Just smile

Eli, ein wohlgeratener und heiterer junger Mann, genießt sein High-School-Leben und hat nicht viel mehr Sorgen als zu dieser Zeit üblich. Als seine Klasse einen neuen Kameraden bekommt, glaubt Eli endlich den Menschen gefunden zu haben, der des Titels 'Bester Freund' würdig ist. Sie scheinen kompatibel, eine Freundschaft entwickelt sich rasch, doch je näher Eli ihm kommt, desto widersprüchlicher und seltsamer wirkt er. Irgendwann realisiert Eli, dass er einen Preis für die Freundschaft zu zahlen und eigene Grenzen zu überschreiten hat.
Eine Geschichte über Mut, Verantwortung und die Schritte, mit denen man die sorglose Jugend verlässt.

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Wir blieben unseren neuentdeckten Gewohnheiten treu. Jeden Morgen stand er neben den Mülltonnen, die wir längst als ‚Geheimen Treffpunkt‘ bezeichneten. Dann spazierten wir zur Schule, immer in Gespräche vertieft oder in Diskussionen aber niemals gelangweilt. Während der kommenden Stunden drifteten unsere Wege oft auseinander, doch kaum brachen die Pausen an, trafen wir uns wieder. Gemeinsam schlenderten wir über den Schulhof, schlenderten bald darauf Nachhause und wie geläufig wirkte es schon nach wenigen Tagen, wenn wir das Handy des anderen zum Klingeln brachten. Am Donnerstag rief er mich an, weil er die eigenen Notizen der Hausaufgaben nicht entziffern konnte.

Am Freitag zahlte ich ihm den Anruf heim, um ihn zu fragen, ob er an diversen Gartenarbeiten teilnehmen wollte, auf die meine Mutter durch einen Anflug von gnadenloser Spontanität bestand. So trafen wir uns spät am Nachmittag wieder und verkehrten die strapaziösen Stunden in ihr Gegenteil. Es war warm und mühsam, aber heiter. Trip lag im Schatten unserer Terrasse und beobachtete uns mit der Erleichterung eines Tieres, das nicht zu derartigem gezwungen werden kann.

Er war über all das erhaben und schlug mit seinem Ohr nach Fliegen, während wir unser fehlendes Talent unter Beweis stellten.

Ferris sah verdächtig nach keiner Erfahrung aus. Ich verfügte nur über die unfreiwillige und so kam nicht einmal ein halber grüner Daumen heraus, hätten wir zusammengelegt. Wir blieben ahnungslose Lakaien, die blind den Befehlen meiner Mutter gehorchten und indessen Diskussionen führten über alles, das sich uns bot. Hitzebedingt war das Niveau der Debatten nicht der Rede wert und es wurde auch nicht besser, als wir nach getaner Arbeit eingedeckt mit Kuchen und kalten Getränken auf der Terrasse saßen.

Meine Mutter war noch im Garten unterwegs, um entzückt am einen oder anderen Blatt zu zupfen. Durch die schwarzen Gläser seiner Sonnenbrille verfolgte Ferris ihr verliebtes Tänzeln durch ihre persönliche Oase. Als er mir ein Grinsen schickte, winkte ich nur ab und tastete nach dem Knoten des Shirts, das ich mir um den Kopf gebunden hatte.

Er meinte, das Wochenende müsste er nutzen, um die Lücke zwischen dem nötigen Wissen und seinem aktuellen Stand zu verkleinern. Natürlich ächzte er schon bei der Vorstellung, doch es blieb notwendig und sein Entschluss, sich dem Ungetüm zu stellen, respektabel. Am Montag würden wir uns wiedersehen. Sieben Uhr am geheimen Treffpunkt und so salutierte ich nur flüchtig, als ich ihn an der Haustür verabschiedete. Ich sah ihm nach, als er mit Trip durch unseren Vorgarten trottete, devot den lauernden Büchern und Heftern entgegen und wie erleichtert war ich, dass es mir anders ergehen würde.

Die meisten Hausaufgaben waren gemeistert und die nächsten beiden Tage somit freigeräumt, um sie mit Sinnlosem und Spaßigem zu füllen. Kein Wecker riss mich aus dem Schlaf. Keine andere Verpflichtung erwartete mich am Morgen und wie liebte ich die Wochenendfrühstücke, die ich allein und nur in Gesellschaft eines dudelnden Radios genoss. Mein Vater hatte sich in seinem Büro verbarrikadiert und wünschte keine Störung, um seine ‚kreativen Ressourcen‘, wie er es nannte, vollends ausschöpfen zu können. Meine Mutter hingegen tat nichts, das mit kreativen Ressourcen zu tun hatte.

Sie war mit Freundinnen unterwegs und so blieb mir jede Zeit, dem Radio zu lauschen, Rosinen in mein Müsli zu schütten und schläfrig aus dem Fenster zu starren, bis meine Sinne zu sich kamen. Dann telefonierte ich mit einem Freund, telefonierte mit einem anderen und sicherte meine spontane Tagesplanung. Wirklich schön wurde es meistens nur in Gesellschaft, also brachte ich mein Wochenende in genau dieser zu. Wir zogen durch Spielhallen, ließen uns gediegen in Fast-Food-Restaurants nieder und taten noch anderes, um die letzten Tropfen unserer Jugend auszukosten.

Dann schlief ich wieder ungestört, nahm an einem hektischen Großeinkauf teil und lag am späten Nachmittag auf meinem Bett, um träge aus dem Fenster zu starren. Der Sonntag wurde von keinem schönen Wetter heimgesucht.

Der Himmel war grau und die Welt verleitete wenig dazu, sich ihr auszusetzen. Kurz darauf fing es an zu regnen und während ich dann vor meinen übrig gebliebenen Hausaufgaben saß, griff ich nach dem Handy und rief Ferris an. Mir war nach einem Plausch. Möglicherweise scheiterte er wieder an den Hieroglyphen seiner eigenen Schrift aber nur das Rufsignal ertönte und anschließend die Mailbox. So ging meine Rechtfertigung für eine Pause zugrunde und der Hürdenlauf der Mathematik weiter. Die kläglichen Überbleibsel meiner Hoffnung ließen mich des Öfteren zu meinem Handy spähen. Wenn er zurückrief, dachte ich, hätte ich jede Rechtfertigung, den Kugelschreiber von mir zu werfen, doch es blieb still und ich dem Notwendigen ausgeliefert.

Erst spät am Abend vibrierte mein Handy unter einer SMS. Von Ferris.

>Warte morgen nicht, bin erkältet, bleibe Zuhause.<

 

Das tat er wirklich. Der geheime Treffpunkt verlor am nächsten Morgen seine Mystik. Die Mülltonnen standen einfach nur dort, als ich an ihnen vorbeiradelte. Sie verloren ihren Nutzen und wurden mit einem Mal degradiert zu bloßen Gegenständen, in denen man Abfall entsorgte. Ich grinste bei dem Gedanken und als ich durch die Morgensonne fuhr. Diesmal erreichte ich die Schule alleine und konnte nicht einmal in jeder Einzelheit erklären, was Ferris krankheitstechnisch widerfahren war.

Eventuell die verspätete Ermüdung durch den Umzug und den damit verbundenen Kräfteaufwand oder die Anpassung an das Klima, das sich kaum von Louisville unterschied. Es gab mehrere Möglichkeiten und wie gierig stürzten sich meine gelangweilten Klassenkameraden auf dieses Thema. Sie schnatterten, als wir durch den Schulflur trotteten.

„Vielleicht hatte er eine Freundin in Louisville“, hörte ich die Stimmen der Mädels vor mir. „Vielleicht hat sie Schluss gemacht?“

„Ein gebrochenes Herz sollte eine anerkannte Krankheit sein!“

Es gab auch andere Theorien mit Rasenmähern, Heckenscheren und viel Blut. Aber nur bis zur ersten Pause, dann rutschte das Thema in seine verdiente Unwichtigkeit ab und wurde fallen gelassen. Ferris war krank und ich nahm die erste Amtshandlung, die daraus hervorging, sehr ernst. Ich nahm seine Arbeitsblätter mit, verfasste eine Liste der Hausaufgaben und kopierte die Niederschriften. Wer ohnehin Probleme damit hatte, sich mit dem aktuellen Stoff anzufreunden, der sollte ihn nicht verpassen.

Und ich schrieb auch weitere drei Tage die Hausaufgaben auf. Bis Mittwoch war das Material schon recht stattlich und ich schickte ihm eine SMS. Kurz und übersichtlich mit den gebührlichen Besserungswünschen und verbunden mit der Warnung vor der wartenden Sammlung. Er antwortete nicht und ich ließ ihn in Ruhe.

 

Donnerstagabend überfiel mich das Bedürfnis, an leichte Auskünfte heranzukommen, doch das Informationsnetz meiner Mutter zeigte in diesem Gebiet eines seiner seltenen Lücken. Es war bei einem kurzen Telefonat geblieben, in dem es um eine Kuchenform ging und so zuckte sie mit den Schultern.

„Manchmal kommen die Auswirkungen der vergangenen Anstrengungen viel später“, lieferte sie mir eine Erklärung, um die ich sie nicht gebeten hatte. Spekulationen gelangen mir genauso gut. „Edith ist bei bester Laune und das wäre sie wohl kaum, wenn es ihrem Sohn wirklich schlecht gehen würde. Mütter sind der Spiegel ihrer Kinder. Wenn du ernsthaft krank wärst, jeder würde es mir ansehen.“

Andere zu umsorgen, lag mir fern, sobald es übertrieben war und alles andere als notwendig. Ein kleiner Stapel mit Mitschriften, Arbeitsblättern und Hausaufgaben wartete auf meinem Schreibtisch auf seinen rechtmäßigen Besitzer. Am Freitag kam noch ein wenig dazu und als ich so eine weitere Woche hinter mich gebracht hatte, stand ich spätnachmittags vor der Sammlung, stemmte die Hände in die Hüften und grübelte. Ich empfand es nicht als übertrieben.

Nachdem der Kontakt in der ersten Woche gedieh und an Distanz verlor, war in den letzten sieben Tagen kein Lebenszeichen zu mir gedrungen. Keine Erwiderung auf die SMS. Ferris war auch nicht spät in der Nacht mit Trip die Straße hinab spaziert, wie er es in der ersten Woche täglich tat.

Diese Dinge waren es, die meinen Kopf beschäftigten und mein Bauch war es, in dem sich ein seltsames Gefühl Raum verschaffte und meine Gedanken in dieser Intensität leichthin überwand. Es fühlte sich merkwürdig an, nicht in Worte zu fassen und doch so gegenwärtig, dass ich letztendlich nicht zögerte, bevor ich den Stapel an mich nahm und über die Straße zu den neuen Nachbarn trug.

Für den Fall, dass in dem Haus keine ansteckenden, gefährlichen Viren grassierten, hoffte ich auf einen Krankenbesuch. Mehr als Hoffnung blieb es jedoch nicht. Meine Mutter hatte Recht, Edith strahlte auf ihre ganz eigene Art und Weise, als sie mir die Tür öffnete. Und wie freute sie sich über meine Aufmerksamkeit, die das zwanzigseitige Monstrum hervorgebracht hatte, doch ein Besuch käme ungelegen. Ich sah ihr an, dass es ihr Leid tat und bevor sie noch in Verlegenheit geriet, winkte ich ab und versicherte, dass es in Ordnung wäre.

„Er schläft gerade“, entschuldigte sie sich trotzdem. „Verstehst du, wenn er wach wäre…“

„Ist okay“, sagte ich erneut und versuchte ihren weiteren Niedergang mit einem Lächeln zu verhindern. „Erweist er der Klasse nächste Woche wieder die Ehre?“

Sie lachte. „Das wird sich am Wochenende herausstellen. Ich danke dir jedenfalls sehr für die Unterlagen. Ich werde sie ihm geben.“

Als sich kurz darauf die Tür schloss und ich mich abwandte, ertappte ich mich bei einem tiefen Durchatmen.

 

Allgemeines Ächzen und Fluchen mischte sich unter den Lärm des großen Fernsehers. Ich war einer von denen, die eine Grimasse schnitten und eine Salzstange aus ihrem Glas holten. Sie wanderten zu einem Klassenkameraden, der sie mit übertriebenem Stolz an sich riss und sein Glas mit ihnen bereicherte. Es tat seinem Ego gut, dabei war es nur ein Spiel, das die WG-Party gegen Ende abrunden sollte.

Wir waren eine bunte und wilde Schar, die, mit kleinen Klingeln bewaffnet, einen Film belauerte und schnell zu reagieren hatte, wenn ein bestimmtes Wort fiel. Simpel aber wie immer spaßig. Zwei, die schon all ihre Salzstangen verloren hatten, waren befreit vom Nervenkitzel und da ich meine übrig gebliebenen am Ende des Films gar nicht zu zählen brauchte, steckte ich sie mir in den Mund. Der Schnellste war ich nicht gewesen und trotzdem war der Abend bis in die Nacht hinein ein voller Erfolg.

Als ich in die kühle Nachtluft hinaustrat, fühlte ich förmlich, wie ein Großteil der Last, angestaut in der Woche, von mir gebröckelt war. Schon am Samstag, auf den ein weiterer Tag voller Entspannung und Ruhe folgte. Auf den Unterricht der kommenden Woche lauerte ich also mit gestärkten Kräften. Während ich durch die nächtlichen Straßen schlenderte, dudelte die Musik in meinen Ohren. Nur wenige Leute waren um diese Stunde noch unterwegs.

Es wurde zu einem Weg, der nicht lang genug sein konnte und erst als ich das vertraute Viertel erreichte, kam die Müdigkeit. In nicht einmal einer halben Stunde schlug es Mitternacht und wie oft gähnte ich, als ich mich meinem Haus näherte. Im Wohnzimmer brannte noch Licht. Ich bemerkte es, als ich in meiner Hüfttasche nach dem Schlüssel suchte und wie zufällig trieb es meinen Blick zur anderen Straßenseite. Hinter den Fenstern des schräg gegenüberliegenden Hauses war es dunkel.

Familie Walker schien die Stunden dazu zu nutzen, wofür sie geeignet waren. Meine Finger wurden fündig, als meine Augen weiter drifteten und dann hielt ich in jeder Bewegung inne. Nur einen Augenblick, bevor ich nach den Kopfhörern tastete und meine Ohren entstöpselte. Mit einem Mal kehrte die Ruhe der Nacht zurück. Der Bass des lauten Stückes entfernte sich, als ich auf die Straße trat und über sie hinweg.

„Ferris!“ Ich rief ihn einfach, hatte seine Silhouette in der Dunkelheit erkannt. Nicht zuletzt das Klimpern der Hundemarke verriet, dass er seinen nächtlichen Spaziergängen mit Trip wieder treu wurde. Sofort hatte er inne gehalten und nun stand er dort in der Finsternis der Nacht und in der Nähe des Lichtkegels einer Straßenlaterne. Wieder erhob sich das Klimpern und kaum hatte ich die Straße hinter mich gebracht, erreichte mich der Hund. Er begrüßte mich, ließ sich hinter dem Ohr kraulen und folgte mir auf dem Weg zu seinem Herrchen.

„Hey.“ Ich hob die Hand, als ich auf den matt beleuchteten Gehweg trat und hinein in das Licht, neben dem er stand. Und ich war froh, ihn zu treffen. Meine Hände fitzten noch mit den Kopfhörern, als ich vor ihm stand und ihm so begegnete, wie ich es immer tat. Sein Gesicht war kaum auszumachen. Er schien mit den Schatten der Nacht zu verschmelzen und selbst zu einem von ihnen zu werden, da er sich kaum bewegte.

„Hey“, hörte ich nur seine Erwiderung.

„Geht’s dir besser?“ Er schwieg und ich sprach einfach weiter, weil mir danach war. Beflügelt durch meine heitere Laune und mein leichtes Gemüt. „Die Klasse hat sich Sorgen gemacht, gleichzeitig aber ein Thema darin gefunden. Darauf musst du dich einstellen, wenn du wiederkommst.“

Ich grinste ihm zu, schickte diese glückliche Geste in die Finsternis vor mir und fast wären weitere Worte über meine Lippen gekommen. Ich hätte weitergeredet, doch sobald ich verstummt war und die höchste Freude über das unerwartete Treffen ihren blendenden Schleier verlor, realisierte ich die Wirklichkeit fernab meines berauschten Gemüts.

Und mit jedem Moment, den er treuherzig der Stille schenkte, erreichte sie mich mehr und mehr. Er antwortete nicht, bewegte sich nicht, stand vor mir wie eine in die Nacht gehüllte Statue und doch meinte ich seinen Blick zu spüren. Er starrte mich an, während Trip um meine Beine strich und wie unweigerlich verzog ich das Gesicht und versuchte konzentriert zu erkennen, was die Dunkelheit mir vorenthielt.

„Ferris?“ Ich sagte es leise, doch nicht vorsichtig genug, um einem albernen Witz ausgeliefert zu sein. In meiner Vorstellung sah ich schon, wie er mich erschreckte oder die Situation anderweitig als Ulk verbuchte. Kurz meinte ich das Blitzen seiner Augen zu erkennen, bevor er sich abrupt regte. Seine Hand hob sich zum Schopf.

„Ja“, antwortete er dann endlich mit einer Zurückhaltung, die seinem Wesen, wie ich es kannte, widersprach. Sein Körper wandte sich zur Seite, wandte sich ein wenig von mir ab.

„Geht‘s dir gut?“ Sämtliche Euphorie, die soeben noch in mir pulsierte, war gewichen, denn die Momente, in denen wir voreinander standen, erreichten mich nun ungeschönt. Mein irritierter Blick folgte ihm, als er einen scheinbar zufälligen Schritt zur Seite tat. Ich hörte ein tiefes Atemholen, wie er die Luft durch die Zähne zog und konnte selbst diese Geste kaum einordnen. Dass er etwas Schelmisches im Schilde führte, wurde immer unwahrscheinlicher.

„Ja“, sagte er kurz darauf abermals, doch eher mit der Gezwungenheit eines Menschen, von dem man eine Antwort erwartet. Er gab sie mir nicht leichthin, er würgte sie hervor und spätestens jetzt stand ich nur noch vor ihm und setzte sein Starren fort. „Es ist spät.“ In der Dunkelheit hob sich seine Hand zu einer ziellosen Geste. „Ich muss weiter.“

„Okay“, erwiderte ich mit dem Automatismus eines Menschen, der durch Ratlosigkeit nur noch Zugriff auf die groben Verhaltensweisen hat. „Klar, es ist spät.“

Sein Fuß setzte sich nach hinten, mehr und mehr zog er sich in die Finsternis zurück und ließ mich im Licht der Straßenlaterne stehen. Er entfernte sich, doch schien mir noch einen letzten Blick zu schicken, bevor er sich abwandte.

„Komm“, hörte ich seine Stimme ein letztes Mal, bevor der Hund sich von mir löste und mit Ferris in der Nacht verschwand. Ich stand vermutlich noch länger dort, als ich bewusst wahrnahm und als ich mich dann die Straße erneut überquerte, tat ich es verwirrt und an allem zweifelnd. Chaos und Unsicherheit hatten aus mir gerissen, was an Freude gerade noch in mir steckte. Es war ein Erlebnis, fernab von allem, das ich verstand. Es wühlte die geglätteten Wogen in meinem Kopf auf und beschäftigte ihn vollends. Als ‚fiktiv‘ bezeichnete ich es schon, als ich in meinem Bett lag und doch nicht schlief.

Ein Treffen, bei dem ich sein Gesicht nicht sah, seine Stimme nicht wiedererkannte und auch keine der Eigenschaften, die ich eine Woche lang an ihm erlebte. Es hätte ein gänzlich anderer sein können und als die Nacht voranschritt und die Müdigkeit meinen Kopf unterjochte, glaubte ich sogar daran, dass es gar nicht Ferris gewesen war.

Vielleicht ein Fremder, der inne hielt, da er sich sicher war, ich meinte ihn. Der irritiert reagierte, als ich ihn verwechselte und aus diesem Grund kaum etwas zu sagen wusste. Auch der schwarze Hund wäre eventuell ein anderer gewesen und die ganze Situation ein riesiges Missverständnis, begünstigt durch die Nacht.

Ich spekulierte, drehte mich von einer Seite zur anderen, schlief zu spät und viel zu wenig, kam am Morgen auf die Beine und wurde sofort heimgesucht von den alten Geistern. Durch das Fenster spähte ich zu dem Punkt, an dem wir uns in der Nacht gegenüberstanden, schnitt Grimassen, schüttelte unter schnell verworfenen Ideen den Kopf und wie seltsam war der Augenblick, als mich das Vibrieren meines Handys am Nachmittag von einem Film ablenkte, mit dem ich meine Gedanken zu ersticken versuchte.

Eine SMS von Ferris.

>Morgen um sieben am geheimen Treffpunkt?<, schrieb er und auch wenn es lächerlich war, ich akzeptierte die Erleichterung, die in mir aufstieg und das gestrige Erlebnis tatsächlich als Missverständnis unterstrich. Nicht alles in mir ließ sich davon überzeugen, doch den Rest des Tages glaubte ich daran, mitten in der Nacht einen Fremden belästigt zu haben.

-tbc-

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