Die Melodie des Niederganges

Lennard, der Sohn eines reichen Staatsanwaltes, führt ein geborgenes, angenehmes Leben, bis es zu einem irrealen Bruch kommt und er sich in einer kriminellen, gnadenlosen Welt wiederfindet, die ihn bedroht, verletzt und an seiner Seele kratzt. Um zu überleben hat er Entscheidungen zu treffen, die in seiner bisherigen Existenz nie eine Rolle spielten. Je mehr er sich der Dunkelheit anpasst, desto weniger ist er in der Lage, das Licht der Normalität zu ertragen.

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Als er mit achtzehn Jahren die High-School beendete und seine Mitschüler und Freunde spätestens zu diesem Zeitpunkt mit Zukunftsfragen konfrontiert wurden, hatte er den Vorteil, einfach dem gewohnten Weg weiterhin zu folgen. Für ihn veränderte sich nicht viel, außer dass ein strapaziöser Faktor wegfiel.
Fast ausschließlich jeden Tag betrat er das Konzerthaus und wenn er nicht spielte oder probte, genoss er die Atmosphäre des prunkvollen Konzertsaals und ließ sich beflügeln und inspirieren, stets über seinen Block gebeugt, den Bleistift zwischen den Lippen und die Miene erstarrt in Konzentration.

Er mochte die Stimmung, die das steinerne Bauwerk umströmte, mochte die Gleichgesinnten, die ihm dort begegneten und wenn Erkältungen ihn dahinrafften und selbst sein sturster Wille keine Kraft für die Geige aufbrachte, so saß er zumindest mit einem heißen Tee im Übungssaal und beschränkte sich auf die stille Teilnahme durch bloße Präsenz. Er war schwer zu bremsen in der Blüte seines Lebens, doch sein Weg war sicher und so hätte es niemand versucht.
Die Haare zu einem kleinen Dutt gebunden und die übrigen Strähnen mit einem breiten Band gezähmt, schwarz gekleidet und die Geige sorgsam auf den Oberschenkel gestützt, während er der Weisung des Dirigenten mit Leib und Seele folgte. Auf seinem Hocker und inmitten der Schar der Musiker. Nur selten erlebte man ihn anders und hatte sich Dwayne Hunter früher oft besorgt die Frage gestellt, ob er zu selten Daheim war, so geschah es nun häufig, dass er das große Sofa im Wohnzimmer für sich alleine hatte und dem Flackern des Kamins lauschte.
Das Leben bringt Veränderung, dachte er sich dann stets, doch hatte nichts zu bereuen. Sie wurden einander nicht fremd und empfand Dwayne Hunter seinen Sohn zeitweise als zu abtrünnig, so besuchte er einfach das Konzerthaus.
„Wie schaffst du das?“, fragte Lennard ihn eines Abends, als sie das Sofa für sich einnahmen.
Vor ihnen lief ein Film und die Finger im Popcorn versenkt, hatte sich Lennard eine Weile nicht geregt, bevor er eine für ihn typische Charaktereigenschaft offenbarte. Die zusammenhangslose und abrupte Frage verriet, dass er dem Film schon seit längerem nicht mehr folgte und stattdessen lieber abwegigen Gedanken nachjagte. Dann erhob er mit einem Mal die Stimme, als wäre der Kontext offensichtlich.
„Was meinst du?“, reagierte Dwayne mit der routinierten Gegenfrage.
„Deinen Beruf. Du wirst jeden Tag mit allem konfrontiert, was böse und widerwärtig ist. Es ist deine Aufgabe, dich damit zu befassen aber bist du es nicht manchmal leid, dass du kaum etwas Schönes erlebst?“ Als Dwayne das Gesicht zu seinem Sohn wandte, sah er ihn absent auf die Bildfläche starren. „Wie kannst du dich jeden Tag so entschlossen auf den Weg machen, obwohl du weißt, was dich erwartet? Woraus besteht dein Antrieb? Nachdem du morgens deinen doppelten Espresso getrunken hast, meine ich.“
Somit begegnete Lennard dem Blick seines Vaters.
Er sah ein Schmunzeln auf seinen Lippen, während er beiläufig mit den Fingern durch das Popcorn glitt.
„Du hast Recht“, antwortete Dwayne letztendlich. „Es gibt viel auf der Welt, das böse ist und umso wichtiger sind die Vertreter des Gesetzes. Jedes angemessene Urteil macht meinen Antrieb aus und die Welt um einen Deut besser. Ich hänge an der Hoffnung, dass meine Arbeit etwas bewirkt und die Unschuldigen schützt.“
Dwayne sprach nicht oft von seiner Arbeit. Zu heilig war ihm die seltene Zeit mit seinem Sohn und zu unschön die Themen, die zur Verfügung gestanden hätten. Sobald er das Grundstück erreichte, ließ er Kidnapper, Mörder und Psychopathen hinter sich, um aufmerksam zu sein. Kein Wort seines Sohnes wollte er durch gedankliche Ablenkung versäumen. Er hörte ihm zu, nutzte die Nähe, die ihnen geblieben war, und es gab kaum einen Tag, an dem Worte fielen, die später bereut wurden.
Es war friedlich, es war vertraut und auch daraus zog der gefürchtete Staatsanwalt seine Kraft.
Während sein Beruf ihn in eine Welt des Grauens führte, war die Welt seines Sohnes sicher und wie oft dachte er an ihn, wenn er von nächtlichen Überfällen hörte oder anderen Delikten, die zumeist jene betrafen, die arglos ihres Weges gingen. Niemand ist sicher, kam er dann stets zu dem Schluss und schöpfte tiefen Atem.
Wer zum Opfer wurde, das bestimmte der Zufall.
Er selbst war vor einem solchen Schicksal nicht gefeit. Unzählige Drohungen hatten ihn bislang erreicht. Briefe und Worte hatten ihm unerschöpfliche Male den nahen Tod verkündet, doch bis auf zwei Anschläge, liederlich geplant und lange zurückliegend, hatte sich nie eine Rachetheorie bis zur Umsetzung weiterentwickelt.
Selbstverständlich hatte er sich Feinde gemacht.
Auftreten, Kompetenz und Unerbittlichkeit hatten ihn aus der Grauzone gedrängt und hinein in das Rampenlicht, in dem Zielscheiben erkenntlicher wurden, aber er liebte die Gerechtigkeit und er liebte die Würde des Menschen und wie viel Schmerz würde er selbst auf sich nehmen, um diese Werte zu schützen. Keine Drohung ließ ihn zögern, kein verbrecherischer Rang ihn zurückschrecken und ganz gleich welcher Name die Akten zierte, er nahm sie zur Hand und schlug sie auf. Anklagen, die andere zum Zögern verleiteten, arbeitete er aus, ohne mit der Wimper zu zucken.
Untergrundbosse hatten seinen Namen gerade erst erfahren, bevor er für sie zur Plage wurde. Nicht wenige von ihnen hatten durch ihn Einbußen zu erdulden und wenn er ihnen keinen kommerziellen Schmerz zufügte, so brachte er sie zumindest gelegentlich zum Stolpern. Ohne Frage wurde es schwieriger für manche und Dwayne Hunter zum Salz, das die teuerste Suppe wertlos machte.
Selbstverständlich wurde er sich des Risikos bewusster, je gnadenloser er vorging und hatte er Gedanken, die kompliziert waren und verworren, dann hatte auch er den einen oder anderen an seiner Seite, der sich als „Freund“ bezeichnen durfte. Mitunter Kollegen, die seine Position verstanden, doch auch Menschen, die er schon seit langem kannte und die seine Denkweise durch Vertrautheit nachzuvollziehen wussten. Einer von ihnen war ohne Zweifel Marten Pharell.

Aus zwei fremden Nachbarskindern waren vor langer Zeit Freunde geworden, dann Klassenkameraden, ein verschworenes Duo, das solange Blödsinn ausheckte, bis der Ernst des Lebens nicht einmal mehr mit viel Fantasie zu verleugnen war. Der Zeitpunkt kam früh, an dem die Differenz ihrer Charaktere den gemeinsamen Weg in zwei Bahnen abgrenzte und sie an verschiedene Colleges führte. Dwayne wandte sich dem Rechtssystem zu, während Marten sich der Psychologie verschrieb.
„Wir helfen auf unsere Art“, sagte er einmal zu dem jungen Juristen. „Ich arbeite vorrangig prophylaktisch und werde darauf Acht geben, dass die Zustände unserer Welt nicht an der gesunden seelischen Entwicklung des Menschen nagen. Und du wirst für die Sorge tragen, die bedauerlicherweise durch das Raster fallen.“
Jahrelang und fest in ihrem Willen gaben sie sich so den Studien hin und irgendwann verlangte es keinem von ihnen etwas ab, die Fachgröße des anderen anzuerkennen.
Nach Hungerzeiten und Erschöpfung, Überwindung und Frust erklommen sie unterschiedliche Gipfel und so sehr sie auch gebraucht werden wollten von der Welt, achtsam sorgten sie für den anhaltenden Kontakt und die Pflege von dem, was stets Freundschaft bleiben sollte.
Regelmäßig trafen sie sich zum Essen und wie lange hörten sie einander zu und ließen sich von den Erfahrungen der anderen Seite anregen. Die Distanz zwischen ihnen wurde nie zu groß und so war es Marten, den freudige Nachrichten zuerst erreichten.
„Ich habe jemanden kennen gelernt“, verkündete Dwayne in der Collegezeit.
Bald darauf hieß es: „Wir werden heiraten.“
Mitunter erreichten Marten die feierlichen Botschaften über Telefon, doch eine Neuigkeit erfuhr er, als Dwayne ihm in einem Restaurant gegenüber saß. In seinen Augen leuchtete eine Sentimentalität, die sich der junge Anwalt im Gerichtssaal nicht anmerken ließ.
„Ich werde Vater“, sagte er. „Und davor werde ich verrückt. Ellen sagt, es liegt an ihren Hormonen. Noch acht Monate, aber die Zeit vergeht so schnell.“
Leidenschaftlich verstrickt in die neuen Begebenheiten und Verantwortungen wurden die Zeiträume zwischen ihren Tagungen länger, doch wie oft versteckten sich hinter den Emails Fotos, die Marten weiterhin in das Leben seines Freundes einbezogen. Der Bauch der brünetten Schönheit wurde runder, die Miene des werdenden Vaters angestrengter, doch kaum hielt er seinen winzigen Sohn in den Armen, da gab es nur noch das liebende Lächeln auf seinen Lippen und den Stolz in seinen Augen.
Lennard war nur wenige Monate alt, als Marten und er sich begegneten. Ein fremdes Gesicht neigte sich über das Bett des kleinen, schlafenden Wesens und wie vorsichtig berührte Marten die Hand des Jungen.
„Er wird mal etwas besonderes“, verkündete Dwayne, der bei ihnen stand. „Sieh ihn dir doch nur an. Wie sollte aus diesem Kind nichts fantastisches werden?“
So sehr die neue Rolle als Vater Dwayne auch forderte, er griff leidenschaftlich gern zum Hörer, um Marten vor jedem Versäumnis zu bewahren.
„Er mag keine Möhren“, informierte er ihn. „Ellen ist sich nicht sicher, ob die Bluse gereinigt werden kann. Sie ist wirklich unglücklich. Vielleicht sind es immer noch die Hormone, aber ich werde ihr morgen eine neue und noch schönere kaufen.“
Die Problematik der Bluse war nur vorübergehender Natur, wenige Tage später wurden andere Dinge aktuell.
„Er schreit sehr wenig“, bekam Marten zu hören. „Ellen singt ihm oft etwas vor und wenn sie nicht da ist und Lennard unruhig wird, brauche ich nur Musik anzumachen. Dann liegt er da, hört zu und gibt keinen Mucks von sich.“
Die Verkündung von Lennards erstem Schritt lag nicht lange zurück, als Martens Telefon erneut klingelte.
„Ellen ist tot“, sagte Dwayne beinahe stimmlos.
Es war schnell geschehen. Am Morgen hatten sie sich noch geküsst, bevor er sich auf den Weg machte und nur wenige Stunden vergingen, bevor das Telefon klingelte und die aufgelöste Stimme einer der Hausangestellten an sein Ohr drang. Erinnerte sich Dwayne an den Moment, so hatte er noch immer das Gefühl, er hätte sich damals in Zeitlupe bewegt. Vielleicht war auch nur die Welt um ihn herum schneller geworden, doch irgendwann erreichte er das Krankenhaus und tat es schon nicht mehr als Ehemann, sondern als Witwer.
Was Ellens Schicksal besiegelte, war eine vererbte Neigung des Blutes, Gerinnsel zu bilden. Eines davon, so groß wie der Kopf einer Stecknadel, war zur Zeitbombe geworden und niemand hatte das Ticken gehört, bis es im Leib zu wandern begann und bis in das feine Gefäßgeflecht der Lungen. Ellen starb binnen weniger Augenblicke und selbst als Dwayne bald darauf auf dem kurzen Rasen des Friedhofes stand, inmitten von Familie und Freunden, glaubte er, es noch immer nicht begriffen zu haben.
Die Realität schien so fern, doch dann spürte er das Gewicht seines Sohnes, den er bei sich trug. Während sich die Stimme des Priesters erhob, betrachtete er ihn sich, fuhr mit seiner Hand über das feine brünette Haar und als die blauen Augen des Jungen zu ihm fanden, da lächelte er das erste Mal seit langer Zeit.
„Ellen ist nicht mehr bei uns“, sagte er nur wenige Tage später zu Marten. Nachdem sich die letzten Gespräche auf das Telefon beschränkten, fanden sie ein weiteres Mal und im gewohnten Restaurant zueinander. „Lennard und ich, wir gehen unseren Weg jetzt zu zweit. Ellen hat ihn meiner Obhut überlassen und auch wenn ich noch viel zu lernen habe, es wird ihm nie an etwas fehlen. Ich werde auf ihn aufpassen und ihm alles geben, wozu ich imstande bin.“
Dwayne war ein starker Mensch und hatte er jemals geweint und sich nahe am Abgrund bewegt, so hatte er es fernab seines Sohnes getan. Das vorerst seltene Lächeln sparte er sich für ihn auf, doch mit der Zeit fiel es ihm leichter.
Die enorme Unsicherheit, was die Erziehung anbelangte, versuchte er mit Büchern zu tilgen und wie oft blätterte er sich durch die verschiedensten Werke der Pädagogik, denn auf die Fragen, die sich Ellen durch ihre mütterlichen Instinkte gar nicht erst stellte, wusste er keine Antwort.
Stunden um Stunden studierte er auch Kinderkrankheiten, um ein Symptom sofort zu erkennen. Lennard sollte es gut gehen und wurde er krank, so wollte Dwayne unverzüglich handeln. In der ersten Zeit schreckte er in die Höhe, wenn Lennard aufstieß, wenn er sich verschluckte oder den Eindruck machte, gleich zu weinen. Als er und Marten sich nach wenigen Wochen wiedersahen, da schmunzelte der Doktor der Psychologie.
„Lennard scheint es an nichts zu fehlen. Kannst du das auch von dir behaupten? Du meintest, du hättest dir viel frei genommen und so einige Akten mit Nachhause. Aber du solltest auch wieder einen normalen Alltag haben, findest du nicht? Ich kenne dich, Herr Staatsanwalt. Du brauchst die Arbeit und Lennard wird es dadurch nicht schlechter gehen. Hab Vertrauen in dich. Auch Väter haben so etwas wie Instinkte.“
So kehrte auch Dwayne allmählich in sein eigenes Leben zurück. Immer öfter betrat der Staatsanwalt sein Büro und mit der Zeit wurde er nicht mehr von permanenten Ängsten belastet. Er sah nicht mehr vor seinem geistigen Auge, wie Daheim Unfälle geschahen. Wie das Kindermädchen in einen tiefen Schlaf fiel und der kleine Lennard kurz darauf die Treppe hinunter.
Er lockerte seinen Griff um den Jungen, ließ ihn leben und wie sentimental hörte er seine ersten Worte. Es war eine gesunde Beziehung, die sich zwischen den beiden entwickelte. Nicht immer harmonisch, da menschlich, doch sie genossen die Zeit, die ihnen blieb, wechselten ungezwungene Worte, blieben stets interessiert am Leben des anderen und führten das eigene bestmöglich. Wie eigenständig hatte sich Lennard seinen Weg gesucht, wie stolz folgte Dwayne dem seinen und nicht selten dachte er an die vergangenen Jahre und die Rastlosigkeit, in der sie verflogen.
Sein Sohn, gerade einmal achtzehn Jahre alt, bewegte sich unabhängig von ihm, doch tat es auf eine so reife und durchdachte Weise, dass kaum ein Tag kam, an dem sich Dwayne Sorgen um ihn zu machen brauchte. An einem solchen Tag war es auch, dass das Läuten des Telefons den Umbruch einleitete.
Das vertraute Rufsignal drang an die Ohren des Staatsanwaltes, dessen Konzentration sich auf einen Fall fokussierte und wie beiläufig fand seine Hand zum Telefon, wie routiniert auch zu einer Taste.
„Ein gewisser Mr. Revell wünscht Sie zu sprechen, Sir“, meldete die Sekretärin einen ungewöhnlichen Anrufer. Als sie fortfuhr, waren Dwaynes Augen dem Papier längst untreu geworden. „Es geht um Lennard.“
„Stellen Sie ihn durch.“
Es geschah bis zum heutigen Tag nicht, dass der Leiter des Konzerthauses ihn kontaktierte. Sie waren sich begegnet, mehrfach und oft, wenn er als stolzer Vater die Vorstellungen besuchte. Die Hände hatten sie sich geschüttelt, das eine oder andere Kompliment ausgetauscht, doch Emerick Revell gehörte zum Leben seines Sohnes. Die Akte war nicht mehr von Belang. Längst war in seinem Kopf ein Gespinst aus Fantasien und Sorgen explodiert, doch realistisch betrachtet erwartete er die Information, dass Lennard gestolpert war und aufmerksame Mitarbeiter ihn in das Krankenhaus brachten.
Möglicherweise ein geprellter Knöchel, im schlimmsten Falle ein Bruch, doch sie würden darüber lachen und dem jungen Mann seine Träumereien vorhalten. Mit der Zeit würden wohl Witze daraus entstehen und ein Ulk, den Lennard mit einem Augenrollen regelmäßig über sich ergehen ließ.
„Verzeihen Sie die Störung, Mr. Hunter“, drang die Stimme des Mannes dann durch den Schleier aus Fantasie und Erwartung. „Wir beginnen in wenigen Minuten mit einer Probe und vermissen Lennard. Er meldete sich vor einer Stunde ab, um in der Stadt zu essen und ist bis jetzt noch nicht zurück. Über sein Handy erreichen wir ihn auch nicht. Das ist ungewöhnlich.“
Der Schleier verflüchtigte sich. Mit einem Mal gab er die Sicht auf die Realität frei und ließ Dwayne erkennen, wo er sich befand. Er hatte inne gehalten auf einem Weg, den er nicht gehen wollte, denn das Ziel bestand nicht einmal im besten Fall aus etwas Positivem. Um nichts in der Welt hatte sich der junge Geigist bis zum heutigen Tag verspätet. Seine Disziplin wurde in höchsten Tönen gelobt und so besaß Mr. Revell jegliches Recht für diesen Anruf.
„Ich kümmere mich darum“, sagte Dwayne. „Wenn er in der Zwischenzeit kommt, melden Sie sich bitte.“
Als er abermals nach dem Knopf tastete, bemerkte er, dass der Atem nur gedrungen seiner Brust entströmte. Selbst das Schlagen seines Herzens hatte an seiner ruhigen Gleichmäßigkeit verloren, denn mit einem Mal spürte er den kalten Hauch einer Befürchtung im Nacken, einer Intuition, die ihm im Gerichtssaal oft zum Sieg verhalf. Nur beiläufig drängte seine Hand die schwere Akte zur Seite, bevor er sich abermals dem Telefon zuwandte und eine Kurzwahltaste drückte.
Wenn sich Lennard nicht fernab seines Handys und bei den Proben befand, meldete er sich meistens recht schnell oder rief zumindest binnen kurzer Zeit zurück. Daran dachte Dwayne, während er dem monotonen Rufsignal lauschte. Im Nachhinein wusste er nicht, weshalb er sich zuerst an dem versuchte, woran Mr. Revell scheiterte.
Als der Anrufbeantworter sich meldete, bat er seinen Sohn um einen Rückruf und legte auf. Dann gab es nur noch seine Atemzüge und das Ticken der Uhr. Seine Augen durchschweiften den Raum und während er sich im Rahmen seiner Arbeit stets auf den kühlen Schauer der Intuition verließ, wollte er nun verleugnen, dass er ihn wahrnahm.
Bis jetzt verspätete sich Lennard nur um wenige Minuten und doch wusste Dwayne tief in seinem Kern, dass etwas Grausames geschehen war. Um aufzutauchen aus diesen Gedanken voll Angst und Irritation griff er abermals nach dem Telefon.
Der Slalom aus Zuständigkeiten und Warteschleifen war für den Staatsanwalt ein kurzer und gerader Weg. Nur wenige Augenblicke nahm es in Anspruch, bis er einen leitenden Polizeibeamten in der Leitung hatte und wie abrupt verschoben sich die Prioritäten des Mannes. Hatte er sich mit etwas befasst, so ließ er es warten und nur wenige Minuten starrte Dwayne auf das leblose Telefon, bevor es sich abermals meldete. Nur kurz durchzuckte den Staatsanwalt die Hoffnung, es wäre Mr. Revell und Lennard in der Zwischenzeit doch zurückgekehrt. Es hätte irgendeinen bizarren Grund gegeben.
Dwaynes Fantasie reichte nicht, um diesen zu kreieren und letztendlich war es der Polizeibeamte, der den angekündigten Rückruf tätigte. Welche Hebel es auch immer gab, jeder von ihnen hatte sich in den letzten Augenblicken in Bewegung gesetzt, doch in keiner Wache oder Notaufnahme hatte Lennard in der letzten Stunde eine Rolle gespielt.
Es gab keinen Unfall, in den er involviert war, kein Funkspruch hatte seinen Namen enthalten, doch sollte dieser Fall eintreffen, versicherte der Beamte, so würde Dwayne binnen kürzester Zeit davon erfahren.
Das erneute Auflegen des Hörers fiel ihm zunehmend schwerer und wie sinnlos erschien es ihm im Nachhinein, dass er sich weiterhin mit dem Telefon befasste. In unbegründeter Hoffnung rief er sogar Zuhause an, doch das Personal sah Lennard wie gewöhnlich früh am Morgen das Anwesen verlassen.
Anschließend suchte Dwayne nach den Telefonnummern seiner Freunde, die er durch Zeit und Zufall erhielt. Dass sich Lennard bei einem von ihnen aufhielt, war undenkbar, doch mehr blieb ihm nicht, um seine Angst in Handlungen zu ersticken. Weiterhin konnte ihm niemand eine Hilfe sein, doch immer mehr Rückrufe wurden ihm versprochen für den Fall, dass man etwas erfuhr.
„Na, hoffentlich ist er nicht vor ein Auto gelaufen, so duselig wie er immer ist“, war Drews Antwort. „Ich werde mich mal umhören. Irgendwo muss er ja stecken.“
Geöffnet und unbeachtet blieb die Akte auf die Kante des Schreibtisches gebettet. Dwayne hielt es nicht mehr auf dem Stuhl. Ziellos und unruhig schritt er durch sein Büro und wie eilig trat er erneut zum Telefon, als es sich meldete. Die Hoffnung, die abermals tief in ihm aufflackerte, erschien ihm beinahe lächerlich und tatsächlich teilte ihm Mr. Revell nur mit, dass sich mehrere Mitarbeiter in der Stadt auf die Suche begeben hatten.
Das Fehlen des jungen Mannes versetzte viele Leben in Bewegung und als Dwayne dann vor seinem Schreibtisch stand, die Hände in die Hüften gestemmt und die Lippen fest aufeinander gepresst, da gestand er sich ein, dass die Suche der Musiker ihn in keiner Weise beruhigte.
Lennard wurde erst seit zwei Stunden vermisst, als er sein Handy orten ließ.
Das Signal drang nicht aus der Innenstadt und wie verbittert gedankenlos ließ er einen Streifenwagen schicken. Die Akte lag noch immer neben ihm, als er die Ellbogen auf den Schreibtisch stemmte und das Gesicht in beide Hände. Immer schwerer legte sich die Angst auf ihn, immer gedrungener fiel sein Atem. Die letzte Hoffnung erlaubte es ihm, sich um die offensichtlichen Tatsachen herum zu winden und er regte sich nicht, als die Stimme des Polizeibeamten abermals aus dem Telefon drang.
„Wir haben das Handy in einem Mülleimer gefunden. Keine Tasche.“
Als ein Klicken den Anruf beendete, sank Dwayne stockend auf seinen Schreibtisch.

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tbc

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