Patenmörder - Die Wölfe I

  • von
  • Jugendschutz:
  • Veröffentlicht: 3 Apr 2018
  • Aktualisiert: 3 Apr 2018
  • Status: Fertig
Der 15-jährige Enrico River lernt im Park einen süßen Jungen mit einer coolen Lederjacke kennen. Der schüchterne Antonio gefällt ihm, also freundet er sich mit ihm an. Er ahnt nicht, in welch dunkle Machenschaften der Kerl verstrickt ist, bis er ihm neugierig auf das Dach eines Hochhauses folgt. Der Mord, den er dort oben mit ansehen muss, bringt die beiden Freunde in Lebensgefahr und zwingt Enrico in ein Leben zwischen Bandenkrieg, Drogen und Mord.

Leseprobe

0Likes
0Kommentare
93Views
AA

4. 4. Kapitel ~Hunger und tote Tauben~

Nachdenklich läuft Antonio nach Hause. Die Tasche hat er übergeben, doch mit den Gedanken ist er die ganze Zeit bei dem blonden Jungen. 
Enrico war seltsam. Nicht nur, dass er ihm ein Eis ausgegeben hat, er hat ihn heute Abend auch noch zum Basketball spielen eingeladen. Einfach so hat Enrico entschieden, dass sie jetzt Freunde sind. Bisher ist der Blonde der Erste gewesen, der ihn angesprochen hat, der ohne besonderen Grund freundlich zu ihm gewesen ist. 
Begegnet Antonio sonst anderen Jungen, sehen die ihn misstrauisch an, als würden sie ahnen, in welche Machenschaften er verwickelt ist. 
Enrico aber, hat sich noch nicht einmal mit Unfreundlichkeit vertreiben lassen. 
Antonio kann das Hochhaus schon sehen. Gleich ist er wieder zu Hause, zurück in seiner persönlichen Hölle. Widerwillig geht er dem Eingang entgegen und durch die Drehtür ins Innere. Neben dem Fahrstuhl kann er Butch erkennen. Ohne Umwege hält er auf den dunkelhäutigen Mann zu. 
„Komm mit mir!”, sagt der und geht voraus. 
Mit dem Fahrstuhl gelangen sie in den zehnten Stock. Die Cafeteria? 
Butch drückt ihm eine gelbe Papiermarke in die Hand, dann öffnet er ihm das Fahrstuhlgitter. Ein Lächeln begleitete sein Tun, als er meinte: „Geh und hol dir dein Mittagessen. Wenn du fertig bist, komm in mein Büro, ich bring dich dann aufs Dach.” 
Von der Marke in seiner Hand sieht Antonio fragend auf. Darf er die wirklich haben, ohne etwas dafür zu tun? 
Der Duft der Speisen dringt bis zu ihm, Antonio läuft das Wasser im Mund zusammen. Sein Magen knurrt. Er kann das Essen schon förmlich auf der Zunge schmecken, doch noch zögert er. Bisher ist es noch nie so einfach gewesen, da muss es doch einen Hacken geben.
„Nun geh schon!”, sagt Butch. 
Jetzt kann Antonio nicht länger widerstehen. Er greift die Marke fest in seiner Faust, um sie ja nicht zu verlieren, dann stürmt er aus dem Fahrstuhl und der Cafeteria entgegen. 
Wie ein Fest erscheint es ihm, als er vor der großen Auswahl stehen bleibt. 
Was soll er nehmen? Alles sieht köstlich aus und riecht so gut. Die Kekse und das Eis allein, haben seinen Hunger nicht stillen können. Eine große Portion Nudeln hingegen, genau, darauf hat er Appetit. 
Der Verkäuferin deutet er mit einem Fingerzeig an, welches der drei Nudelgerichte er haben will, dann reicht er ihr die Essensmarke. 
Sie füllt den Teller und hebt ihn über den Tresen. 
Er nickt dankend. Endlich satt essen. Strahlend nimmt er den Teller entgegen und trägt ihn, wie ein Heiligtum vor sich her, zu einem freien Platz. Behutsam stellt er ihn auf dem kleinen Tisch ab und setzt sich in den Holzstuhl dahinter. Messer und Gabel liegen an jedem Tisch aus und sind schnell ergriffen. 
„Ach, das schaffst du doch gar nicht allein”, wird er angesprochen. 
Antonio sieht auf. 
Andy, der Chef einer kleinen Clique von Michaels Straßenkämpfern ist auch zum Mittagessen hier. Er tritt nah an den Tisch und nimmt sich Antonios Teller.
„Stell’s wieder hin!”, fordert Antonio. 
„Willst du dich etwa mit mir anlegen, kleiner Laufbursche?” Anstatt den Teller zurückzugeben, nimmt sich Andy eine Gabel und lässt die ersten Nudeln in seinem Mund verschwinden. 
Das ist zu viel! Antonio kletterte auf den Tisch und greift nach seinem Essen. 
Andy dreht sich von ihm weg und schiebt sich eine weitere Portion in Mund.
„Was soll der Scheiß?”, tönt eine raue Stimme, so dunkel und bedrohlich, dass Antonio vor Schreck zusammen fährt. „Runter vom Tisch!” 
Noch bevor er erkennen kann, aus welcher Richtung der Ruf kommt, packt ihn ein harter Griff am Handgelenk. Er wird vom Tisch gezerrt und stolpert nach vorn. Mit der Schulter stößt er gegen Andys Arm und reißt den Teller zu Boden. Antonio knallt auf die Knie. 
Michael hat ihn noch immer im festen Griff, er zieht ihn auf die Beine. 
Antonio sieht ihn nicht an, sein Blick ist auf den zerbrochen Teller gerichtet. 
Die Nudeln liegen auf dem Boden verteilt, Tränen fluten seinen Blick. Das kann nicht sein, nicht einen Bissen hat er davon genommen. Sein Magen sticht so entsetzlich, dass er sich den Bauch halten muss. 
„Nicht zu fassen. Nichts als Ärger hat man mit dir!”, donnern die Worte Michaels auf ihn ein.
Antonio wagt nicht aufzusehen, oder etwas zu erwidern. 
Michaels Blick wandert zu den restlichen Jungen. Finster mustert er auch sie. „Habt ihr nichts Besseres zu tun? In zehn Minuten will ich euch unten im Ring sehen. Bis ich zu euch komme, macht ihr Liegestütze und jetzt geht mir aus den Augen.“ 
Die Jungen schaue zu Boden und schleichen an ihrem Ausbilder vorbei. Einen finsteren Blick werfen sie Antonio zu. 
„Das bekommst du wieder“, flüstert Andy im Vorbeigehen und stößt Antonio an der Schulter an.
Während sie die Cafeteria verlassen, durchfährt Antonio ein eisiger Schauer. Er will sich gar nicht ausmalen, was sich Andy einfallen lassen wird, um es ihm heimzuzahlen. 
„Hör auf zu heulen! Kein Wunder dass sie dich ständig als Ziel für ihre Späße nehmen”, richtet sich Michael an ihn. 
Antonio betrachtet seine verlorene Mahlzeit. 
Was weiß Michael denn schon? Als einer der großen Drei, kennt er  keinen Hunger. Es wagt auch keiner ihm zu widersprechen, oder ihm sein Mittagessen streitig zu machen.
„Ich versteh echt nicht warum Butch so einen Narren an dir gefressen hat. Los komm!” Michael setzt sich in Bewegung, er geht zum Fahrstuhl. 
Während er ihn öffnet, wischt sich Antonio die Tränen aus den Augen, dann folgt er seinem Ausbilder. 
Michael steht bereits in der Kabine und schiebt einen Schlüssel in das Schloss, unterhalb der Tastatur. Nur damit können sie die obersten drei Etagen des Hochhauses erreichen. 
Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung und bringt sie aufs Dach. 
Lediglich Michael, Butch und ihr Chef haben das Recht, sich hier oben aufzuhalten. Nur im Rahmen seines Scharfschützentrainings, ist es auch Antonio erlaubt. 
Fröhliche Gedanken überkommen ihn. Endlich was das er kann, wo ihm keiner etwas vormacht. Hier ist er ein Meister, der beste Schütze des Clans. Sein Blick geht zu Michael. Vorfreude lässt ihn seinen leeren Magen vergessen. Ungeduldig wartet Antonio auf neue Anweisungen. Michael läuft zu einem Lüftungsrohr, auf dem ein Gitarrenkoffer liegt. Antonio folgt ihm.
„Mach ihn auf!”, fordert sein Ausbilder. 
Einen letzten Blick wirft Antonio ihm zu, dann öffnet er die Verschlüsse und klappt den Deckel hoch. 
Anstatt einer Gitarre, liegt in dem Koffer, ein zerlegtes Scharfschützengewehr. Obwohl Antonio sich bestens mit Schusswaffen auskennt, jede Marke auswendig weiß, ist ihm diese Waffe fremd. Noch nie hat er ein Gewehr gesehen, dass in seine Einzelteile zerlegt ist. Es gibt nicht einmal einen Herstelleraufdruck. Dafür ist ein Schalldämpfer dabei. 
„Das ist eine Spezialanfertigung. Es ist um einiges leichter und präziser, als dein altes Gewehr. Pass auf! Zusammengebaut wird sie so.” Michael drängt ihn beiseite. Mit geübten Handgriffen schraubt er die Waffe zusammen. 
Antonios Blick folgen jeder seiner Bewegungen, während er sich alles einzuprägen versucht. 
Kaum ist die Waffe vollständig zusammengesetzt, baut Michael sie wieder auseinander und legt die einzelnen Teile in die Fächer des Koffers zurück. „Jetzt du!“ 
Etwas umständlich, beginnt Antonio die Waffe zusammenzubauen. Ab und an greift ihm Michael dazwischen, bis sie wieder vollständig ist. 
„Gut, das wirst du jeden Tag üben, bis du es im Schlaf kannst! Und nun will ich sehen, ob du damit zurechtkommst.“
Antonio nimmt die Waffe hoch, sie ist tatsächlich viel leichter, als sein altes Gewehr, wiegt nicht einmal die Hälfte. Die Tage des Zitterns, bei langem Halten, sind damit gezählt. Nach einem Blick durch den Sucher, ist Antonio von seinem neuen Werkzeug fasziniert. So weit kann er damit sehen? Er kann sogar die Tauben auf den Dächern, am anderen Ende der Straße anvisieren. Das Bild ist so scharf, dass er sein Ziel sicher nicht verfehlen wird. 
„Wenn du schon dabei bist, die Tauben hier oben nerven mich gewaltig. Mal sehen wie viele du triffst, bevor sie davon fliegen!” 
Das ist also sein Ziel für Heute? Tauben? Achselzuckend macht sich Antonio keine weiteren Gedanken darüber, nimmt stattdessen den Schwarm ins Visier, der über dem Dach kreist. 
Während er eine Taube nach der anderen vom Himmel holt, geht Michael einige Schritte zurück, um von Weitem sein Können zu beurteilen. Mit verschränkten Armen, bleibt er neben dem Fahrstuhl stehen, als dieser sich öffnet. 
Butch gesellt sich zu ihnen. „Und? Kommt er damit zurecht?”, will er wissen.
„Ich verstehe echt nicht, warum du ihm so eine Waffe besorgt hast.”
„Weil er der Beste ist!“ 
Wirklich? Und das obwohl Antonio beim Training mit ihm, den Kronkorken erst beim zweiten Versuch getroffen hat? Ein zufriedenes Lächeln überkommt Antonio, während er eine weitere Taube anvisiert.
„Genau das macht mir  sorgen. Ich hab noch nie jemanden so mit Schusswaffen umgehen sehen. Egal, wie schnell das Ziel auch ist und wie schlecht seine Ausrüstung, er trifft immer ins Schwarze. Mit dem Gewehr jetzt, ist er gefährlicher, als jeder meiner Straßenkämpfer da unten.” 
Das ist neu für Antonio. Bisher ist er nie auf die Idee gekommen, dass Michael ihn fürchten könnte, doch die Vorstellung gefällt ihm. Schade nur, dass er nicht immer eine Waffe bei sich haben darf. Sicher wären dann auch Andy und seine Kumpels respektvoller.
„Und jetzt machst du dir Sorgen, er könnte auch uns gefährlich werden?” 
Auf die Antwort ist Antonio gespannt. Er wartet absichtlich mit dem nächsten Schuss, um sie hören zu können. 
„Das mach ich mir, seit ich ihm das erste Mal 'ne Waffe in die Hand gegeben habe.” 
Ein breites Grinsen schleicht sich in Antonios Gesicht. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass es ein leichtes wäre, die Waffe nicht auf Tauben oder leere Flaschen zu richten. Er könnte auch einen der beiden Männer ins Visier nehmen. Wahrscheinlich würde er danach zwar vom Clan ausgelöscht, aber die Möglichkeit gefällt ihm trotzdem. Das Gefühl von Macht durchströmt Antonio. Er schießt noch eine Taube vom Himmel. 
Seine Ausbilder schweigen einen Moment, dann ist es wieder Butch der zu sprechen beginnt: „Er ist keine Gefahr!”
„Ja, noch nicht! Lass ihn älter werden.” 
Genau, wenn Antonio sein Handwerk noch weiter verbessert hat und endlich eine eigene Waffe führen darf, dann sollten sie sich ihre Wortwahl gut überlegen. Antonio drück ab. Eine weitere Taube fällt herab. 
„Dann solltest du ihn bis dahin vielleicht besser behandeln, damit er nicht auf die Idee kommt, es dir heim zu zahlen.” 
Butchs Einstellung gefällt Antonio immer besser. Der Kerl wird ihm zunehmend sympathischer. 
„Willst du mir schon wieder vorschreiben, wie ich meinen Job zu machen habe?”, entgegnete Michael, “Nein ganz ehrlich Butch. Er ist mir als Laufbursche lieber. Einen Tiger lässt man schließlich auch nicht aus seinem Käfig.”
„Ach komm schon, gib dir  'nen Ruck! Er ist wirklich gut.” 
„Du gehst mir auf die Nerven, weißt du das?” 
Wenn Antonio nur wüsste, was die beiden ausgeheckt haben. Seit er mit Butch auf dem Dach war, liegt schon etwas in der Luft, das er nicht greifen kann, doch danach zu fragen wagt er nicht. 
Michaels Schritte kommen auf ihn zu. Noch bevor er ihn erreicht, fordert er: „Antonio, es reicht! Ich hab genug gesehen.” 
Langsam hebt Antonio das Gewehr von der Schulter und sieht seinen Mentor an. Bisher hat er nur acht Tauben vom Himmel geholt und das reicht Michael?
„Bau es auseinander und dann verschwinde! Für Heute habe ich genug von dir!” 
Jetzt schon? Es ist erst ein Uhr? Dabei hat es gerade angefangen Antonio Spaß zu machen.
Gehorsam baut er das Gewehr auseinander, die Einzelteile legt er in die Schaumgummifächer zurück. Den Koffer lappt er zu, dann geht er zum Fahrstuhl. 
Während er das Gitter öffnet und einsteigt, unterhalten sich die beiden Männer weiter: „Also bist du jetzt endlich dafür?“
„Nein! Er ist noch lange nicht so weit.“ 
Noch immer wird Antonio nicht schlau aus ihren Worten. Wofür denn bereit?
„Ich werde ihn Danijel trotzdem vorschlagen.“ 
Denijel? Wenn Antonio sich richtig erinnert, ist das doch der Name ihres Chefs. Seit wann interessiert der sich denn für ihn? Obwohl Antonio jetzt schon gut drei Jahren dem Clan angehört, ist er ihrem Chef noch nie begegnet. 
„Mach was du nicht lassen kannst! Er wird auch einsehen, dass es zu früh ist.“
Antonio zieht das Gitter zu, der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung.

 

Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...