Just smile

Eli, ein wohlgeratener und heiterer junger Mann, genießt sein High-School-Leben und hat nicht viel mehr Sorgen als zu dieser Zeit üblich. Als seine Klasse einen neuen Kameraden bekommt, glaubt Eli endlich den Menschen gefunden zu haben, der des Titels 'Bester Freund' würdig ist. Sie scheinen kompatibel, eine Freundschaft entwickelt sich rasch, doch je näher Eli ihm kommt, desto widersprüchlicher und seltsamer wirkt er. Irgendwann realisiert Eli, dass er einen Preis für die Freundschaft zu zahlen und eigene Grenzen zu überschreiten hat.
Eine Geschichte über Mut, Verantwortung und die Schritte, mit denen man die sorglose Jugend verlässt.

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Ich wusste nicht, was mir diese Direktheit eingebracht hatte. Ob es Fortschritte waren oder eher welche in die entgegengesetzte Richtung. Nur einer Sache war ich mir sicher – ich war unzufrieden und um keinen Deut meines Frusts ärmer. Der Weg zur Schule verlief diesmal recht still.

„Ist jetzt alles okay?“, fragte er, als wir das Ziel fast erreichten und ich nickte nur andeutend. Doch letztendlich blieb es bei einer neuen Gewissheit. Meine Worte hatten ihn beinahe aus der Reserve gelockt. Etwas hatte sich in ihm geregt, doch war niedergerungen worden von Ablenkung und Ausflüchten.

Er selbst hatte mir gezeigt, dass ich im Recht war, wenn ich meinte, seine Distanz wahrzunehmen und die permanente Gegenwart eines Verstecks, in das er sich flüchtete, wenn jemand seine Grenzen überschreiten wollte. In jener Nacht hatte ich ihn getroffen und in jener Nacht hatte etwas nicht mit ihm gestimmt. Er war schockiert, dass ich sein Haus betrat und er umging die Wahrheit völlig bewusst.

An diesem Tag stellte ich mir die Frage, was er unter dem Wort ‚Freundschaft‘ verstand. Es gab die lockeren Beziehungen zu den Klassenkameraden. Man traf sich, teilte hin und wieder die Freizeit und sprach nur über das, worüber man sprechen wollte. Es bedeutete Freiheit ohne jede Gefahr, sich öffnen zu müssen. Doch wirkliche Freundschaft war anders.

Sie funktionierte nicht zwischen allen Menschen und wie zermarterte ich mir den Kopf, ob ich der einzige war, der die nötigen Voraussetzungen bei uns wahrnahm. Ich spürte, dass uns mehr verband, dass uns noch mehr verbinden könnte und dass der Kontakt zwischen uns ein anderer war als zu den Klassenkameraden und Menschen, die man als ‚Kumpel‘ bezeichnete.

Ferris‘ Verhalten erbrachte die Antwort. Ich war der einzige.

Das war es also, was ich zu erwarten hatte. Wie so oft hatte ich mir zu viel erhofft, doch von diesem Punkt an fiel es mir leichter loszulassen und ihm den Abstand zu bieten, den er anscheinend brauchte. Vielleicht würden wir uns mal sehen, wenn die Klasse den Nachmittag miteinander verbrachte. Möglicherweise auch mal bei einem Grillen unserer Eltern, doch er würde ein ‚Kumpel‘ bleiben.

In der Schule sprach ich bald nicht öfter mit ihm als die anderen. Von vornherein wählte ich allgemeine und oberflächliche Themen, während ich es umging, ihn in die Planung meines Privatlebens einzubinden. Ich sah ihn, meinen Nachbarn, manchmal auf der Straße, wenn er mit Trip seine Runde ging. Hin und wieder sahen wir uns zufällig und dann grüßte ich ihn.

Ich war freundlich, doch vermutlich war die Veränderung meines Verhaltens ihm gegenüber doch offensichtlicher, als ich bewusst wahrnahm. Vor allem vielleicht dadurch, dass sich der Hebel in meinem Kopf allmählich umlegte und es sich damit doch ganz gut leben ließ. Natürlich beschäftigte es mich immer noch aber es wurden weniger und weniger Gedanken, die ich der Sache widmete. Ich entwöhnte mich, schloss sie zu den Akten und sah sie wenige Tage später allesamt hervorbrechen.

Mein Wecker klingelte zu leise, das Bett war zu bequem und als ich dann doch auf die Beine sprang, blieben nur noch wenige Minuten bis zum Unterrichtsbeginn. Vermutlich hatte Ferris auch an diesem Tag gewartet. Morgens um sieben an den Mülltonnen, um mit mir zur Schule zu gehen und den Weg mit belanglosen Worten zu füllen. Seltsamerweise tat er es immer noch, obwohl er es nicht musste und es mir ehrlich gesagt auch wenig Freude bereitete.

An diesem Tag wartete er vergebens und wie spürte ich seine Aufmerksamkeit, als ich das Klassenzimmer in der ersten Pause erreichte und mir die gewohnt dummen Bemerkungen anhörte.

Insgesamt wurde ich in den nächsten Tagen das Gefühl nicht los, dass er mich ansprechen wollte. Oft machte es den Eindruck, er käme auf mich zu und entschied sich dann spontan für eine andere Richtung. An dem Tag, an dem ich zu spät kam, erkundigte er sich, ob es bei den morgendlichen Treffen blieb. Es musste sehr schwer für ihn sein, meine überforderte Geste als Zustimmung zu verbuchen.

Sobald ich auf Abstand ging, schien er mir zu folgen. Trat ich zurück, rückte er nach und sprach ich weniger mit ihm, so sprach er mehr mit mir. Dass ich sein Verhalten mir gegenüber reflektierte und seinem Beispiel folgte, schien ihm nicht zu gefallen und trieb mich innerhalb von zwei Wochen an jede Grenze. Die Aussicht auf eine tiefgründige Freundschaft lehnte ich ab, wenn es absehbar war, dass sie sich wie Rauch verflüchtigte.

 

Wir kannten uns insgesamt sechs Wochen, als wir nachmittags vor der Schule standen.

Die Luft flimmerte, während sich die letzten Schüler auf den Nachhauseweg machten. Der Platz vor dem großen Gebäude wurde leer und wir schwiegen, obwohl der Moment gekommen war, um so viel zu sagen. Wir beiden hatten uns in der letzten Zeit in Rollen gefügt, die uns nicht passten.

Lange stieß er mich mit Oberflächlichkeit von sich, doch ließ auf der anderen Seite niemals zu, dass die Distanz zwischen uns zu groß wurde. Es waren mehrere Blicke, die dazu führten, dass wir die einzigen waren, die zurück blieben. Er wollte etwas loswerden und ich war mir nicht sicher, ob ich es hören wollte. Er nippte an seiner Flasche, während er die letzten gehen sah. Ich zog mit dem Fuß Kreise auf dem Boden.

Die Gelegenheit für Worte war längst da, doch es schien schwierig zu sein. Er zögerte, ich zeigte meine Ernüchterung offen und wie lange dauerte es, bis ich seinen Blick spürte.

„Es ist ätzend, so wie es gerade läuft“, hörte ich ihn dann sagen. Nicht nur ich schien frustriert zu sein und wie zermürbt erwiderte ich seine Aufmerksamkeit. „Du gehst mir aus dem Weg. Wir könnten ein bisschen mehr zusammen machen.“

Ich schöpfte tiefen Atem. Die Sonne brannte mir auf den Kopf und verursachte einen permanenten, ziehenden Schmerz. Er räusperte sich und hängte sich wieder an seine Wasserflasche.

„Nur wenn du das willst“, fügte er hinzu.

Mein Stöhnen erhob sich lauter, als ich es beabsichtigte. Der alte, neu erweckte Frust quoll aus mir hervor und wie erschöpft rieb ich mir die Stirn. Ferris schwieg betreten. Im Grunde war es das Schlimmste, was mir in dieser Lage passieren konnte. Längst mit den Tatsachen abgefunden, servierte er mir die alte Problematik und das auf einem absolut unangebrachten Fundament.

Er starrte mich an, als ich mir auch die Augen rieb und den Kopf schüttelte.

„Was du willst, ist eine Freundschaft, aber ich glaube, wir verstehen nicht dasselbe darunter. Verstehst du, wenn bei simplen Bekanntschaften die besonderen Themen fehlen, redet man eben nur über Filme und sonstigen Kram. Man quatscht, ohne dass es was zu bedeuten hat. Und die Freizeit verbindet man nur, wenn es zufällig dazu kommt. Wenn du glaubst, dass das eine Freundschaft ist, kannst du dich gerne als mein Freund sehen. Für mich wirst du allerdings ein Nachbar und Klassenkamerad bleiben. Und wir sollen mehr zusammen machen? Wie viele Themen bleiben uns, bevor du dicht machst?“

Ich hörte sein tiefes Durchatmen und sah, wie er die Lippen aufeinander presste, bevor er sich etwas abwandte und zu den entfernten Bäumen blickte. Er wirkte angespannt, doch der Deckel war gelüftet und den Inhalt hatte er zu ertragen.

„Ich habe dir deutlich genug gezeigt, dass wir Freunde sein könnten und du hast mir genauso deutlich gezeigt, wo deine Grenzen liegen. Solche Kontakte habe ich zuhauf. Die sind nichts Besonderes. Klar würde ich mehr Zeit mit dir verbringen aber eigentlich weiß ich kaum etwas über dich und wenn ich nachhake, wird alles platt geredet.“

„Aber es war doch gut so wie es war.“ Es war deutlich, dass es immer schwerer für ihn wurde, Unverständnis zu heucheln. „Wir kamen gut miteinander aus, oder nicht? Es war doch immer lustig.“

„Du willst, dass es wieder so wird, wie es mal war? Nichts Ganzes und nichts Halbes? So kann ich nicht auf Dauer mit einem Menschen umgehen, den ich nicht begreife. Auf diese Überraschungs-Sachen habe ich keine Lust.“

„Überraschungs-Sachen?“ Er schnitt eine Grimasse und spätestens jetzt diente mein Durchatmen dazu, Geduld an mich zu reißen.

„Freundschaft bedeutet in meiner Welt Ehrlichkeit“, fuhr ich fort, bevor er es konnte. „Niemand muss sich entblößen aber wenigstens ein paar Erklärungen liefern, um den anderen nicht völlig aus dem Konzept zu bringen?“

„Bringe ich dich aus dem Konzept?“ Ferris‘ Unverständnis schwoll an, als würde ich ihn unter Druck setzen. Seine Miene zuckte und auch ich bemerkte nicht, wie der Frust der letzten Wochen meine Stimme verstärkte. „Ich habe tagelang gegrübelt, weil ich nicht schlau werde aus dem, was du an den Tag legst. Du fällst fast ins Koma, als ich dein Haus betrete und- streite es nicht ab“, verhinderte ich den Widerspruch, der ihm schon auf den Lippen lag. „Und erzähl mir nicht noch einmal, dass du müde warst, als wir uns nachts trafen, sondern gib einfach zu, dass du keine Lust hattest, mit mir zu reden und dass es bei meinem Besuch dasselbe war. Für mich ist da nichts dabei aber ich höre nur Ausreden und dass ich mir alles einbilde und missverstehe. Danach zeigst du mir die kalte Schulter, als hätte ich doch einen Fehler begangen und am nächsten Tag bestehst du wieder darauf, dass wir uns treffen. An diesen bescheuerten Mülltonnen!“

Während ich erneut tief Luft holte, hatte er die Gelegenheit zu antworten, doch er starrte mich nur an.

„Das Wechselbad deiner Gefühle ist mir zu heiß und zu kalt. Ich komme nicht gesprungen, wenn du mal Lust hast, ‚Freundschaft‘ zu spielen.“

Kurz machte er den Eindruck, etwas sagen zu wollen, doch dann begriff ich, dass meine Worte ihm spätestens jetzt die Kontrolle entrissen hatten. Perplex sah er aus, während sich in seinen Augen kalte Befürchtungen spiegelten und selbst diese Regung riss mich noch tiefer in den Abgrund der Ratlosigkeit. Eine solche Mimik hatte er mir noch nie geboten und wie riss ich mich zusammen, um mich nicht hineinzusteigern in einen Zustand, der jede Produktivität zunichtemachte. Dieser Moment war wichtig.

„Ich mache dir keinen Vorwurf, okay?“ Meine Stimme beruhigte sich. „Aber du musst dich entscheiden. Ich kann dich gut leiden und will dich kennen lernen aber wenn du mir nur diese Oberfläche bietest und Ausreden, dann kann es nicht zu Vertrauen und Verständnis kommen, weil ich vor Grübeleien und Frust nicht zur Ruhe komme.“

Wenige Momente starrte er mich nur weiterhin an. Auf diese seltsame Art und Weise, als würde ich ihm weit mehr sagen als diese Ansicht. Ich bemerkte, wie er nach der alten Kontrolle suchte, sie jedoch nicht zu fassen bekam und letztendlich brachte er nur ein Räuspern zustande.

„Vertrauen und Verständnis“, glaubte ich ihn murmeln zu hören, bevor er auf seiner Unterlippe kaute.

„Weißt du, worauf ich hinaus will?“, fragte ich sicherheitshalber und sah ihn beinahe widerwillig nicken.

„Ich soll ehrlich sein.“

„Wenigstens ein bisschen. Was hast du zu verlieren?“

Abrupt fanden seine Augen zu mir zurück. Es war eine plötzliche Reaktion. Zu heftig für mein Verständnis, doch innerlich schüttelte ich nur den Kopf über dieses weitere Mysterium. Er schien viel zu verlieren zu haben und ich begriff es nicht. Als er sich von mir losriss, glaubte ich einen leisen Fluch aus seinem Mund zu hören.

Er presste die Lippen aufeinander, starrte erneut zu den Bäumen und windete sich so kläglich in diesem milden Ultimatum. Dabei lag es doch in seiner Hand und auch eine große Hürde sah ich dabei nicht.

Es wurde still zwischen uns. Einige Momente vergingen, in denen er die Bäume begutachtete und ich ihn. Ich wartete, versuchte ein weiteres Mal schlau aus ihm zu werden und kapitulierte wie gewöhnlich.

„Und was machst du, wenn ich ehrlich bin und dir nicht gefällt, was du hörst?“ Durchaus scheu trauten sich seine Augen zurück zu mir. Seine Haltung wirkte mit einem Mal geduckt.

„Niemand hat eine reine Weste“, antwortete ich ohne weiteres. „Ich für meinen Teil könnte ein Buch über die Dinge schreiben, für die ich keinen Orden sondern Teer und Federn verdiene.“

Ferris‘ Blick gewann keinen Deut an Festigkeit. Sein Körper richtete sich nicht auf und als er weiterhin nur schwieg, sprang ich über meinen Schatten und hoffte, ihm damit ein wenig die Angst zu nehmen, die er offensichtlich hatte.

„Vor drei Jahren bin ich meinem damals besten Freund in den Rücken gefallen. Er verliebte sich in eine Bekannte von mir, auf die ich ebenfalls ein Auge geworfen habe und natürlich habe ich dafür gesorgt, dass sie sich nie näher gekommen sind. Ich habe intrigiert und gelogen und nicht nur die Freundschaft für eine dumme Verknalltheit ruiniert sondern auch die Verbindung zu dem Mädchen. Als sich kurz darauf eine andere in mich verliebte, ließ ich mich nur auf sie ein, um meinen Frust loszuwerden. Ich machte ihr etwas vor, nutzte sie für meine Zwecke und servierte sie eiskalt und ohne Erklärung ab, als sie mir zu anhänglich wurde. Innerhalb eines Jahres habe ich drei Menschen Schaden zugefügt und mich bis heute nicht entschuldigt, weil mir die Größe fehlt. Ich fühle mich dabei widerlich und verschlimmere es weiterhin, indem ich der Meinung bin, dass es schwer für mich wäre.“

Noch nie hatte ich es ausgesprochen, hatte diesen dunklen schwarzen Kern bisher nur in mir getragen und war der festen Überzeugung, er sprenge jedes Maß. In meinen Augen war dieses Verhalten nicht nur feige und verlogen, sondern auch eines der schlimmsten, um Menschen zu verletzen. Doch ich fühlte mich gut. Es war kein großer Schritt. Nicht einmal ein winziger, wenn es um die ging, die durch mich gelitten haben, aber in dieser Situation war es der Anfang und Ferris vielleicht eine Hilfe.

Er hatte zugehört. Aufmerksam wie immer und als ich ihn dann erneut ansah, bemerkte ich, dass sich sein Gesicht entspannt hatte. Es lag kein Entsetzen in seinen Zügen. Er machte nicht den Eindruck, dass ihn diese zahlreichen Vergehen empörten oder er enttäuscht von mir war. Er sah mich nur an, undurchdringlich, neutral und eine ganze Weile, bevor er eine stumme Antwort erbrachte.

Ich begriff sie nicht, denn sie wirkte wie eine vollkommene Verfehlung. Das einzige, was ich wusste, war, dass ich noch nie zuvor so ein trauriges Lächeln gesehen habe.

 

-tbc-

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