Just smile

Eli, ein wohlgeratener und heiterer junger Mann, genießt sein High-School-Leben und hat nicht viel mehr Sorgen als zu dieser Zeit üblich. Als seine Klasse einen neuen Kameraden bekommt, glaubt Eli endlich den Menschen gefunden zu haben, der des Titels 'Bester Freund' würdig ist. Sie scheinen kompatibel, eine Freundschaft entwickelt sich rasch, doch je näher Eli ihm kommt, desto widersprüchlicher und seltsamer wirkt er. Irgendwann realisiert Eli, dass er einen Preis für die Freundschaft zu zahlen und eigene Grenzen zu überschreiten hat.
Eine Geschichte über Mut, Verantwortung und die Schritte, mit denen man die sorglose Jugend verlässt.

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3. -2-

„Trip“, verriet er mir am nächsten Morgen, als wir uns bei den Mülltonnen trafen. Die Hände in den Hosentaschen wippte er auf den Ballen und strahlte mit der Sonne um die Wette. „Meine bessere schlechte Hälfte.“

„Wieso heißt er Trip?“

„Erinnerungsstütze.“

Ich runzelte die Stirn aber sein Grinsen vertiefte sich zu jener wölfischen Belustigung. Auf der einen Seite vielleicht ein wenig verschmitzt und auf der anderen doch ein stummer Wink, der weiteren Fragen vorbeugte. Es war eine Situation, der ich mich beugte und so zog ich nur einen kleinen Stapel hervor und drückte ihn Ferris in die Hand. Noch nie hatte sich ein Mensch über so eine Fülle von Hausaufgaben gefreut. Er tat es jedenfalls, bedankte sich und holte das Seufzen dennoch nach, als wir uns in Bewegung setzten.

„Wie ich hörte, kennen sich unsere Eltern schon.“ Nach wenigen Schritten spähte ich zu ihm und verfolgte, wie er den Stapel in seinem Rucksack verschwinden ließ.

„Ja, hab ich gehört. Ist ja nett. Nach der Begegnung mit Mrs. Sullivan war so ein positiver Eindruck wichtig.“

„Mrs. Sullivan ist gruselig.“

„Ja, sie ist gruselig.“ Er blickte zu mir, mit der alten Verschmitztheit, die ich nicht begriff. „Sie kommt doch nicht, oder? Übermorgen zum Grillen.“

„Kommst du?“

„Nur wenn sie nicht kommt.“

„Dann lade ich sie aus.“

„Stocker-Street.“

„Hört, hört.“

Der Weg, den wir vor uns hatten, bot genug Möglichkeit für allerlei Worte und die Zeit für bequemes Schlendern. Hin und wieder vergaß ich, dass wir zur Schule gingen, denn die Worte flossen. Er sprach von einem Tapetenwechsel, der ihn hier nach Memphis verschlagen hatte und das war es wirklich, wenn man bedachte, dass er aus der kleinen Stadt Louisville und dem Bundesstaat Kentucky kam. Größer konnte ein Tapetenwechsel nicht sein, doch es hatte keine Hürden gegeben.

Sein Vater, der sympathische Niles, leitete ein Immobilienunternehmen und durch den Umzug lediglich eine andere Niederlassung und auch seine Mutter hatte in dieser Stadt als professionelle Geigerin gute Chancen. Es war ein kreatives Elternhaus aber als ich Ferris nach der Vererbbarkeit dieser Eigenschaften fragte, lachte er auf dieselbe Art und Weise wie gestern an der Kreuzung. In ihm, meinte er, gäbe es keine Kreativität. Wenn sie sich irgendwo versteckte, tat sie es zu gut. Er war eher Sportler und in Louisville auf Fußball fixiert gewesen.

Wir sprachen viel, nutzten jeden Schritt und dabei hatte ich ihm nicht einmal etwas aus der Nase zu ziehen. Ich hätte es vermutlich nicht getan, hätte er mich nonverbal auf seine Schranken hingewiesen, doch der Weg vor mir war frei und natürlich bezogen sich unsere Themen eher auf die groben Punkte, die den äußerlichen Rahmen seines Lebens bildeten.

Ich hätte es nicht beschreiben können aber er war ein Mensch, dem man gerne zuhörte. Seine Art des Erzählens war lebendig und keine Lektüre, der man jemals mit Beiläufigkeit begegnen könnte. Und wie lachten wir, als sich unser Humor an makabren Grenzen überschnitt und Gemeinsamkeiten offenbarte. Wir lachten laut und ernteten so manchen Blick von Menschen, die das Leben bereits zu ernst nahmen, um es witzig zu finden.

Und auch an diesem zweiten Tag mischte er sich unter die Klasse, ohne die Auffälligkeit eines Neueinsteigers zu besitzen. Er wurde begrüßt, war ein Teil der Gemeinschaft und wurde auch nicht außen vor gelassen, als es um die Planung des Badenachmittages ging. Es waren so einige, die bisher auf der Teilnehmerliste standen. Einige, die den beliebtesten Abschnitt des Strandes verteidigen würden und er zögerte keinen Augenblick, bevor er zusagte.

Von einem Klassenkameraden erntete er dafür einen derben, männlichen Schlag gegen die Schulter, während vereinzelte Mitschülerinnen wohl gleich die Auswahl ihres Bikinis überdachten. Jedenfalls kicherten sie und zogen sich zurück zur geheimen Besprechung, die in der Welt der Frauen eine große Rolle spielt. Später, als wir uns dann trafen, in der Hitze, die über dem blauen See flimmerte, sahen sie auch wirklich hübsch aus aber Ferris schenkte dieser Tatsache nur so viel Beachtung, um gerade so als Kavalier durchzugehen.

Sein Augenmerk galt zur Hälfte Trip und die andere Hälfte wurde gerecht unter allen aufgeteilt. Er schwamm und suchte nach Stöcken, um sie in den See zu werfen und seinen Hund hinterherzujagen. Keine Stunde später lag das Tier neben uns im Schatten unter den Bäumen und hechelte erschöpft. Es war eine schöne Zeit. Eis und das Wasser ließen uns die Hitze überstehen. Hin und wieder flog ein Volleyball durch die Luft und als sich das strahlend helle Blau des Himmels ein wenig verdunkelte, waren schon ein paar gegangen und der Rest völlig ausgelaugt.

Ferris und ich waren unter den letzten, die sich auf den Heimweg machten. Die Temperaturen waren gesunken und die Umgebung angenehm still. Die Grillen zirpten in den Wiesen, an denen wir vorbeizogen. Der Lärm der Straßen war weit entfernt und so blieb es, bis wir in die Zivilisation zurückkehrten. Auch jetzt hatten wir denselben Weg und dasselbe Ziel und ich mochte den Gedanken an den morgigen Grillabend. Aus Wissbegier und der Begeisterung für die Erforschung einer fremden und interessant erscheinenden Persönlichkeit wurde handfeste Sympathie, verbunden mit dem Gefühl seltsamer Kompatibilität.

Während wir unterwegs waren, schwiegen wir manchmal, dabei fehlte es weder an Themen noch an Gesprächigkeit. Er schien die Stille ebenso zu genießen wie ich und nebenbei die Möglichkeit zu ergreifen, seine Gedanken schweifen zu lassen. Diesen Eindruck machte er oft, ohne dass er dabei betrübt oder besorgt wirkte. Sein Körper bewegte sich voran, während der Rest von ihm woanders war und doch stets durch einen dünnen Faden mit der Wirklichkeit verbunden.

An diesem Abend verabschiedeten wir uns und am nächsten Morgen trafen wir uns an unseren Mülltonnen, ohne dass wir es vereinbaren mussten. Es war eine neue Gewohnheit, die in meine Routine floss.

„Glaubst du, dass es einfacher ist, es schwer zu haben?“, murmelte er an diesem Morgen nach wenigen stillen Momenten, in denen er sich ziellos umblickte. Er sagte es, als würde er sich die Frage selbst stellen, doch dann sah er mich an, als hätte er sich an meine Anwesenheit erinnert. Ich begriff nicht sofort, was er damit meinte und sah ein seltsames Lächeln, bevor er sich zurück auf den Weg konzentrierte. „Jedenfalls wäre es schwer zu erreichen, dass alles einfach ist.“

„Es läuft auf dasselbe hinaus“, antwortete ich nach kurzen Überlegungen. „Es ist wie es ist. Die Mühe, sich alles leicht zu gestalten, macht den Unterschied aus.“

„Ja.“ Aus seinem entrückten Lächeln wurde ein festes Grinsen, als hätte er nicht mit einer Erwiderung gerechnet. „Da hast du Recht.“

 

Ich ertappte mich dabei, wie ich ihn in den ersten Stunden mehrfach beobachtete. Er saß schräg vor mir und als würden meine Sinne ein Eigenleben entwickeln, unabhängig von meinem Willen, fanden sie immer wieder zu ihm und suchten nach Antworten, ohne dass sie Fragen stellen konnten.

Mich beherrschte ein Gefühl, für das es keine Worte gab. Nichts, um es zu beschreiben, festzuhalten oder später nachzuempfinden. Niemand, der Ferris auf der Straße begegnete, hätte ihn wohl für einen besonderen Menschen gehalten. Er war durchschnittlich groß, zwar beliebt bei den Mädchen, besaß aber keine außerordentlichen Merkmale. Er lachte viel, suchte die Gesellschaft seiner Klassenkameraden und fügte sich nahtlos ein in die Kreise der durchschnittlichen Jugendlichen. Die Welt war zu laut, zu schnell und vor allem zu oberflächlich, um die Facetten zu erkennen, die ihn zu etwas besonderem machten.

Die Art seiner Mimik, flüchtige Gesten oder scheinbar gedankenlos ausgesprochene Worte stellten mich vor Rätsel. Es war absolute Leichtigkeit, mit der er sich integrierte. Man könnte fast meinen, er wäre unkompliziert, doch was ich in ihm vermutete, war ein diffiziles Labyrinth ohne Anfang und Ende. Als hätte sich mein Gespür bei der ersten Begegnung verhärtet, bewahrheitet und sich zu einer Herausforderung erhoben, die ich nicht mehr verleugnen könnte.

In meinem Leben, das zum einen Teil aus vielfachen Interessen und zum anderen doch aus der nötigen Routine bestand, schien er der Wegweiser zu sein, der in eine gänzlich neue Richtung zeigte.

Als am Abend das große Kennenlernen in unserem Haus stattfand, sah ich mich bestätigt in mehreren Vermutungen. Edith und Niles Walker wirkten vom ersten Augenblick an wie herzliche Menschen, deren  Seelen in jedem ihrer Gesichtszüge lebten. Sie lächelten, strahlten nicht nur Interesse sondern auch Wärme aus und waren letztendlich genau die Eltern, die zu meinem neuen Klassenkameraden passten. Sie waren gesprächig, jedoch nicht penetrant und humorvoll, ohne albern zu wirken.

Dass die Familie Walker außerdem einen Hang zu Ironie hatte, zeigte sich ebenso schnell. Sie waren, wie meine Mutter sie beschrieben hatte, sympathisch. Das schwarze Haare und die blauen Augen hatte Ferris unweigerlich von seinem Vater geerbt, während seine Mutter ihm wohl einen nicht geringen Teil ihrer Verschmitztheit in die Wiege legte.

Da Ferris eine Fusion dieser beiden Menschen darstellte, wurde auch er erbarmungslos von der Sympathie meiner Eltern getroffen und allgemein, schätze ich, passten wir gut zusammen. Wir machten es uns auf der Terrasse bequem und genossen die allmählich kühlen Brisen des Abends, während das Fleisch auf dem Grill brutzelte und die Gespräche unaufhörlich flossen. Meine Mutter war zwar um kaum eine Frage verlegen, kannte aber das Maß aller Dinge. Wieder hörte ich also vom Tapetenwechsel.

Die Familie hatte sich nach einer Veränderung gesehnt und auch in einem so enormen Umzug keine Hürde gesehen. Die Entscheidung musste ihr leicht gefallen sein. Die anderen Themen drehten sich um die nahe Umgebung, die Einrichtung des Hauses, die besten Einkaufsmöglichkeiten und eben all jenes, das eine Rolle spielte, wenn man neu in einer Stadt ist.

Die Atmosphäre war und blieb herzlich und manchmal dachte ich mir, als ich in dieser Runde saß, dass die Stunden nie enden könnten. Edith und Niles hatten dieselbe Wirkung auf mich wie ihr Sohn. Man fühlte sich schnell vertraut mit ihnen, doch es gab noch etwas anderes, das nicht nur meine Aufmerksamkeit lockte, sondern mich auch begeisterte.

Es waren Interesse, Feingefühl und Liebe, die ihren Umgang untereinander prägten.

So stark und erkennbar, dass sie noch mehr hervorstachen als in meiner Familie, die doch auf denselben Eigenschaften aufgebaut war. Möglicherweise gehörte es für mich zur Gewohnheit und war ein Grund, weshalb ich es sofort bei diesen dreien bemerkte. Sie stichelten untereinander, doch niemals ohne Respekt und wie unscheinbar schienen sich ihre Worte an den vertraulichsten Grenzen zu orientieren, von denen nur sie wussten.

Es war absolute Harmonie, die die Familie Walker ausstrahlte.

Nur kurz blickte sich Ferris nach der Schorle um, bevor Edith sie ihm schon reichte. Kaum bekleckerte sie sich die Hand mit Ketschup, da schob ihr Niles schon eine Serviette zu und auch er brauchte nichts zu sagen, damit ihn ein voller Teller erwartete, als er sich vom Grill losriss und sich setzte. Oft schenkten sie sich ein Lächeln, sorgten sich umeinander und bildeten eine perfekte Symbiose.

„Wenn du dich neben den Hausaufgaben der letzten zwei Tage auch noch mit denen der letzten Woche befassen willst, nimmst du dir nicht gerade wenig vor“, sagte ich irgendwann zu Ferris. „Die Mathematik-Hausaufgabe von gestern hat höchste Priorität. Mr. Adisson regt sich furchtbar auf, wenn die korrekten Lösungen eine Ausnahme bleiben.“

„Keine Bange“, antwortete er, den Blick auf den letzten Schluck Saft gerichtet, den er im Glas schwenkte. „Ich habe mich heute gleich dran gesetzt. Für etwa vier Minuten, dann habe ich entschieden, das Ding zu vertagen.“

„Allein der Wille zählt.“

„Gegen das endlose Ausmaß meiner Dummheit hilft der auch nicht.“

„Das ist mein Sohn.“ Es war Edith, die sich in diesem Moment zu Wort meldete.

Sie tat es mit unüberhörbarem Stolz, während sie Ferris entzückt zulächelte. Ein weiteres Mal ließ Niles den Weg zwischen Grill und Tisch hinter sich. Er brachte die letzten gebratenen Überbleibsel.

„Solange er die Fähigkeit des Atmens beherrscht, sind wir zufrieden“, leistete er seinen Beitrag, reichte Ferris den Teller und bediente sich selbst, als er ein entsetztes Kopfschütteln erntete.

 

-tbc-

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