Die Melodie des Niederganges

Lennard, der Sohn eines reichen Staatsanwaltes, führt ein geborgenes, angenehmes Leben, bis es zu einem irrealen Bruch kommt und er sich in einer kriminellen, gnadenlosen Welt wiederfindet, die ihn bedroht, verletzt und an seiner Seele kratzt. Um zu überleben hat er Entscheidungen zu treffen, die in seiner bisherigen Existenz nie eine Rolle spielten. Je mehr er sich der Dunkelheit anpasst, desto weniger ist er in der Lage, das Licht der Normalität zu ertragen.

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So wurde Lennard als vermisst gemeldet.

Grausam war der Augenblick, als sein Name in die offiziellen Akten einfloss, sein Foto die Kartei bereicherte und jede großangelegte Suche erfolglos versiegte. Dwayne Hunter, der gefürchtete Staatsanwalt, wurde zu einem gequälten Geist. Das Handy seines Sohnes stets bei sich, gierte seine Sehnsucht nach dem Zeichen, das ihm eine Handlung erlaubte.

Eine Nachricht, eine Forderung, nur ein Bekenntnis hätte ihm schon einen Hauch an kalter Furcht genommen. Seine Unwissenheit ließ ihn nicht einmal annähernd etwas besitzen, das Kontrolle gleichkam. Hilflos windete er sich in der Situation und wie schlecht wurde ihm, wie abgrundtief elend zu mute, wenn er an seinen Sohn dachte und daran, dass jemand ihm wehtat. Er dachte an sein fragiles Wesen und daran, dass seine immense Stärke noch nie die körperliche war.

Eiskalte Emotionen stürzten über ihn herein. Erwürgen wollte er jeden, der an seinem Verschwinden beteiligt war und wer seinem Sohn Schmerz zufügte, dem wollte er ihn dreifach heimzahlen. Verzweifelt hielt er sich durch dieses Denken am Leben, während er sich im Grunde der Tatsache bewusst war, nichts für seinen Sohn tun zu können. Wer auch immer ihm wehtun wollte, er hatte seit vierundzwanzig Stunden Gelegenheit dazu. Der Abgrund kam zu rasch, der Sturz war zu tief und wie besorgt, wie mitfühlend und selbst geängstigt empfing das Hauspersonal den Staatsanwalt, als er irgendwann die Villa betrat. In matten Schritten und so gepeinigt, als fiele es ihm unendlich schwer, sich diesem Ort zu öffnen.

Das Haus erwartete ihn lautlos. Der ausbleibende Gesang der Geige erinnerte ihn permanent an Lennards Fehlen und wie stockend wählte er eine weitere Telefonnummer, als er spät in der Nacht auf dem großen Sofa saß, wiederum alleine, in der Hand ein Glas Scotch. Ohne ihn zu unterbrechen hörte Marten ihm zu. Ohne Wort und Atem, während Dwayne nach Kraft und Ausdrücken suchte.

„Dieser Verlauf ist absurd und ungewöhnlich“, brachte er hervor. „Er wäre niemals freiwillig gegangen. Alles deutet auf eine Entführung hin aber niemand entführt einen Menschen ohne Grund. Verstehst du, es gibt immer Grund und Forderung. Entführte sind ein Druckmittel und wenn man den Forderungen nachkommt, stehen die Chancen gut, dass sie frei gelassen werden. Natürlich macht es einen Unterschied, ob es sich um kleinkarätige Verbrecher handelt oder um eine kriminelle Organisation aber am Ende läuft es auf dasselbe hinaus.

Was soll ich denn denken, Marten? Bisher hat sich niemand gemeldet. Ich will eine verdammte Forderung, der ich nachkommen kann!“ Seine Stimme bebte. „Ich will meinen Sohn zurück!“

Alles hätte er getan, um Lennard wieder zu sehen. Selbst für den bloßen Beweis seines Wohlbefindens hätte er viel geopfert, für ein Bekenntnis, eine Richtung. Doch die Welt schwieg zu Lennards Verschwinden und wie klein und grau wurde Dwayne Hunter mit jedem Tag.

Eine würdige Vertretung nahm den Platz hinter seinem Schreibtisch ein, während er ziellos hoffte, verzweifelt bangte und Lennard war seit drei Tagen verschwunden, als Marten unangemeldet vor der Tür stand. Auch er hatte Akten bei Seite geschoben und seinen Posten jemandem überlassen, um bei seinem Freund zu sein und wie perplex vor Schock und ratlos war er selbst, während er Dwaynes Tränen sah. Nachdem er ihm Jahr um Jahr zur Seite stand, waren auch ihm mit einem Mal die Hände gebunden.

„Was gibt es für Gründe, einen jungen Mann zu entführen, ohne etwas für ihn zu fordern?“, stellte Marten ihm eines Abends eine Frage, auf die er nicht antworten wollte. Ebenso wenig, wie Dwayne die Antwort hören. Der Staatsanwalt kannte die kriminelle Welt des Elends am besten. Mögliche Lösungen kannte er selbst zuhauf, doch letztendlich saßen sie beieinander und schwiegen. Kaum ein Wort gab es, um zu beschreiben, was Dwayne fühlte.

Als Ellen ihn verließ, besaß er das Wissen, dass der Tod seine Frau nahm, bevor sie es bemerkte. Es hatte keine Qual gegeben, keine Angst. Wie friedlich hatte sie ausgesehen. Als würde sie schlafen.

Auch den Grund kannte er, sowie die Endgültigkeit, die keine Hoffnung erlaubte. All die Fragen, die er stellte, hatten ihre Antwort erhalten und wenn es auch erdrückend war und die Angst in ihm stark, er hatte den seltsamen Lauf der Natur akzeptiert und sich in Frieden von seiner Geliebten verabschiedet. Es gab nur Trauer, keine Ungewissheit. Ellen fehlte, nun tat es auch Lennard, doch Dwayne wusste nicht, ob er sich quälte, sich fürchtete. Nichts war endgültig, nichts hoffnungslos und letztlich war es genau das, was den Staatsanwalt nahe in den Wahnsinn trieb. Das Gefühl, dass sein Sohn irgendwo nach ihm rief, ohne dass er ihn hörte. Dass ihm wehgetan wurde, ohne dass er ihn als Vater beschützen konnte.

Es gab weder Abschied noch Akzeptanz, nur Ungewissheit, Erschöpfung und den Atem, der Dwaynes Körper am Leben hielt, während ein Tag nach dem anderen verging. Die Welt drehte sich weiter, als hätte es Lennard niemals gegeben.

„Manchmal wünsche ich mir inständig, mein Sohn wäre tot“, flüsterte Dwayne drei Wochen später in den Hörer und in Martens Ohr. „Ist das nicht widerlich von mir? Aber wäre er tot, dann müsste er nicht leiden.“

Es diente vermutlich auch der Ablenkung, dass er sich einen Monat nach Lennards Verschwinden wieder hinter seinem Schreibtisch niederließ. Stoisch war er geworden, müde und in allem kurz gefasst. Mit regloser Miene las er sich durch Akten und führte den Federhalter, schritt vor den Geschworenen auf und ab, während er routiniert sein Plädoyer hielt und er tat seine Arbeit nicht schlechter als damals, denn sein Beruf setzte keine Liebe voraus. Es waren Paragraphen, die er kennen musste, Strategien, die besten Ansätze und letztlich die beste Umsetzung. Auch ohne Lächeln erreichte er viele der gewünschten Urteile und wenn er die Tür seines Büros schloss und es nichts mehr gab, das seine Beachtung forderte, so verbrachte er mehrere Stunden damit, sich die Bilder der Leichen zu betrachten, die binnen der letzten vierundzwanzig Stunden in den Vereinigten Staaten aufgefunden wurden.

Sollte auch nur die geringste Ähnlichkeit bestehen, würde man ihm Bescheid geben, doch er gierte nach Gewissheit und er hoffte und fürchtete gleichzeitig, als Vater seinen Sohn auch dann zu erkennen, wenn er entstellt war.

Immer länger durchforstete er die Datenbanken, immer seltener kam er Nachhause und nur Marten gelang es, ihn zeitweise von alldem zu lösen. Regelmäßig kam er zu Besuch und dann gingen sie essen, dann saßen sie sich gegenüber und mit jedem Monat, der verging, empfand Marten seinen Freund müder, dünner und lebloser.

Lennard galt fünf Monate als vermisst, als Marten ein weiteres seiner Wochenenden in Washington verbrachte.

„Ich denke, so werde ich von jetzt an weiterleben“, verkündete Dwayne mit feierlich erhobenem Glas. „Ich kann arbeiten so viel ich will. Eine Freundin brauche ich nicht. Vielleicht verkaufe ich das Anwesen und nehme mir ein Apartment in der Nähe des Büros. Meine Frau und mein Sohn sind tot. Ich kann machen, was ich will.“

Zumeist still hörte Marten ihm zu und auch jetzt saß er ihm nur gegenüber, sein kühles Glas an die Wange gebettet und seinen Freund mit den Augen ergründend. Und während er ihn durchmusterte, mit dem Blick eines Mannes, der die Seele des Menschen sieht, schien er zu grübeln, als gäbe es noch so etwas wie passende Worte, ein schönes Kleid der menschlichen Sprache, das Dwaynes Situation aus einer bislang unbekannten Richtung beleuchtete. Damals, als Ellen starb, hatte es dergleichen noch gegeben. Im Fluss dieser natürlichen Tragik hatte er seinem Freund die bestmögliche Unterstützung bieten können.

Der aktuelle Bereich seiner Möglichkeiten war nahezu nicht vorhanden und so hatte er es oft dabei zu belassen, anwesend zu sein und Dwayne bei allen Entscheidungen zu unterstützen. Doch während er sprach, schwieg er zu seinen eigenen Gefühlen.

Die Trauer um Ellen hatte er nie verleugnet, doch dass er Dwaynes Qual teilte, brachte er nicht über die Lippen. Obwohl er Lennard nur selten sah, fühlte er sich doch mit dem Sohn seines besten Freundes verbunden. Und natürlich gehörte auch er zu den Menschen, die nicht umhin kamen, mit dem verträumten und sehr speziellen jungen Mann zu sympathisieren. Wie oft hatte Dwayne von ihm erzählt, wie oft ihm auch Videos von Konzerten geschickt und so war Marten immer ein Teil des Lebens geblieben, von dem Lennard, wenn überhaupt, nur am Rand erfuhr. Im Leben seines Freundes, so wie es nun war, konnte er wenig ausrichten.

Zu bestürzt war er selbst, zu ratlos und voll von Empörung darüber, dass das Schicksal zweimal an derselben Stelle zuschlug.

Es gab keine Rechtfertigung für dieses Drama, weder Grund noch Lösung. Und während Dwayne sich der naheliegenden Realität ergeben und seinen Sohn für tot erklärt hatte, versuchte auch er Lennard so im Gedächtnis zu behalten, wie ihn jeder kannte. Inmitten des Meeres aus schwarz gekleideten Musikern, dem Gesang der eigenen Geige mit geschlossenen Augen lauschend. Wie zärtlich er den Bogen führte und wie besessen, wenn das Stück aufzuleben hatte. Wie peitschte er bisweilen die Saiten, um sie kurz darauf versöhnlich zu streicheln.

Es war stets die Musik, die Lennard wirklich zum Leben erweckte und das Ausmaß seiner Persönlichkeit nach außen trug.

Er wurde zu einem anderen, wenn er nach der Geige griff und in all der Zeit war es Dwayne kein einziges Mal gelungen, sich das wunderschöne Instrument, das sein Sohn zurückließ, zu betrachten.

Die Geige war in der sicheren Obhut des Konzerthauses geblieben, als sich ihr Meister auf den Weg machte und nicht zurückkehrte. Nun ruhte sie in ihrem mit Samt ausgekleideten Koffer, umschlossen vom Stahl eines Tresors. Ihr stiller Frieden glich dem eines Grabes und wie tragisch war allein die Tatsache, dass ihr unvergleichbarer Klang nie wieder ertönen sollte. Denn obwohl ihr Meister tot war, würde Dwayne sie in keine anderen Hände geben. Sieben Monate lang negierte er, woran er sich klammerte.

Auch die Villa mitsamt dem schönen Grundstück konnte er nicht so leicht veräußern, wie er es sich vorstellte. Es hätte Käufer gegeben, doch obwohl er sich bewusst fernhielt, konnte er auch sie nicht hergeben. Das Personal war mittlerweile entlassen, weiße Tücher über die Möbel gezogen und jeder Raum reglos und ohne Leben. All diese einst wunderbaren Skelette hafteten an Dwayne und nach sieben Monaten war die Tatsache nicht mehr zu verleugnen, dass der Weg, den er noch immer beschritt, nirgendwo endete. Die neuerdings erlernte Fähigkeit des Verdrängens erleichterte ihm die Sache nur vorübergehend.

„Am nächsten Wochenende, wenn du ohnehin in der Stadt bist, würde ich mich freuen, wenn du mir ein paar Stunden opfern könntest“, sagte er Marten am Telefon. „Du hast es schon mehrmals erwähnt. Es kann so nicht weiter gehen.“

Im gewohnten Restaurant wollten sie sich treffen. Ohnehin alles sollte wie gewöhnlich verlaufen. Dasselbe Hotel, dieselbe Tageszeit, vielleicht auch dasselbe Thema mit einer neuen Pointe. Das Treffen war vereinbart und die Tage bis dahin verliefen, ohne dass sie ein Wort gewechselt hätten. Während Marten verletzte Seelen erforschte, blätterte sich Dwayne wohl erneut und abermals durch die Zeugen der profanen Grausamkeit. Ein wenig Alltag galt es noch zu bezwingen, bis sie abermals voreinander saßen und tatsächlich wirkte alles so gewöhnlich, als Marten die Halle des Flughafens verließ.

Das schallende Leben hinter sich lassend, über der Schulter den Gurt seiner Ledertasche. Ein Taxi würde er sich nehmen, nur wenige Minuten bis zum Hotel brauchen und sich dort fürs Erste den Komfort schaffen, den die Ordnung und Akribie des Gewerbes verboten. Er mochte keine parallel zueinander liegenden Handtücher. Er mochte auch nicht den peniblen Abstand zwischen den Seifenfläschen im Bad.

Die Welt drehte sich auf der anderen Seite der Fenster weiter, während er in den Sessel sank, aus seinen Schuhen schlüpfte und die Bilder an den Wänden als seltsam einstufte. Es war sein kleiner Kosmos, auf den er sich vorläufig beschränkte, die vier Wände, die ihn umgaben und die Begebenheiten, die ihm hier und jetzt Gesellschaft leisteten. Die Worte, die er am Abend hören würde und die Antworten, die zu erbringen waren, erreichten ihn noch nicht. Seine Gedanken waren leicht und wie untätig blieb er binnen der nächsten Stunden, nur befasst mit körperlicher Erholung und der Enttäuschung, die durch das Fernsehprogramm entstand.

Sein anhaltend arbeitender Kopf fand Ruhe, seine vom Flug verspannten Beine Gelöstheit und wie abrupt tauchte er auf aus dem Gespinst seiner gedanklichen Trägheit, als von der Tür ein Klopfen zu ihm drang. War es ein Angestellter des Hotels, der im Flur stand, so meldete er sich, nachdem er auf sich aufmerksam machte, doch auf den Laut folgte lauernde Stille, die ihn zur Regung zwang.

Als er Dwayne erblickte, seine Müdigkeit und das von tiefen Sorgen zerfurchte Gesicht, da fühlte er sich zurückversetzt in den Augenblick, als sein Freund sich den Verlust seines Sohnes eingestand. Auch damals war sein Atem geräuschvoll gefallen, während er grau und bleich wirkte. Mit letzten Kräften schien er seine Schritte zu gehen und wie bestürzt bat Marten ihn herein.

Ein von Tragik dumpfer, säuerlicher Brodem folgte dem Staatsanwalt, dann ließ er sich in den ersten Sessel sinken und verlor unter einem tiefen Ausatmen die letzte Körperspannung. Er schloss die Augen, rieb sich das Gesicht und als Marten ihm gegenüber saß, erwartungsvoll und gleichsam doch voller Befürchtung, da erwiderte er seinen Blick lange, ohne ein Wort zu verlieren.

Kein Zucken seiner Lippen, nur eine abgrundtiefe Trauer in seinen Augen. Alles an diesem Moment wirkte endgültig. Wie eine Sache, die man mit abschließendem Nicken ihrem Ende zuführt. Ein Kapitel wurde geschlossen und während Marten schwieg, fürchtete er sich vor dem Ende des Epilogs.

Endlich eine Regung in Dwaynes Mimik. Ein seltsames Zucken durchfuhr seine Augenpartie, bevor er die Lippen mit der Zunge befeuchtete. Und als er Atem schöpfte, glaubte Marten bereits seine Stimme zu hören.

„Lennard ist tot“, würde er flüstern und dann säßen sie voreinander, ohne ein angemessenes Wort. Es war jedenfalls kein Sieg, den Dwaynes Gesicht verkündete, vielmehr ein ungeahntes Maß an Erschöpfung und Kummer.

„Lennard lebt“, brachte er dann hervor. „Ich habe ihn wieder.“

 

Der Kaffee war nur noch lauwarm, doch Dwayne schien die Tatsache nicht wahrzunehmen, als er die Tasse mit unruhigen Händen umschloss. Eilig hatte Marten ihm eingeschenkt und jede unnötige Regung umgehend, ließ er sich abermals nieder. Er spürte das rasche Schlagen seines Herzens, als er Dwayne still darum bat, zu erzählen. Auf flehende Weise nachdrücklich war sein Blick, während er versuchte, nicht über das zu grübeln, wofür er selbst keine Lösung fand.

„Vorgestern bekam ich einen Anruf“, begann Dwayne dann mit stockenden Worten. „Aus Lansing, Michigan. Dort wurde ein Verletzter gefunden und der Abgleich mit den Vermisstenanzeigen ergab einen eindeutigen Treffer. Es ist noch nicht lange her und trotzdem erinnere ich mich kaum noch, Marten. Ich weiß nur noch, dass ich ein Foto verlangte. Ein Irrtum hätte mich den Rest des Verstandes gekostet.“ Um einen solchen schien es sich nicht gehandelt zu haben und doch blieb der Ausdruck des Kummers in seinem Gesicht maßgeblich. Marten bemerkte kaum, wie gedämpft sein Atem fiel. Beinahe lautlos, um keines der Worte in ihrer Deutlichkeit zu verschlucken. „Sie schickten das Foto“, fuhr Dwayne fort. „Und in den frühen Morgenstunden war ich bereits vor Ort.“

„Ist er schwer verletzt?“, hörte Marten sich unwillkürlich sagen und wie benommen fühlte er sich allein bei den Bildern, die seinen Kopf mit einem Mal überfluteten. Er sah Lennard im Koma liegen und Dwayne vor Kummer zugrunde gehen. Dann sah er den jungen Mann als Pflegefall. Er sah so viel, das das Leben so weit herabstufte, bis der Tod angenehmer erschien. Doch Dwayne schüttelte den Kopf. Der Deut eines ratlosen Grinsens zuckte an seinem Mundwinkel, als es ihn gegen die Rückenlehne trieb.

„Er hat kaum einen Kratzer, Marten. Er war nur bewusstlos, als man ihn fand. In einem Bürogebäude ist es zu Explosionen gekommen. Die Anwohner riefen die Polizei und was auch immer Lennard in den Komplex trieb, er muss die Besinnung verloren haben durch die Detonationen, die laut der Polizei von den Gasleitungen herrührten. Es ist ein Mysterium. Bis auf eine Platzwunde ist er unversehrt. Er ist nicht einmal ungepflegt oder mager. Und er sah so friedlich aus, als er in diesem Bett lag. Es war, als wäre er nie fort gewesen. Ich habe ihn damals oft beobachtet, wenn er schlief und gestern saß ich Stunde um Stunde bei ihm. Ich habe ihn angeschaut. Ganz vorsichtig habe ich seinen Arm berührt, um mir sicher zu sein, dass er es ist. Ich sprach mit ihm und ich sagte ihm alles, was ich sieben Monate lang nur mir selbst sagen konnte.

Auch Worte, von denen ich glaubte, sie damals zu selten ausgesprochen zu haben. Und ich sagte ihm, dass ich ihn liebe und wie Leid es mir tut. Stunde um Stunde sprach ich mit ihm, denn ich konnte nicht warten, bis er aufwacht. Ich deckte ihn zu und strich ihm das Haar aus der Stirn. Es ist lang geworden, weißt du.“

Marten nickte, während sich der scheue Hauch der Freude in Dwaynes Gesicht zersetzte. Er schwächte ab, bis er erstarb und kein Wort brach die Stille, in der er die Tasse an die Lippen setzte und trank. Der kalte Kaffee, den er sonst rigoros ablehnte, löste keine Regung in seiner Miene aus. Abrupt war sie zur alten bleichen Maske erstarrt.

„In den Mittagsstunden kam er zu sich“, sagte er dann. „Und als er die Augen öffnete und mich ansah…“

Seine Stimme versagte, seine Augen drifteten in weite Ferne und wie benommen schien er in der Erinnerung nach dem Moment zu suchen und nach den Worten, die ihm würdig waren. Reglos verfolgte Marten den Kampf, der seinem Freund Größe und Kraft raubte.

„Als er mich ansah, Marten, da erkannte ich meinen Sohn nicht. Ich sah seine Seele nicht in seinen Augen und keinen vertrauten Zug in seiner Miene. Als wäre dieser Mensch nur ein äußerliches Duplikat.

Und wie elend wurde mir zumute, als ich den Raum verließ. Ich schäme mich meiner euphorischen Aufregung, als ich von ihm erfuhr. Jede Minute des Fluges verbrachte ich mit Fantastereien. Ich sah vor mir, wie wir in unsere Villa zurückkehren und die weißen Stoffe von den Möbeln ziehen. Das Personal würde wieder durch die Räume streifen und während sie dem Haus den alten Glanz verschaffen, würde der Klang der Geige in der Luft liegen.“

So hoffnungsfroh waren diese Eingebungen, doch die Realität trieb Dwayne die Tränen in die Augen.

„Sieben Monate“, hauchte er bebend. „Niemand weiß, was er in dieser Zeit erlebte aber es hat ihn zu einem anderen Menschen gemacht. Nichts an ihm ist, wie es war. Nichts an ihm reagierte auf mich. Ich denke, man hat ihm wehgetan, Marten. Auch wenn wir die Narben nicht sehen.“ Somit verfiel er einem kurzen Schweigen.

Es wäre eine Gelegenheit für Worte gewesen, doch Marten fand sie nicht.

„Das Krankenhaus in Lansing war nicht angenehm“, fuhr Dwayne bald darauf fort. „Weder hell noch warm. Für Lennard war es eine zusätzliche Belastung aber ich habe ihn heute Morgen in eine Privatklinik in Minnesota verlegen lassen. Wenn er dort aus dem Fenster sieht, sieht er nur die Natur. Straßenlärm oder Menschenmassen gibt es dort nicht. Nur Ruhe, Privatsphäre und die besten Ärzte. Man hat dort Zeit für ihn und was immer auf uns zukommt, Zeit wird es brauchen.“

 

-tbc-

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