverletzt. Er ist nicht untergewichtig und allgemein in einem sehr gepflegten Zustand.

Die einzige offensichtliche Verletzung scheint schon längere Zeit zurückzuliegen. Mr. Hunters rechter Oberschenkel weist zwei Narben auf, die die Ärzte auf eine Schussverletzung, einen direkten Durchschuss, zurückführen.“

Jedes dieser Worte nehme ich in mir auf und dann halte ich die Akte in den Händen, berühre ihre Kanten und öffne sie doch nicht. Bislang wirkt es noch beiläufig, wie sie auf meinem Schoß liegt.

„In Anbetracht Ihrer Fachkenntnis übergeben wir Mr. Hunter gerne in Ihre Obhut“, ergreift Dr. Hutson wieder das Wort. „Ebenso sichern wir Ihnen die enge Zusammenarbeit zu, die für seine Genesung ausschlaggebend sein wird. Auch bei der Erstellung eines individuellen Therapieplanes, sobald es möglich ist, ist Ihr Einfluss sehr erwünscht.“

Ein Lächeln, dann ein respektvolles Zunicken und weitere Minuten sitze ich anschließend dort, die eine Hand um den Kugelschreiber geschlossen, die andere auf der Akte gebettet.

Die Grundlage, die sich mir hier bietet, ist optimal und kann viel hervorbringen, wenn man nur richtig auf ihr aufbaut. Mein Eindringen von außen scheint nicht einmal eine Feder zu sein, die die Professionalität dieser Klinik zu kitzeln vermag. Unterstützung wird mir zugesichert und wie oft sehe ich in den Augen meiner Kollegen eine Regung aufblitzen, die die Grenze zwischen dem Willen zur Heilung und Mitgefühl verwischt.

So seltsam es auch ist, ein solcher Fall scheint sie zum Leben zu erwecken, während der reiche Adel die Klinik mitunter als Kurstätte nutzt und größtenteils über Luxusprobleme verfügt. Nach Klagen über verspannte Nacken oder zu auffällige Krampfadern begegnet ihnen abrupt eine wahre Wunde. Die Doktoren Hutson und Miller sind mir bis zum heutigen Tag unbekannt gewesen und doch weiß ich nach einer halben Stunde, dass sie aufrichtig und entschlossen sind.

Als wir uns von den Polstern erheben, habe ich die Akte noch immer nicht geöffnet. Ich behalte sie bei mir, als ich den beiden abermals die Hände schüttle und mich zur Tür begleiten lasse. Die Suiten der Patienten befinden sich größtenteils in der ersten und zweiten Etage des Haupthauses. Erneut wird mir der Weg beschrieben, mich von einer Schwester führen zu lassen lehne ich ab und dann verabschiede ich mich vorerst.

Akte und Ledermappe unter dem Arm, steure ich auf die kunstvolle Treppe zu, die sich im Foyer zur ersten Etage emporwindet. Es ist angenehm hell. Selbst einen sympathischen Geruch meine ich in der Luft wahrzunehmen, während bis auf eine ferne Klaviermusik friedliche Stille herrscht. In einer Ecke des Foyers plätschert ein kleiner Springbrunnen und als ich die Treppe erreiche, begegnet mir eine Schwester. In langsamen Schritten, gekleidet in einen dunkelroten, säuberlichen Kasack und freundlich grüßend. Der Ort ist entschleunigt, denke ich mir, als ich die Stufen empor steige.

In der ersten Etage erwartet mich eine lange Fensterfront, die etwas weiter links auf eine große Terrasse führt. Mit weißen Polstern bespannte Stühle und Liegen bieten jeden möglichen Komfort. Grüne und gesunde Pflanzen runden das Bild ab.

Der Gang, in dessen Mitte ich gelangte, ist verwinkelt und interessant dekoriert, jedoch nur unterbrochen von vier Türen. Bis zu acht Patienten beherbergt die Klinik gleichzeitig und keinen Anlass könnte es geben, diese Direktive zu missachten.

Acht Patienten, die in den Genuss eines Aufwandes kommen und einer Aufmerksamkeit, die nimmer auf die Masse anzuwenden wären. Man hält den Kreis klein, schützt Intimität und Vertrautheit und somit den ausgezeichneten medizinischen und therapeutischen Ruf der Einrichtung.

Nur kurz wende ich mich nach rechts und spähe zur letzten Tür des Ganges, bevor ich die dünne Akte öffne und auf meinem Unterarm Arm bette. Meine Bewegung ist fließend, mein Zögern aus jeder Faser meines Körpers verbannt und wie bewusst spüre ich die anhaltende Entspannung meiner Mimik, als ich zu blättern beginne. Nach mehreren Seiten voll von medizinischen Angaben stoße ich auf drei Fotos, säuberlich fixiert mit einer Klammer. Der Anlass der Bilder manifestiert sich in einem einzigen Motiv.

Es ist nicht Lennards Gesicht, das ich vor mir habe, nur einen Teil seiner Stirn, in der die gereinigte Platzwunde klafft. Sie wurde genäht, wie ich dem Bericht entnehmen kann.

Die anderen beiden Fotos zeigen die Narben, von denen Dr. Miller sprach. Wieder ist es nur Haut und still nicke ich, als ich die Annahme der Ärzte nachvollziehe. Ganz offensichtlich. Die Narbe der Eintrittsstelle ist kleiner. Die Stelle hingegen, an der die Kugel das Bein verließ, macht darauf aufmerksam, dass die Wunde ausgeprägter war. Zwei Fotos, die eine Geschichte von Schmerzen erzählen und einer makabren Begebenheit. Wo auf dieser Welt, frage ich mich, als ich umblättere, läuft man Gefahr, angeschossen zu werden. Wie auch immer die Wahrheit aussehen wird, nach der ich suche, hässlich wird sie sein und bitter.

Die letzten Seiten locken mich nicht. Auf komplexe Weise beschreiben sie lediglich, dass Lennard gesund ist. Es sind Testergebnisse und Blutwerte, die mich dazu veranlassen, die Akte sinken zu lassen und indem ich sie schließe, lasse ich die letzte Hürde hinter mir und jede Rechtfertigung, weiterhin zu zögern.

Wieder wende ich mich nach rechts und gönne mir einen tiefen Atemzug.

Ich versuche mir selbst zu suggerieren, dass es ein Fremder ist, den ich gleich vor mir haben werde. Keine Person, die mir mehr bedeutet, als es meine Profession zulässt. So erreiche ich die Tür in zielstrebigen Schritten und klopfe leise an. Eine Antwort erwarte und erhalte ich nicht und so senke ich die Finger zur Klinke. Dunkles Parkett schimmert unter meinen Füßen, als ich die Patientensuite betrete. Es ist ein weiter Raum, der mich erwartet, verwinkelt, mit Badezimmer, Balkon, Sitzecke und Fernseher.

Von der Tür aus kaum zu überschauen und nur vorsichtig gehe ich weiter, mich mit einem Gruß ankündigend und stets um mich blickend. Und nach wenigen Schritten halte ich inne.

Zu meiner Linken thront das Bett vor einer Fensterfront. Auf der anderen Seite des Glases rauschen die Wipfel naher Bäume vor dem satten Blau des Himmels und wie versteinert und grau wirkt der junge Mann vor diesem Hintergrund. Er sitzt zu mir gewandt und inmitten der zerwühlten Decke. Wie ein Kontrast hebt er sich hervor im Vergleich zum interessanten Grünton der Bezüge und so intensiv mich dieser erste Anblick auch überkommt, bewusst versuche ich in den ersten Sekunden auf seine Mimik zu achten.

Ich suche nach einer Regung, die ein Wiedererkennen verrät, nach allem, was unbewusst geschieht und dadurch authentisch ist. Keinen Moment lassen mich seine blauen Augen außer Acht. Vermutlich erfassten sie mich weitaus früher und kaum ein Blinzeln stört seine Fixierung. Seine Brauen, bilde ich mir ein. Möglicherweise sah ich ein Zucken. Es wäre passend und würde sich einfügen in die starre Mimik voll Konzentration, Unentschlossenheit und Vorsicht. Ich lächle, als ich näher trete, bin gefasst und bleibe es auch bei jedem Schritt, der mir Lennards Aussehen mehr und mehr offenbart.

Von weitem, hätte ich meinen können, hätte er sich kaum verändert. Sein Haar, schon immer etwas lang, da er Stirnbänder und Zopfgummis zeitlich einem Friseurbesuch vorzog, erreicht nun beinahe seine Schultern und rahmt ein, was sich wie ein Alptraum in mein Bewusstsein frisst. Es ist sein Gesicht, das ich vor mir habe, nur der Mensch hinter dieser Haut scheint ein anderer zu sein. Seine Miene ist nicht verzerrt, doch das Blau der Iris, das ich sanft und entrückt in Erinnerung habe, wirkt wie Eis durch den kalten Stich, den ich zu spüren glaube. Und wie gnadenlos entsprechend ist jeder seiner Gesichtszüge.

Er lachte damals viel und sein Mund war dafür geschaffen. Er hatte ein sympathisches Grinsen, spitzbübisch und strahlend. Seine Mimik schien sich seinem Wesen anzupassen und als ich mir jetzt seinen Mund betrachte, die etwas zu blassen Lippen, von denen die Untere vor kurzem geblutet haben muss, da kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Mund überhaupt schmunzeln könnte. Das Pflaster, das die Platzwunde unter sich birgt sowie die Blässe seiner Haut vollenden das Bild, das mir als Schauer durch den Körper fließt.

„Hallo“, sage ich abermals, als ich in der Nähe des Bettes stehen bleibe. Ich meinte eine Regung an ihm wahrzunehmen. Es bleibt bei einem Instinkt, doch hier, wo ich weder Richtlinie noch Anhaltspunkt besitze, kann ich auf nichts anderes vertrauen. Noch immer lächle ich, während er mich anstarrt. „Mein Name ist Marten. Ich bin ein Freund deines Vaters und wir sind uns schon öfter begegnet. Erinnerst du dich?“

Er blinzelt. Es ist wie das Ende einer Szene und dann richtet er sich um ein Stück auf. Seine Schultern regen sich, bevor er den Kopf schief legt und obwohl er offensichtlich grübelt, wird sein Gesicht nicht reicher an Leben.

Seine Augen driften von meinem Kopf bis zu den Knien, bevor er geräuschvoll einatmet.

„Marten“, bringt er dann hervor, während seine Finger unscheinbar zum Leben erwachen. Sie erforschen den Bezug der Decke, zupfen, streichen über ihn hinweg. „Pharell.“

„Ja.“

Kurz driften seine Augen zur Seite, ziellos gen Fenster, und kaum eine Sekunde vergeht, da fixiert er mich abermals. Seine Finger bleiben in Bewegung und erneut scheint er zu grübeln, was mich zum Schweigen bringt. Was er zu sagen hat, möchte ich hören. Der Fakt, dass er sich erinnert, ist interessant. Fast verleitet er zu dem Glauben, einen Weg zu ihm zu finden, der anderen versperrt bleibt.

„Darf ich mich setzen?“

Er senkt den Blick, bevor er nickt und wie unscheinbar verfolgt er dann, wie ich mir einen Stuhl heranziehe und mich niederlasse. Bewusst langsam, bewusst distanziert und als ich es dann bequem habe, bin ich längst wieder in seinen starren Fokus gerückt. Unausweichlich starrt er mich an, so intensiv, wie ich es nur selten erlebte und mit einer Entschlossenheit, als wolle er mich durchdringen.

„Erinnerst du dich, wo wir uns zuletzt gesehen haben?“, frage ich ihn, als er zu lange schweigt.

Meine Stimme erhebt sich ruhig und gefasst, doch in meinem Kopf pocht das Bewusstsein, dass ich mich hier und jetzt auf ein Glatteis begebe, das ich nicht einschätzen kann. Fragen gibt es unzählige, nur Antworten fehlen mir und versperren mir die Sicht auf jede angemessene Strategie. Der Anfang ist immer ein Risiko und ein Tasten in der Dunkelheit. Die Reaktionen des Patienten sind es, die stetig mehr Licht in die Sache bringen. Und Lennard reagiert gar nicht. Nur seine Finger beweisen seine Lebendigkeit und da er nicht fragt, behalte ich die Antwort für mich und taste mich in eine andere Richtung.

Es war das Konzerthaus, in der wir uns vor zwei Jahren begegneten.

Betört von der tragischen Leichtigkeit der Symphonie strömten die Zuschauer aus dem steinernen Gebäude. In diesen Massen war es, dass er seinen Vater und mich erreichte.

Er war in Eile gewesen, seine Hand fühlte sich erhitzt an, als ich sie schüttelte und selbst auf angenehmste Weise erschöpft versuchte er uns seine Pläne für die nächsten Stunden mitzuteilen.

„George ist da auf was aufmerksam geworden“, keuchte er und wies über seine Schulter. „Ein Laden in der Nähe des Denkmals. Der ist gut. Da passiert was und da gehen wir jetzt hin. Elly, Tony und Austin kommen nicht, der Rest schon. Und ihr geht essen? Ja, nächstes Mal gerne. Das wollte ich nur sagen. Viel Spaß.“

So hatte ich ihn noch vor Augen. Wie er sich abwandte, wie es ihn zu seinen Kollegen zurückzog und nur ein Deut in der Mimik seines Vaters ließ ihn kurz inne halten.

„Jawohl, der Herr“, hörte ich ihn rufen. „Keinen Alkohol. Nur Drogen.“

So ist er stets gewesen. Bei jedem unserer Treffen war er Lebendigkeit und Freude, der Macher eines Humors, der einzigartig blieb und immer involviert in Gruppen, die ihn achteten und förderten. In diese Zeit fällt unser letztes Treffen aber er erinnert sich nicht daran und hat seine Gründe.

Als ich seinen auf mich fixierten Augen flüchtig mit meinen begegne, frage ich mich, ob die Frage überhaupt zu ihm drang. Sie könnte an ihm vorbeigedriftet sein und er würde sich nicht anders verhalten. Nur eine Regung seines Mundes dringt in meine Wahrnehmung und dann verfolge ich, wie seine Schneidezähne über die wunde Unterlippe schrammen. Noch immer scheint er zu grübeln, doch dann beißt er zu und kurz darauf sitzt er vor mir, als hätte nie etwas existiert, das er hinab zu schlucken hat.

„Möchtest du etwas sagen?“, forsche ich vorsichtig nach.

Sein Kopfschütteln ist weiterhin mit dem Verletzen der Unterlippe verbunden.

„Wenn du etwas sagen möchtest, dann kannst du es gerne tun.“

Ein weiteres Mal schüttelt er den Kopf nicht. Ein dünner, blutiger Film überzieht seine Zähne, als er die Lippen schürzt. Wenn es Schmerz in ihm gibt, so verbirgt er sich in keinem Zug seiner Miene. Sie bleibt unbewegt, doch inmitten dieser Starre scheint es zu arbeiten und wie endlos wirkt die Zeit, bis sein Starren zu einem kritischen Einschätzen wird. Wie lange sucht er nach Worten und in den letzten Momenten, bevor er die Stimme erhebt, beginnt sein Blick zu driften. Kurz nach links, flüchtig nach rechts, ohne sich etwas Genaues zu betrachten.

„Dass du hier bist, ist seltsam“, sagt er dann noch leiser als zuvor, als wäre seine Stimme längst erschöpft.

„Wie meinst du das?“ Langsam richte ich mich auf und lehne mich ihm entgegen. Ganz bedächtig und vertieft, und stemme die Ellbogen auf die Knie.

„Am Anfang glaube ich, meinen Vater gesehen zu haben. Und jetzt du. Es hat irgendetwas zu bedeuten.“

Seine Worte werden einem Monolog ähnlich und so schweige ich und halte seinem forschenden Blick stand.

„Bist du ein Freund?“, erkundigt er sich kurz darauf und ich kann ihm nicht antworten, da mir der Kontext unbegreiflich ist. Seine Überzeugung ist tief und ehrlich und umso konzentrierter erwidere ich seine Musterung.

„Wenn das deine Rolle wäre, dann wärst du der Ehrliche.“ In den Momenten, in denen seine Gedanken offenbar Überhand nehmen, presst er die Lippen aufeinander. „Du wärst ehrlich, wenn ich frage.“

„Nach bestem Wissen“, sage ich und die Augen auf mich genagelt, lehnt er sich nach vorn und sich mir um ein belangloses Stück entgegen.

„Das alles hier“, raunt er dann, „ist ein Traum, oder?“

„Traum“, wiederhole ich und sehe ein angedeutetes Nicken.

„Alles“, sagt er. „Die Sachen, die ich trage. Das Zimmer hier. Du. Ein Traum.“

Langsam richte ich mich auf, suche mir die alte Stütze der Rückenlehne und dann werde ich zu dem, der beobachtet und erwartungsvoll gemustert wird. Neben der Ernsthaftigkeit ist es erbittertes Drängen, das ich in seiner Miene auszumachen glaube. Nur bin ich nicht sicher, nach welcher Bestätigung er sich sehnt.

„Möchtest du denn, dass es ein Traum ist?“, taste ich mich vorsichtig durch die Dunkelheit.

„Ich möchte gar nichts“, antwortet er.

„Soweit ich es einschätzen kann, gibt es nur eine einzige Realität, die sich alle Menschen teilen“, fahre ich fort. „Im Traum ist man alleine und die Gesichter, die einem begegnen, verblassen nach kurzer Zeit. Auch der Traum an sich dauert nicht ewig. Der Ort, an dem wir uns vorwiegend befinden und an dem wir Schmerzen spüren und Emotionen, das ist die Realität.“

Es ist kein Nicken, das ich daraufhin sehe. Keine Reaktion, so gering sie auch ausfällt. Nur einen Moment hält er seine starre Musterung aufrecht, bevor seine Augen an mir vorbei driften und sich in weiter Ferne verlieren.

Woraus seine Sehnsucht auch immer besteht, in keiner Weise könnte ich einschätzen, ob die Antwort sie erfüllt. Nicht einmal eine Vermutung über das, was meine Worte in ihm auslösen.

Ob sich Angst in ihm regt, Resignation oder Unglaube.

Nur selten verschloss sich mir ein Gesicht in solchem Maß und bevor ich mich versehe, sind mehrere Minuten vergangen, ohne dass ein weiteres Wort fiel.

Allein das müde Blinzeln beweist, dass Lennard am Leben ist und während ich ihn mir betrachte, unverwandt und offen, sagt mir mein Instinkt, dass das Thema, das zu dieser Situation führte, vorerst gemieden werden sollte.

Das nahe Umfeld des Bettes beweist die Fürsorglichkeit des Personals. Auf einem Servierwagen warten unter einer durchsichtigen Glocke gesunde Sandwichs, liebevoll garniert mit Kräutern und Gemüse. Es sind durchdachte Häppchen, die das Auge nicht überfordern.

Auch ein Schälchen mit Salat sehe ich, ein süßes Dessert mit Obst, eine Kanne Tee und ein Glas mit frisch gepresstem Saft. All das steht nahe genug, dass Lennard nur die Hand auszustrecken bräuchte. Mühelos würde er erreichen, was er benötigt, doch wenn er dem Tablett bisher Beachtung zollte, so bestand sie vermutlich nur aus einem fliehenden Blick. Gegessen soll er nicht haben, seit er die Augen öffnete, doch macht tatsächlich keinen dürren Eindruck. Er war schon immer sehr schlank, wenn ich mich recht entsinne. Drahtig wirkte er, manchmal gar gebrechlich, doch all diese Faktoren schienen sich in Perfektion zusammenzuschließen, wenn es darum ging, sein Wesen zu figurieren.

„Möchtest du etwas essen?“, frage ich irgendwann, nur um etwas zu sagen. Ich lasse ihm Zeit für seine Antwort, warte, schweige, doch bemerke, dass meine Beschreibung der Realität einen Keil in die Möglichkeiten trieb, die mir bleiben. Er reagiert kaum. Erst als ich zum Servierwagen weise, trifft mich seine an Misstrauen grenzende Wachsamkeit. Wie ein Urinstinkt, der jedes gedankliche Abschweifen an Priorität übersteigt.

„Wollen wir zusammen essen?“, forsche ich behutsam nach, doch realisiere an diesem Punkt, dass der Zustand, in dem er sich befindet, erhaben ist über Belanglosigkeiten wie Nahrung. Es ist wohl eine andere Tür, die wir zu öffnen haben. Die ersten Schritte müssen durch ein anderes Gebiet führen, doch noch immer ist alles, was ich vor mir habe, Dunkelheit und Unwissen. Welchen Weg wir auch beschritten, er führte längst in eine Sackgasse, denn Lennard verliert kein weiteres Wort, bis ich gehe.

Das erste Treffen existierte so alleine durch eine Frage und eine Antwort. Jeder andere Satz blieb belangloses Nebenprodukt und was es ihm auch bedeutet, dass sich dieser Ort und diese Zeit als Wirklichkeit entpuppen, es nahm genug Platz ein, um ihn zu entfernen und aus dem Kreis meines Einflusses hinauszubewegen.

„Ich gehe jetzt“, verabschiede ich mich letztendlich. „Aber ich komme dich morgen wieder besuchen, wenn du nichts dagegen hast.“

Sein Interesse gehört einer Falte seiner Decke, als ich mich abwende. Kein Laut erhebt sich in meinem Rücken und wie tief nehme ich einen Atemzug in mich auf, nachdem ich die Tür hinter mir schloss. Eine dünne Wand aus Holz zog sich zwischen uns, doch selbst bei jedem Schritt, mit dem mich daraufhin entferne, fühle ich die Nähe zu dem jungen Mann und die Unabhängigkeit zur äußeren Distanz. Ob ich es nun als Befürchtung oder Vermutung bezeichne, das Gefühl, das mich treuherzig herbegleitete, offenbart sich als gerechtfertigt und wahr. Der Einfluss, der Lennard zu dem machte, den ich soeben vor mir sah, muss zerstörerisch und komplex gewesen sein, doch ich erwartete viel und schreckte nicht zurück vor Fatalismus.

„Bitte achten Sie in den nächsten Stunden verstärkt auf ihn“, bitte ich Dr. Miller, bevor ich das Gelände verlasse. „Lassen Sie regelmäßig nach ihm sehen und wenn etwas geschieht, rufen Sie mich bitte an.“

 

-tbc-

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