Die Regel des Urwalds

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  • Jugendschutz:
  • Veröffentlicht: 4 Jul 2017
  • Aktualisiert: 4 Jul 2017
  • Status: Fertig
Ich irre seit Tagen in diesem Urwald umher, getrennt von meiner Truppe, alleine und seit gestern auch ohne Vorräte...Die Tiere hier sind wundersam und faszinierend, alles lebt...doch wenn alles am Leben bleibt, wird mein eigenes enden...

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1. Die Regel des Urwalds

Zwei Tage. Ich irrte nun schon zwei Tagen durch diesen scheinbar endlosen Urwald. Zwei Tage lang hatte ich den Himmel nicht mehr gesehen. Der Urwaldgestank missfiel meiner Nase. Ich hatte kein Essen. Meine Wasserflasche war leer. Ich musste die anderen bald finden, ansonsten würde ich hier noch ewig festsitzen. In dieser Umgebung wollte ich nicht sterben.

Und trotzdem, irgendetwas an diesem grünen Wunder der Natur faszinierte mich. Die Vögel sangen rund um die Uhr. Überall lebte etwas: In jedem Gestrüpp fand ich Leben jenseits meiner Vorstellungskraft. Meistens sprangen oder krochen Insekten und Reptilien in der Nähe des Bodens herum, Affen schwangen sich durch das Geäst über meinem Kopf und Vögel flogen über dem Blätterdach. Ich hatte noch keine Vögel gesehen, aber zu hören war das Pfeifen und Singen deutlich. Die Tiere bemerkten mich kaum, war ich doch durch meine Tarnkleidung nur schwer zu erkennen.

Meine Machete schnitt durch das Gestrüpp vor mir, Ranken und Blätter wurden durchtrennt, das sausende Geräusch ging mir nicht mehr aus dem Kopf, so oft musste ich es jetzt gehört haben. Jeder Schritt durch den Dschungel musste man sich erkämpfen, die Natur schenkte mir nichts.

Gerade als mir dieser Gedanke durch den Kopf ging, hörte ich in der Ferne ein leises Plätschern. Meine trockene Kehle zwang mich, die Machete schneller durch das Grün sausen zu lassen, immer dem Geräusch nach. Das Plätschern wurde lauter und nach einem kurzen marsch, der mir wie eine Ewigkeit vorkam, erblickte ich eine kleine Lichtung.

Ein Teich nahm den grössten Teil der offenen Fläche ein, ein Bach floss aus ihm heraus in das Grün hinein. Licht, echtes, direktes Sonnenlicht traf auf den Teich und erhellte das kristallklare Wasser. Ich zog meine Wasserflasche hervor, doch bevor ich sie auffüllte, kniete ich mich neben das kühle Nass und trank direkt aus dem Teich. Das Wasser war kalt, erfrischend und schmeckte mir nach einem Tag ohne etwas zu trinken einfach herrlich.

Als mein Durst gestillt, meine Wasserflasche voll war, setzte ich mich neben den Teich in die Sonne. Für einen kurzen Moment schloss ich meine Augen und lauschte dem Gesang der Vögel, dem Rascheln der Blätter und dem Plätschern des Baches.

Mein Magen knurrte, seit meiner hastigen Flucht aus dem Lager hatte ich nichts gegessen. Ich versuchte das beklemmende Hungergefühl zu ignorieren und dachte über meine Lage nach. Meine Truppe hatte sich aufgeteilt und war aus dem Lager geflohen, als wir von einem Gepard angegriffen worden waren. Auch ich floh ins Grün, nur fand ich danach nicht mehr zurück. Ich hatte keine Möglichkeit die anderen zu kontaktieren, ohne unseren Standort preis zu geben. Dies war keine Option.

Ein deutliches Rascheln im Blättergewirr auf der anderen Seite des Teiches riss mich aus meinen Gedanken. Nur etwas Grosses würde so viel Lärm verursachen, deshalb versteckte ich mich auf meiner Seite des Teichs im Unterholz. Waren dies meine Kameraden? Oder ein wildes Tier, welches meine Fährte gewittert hatte?

Gespannt starrte ich in das Grün, von wo ich das Rascheln vernommen hatte. Mein Herz pochte in meinen Ohren. Das Rascheln kam näher. Ich zog mein Gewehr hinter meinem Rücken hervor und legte die Stütze an meine Schulter. Das Gewicht der Waffe gab mir ein Gefühl von Sicherheit.

Die Blätter am Rande der Lichtung bewegten sich, es raschelte. Sie wurden auf die Seite gedrängt und ich sah was sich dem Teich annäherte. Es war kein Jaguar und schon gar keiner seiner Kameraden. Aus dem Gestrüpp schob sich ein seltsames, vierbeiniges Tier. Es sah ein wenig aus wie eine Giraffe, nur ohne den langen Hals. Sein Fell war komplett Schwarz, ausser die Beine, diese hatten weisse Streifen. Das Tier erinnerte mich an die Zebras, welche ich in Afrika gesehen hatte. Ich war damals mit meiner Frau unterwegs. Wenigstens sie war in Sicherheit.

Das Tier stampfte mit seinen behuften beinen zum Teich. Es senkte den Kopf und begann zu trinken. Auch das Okapi schien das kühle Nass zu geniessen. Es schien allein unterwegs zu sein. Nachdem es ein paar Mal hörbar geschluckt hatte, liess es sich auf seiner Seite des Teiches nieder und legte den Kopf auf den Boden.

Mein Magen knurrte erneut. Ich hatte Hunger. Das Okapi schien gut genährt, was anhand der Fülle und Masse der verfügbaren Blätter nicht schwer zu erklären war. Hier auf der Lichtung würde ich ein kleines Feuer machen können, ohne das der Wald Flammen fing. Das Gewehr in meiner Hand war geladen. Ich hatte noch nie in meinem Leben ein Tier getötet, und ich wollte es vermeiden.

Ich konnte nicht zulange nachdenken, sonst würde es wieder verschwinden. Der Hunger trieb mich an. Das Okapi hob seinen Kopf, es sah mich direkt an mit seinen schwarzen Unschuldsaugen.

Ein Schuss, die Vögel flogen auf, das Geschrei der Affen wurde lauter und einen Augenblick später war es zum ersten Mal seit zwei Tagen still.

 

 

Die Nacht war hereingebrochen, doch der Urwald klang wieder so belebt wie immer. Über meinem Kopf sah ich riesige Flughunde über den Nachthimmel gleiten. Die Sterne waren wunderschön und deutlich am Himmel zu erblicken. Der Dschungel zeigte mir wieder seine schöne, friedliche Seite. Neben dem Teich lagen meine Waffe und mein blutverschmiertes Messer. Ich hatte neben mir ein kleines Feuer errichtet, welches ich mit Steinen aus dem Teich eingekreist hatte. Über dem Feuer hing das dritte Stück des Okapis, welches meinen Hunger endgültig stillen würde. Ich hatte ein schlechtes Gewissen für das Okapi, zurück in der Heimat würde er Vegetarier werden.

Doch hier im Dschungel hiess es fressen oder gefressen werden.

Ein Rascheln im Laub, welches am Boden lag lenkte meinen Blick weg von dem Feuer. Neben mir lag etwas langes, grünes am Boden. Noch während ich mich wunderte was es war, schoss es auf mein Gesicht zu. Und das letzte was ich sah waren zwei lange, spitze Zähne.

Keine Flügelschläge, keine Schreie, der Urwald blieb unverändert: Ruhig und friedlich.

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