Die Killer des Paten - Die Wölfe II

Seit gut einem Jahr arbeitet Enrico nun schon für die italienische Mafia und kann sich noch immer nicht an seinen Job als Killer gewöhnen. Dafür ist alles andere genau sein Ding:
Schnelle Motorräder - super
Klauen was nicht niet und nagelfest ist - kein Problem
Beim Pokern betrügen - leichteste Übung
Im Midnigtsclub von den hübschen Frauen verführen lassen - nein Danke
Sein heißer Leibwächter Antonio ist ihm lieber. Wenn da nur nicht der Mist mit der Alibi-Freundin wäre. Ob die Tochter des Paten zu schwängern, da wirklich eine gute Idee ist?

Nicht abgeschlossen - in Arbeit:
10. Kapitel: ~Böses Erwachen~ [in Planung ...] - Status: 0%

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7. 7. Kapitel ~Lesen und Schreiben~

Am frühen Nachmittag fahren wir wieder nach Hause. Wir haben kaum den Innenhof der Fabrik erreicht, da kommt uns mein großer Bruder entgegen. Seine blonden Haare, werden immer länger, er hat sie in einem Zopf zurückgebunden. Sein Gesicht ziert ein Dreitagebart, um Lippen und Wangen. Mit einem finsteren Blick im Gesicht, hält er ohne Umwege auf mich zu. „Wo seid ihr so lange gewesen?“, verlangt er zu wissen. Ich steige vom Motorrad und setze ein schelmisches Grinsen auf. „Also zu erst haben wir einen von Aarons Aufträgen erledigt, dann war ich bei Erik Pokern. Danach sind wir zu Aaron und haben ihm sein Geld wieder gebracht. Dabei habe ich mit ihm ausgehandelt, dass er uns dabei hilft die Fabrik auszubauen. Ähm, ach ja und dann bin ich auf Robins Party. Wir sind dann bei ihr eingepennt und am Morgen haben wir bei ihr Gefrühstückt und dann wollte sie mir unbedingt das Tanzen beibringen“, zähle ich auf und sehe dann zu Toni, „Habe ich irgendwas vergessen?“
„Ja, das Aaron einen Edelmann aus dir machen will“, fügt er an und steigt von seiner Maschine. Mein Bruder betrachtet uns mit offen stehendem Mund. Sein Blick wandert von mir auf Toni. „Treibt er dich nicht manchmal in den Wahnsinn?“, will er von ihm wissen.
Toni lächelt flüchtig. „Manchmal? Ständig! Täglich!“
Ich ignoriere ihr Gespräch und gehe stattdessen ins Fabrikgebäude. Ohne Umwege laufe ich in die größte der drei Hallen, die uns als Aufenthaltsraum dient. In zwei parallelen Reihen, ziehen sich Stützpfeiler durch den weitläufigen Raum. Eine lange Fensterfront sorgt für viel Licht. Die meisten Glasscheiben sind zerbrochen und so weht eine angenehm kühle Priese hindurch. Ein langer Tafeltisch steht in der linken Hälfte, an ihm sind etliche Stühle in unterschiedlicher Bauart und Farbe gestellt. Wir haben sie nach und nach aus dem Sperrmüll gefischt. In der hinteren rechten Ecke steht ein großes Sofa mit abgenutztem, rot Stoffbezug. Daneben sind zwei weiße Sessel plaziert, Einer breit und groß der Andere schmal und mit gewundenen Armlehnen. Nichts passt dort zusammen, nicht mal der weiße Wollteppich dazwischen. Auch diese Dinge haben wir nach und nach, irgendwo auf der Straße gefunden und hergebracht. Vielleicht ist es wirklich langsam an der Zeit, dass wir uns wohnlicher einrichten. Die Fenster sollten wir neu verglasen lassen und der Kamin neben dem Sofa muss entrußt werden, dann haben wir es hier im Winter auch angenehm warm. Während ich mitten in der Halle stehen bleibe und mich umsehe, beginne ich schon zu planen. Die alten Möbel kommen, so wie sie sind, auf den Müll. Aus dem Sofa springen bereits eine Feder heraus. Nur noch zwei Sitzplätze, sind sicher genug, um sich setzen zu können. Aus den Sessel quillt überall die Füllung und bei einem fehlt das hintere linke Bein, so kippet er immer, wenn man sich setzt. Wenn wir endlich Strom haben, wäre auch ein großes Radio denkbar. Wir könnten Regale kaufen und Bücher hineinstellen. Zeng und Streuner können noch immer nicht lesen, es wäre längst an der Zeit es ihnen endlich bei zu bringen. Wenn Aaron unbedingt einen Edelmann aus mir machen will, ist es sicher nicht verkehrt, das Niveau meiner Leute anzupassen. Wie auf ein geheimes Stichwort, höre ich Streuners kindliche Stimme hinter mir rufen: „Enrico, da bist du ja endlich wieder!“ Der Junge, von kaum acht Jahren, mit seinen hellblonden Haaren und den strahlend blauen Augen, kommt auf mich zugestürzt. Er umarmt mich innig, er reicht mir bereits bis zu den Schultern. Seine Kleidung ist ihm an den Ärmeln und den Hosenbeinen bereits zu kurz geworden. Streuner braucht längst neue Klamotten, dass sollte ich nicht länger aufschieben. Ich nehme den Jungen bei den Schultern und drücke ihn von mir, um ihn besser ansehen zu können. Sein Gesicht und seine Kleidung ist voller Ruß, in seinen Haaren steht der Dreck, ein ganzes Spinnennetz hat sich darin verfangen. 
„Wo bist du denn gewesen? Du siehst aus, wie durch einen Schornstein gefallen.“
„Das ist er auch irgendwie!“, lacht Zeng und kommt zu uns. Der asiatische Junge, der nur bei uns ist, um die kranke Großmutter und seine kleine Schwester durchzubringen, lächelt mich freundlich an. Er ist in meinem Alter und hat bis zum heutigen Tag noch nie die Schule besucht. Seiner Schwester soll das können, also hilft er uns bei unseren Raubzügen. Zeng legt die Arme hinter den Kopf und erzählt frei heraus: „Wir wollten endlich den Kamin hier frei machen. Die Nächte werden langsam wieder kälter, also habe ich Streuner ein Seil um den Bauch gebunden und ihn den Kamin runter geschickt.“
Ich sehe die Beiden entsetzt an. Ihre Ideen lassen immer mehr zu wünschen übrig. Langsam kann ich sie wirklich nicht mehr allein lassen. 
Mein mahnender Blick reicht aus, das Streuner sich zu erklären versucht: „War halb so schlimm. Ich hab den ganzen Dreck raus gefegt, von oben bis unten. Jetzt müsste er wieder ziehen.“
„Ihr braucht echt dringend eine Aufgabe!“, stelle ich fest. Ungläubige Blicke richten sich auf mich. Bevor die Beiden einen Einspruch erheben können, ziehe ich meine Geldbörse aus der Hosentasche. Ich zähle einige Scheine ab und reiche sie Zeng. „Geht und kauf davon zwei Tafeln und Kreide!“
Irritiert nimmt er das Geld an und schaut fragend. Er macht keine Anstalten sich in Bewegung zu setzen und auch Streuner betrachtet mich verwirrt. Ich seufze ergeben und versuche mich in einer Erklärung. „Ab morgen werdet ihr beide Lesen und Schreiben lernen!“
Streuner macht große Augen, seine Backen füllt er mit Luft, ein breites Grinsen ziert seine Mundwinkel, schließlich platz ein lautes Lachen aus ihm heraus. „Ja, na klar!“
Ich betrachtet ihn mahnend, bis er sein Lachen verschluckt. 
„Das ist wirklich dein ernst, oder?“, meint Zeng überrascht. 
„Sehe ich so aus, als wenn ich Witze mache? Ihr seid ja wohl alt genug. Eigentlich müsstet ihr es längst können!“ 
„Willst du uns etwa zur Schule schicken?“, meint Zeng überrascht. Ich beginne über diese Idee tatsächlich nachzudenken. Bei Zeng ist es zu spät, aber Streuner könnte ich tatsächlich noch einschulen lassen. Dumm nur dass ich für ihn weder Papiere noch einen richtigen Namen habe. Als ich den Jungen damals, halb erfroren in einem Pappkarton gefunden habe, konnte er sich an seinen Namen nicht erinnern. Bis heute ist ihm der Spitzname geblieben, den ich ihm aus Spaß, an diesem Tage gegeben habe. Er weiß seinen richtigen bis heute nicht. Ich bin auch nicht sein Vater oder ein naher Verwandter und so weit ich weiß, hat Streuner keine Familie mehr. Ihn einzuschulen fällt damit flach und trotzdem. „Ihr braucht nicht in die Schule. Anette, Toni und ich können schreiben, wir werden es euch beibringen und jetzt zieht ab und holt Tafel und Kreide. Bringt am besten auch Papier, Federn und Tinte mit.“ Wieder ernte ich ungläubige Blicke. Fordernder sage ich lauter: „Na los!“ Endlich setzen sie sich in Bewegung. Zeng steckt das Geld ein und verlässt mit Streuner den Aufenthaltsraum.
„Wohin hast du sie denn geschickt?“, will eine helle Stimme wissen. Anette, das einzige Mädchen meiner Gang, kommt mit einer Vase in die Halle. Sie hat Blumen darin hergerichtet und stellt sie auf den Tisch. Seit sie bei uns ist, hat sie die Hausarbeit an sich gerissen. Sie kocht, wäscht unsere Wäsche und hält alles sauber. Ohne sie, würden wir längst im Chaos versinken. Seit ihre Mutter von unseren Feinden getötet wurde, hat auch sie niemanden mehr und sich irgendwie mit ihrem Leben mit uns abgefunden. Das wir einst gemeinsam zur Schule gegangen sind und wie normale Kinder auf dem Schulhof saßen, erscheint mir so lang her, als wenn es damals ein anderer Enrico gewesen wäre, der all das erlebt hat. In Gedanken, an diese schöne und friedliche Zeit, vergesse ich ganz, ihr zu antworten. 
Anette sieht mich auffordernd an. „Enrico?“, harkt sie nach.
„Ich … ich will den beiden das Schreiben und Lesen beibringen. Sie sollen ein paar Schreibsachen organisieren.“
„Wirklich?“, fragt sie überrascht.
Ich nicke. 
„Das ist wirklich eine gute Sache. Mal was anderes, als Überfälle zu planen und Menschen zu töten.“ Ihr Stimme gewinnt an Ernsthaftigkeit, ein Vorwurf schwingt in ihren Worten mit.
„Ich will nicht darüber diskutieren, okay!“, blocke ich gleich ab. Es reicht, dass ich diesen Job selbst hasse, ich will mich nicht noch verteidigen müssen. Immerhin sichert er uns unser täglich Brot, das reicht mir als Grund. Anette bleibt still, sie zupft die Blumen in Form. Ich bin dankbar für ihr Schweigen und versuche meine Gedanken auf den bevorstehenden Unterricht zu lenken und all das, was ich in den letzten Wochen getan habe, zu verdrängen. 

Einige Stunden später sitze ich mit Streuner und Zeng am großen Tafeltisch. Die Beiden versuchen sich vergeblich darin, die Buchstaben nachzumalen, die ich ihnen auf einem weißen Blatt vorgezeichnet habe. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, dass es einmal so schwer gewesen ist, das zu lernen. Während ich ihnen über die Schulter sehe, hat es sich Toni auf dem Sofa gemütlich gemacht. In seiner ganzen Länge ausgestreckt, genießt er den ruhigen Abend und döst immer wieder ein. Raphael sitzt bei ihm in einem der Sessel und hat ein dickes Buch in der Hand. Er liest darin und sieht immer wieder von den Seiten auf zu uns. 
„Ist das so richtig?“, will Streuner von mir wissen und zeigt mir seine Tafel, auf der er einige A geschrieben hat, nur mit dem Bogen auf der falschen Seite. 
„Nein, anders herum. Schau es dir noch mal auf dem Blatt an“, rate ich ihm. Er zieht es zu sich und betrachtet es, dann wischt er mit dem Ärmel die Tafel sauber und beginnt von vorn. Die Kreide hält er dabei, mit der ganzen Faust umschlossen und drückt so fest auf, dass sie immer wieder bricht. Er hat nur noch kleine Kreidestückchen, mit denen es ihm noch schwerer fällt sie in der Faust zu halten. Ich seufze gottergeben und wende meinen Blick Zeng zu. Seine Kreide ist noch lang und er hält sie wie einen Stift, doch traut er sich kaum, sie auf der Tafel abzusetzen. Seine Linien sind zittrig und so dünn, dass man die Buchstaben nur erahnen kann. 
„Das sind keine heiligen Gegenstände Zeng. Du kannst schon etwas mehr Druck ausüben. Die Tafel geht davon nicht kaputt!“
Zeng richtet seinen Blick entschuldigend auf mich. Er kratz sich verlegen am Hinterkopf, als er sagt: „Ich weiß schon. Ich wollte nur immer zur Schule gehen und mal so eine Tafel haben. Das ist schon irgendwie was besonders. Ich mag es eben, wenn sie noch ganz sauber ist.“
Ich rolle unverständlich mit den Augen. Es fällt schwer mir vorzustellen, dass eine einfache Tafel, auch etwas besonders sein kann, auf das man Acht geben muss. In meiner Schulzeit habe ich ganze Zehn von diesen Dingern einfach irgendwo verloren und drei im Streit mit einem Klassenkameraden zerbrochen. Es war immer nur ein Werkzeug für die Schule, mehr nicht. Doch je länger ich Zeng und Streuner beobachte, um so dankbarer bin ich meinem Bruder, dass er mir meine unbeschwerte Schulzeit ermöglicht hat. Er selbst hat die Schule, nach dem Tod unseres Vaters und dem Verschwinden der Mutter abgebrochen, um Geld zu verdienen, nur damit wir das Haus halten und ich zur Schule gehen konnte. Er hat so oft bis spät in die Nacht gearbeitet und dabei weder Urlaub, noch ein Wochenende gehabt. Ein dankbares Lächeln richte ich auf meinen Bruder. Raphael wendet sich irritiert ab und liest weiter in seinem Buch. 

Lautes Motorrengeheul ist vom Innenhof zu hören. Wir schrecken alle auf und schauen hinaus. Ein Motorrad fährt auf das Gelände, der Auspuff macht knallende Geräusche. Auf der Maschine sitzen zwei Frauen. Erstaunt sehe ich Robin dabei zu, wie sie parkt und mit ihrer Schwester absteigt. Die blonde Ärztin, mit den langen Haaren, die sie streng in einen Zopf gebunden hat, bildet das genaue Gegenteil zu Robin. Es ist wahrlich offensichtlich, dass sie nicht die selbe Mutter hatten. Mein Bruder klappt das Buch zu und beißt sich nervös auf die Unterlippe. Geistesabwesend beginnt er damit seine Haare glatt zu streichen. Er fährt sich auch über den Bart und schaut dabei unglücklich. Sein Blick wandert an seinen Klamotten herab. Die Hose ist staubig und das Oberteil hat zwei große Löcher im Brustbereich. Mit Blick auf die beiden Frauen erhebt er sich schließlich aus dem Sessel. Das Buch lässt er auf der Sitzfläche zurück und verschwindet im Flur. Kurz darauf knallt die Tür seines Zimmers zu. Irritiert schaue ich ihm nach. Es ist nicht das erste Mal, dass er fluchtartig verschwindet, wenn Robin mit ihrer Schwester zu uns kommt. So langsam ergibt sich da ein Muster. 
Die beiden Schwestern befinden sich in einem angeregten Gespräch, als sie eintreten. „Bist du dir sicher, dass du nur wegen Antonio herkommen wolltest? Seine Verletzungen müssten doch inzwischen ausgeheilt sein“, versucht Robin in Erfahrung zu bringen.
Susen sieht sie dafür strafend an. „Ja, natürlich! Er ist eben mein Lieblingspatient, da will ich auf Nummer sicher gehen.“ Ihre Worte klingen nicht besonders glaubhaft. Ich sehe zu Toni und dieser mit einem vielsagenden Blick zurück. Susens Aufmerksamkeit richtet sich auf ihn. Sie setzt eine übertriebene Fröhlichkeit auf und hält auf das Sofa zu, als sie fragt: „Na wie geht es dir? Was machen die Narben?“
Toni mustert sie einen Moment lang skeptisch und zwingt sich dann zu sagen: „Alles bestens, so wie vorgestern und vorvorgestern.“
„Lass trotzdem mal sehen! Die Große war noch ganz schön rot und geschwollen.“, verlangt sie und setzt sich zu ihm auf das Sofa. Toni atmet genervt durch und zieht sich sein Hemd aus. Flüchtig betrachtet Susen die vielen kleinen und großen Vernarbungen auf Tonis Haut. Über die lange, große auf seinem Brustkorb, streicht sie sacht.
„Sieht wirklich gut aus. Du hast eine erstaunlich gut Wundheilung“, stellt sie fest und sieht sich dann nach allen Seiten um. Tonis Narben interessieren sie nicht mehr, stattdessen richtet sich ihre Aufmerksamkeit auf mich. „Wo ist denn dein Bruder?“, will sie mit bebender Stimme wissen. 
Ich betrachte ihre roten Wangen und das unsicher Lächeln einen Moment lang stumm, dann sage ich trocken: „In seinem Zimmer, sich umziehen. Wenn du dich beeilst erwischst du ihn vielleicht noch nackt.“
Susens Blick wird grimmig. „Du verdammter Rotzlöffel! Wie kannst du es nur wagen? Wie kannst du glauben, dass ich so was, also dass ich. Arrrggg halt einfach die Klappe, wenn du nichts hilfreiches zu sagen hast!“, schimpft sie aufgebracht. 
Ich ringe mir lediglich ein Schmunzeln ab und wende mich wieder der Tafel von Streuner zu. Seinem B füge ich noch den fehlenden unteren Bogen hinzu. 
Robin bleibt neben mir stehen und beugt sich auf ein Wort zu mir hinab. „Schwer verknallt!“, flüstert sie mir ins Ohr. 
„Er auch! Ist sofort aufgesprungen, weil er so schäbig angezogen war“, antworte ich amüsiert. 
„Was gibt’s da zu tuscheln?“, mault Susen und erhebt sich. Bevor wir dazu kommen, ihr zu antworten, öffnet sich im Flur eine Tür. Raphael kommt aus seinem Zimmer zurück. Seine Haare sind nun frisch in einen Zopf gekämmt. Seine dreckige Hose und das kaputte Shirt, hat er gegen eine schwarze Stoffhose und ein weißes Hemd getauscht. Er richtet noch seinen Kragen, als er in die Halle zurück kommt. Scheinbar überrascht, betrachtet er Susen und sagt dann wie beiläufig: „Susen? Was machst du denn noch so spät hier? Ich habe gar nicht mit dir gerechnet.“
Auf Susens Gesicht bildet sich ein freudiges Strahlen. Sie streicht sich ihr Kleid glatt und sieht unter seinem Blick hinweg, als sie antwortet: „Nun ich musste doch noch mal nach meine Patienten sehen.“
Ich kann mir ihr aufgesetztes Getue nicht länger mit ansehen. Herausfordernd richte ich mich an beide: „Man, jetzt hört endlich auf immer Toni als Grund vorzuschieben. Wenn ihr euch treffen wollt, dann geht miteinander aus. Ist das denn so schwer?“ Toni nickt zustimmen und zieht sich sein Hemd wieder über. 
Mein Bruder wirft mir einen bitterbösen Blick zu. Eine Drohung liegt in seinen Augen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich nachhelfen muss, wenn er an einer Frau Interesse hat. Das war ihm schon vor seiner ersten Freundin Simone peinlich. Doch seit dem hat er einfach nichts dazu gelernt und ich kann mir das einfach nicht kommentarlos mitansehen.
Er will gerade etwas wütendes erwidern, als ihm Robin zuvor kommt: „Ernsthaft mal! Das geht jetzt schon seit vier Wochen mit euch beiden. Führ sie endlich mal zum Essen aus Raphael, bevor sie mir noch weiter die Ohren voll heult.“
Raphael und Susen sehen sich peinlich berührt an. Sie spielt mit ihrem Zopf und dreht ihn um ihre Zeigefinger, während er nicht wagt den Blick zu erheben. Das wird doch nie was mit den Beiden. 
„Komm wir gehen raus. Das dumme gequatschte erträgt doch keiner“, ist es schließlich Susen, die die Initiative ergreift. Sie nimmt Raphael am Arm. Während sie mir und Robin einen letzten feindseligen Blick zuwirft, verschwindet sie mit ihm nach draußen. Durch die zerbrochenen Fensterscheiben können wir sie im Hof spazieren sehen. Ausgelassen schimpfen sie dort über uns und haben so gleich Gesprächsstoff und genug Ablenkung, um das eigentliche Thema zu meiden. Kopfschüttelnd beobachte ich sie. „Das wird doch nie was!“ 
Robins Blick geht ebenfalls hinaus. Nachdenklich betrachtet sie die Beiden und verschränkt die Arme. Ihre Mine wird zunehmend ernster. 
„Was ist?“, spreche ich sie an.
„Die Beiden hat es echt voll erwischt.“
„Und, ist doch schön für sie und auch für uns. Mein Bruder ist viel besser zu ertragen, wenn er eine Freundin hat.“
„Ja, erklär das mal Aaron.“
„Wieso? Was sollte er denn dagegen haben?“
„Raphael ist keine standesgemäße Wahl. So ungern ich das sage, aber er ist nur ein Bettler ohne festen Wohnsitz. Diese Beziehung wird Vater nie absegnen.“
„Als wenn sich Susen um die Meinung ihres Vaters scheren würde.“ Ich habe noch immer meine erste Begegnung mit ihr vor Augen, wo sie dem Vater ordentlich die Meinung gesagt hat, weil sie mal wieder einen seiner Handlanger zusammenflicken musste. Sie wollte nicht mal nach Hause zum Vater kommen und ist nur dank Robins Überredungskunst erschienen, um Tonis schwere Verletzungen zu versorgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie da viel Wert auf Aarons Reaktion legen wird. 
Doch Robins Blick bleibt besorgt. „Um ehrlich zu sein, heiße ich es auch nicht gut. Raphael hat null Einkommen. Er kann weder sich, noch eine Frau ernähren und wenn Susen heiratet, wäre sie komplett von ihm abhängig. Sie darf kein Konto haben und er hat nicht die Mittel um eines zu eröffnen. Ihre Praxis könnte sie dann dicht machen. Im Moment läuft noch alles über Vater. Im Falle einer Heirat, würde das alles dein Bruder übernehmen müssen. Sie wäre dann Teil seines Eigentums und bräuchte seine Erlaubnis um weiter als Ärztin arbeiten zu können und er kann ihr weder ein Haus noch etwas zu Essen bieten. Er ist in seiner Situation nicht mal geschäftsfähig.“
„Du quatscht schon wie dein Vater. Lass das mal deren Sorge sein. Die finden schon ne Lösung“, bin ich zuversichtlich. 
„Das wird noch böse enden“, murmelt Robin in sich hinein und beobachtet Raphael und Susen, wie sie sich immer weiter von uns entfernen. Als sie glauben, genügend Abstand zu haben und unbeobachtet zu sein, küssen sie sich.

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