A Thief's Tale


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Wie die meisten Diebe bevorzugte auch ich es nachts zu arbeiten und ungesehen zu bleiben. Flexible Arbeitszeiten, könnte man sagen. Doch auch das Zwiellicht hatte seine Vorteile, wenn man es zu seinen Gunsten auszunutzen verstand. Die Schatten wurden tiefer und boten eine Vielzahl an Verstecken, die man zum Ausspähen der Lage nutzen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Viele Details, die selbst einem scharfen Auge im Dunkel entgangen wären, vielen auf wie ein Wolf in einer Schafheerde und konnten später durchaus nützlich sein oder einem sogar das Leben retten. So zum Beispiel der schmale Weg aus kleinen ovalen Steinen, der an einem kleinen Teich entlangführte. Langsam glitt mein Blick dem Verlauf des Weges entlang und ich prägte mir die Stellen ein, an denen einige der Steine durch Unwetter und fehlende Pflege nicht mehr an ihrem Platz waren und natürliche Stolperfallen bildeten, die entweder mir oder einem Verfolger bei einer möglichen Flucht zum Verhängnis werden konnten. Doch rechnete ich nicht damit überhaupt auf jemanden zu treffen, weshalb ich mein Versteck auch mit weniger Bedacht, jedoch nicht ganz sorglos, als sonst wählte. Ich saß noch immer am Zaun gelehnt an meinem Platz im Schatten einer verwitterten und mit Moos bewachsenen Statue einer zierlichen Frau in seidenen Gewändern, die einen Krug in Händen hielt und demütig den Blick gen Boden richtete. Die Heilanstalt Laura war verlassen und weit abseits der Stadt. Das Feuer zerstörte das meiste von Wert und der Rest, der nicht den Flammen zum Opfer fiel, wurde bereits vor langer Zeit fortgebracht. Es gab also nichts mehr, was es sich zu bewachen lohnte. Jedenfalls nichts, was man ohne weiteres auf einem Kaminsims oder in der Schublade eines Tisches nebenbei hätten finden könnten. Doch wenn jemand wusste, wie der Adel seines kostbarsten Schätze hütete, dann ein Dieb.

Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden hinter dem Kuppelbau in der Mitte des Daches und gaben mir das Zeichen, dass es Zeit für mich war. Ich stand auf und nahm einen letzten tiefen Schluck des milden anvenischen Whiskey, ließ den leichten Honiggeschmack auf meiner Zunge tanzen und verstaute die Flasche in meinem Rucksack. Mein Blick glitt über die vergitterten Fenster in der Ferne, deren Scheiben in der aufkeimenden Dunkelheit schwarz wie tanjanischer Sand wirkten und keinen Blick ins Innere gewährten. Der Garten, in dem ich mich befand, war gleichzeitig der Vorhof, welcher zum Haupteingang führte. Das Gebäude, das Assahlian seinerzeit in Auftrag gegeben hatte, war allein aufgrund seiner Größe beeindruckend. Einer U-Form nachempfunden befanden sich auf der linken und rechten Seite jeweils die Unterkünfte der männlichen und der weiblichen Patienten, deren Ausmaße sich bis zur Hälfte des Vorhofs erstreckten und mir das Gefühl vermittelten, von beiden Seiten aus den dunklen Fenstern beobachtet zu werden, während ich mich langsam auf den Weg zum Haupttor machte. Meinen eigenen Nachforschungen nach befanden sich im mittleren Teil des Komplexes der Empfang, die Verwaltung, einige Aufenthalts- und Besuchsräume, eine kleine Sternenwarte und das Atelier. An einem großen Brunnen, in dessen Mitte die Statue eines Mädchens mit langem, offen getragenen Haar in einem Kleid aus dem dreckigen, vermoderten Wasser ragte, hielt ich inne und sah mich erneut sorgsam um. Am Rand des Brunnens fiel mir ein Blechschild auf, dessen Schrift kaum noch zu erkennen war. Ich kniete mich nieder und zog beiläufig den Knoten meines schwarzen Pferdeschwanzes fester, während ich mit zusammengekniffenen, dunklen, braunen Augen die Schrift entzifferte.

 

„Heilanstalt Laura

 

Hilfe für jene, deren Gedanken vernebelt sind.

Gemeinsam einen wir Körper und Geist.

 

In Gedenken an meine geliebte Tochter Laura, meinen Stern in finsterster Nacht.

Lord Ahron Assahlian“

 

„... meinen Stern in finsterster Nacht.“ sinnierte ich leise und stand auf. „Nun hat euch das Feuer wieder vereint.“ Ich erschrak für einen kurzen Moment vor mir selbst. Für meine Verhältnisse war das schon ein sehr mitfühlender Gedanke. Normalerweise interessierten mich die Geschichten des Adels nur insofern, weil sich mir dadurch oft Türen öffneten, die sonst verschlossen blieben. In der Regel waren das Türen in Schatzkammern. Ich stieg die steinernen Stufen zum Haupteingang hinauf, der durch eine große, doppelflügelige Eichentür mit schweren Eisenbeschlägen verschlossen war. Ein dunkler Löwenkopf hielt in seinem Maul einen mit Rost überzogenen Türklopfer. Ich rechnete nicht damit, dass sich irgendwelche Wachen im Innern befanden, dennoch hätte ich mich selbst geohrfeigt, wenn ich aus Jucks den Türklopfer benutzt hätte. Stattdessen legte ich meinen mit schwarzem Stoff behandschuhten Griff vorsichtig an die Tür und und trat erstaunt einen Schritt zurück, als sich die Tür mit leichtem Druck einen Spalt öffnete. Ich veharrte einen Moment und schmunzelte. „Da will es mir aber jemand sehr einfach machen.“ Ich beugte mich vor und warf einen Blick durch den Spalt. Viel erkannte ich nicht, also öffnete ich die Tür mit einem schnellen Ruck so weit, dass ich hindurchpasste und das Knarren der alten Scharniere nicht durch die komplette Eingangshalle dröhnte. Fahles Mondlicht drang durch die geöffnete Tür und zeigte mir einen Teil der weitläufigen Eingangshalle. Ich entzündete eine Öllampe aus meinem Rucksack und riskierte einen genaueren Blick auf meine Umgebung und war von der Größe der Halle beeindruckt. „Wahnsinn. Von außen wirkt alles ein wenig... kleiner.“ Im matten Schein meiner Lampe entdeckte ich einen Lageplan an einer Wand direkt neben dem Empfang. Darauf achtend, dass meine Schritte so wenig Geräusche wie möglich verursachten, ging ich darauf zu und stellte die Lampe auf einem kleinen Beistelltisch ab. Mit dem Ärmel wischte ich die dicke Staubschicht vom eingerahmten Plan und versuchte, den Empfang auszumachen.
In dem Moment, als ich mit dem Finger die Umrisse der eingezeichneten Räume nachfuhr, fuhr mir ein knallendes Geräusch durch Mark und Bein. Ich schrak zusammen und blickte mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen zum Haupteingang, von dem das Geräusch kam. Die Tür war zu und das Echo hallte noch einen mir endlich lang erscheinenden Moment durch die Haupthalle. Ich brauchte einen Augenblick um mich zu sammeln und sah mich rasch in alle Richtungen um. Niemand zu sehen. Kein weiteres Geräusch. Keine Lichtscheine, die sich in meine Richtung bewegten. Ich ließ die Öllampe an ihrem Platz und bewegte mich langsam auf die Tür zu. Jeder Muskel in meinem Leib war angespannt und die Weitläufigkeit der Eingangshalle löste urplötzlich eine innere Unruhe in mir aus. Als ich vor der Tür stand, zwang ich mich zum Durchatmen. „Lekan... Ruhig.“ Ich atmete erneut tief durch. „Es ist niemand hier. Verdammt, ich hätte es doch gesehen, wenn jemand die Tür zugemacht hätte.“ Ich fasste mir leise lachend an die Stirn. Natürlich musste die Tür zugefallen sein, es war bereits den ganzen Abend windig gewesen. Verdammt, ich hätte daran denken müssen und einen Stein oder etwas Anderes vor die Tür legen sollen. Ein wenig entspannter legte ich die Hand an den Türgriff und zog... Mein eben noch vor eigener Dummheit erheiterter Gesichtsausdruck verschwand augenblicklich. Verschlossen. Kam es mir lautlos über die Lippen. Ich zog erneut, etwas energischer. Doch die Tür blieb felsenfest und unbewegt an Ort und Stelle. Ein eisiger Hauch bließ mir über den Nacken und wirbelte Laub vom schwarz und weiß gefließten Boden auf. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die alte Eichentür und sah mich erneut um, ohne irgendetwas Auffälliges im matten Licht der Öllampe entdecken zu können. Kein Geräusch und keine Bewegung nahm ich war. Nichts Ungewöhnliches war zu sehen. Ich war nie ein Freund von Spuk- und Gruselgeschichten gewesen und belächelte die Leute, die sich von sowas nachts davon abhalten ließen, ihre Notdurft zu verrichten. Doch irgendetwas sagte mir, dass dieses Haus ein Albtraum war...

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