Just smile

Eli, ein wohlgeratener und heiterer junger Mann, genießt sein High-School-Leben und hat nicht viel mehr Sorgen als zu dieser Zeit üblich. Als seine Klasse einen neuen Kameraden bekommt, glaubt Eli endlich den Menschen gefunden zu haben, der des Titels 'Bester Freund' würdig ist. Sie scheinen kompatibel, eine Freundschaft entwickelt sich rasch, doch je näher Eli ihm kommt, desto widersprüchlicher und seltsamer wirkt er. Irgendwann realisiert Eli, dass er einen Preis für die Freundschaft zu zahlen und eigene Grenzen zu überschreiten hat.
Eine Geschichte über Mut, Verantwortung und die Schritte, mit denen man die sorglose Jugend verlässt.

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Die Temperaturen schienen gnadenlos gestiegen zu sein, sobald man längere Zeit auf die kühlen Flure und Räume der Schule verzichtete. Als ich mein Fahrrad über den Schulhof schob, müde und träge der Freizeit entgegen, brannte die Sonne auf mich nieder und die letzte, verbleibende Energie aus jeder Zelle meines Kopfes.

Die Schatten des Parks, durch den ich kurz darauf fuhr, brachten eine zurückhaltende Erlösung. Ein leises Surren, entsendet von den dünnen Rädern, war manchmal das einzige, das an meine Ohren drang. Es verdrängte selbst das Zirpen der Zikaden, die sich, allseitig versteckt im Gras, unter der Schicht der flimmernden Luft regten. Ich schloss die Augen, als mich eine erfrischende Brise erreichte und umso erdrückender kehrte die Hitze zurück, als ich die schützenden Baumwipfel hinter mir ließ. Es blieben nur noch wenige Straßen und Ecken, die mich von der Klimaanlage meines Hauses trennten und absehbare Minuten, bis ich mich aus der brennenden Außenwelt stehlen könnte.

Der Gedanke war hoffnungsvoll und erfrischend wie ein kühles Bächlein, aber vergänglich. Er endete in dem Moment, in dem sich mir ein bekanntes Gesicht bot. Ich erfasste ihn sofort inmitten der allgemeinen Bewegung, die die kleine Kreuzung beherrschte. Ich hätte ihm knapp gewinkt, wäre er auf mich aufmerksam geworden. Das tat er nicht und dennoch kam ich innerhalb weniger Meter zum Stehen.

Wenn sich ein Mensch aus dem Fenster lehnte und dichter, schwarz Rauch ihn umhüllte, während er um Hilfe schrie, dann war das eindeutig. Ferris Walker überbrachte diese Botschaft ohne ein Wort zu verlieren. Er sah aus wie eine Statue, die irgendein Humorvoller vor ein Straßenschild gestellt hatte. Absolut reglos und auf die Aufschrift fixiert. Das einzig Lebendige war sein Zeigefinger, der in raschem Takt auf die Unterlippe traf, um das Gehirn in seiner Funktion zu unterstützen. Doch innerhalb der nächsten Sekunden sah er nicht nach einer Erleuchtung aus und kurz darauf hatte ich ihn erreicht. Er brauchte einen Augenblick, um sich loszureißen und kaum traf mich sein Blick, wurde seine ratlose, erstarrte Mimik von lebendiger Regung heimgesucht.

Natürlich hatte er sich verlaufen. Das geschah, wenn man zum ersten Mal das Nest verließ und sich zu weit hinauswagte in die Fremde aber er hatte kein Problem das zuzugeben. Er lachte darüber und als der Moment kam, in dem der Name seiner Straße nötig war, da lachte er noch mehr.

„Hab ich vergessen.“

„Du machst es mir nicht leicht.“

Da standen wir und amüsierten uns. Er trug die kleinen Makel seiner Persönlichkeit mit Stolz. Viel mehr noch, er benutzte sie, um sich an ihnen zu erfreuen. Trotzdem war das Problem offensichtlich und ich forderte die letzten noch lebendigen Abschnitte meines Gehirns für die ideale Lösung. Die bestand aus der Eingrenzung und dem vorsichtigen Herantasten. War die Straße weit entfernt? Er zögerte zu lange, bevor er übertrieben nachdrücklich den Kopf schüttelte. Meinem kritischen Blick entging er mit einer unscheinbaren Grimasse, unter der er vorgab, nicht weit entfernte Tauben zu beobachten. Der Beschreibung der vermissten Straße widmete er sich weitaus schneller.

„Nicht sehr breit“, begann er. „Nur Einfamilienhäuser mit großen Gärten. Viele Bäume und parkende Autos. Ist still dort. Sehr still.“ Unter meinem resignierten Blick zog er die Luft durch die Zähne. „Du brauchst mehr Input.“

„Würde nicht schaden.“

„Ich wohne erst seit vorgestern dort und bisher spielte die Adresse keine Rolle. Das Haus war einfach da, verstehst du?“

„Nachvollziehbar. Input brauche ich trotzdem.“

„Okay.“ Er holte Luft, als würde er zu einem weiten Sprung ansetzen. „Ich habe bemerkt, dass es dort auffällig viele rote Häuser gibt, was ich echt komisch finde und als ich gestern unterwegs war, kam ich an einer alten Frau vorbei, die ihren Briefkasten beleidigte.“

Und mein Gesicht erhellte sich. Es war nicht nur die Lösung des Problems, die ich mit einem Mal vor mir hatte, sondern auch ein seltsamer Wink des Schicksals. Unter seinem erwartungsvollen Blick nippte ich an meiner Flasche, löste die Stütze meines Rades und winkte ihn mit mir, bevor ich mich in Bewegung setze.

„Du weißt es?“ Er hörte sich perplex an. „Das ist echt beeindruckend.“

„Nenn mich nicht beeindruckend, nur weil ich im Gegensatz zu dir weiß, wo ich wohne. So eine Anerkennung will ich mir verdienen.“ Ich blähte die Wangen auf, als er sich neben mir einfand. „Merke dir den Namen ‚Stocker-Street‘ und dass du dich von Mrs. Sullivan fernhalten solltest, dann ist das eine Problem aus der Welt geschafft und das andere gar nicht erst rein gelassen.“

„Was ist denn los mit Mrs. Sullivan?“

„Sie ist alt, wohlhabend und unterhält eine Liebelei, von der sie sich mehr erhofft. Mehr Briefe zum Beispiel, aber es kommen selten welche und wie immer wird der Überbringer der schlechten Nachricht dafür zur Rechenschaft gezogen.“

Der Weg, den wir in den nächsten Minuten hinter uns ließen, war so kurz, dass es ein Kunststück war, ihn zu vergessen. Nur wenige Ecken, eine kleine Gasse und als wir das Ziel erreichten, lernte ich, wie Ferris' Gesicht unter dem Einfluss von Erkenntnis aussah. Die Erinnerung kehrte zu ihm zurück, staunenswert schnell erkannte er sogar sein Haus und erneut verblüfft über die seltsamen Zufälle spähte ich zu meinem, schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite. Wäre ich am Wochenende Zuhause gewesen, wäre mir der Einzug wohl nicht entgangen aber Familie Walker hatte sich anscheinend eingeschlichen, als ich bei Freunden war und Unfug trieb. Die Stocker-Street, die unter anderem nicht nur die alte Mrs. Sullivan sondern auch ein verdächtig gesittetes Pärchen und einen übel dreinblickenden Bürohengst zu bieten hatte, erfuhr möglicherweise eine Aufwertung, die nicht zu unterschätzen war.

„Findest du morgen wieder zur Schule?“, erkundigte ich mich, als es nach Abschied aussah. Was ich dafür erntete, war eine entrüstete Miene.

„Natürlich.“

„Soll ich warten?“

„Ja.“ Er tarnte seinen Zwiespalt mit einem bagatellisierenden Schulterzucken. „Hier neben den Mülltonnen?“

„Ja, genau hier. Um sieben.“

„Hast einen gut bei mir.“ Unter einem abschließenden Zunicken trat er zurück. Seine Hände versanken in den Hosentaschen, sein Körper begann sich abzuwenden und nur aus den Augenwinkeln bemerkte ich sein abruptes Innehalten. Er schnappte nach Luft, als hätte ihn der Rückprall einer Sache getroffen, die gerade in Vergessenheit geraten wollte. Seine wieder auftauchende Hand präsentierte eine seltsame Geste, unter der er mich zweifelnd ansah. „Eli, richtig?“

„Ist recht.“

„Kann ich dich um einen Gefallen bitten?“

Ich nickte und seine Hand flüchtete sich in ihr altes Versteck zurück, während er nachdenklich auf seiner Unterlippe kaute.

„Könntest du mir die Hausaufgaben der letzten Woche geben? Keine Panik, ich bin kein verkappter Streber aber die Lehrpläne meiner alten High-School hatten eine andere Reihenfolge und wenn es irgendwie möglich ist, will ich bei meinen durchschnittlichen Noten bleiben.“

„Klar.“ Ich tat es mit einem Schulterzucken ab aber der flüchtige Blick, der mich daraufhin traf, verriet entweder, dass es nur für mich eine Selbstverständlichkeit war oder dass sich in seinem Kopf ganz andere Gedanken tummelten, die ich wohl nie erraten würde. Die fliehende Regung war abgrundtief und gehörte wohl zu jener Dunkelheit, die man zu erforschen hatte.

 

So stellte sich Ferris nicht nur als Klassenkamerad sondern auch als Nachbar heraus. Er rückte näher in meinen Kreis und ich hatte nichts dagegen, denn guter Freundschaften wurde ich nicht überdrüssig.

Das war es, wovon ich ausging.

Er passte in ein nicht vorhandenes Schema und füllte eine Lücke, die ich vielleicht nie bemerkt hätte aber seine Anwesenheit bereicherte, weckte Interesse und war bisher in keinem Augenblick unangenehm. Was ich auf mich zukommen sah, waren die schönen Zeiten, die meiner Gewohnheit entsprachen. Natürlich der Alltag, nur mit einer neuen und erfrischenden Facette.

Im Nachhinein stellte ich mir die Frage, ob ich für eine andere Entwicklung gesorgt hätte, wäre mir das Kommende bekannt gewesen. Vielleicht hätte ich auch auf die Worte meiner Mutter beim Abendbrot anders reagiert.

„Am Wochenende sind die Walkers gegenüber eingezogen“, sagte sie und stupste mich an, was eine ihrer seltsamen Angewohnheiten war. Als würde sie davon ausgehen, dass ich ihr prinzipiell nicht zuhörte, wenn sie das nicht tat. „Du weißt schon. In das leer stehende Haus mit der großen Veranda.“

„Ich weiß schon“, antwortete ich betont und steckte mir ein Stück Möhre in den Mund. Mir gegenüber nippte mein Vater an einem Glas Bier.

„Wir haben sie gestern mit einem Kuchen begrüßt.“

„Überfallen“, korrigierte mein Vater.

„Sei bitte nicht so dramatisch, Schatz. Edith und Niles haben sich gefreut. Sie sind sehr sympathisch.“

Mein Vater nickte aber ich kannte ihn zu gut, um ihm die Zustimmung arglos abzukaufen. Dass Edith und Niles sympathisch waren, schien er nicht abzustreiten aber irgendetwas an seiner Mimik verriet mir, dass meine Mutter die Gelegenheit ergriffen hatte, um ganz Frau zu sein und ihre Rezeptsammlung anzureichern. Ich sah es vor mir, wie die Themen sich nach dem ersten Stück Kuchen in eine andere Richtung lenkten und sich mein Vater mit dem sympathischen Niles zurückzog, um über männliche Sachen zu reden. Meine Mutter hatte diese Wirkung. Sie schloss schnell Freundschaften und gleichzeitig passte es nicht in das Schema, dass es sich bei Ferris' Mutter um einen fiesen Kobold handelte. So erblühte die Nachbarschaft ganz neu und Ferris rückte um ein weiteres Stück näher.

„Sie haben einen Sohn in deinem Alter.“ Wieder stupste sie mich an und ignorierte mein Augenrollen. „Ihn haben wir noch nicht kennen gelernt aber er geht in deine Schule. Ferris. Vielleicht könntest du etwas auf ihn achten. Quereinsteiger haben es manchmal sehr schwer.“

„Ferris, ja.“ Ich angelte nach der Salatschüssel. „Seit heute in meiner Klasse und ganz sicher kein Problemfall. Er macht seinen Job als Quereinsteiger gut, weißt du?“

„Ach?“ Überrascht spähte sie über den Tisch aber mein Vater schmierte nur sein Brot. „Zufälle gibt es. Wir haben unsere neuen Nachbarn übrigens zum Grillen eingeladen. Übermorgen. Vielleicht lernen wir Ferris dann auch kennen?“

Es gefiel mir, die beliebten Grillabende mit netter Gesellschaft zu verbinden. Ich freute mich und begann doch gleichzeitig an der Wohltätigkeit des Schicksals zu zweifeln. Die Puzzleteile, die hier ineinandergriffen, passten zu gut. Reibungslose Entwicklungen wie diese waren nicht kompatibel mit meinem Leben. Bisher bog ich um Ecken, rutschte in versteckten Pfützen aus oder stand vor Wänden, die keine Haltegriffe sondern Stacheln präsentierten. Die Schritte, mit denen Ferris in mein Leben trat, wurden größer aber ich öffnete ihm die Tür und beobachtete den Verlauf mit der Gelassenheit des Anpassungsfähigen.

Meine Mutter schwärmte jedenfalls, mein Vater genoss sein Bier und bevor ich wieder angestupst wurde, fischte ich den Kugelschreiber hinter meinem Ohr hervor und ergab mich dem notwendigen, das mich auf meinem Schreibtisch erwartete.

Für eine Weile war es nur das Rascheln des Papiers, das die Geräuschkulisse meines Zimmers bildete. Ich blätterte mich durch ein Buch, konzentrierte mich aber viel eher darauf, mein Gähnen zu zählen. Vielleicht lag es an der Hitze, vielleicht aber auch am vergangenen Wochenende, das ich nicht wirklich zum schlafen genutzt hatte. Auf der anderen Seite meines Fensters, das ich direkt vor mir hatte, begann die Dunkelheit bereits die scharfen Konturen der Umgebung zu verwischen. Die Zeit floh, wenn man sie mit nützlichem füllte und auch die Schorle, die bald darauf in einem Glas neben mir knisterte, veränderte wenig. Meine Aufmerksamkeit schwand weiterhin und kurz darauf saß ich dort und puhlte nur noch das Etikett von meinem Kugelschreiber. Der Leim klebte furchtbar aber ich puhlte weiter und als ich es endlich gelöst hatte, klebte der ganze Stift und ließ mich mein Fummeln bereuen.

Als ich dann kapitulierte und mich auf die Beine kämpfte, driftete mein Blick erneut und beiläufig zum Fenster und offenbarte mir etwas, das mich inne halten ließ. Es war Ferris, der in das Licht einer Straßenlaterne eintauchte. Er spazierte auf der anderen Straßenseite, den Blick zum leuchtenden Display seines Handys gesenkt und in der Begleitung eines großen schwarzen Hundes, der ihm wie ein Schatten folgte.

 

-tbc-

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