Der Tod Und Ich

Ein Mädchen, ein Leben, fünf Hüter und eine verderbende Welt? Die Erde stürzt ins Chaos, ein junges Mädchen versucht zu überleben und trifft auf Mutoji. Ein Wolf, der einer der Hüter des Lebensbaumes ist. Keine Hoffnung und keine Träume, doch auch Rayu kann Unmögliches nicht immer möglich machen. Schon bald gelangt sie an ihre Grenzen und ein neues Abenteuer beginnt.

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2. Keine Chance

Ich stürzte das trockene Flussbett hinunter. Mein Schweiß floss an meiner Wange hinab. Mein Herz raste. //Rennen! Du muss weiter rennen!// Ein dumpfes Geräusch signalisierte mir, dass Mutoji hingefallen war. Umdrehen und nachschauen? Nein das kam überhaupt nicht in Frage. Ich nutzte meine Chance und rannte weiter. Ich konnte keinen Gedanken daran verschwenden, nach hinten zu schauen oder gar anzuhalten. An eine Sache dachte ich aber und das war überleben! Ich nahm meine letzte Kraft zusammen und sprintete in eine kleine Höhle. Ich kroch hinein und lehnte mich um die Ecke an die Wand. Heftig versuchte ich Sauerstoff in meine Lunge zu bekommen und atmete endlich wieder durch, als ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Dann horchte ich nach draußen. Mutoji schien abgehängt worden zu sein, doch man weiß nie... Ich blieb sitzen, achtete auf Geräusche und machte keinen einzigen Laut, sonst hätte er mich womöglich gehört. Und dann wäre es mit mir vorüber. Einige Zeit verging und es war immer noch kein einziges Geräusch aufgetaucht, also lunste ich kurz nach draußen, doch bevor ich etwas sehen konnte, hörte ich einen klagenden Schrei, er war mit Schmerz, Angst und Verzweiflung verbunden. Sofort zuckte ich zusammen und lehnte mich an die Wand zurück. Jemand war ermordet worden und ich hatte nichts tun können, um es zu verhindern. Es war schrecklich, doch nun gab es keine Zeit um zu trauern, ich musste weiter! Nach kurzem Zögern schlüpfte ich durch den Eingang, sah mich um und rannte schnell in Richtung Westen. So weit ich nur konnte, so viel es mir erlaubt war. 

Nach Minuten des Rennens wagte ich es dann doch kurz zurück zu blicken: nichts zu sehen, niemand zu sehen. Aber dann, als ich meinen Kopf wieder nach vorn drehte, sah ich plötzlich einen Abgrund. Ich erschrak. Promt versuchte ich anzuhalten, verlor das Gleichgewicht und drohte über die Kante zu fallen. Verzweifelt schnappte ich nach einer Metallschiene, die an der Straße herausragte und knallte an die Felswand. Ich stöhnte auf, ein dumpfer Schmerz durchzog meinen gesamten Körper. Das würde mit Sicherheit blaue Flecken hinterlassen. Mit zittrigen Armen zog ich mich krampfhaft wieder nach oben und versuchte mich zu beruhigen. Mein Herz pochte wie wild, beinahe wäre ich hinunter gestürzt und der Gedanke daran ließ mich schaudern. Heftig atmend kroch ich zum Abgrund und sah hinunter, es war so tief, dass man nur schwarz sah, egal wie sehr man seine Augen anstrengte, man erkannte nichts, als tiefes schwarz. Ich kam langsam wieder zu Atem, also stand ich vorsichtig wieder auf und lief so schnell ich konnte nach Norden. Ich durfte nicht zu lange an einem Ort bleiben, ich durfte nicht mit meinen Gedanken an einem Ort bleiben. Es ging nur um das eine: Nicht stehen bleiben! Weiter gehen und überleben!

Die Sonne wurde am Horizont von hohen Bergen verschlungen. Ich rannte immer noch und obwohl mir alles und wirklich alles wehtat, durfte ich nicht einfach stehen bleiben, es wäre mein Verderben gewesen und mit Verderben meine ich den Tod, aber ich war tagelang geflüchtet und nicht ein einziges Mal hatte ich geschlafen. Erschöpft wie ich war, konnte ich schließlich nicht mehr und brach zusammen. Hungrig und völlig am Ende lag ich auf dem Boden. Ich sah es schon kommen, mein Ende, meinen Tod... Keinen einzigen Gliedmaßen konnte ich bewegen, noch nicht einmal einen Muskel. Ich lag einfach nur noch da und wartete, wartete nur darauf nun zu sterben. Meine Müdigkeit siegte und mir fielen langsam die Augen zu. Nicht viel später schlief ich dann auch ein. Ich wusste es war sehr gefährlich mitten im Nichts, einfach so zu schlafen, aber ich hatte keine Wahl. Ich war einfach viel zu erschöpft.

"Na wenn das mal nicht... Rayu ist!!" Mutoji schaute mich wütendend an. Mein Puls war bei 180 und ich zitterte. Verängstigt schaute ich in seine tief blutroten Augen, die mich aus Verachtung und Wut anblitzten. Auf einmal schlug mein Herz ganz langsam und ich fühlte mich, als würde man mir das Leben aus dem Körper saugen. "Hör auf!!!", schrie ich, kniff meine Augen zusammen und schüttelte alle Gedanken ab. "Wieso tust du das?", fragte ich mit zitternder Stimme. Eine kleine Träne tropfte von meiner Wange. Er sah mich immer noch wütend an und knurrte. Ich fasste einen Entschluss, wenn er nur mich haben wollte, dann würde ich eben sterben müssen. Mit etwas Mut antwortete ich: "Na schön!! Bringen wir es hinter uns...", Ich legte meinen Kopf nach hinten. Aus Angst Panik zu bekommen und zusammenzuzucken - Die Schmerzen dann womöglich zu vergrößern - kniff ich die Augen zu. Ich hörte seine Zähne fletschen. Sekunden später spürte ich nur noch einen stechenden Schmerz in meinem Hals, der all die Luft zum atmen abdrückte und meine Knochen zertrümmerte. Langsam machte ich meine müden Augen auf und sah ein letztes mal in seine, vor wut funkelnden, blutroten Augen. Danach wurde mir schwindelig, meine Sicht wurde schwarz, mein Körper wurde schlapp und ich lies den ganzen Schmerz einfach los. War ich tot? Ruckartig schnellte ich hoch. //Es war nur ein Traum... nur ein Traum...// Ich beruhigte mich wieder und wieder sah mich um, doch es war niemand zu sehen. Ich schleppte mich mühsam unter einen Busch und schlief wieder ein. Ich brauchte Schlaf.

Die Sonne weckte mich. Wie lang hatte ich geschlafen? Ach verdammt... wieso hatte ich ausgerechnet jetzt meine Uhr nicht mehr dabei? Ich rieb den Schlafsand aus meinen Augen und schaute mich um, ehe ich aus dem Gebüsch hervortrat. Es schien so friedlich still zu sein, als wenn alles Bisherige nie passiert wäre. Und doch war mir sehr wohl bewusst, wie hoch die Gefahr bestand im Hier und Jetzt zu verweilen und die Aussicht zu genießen. Ich lief weiter nach Norden. Die Sonne begann am Himmel zu steigen und auch die Temperaturen stiegen deutlich an. Irgendwann musste ich auf irgendetwas oder irgendjemanden stoßen, und ich hoffte sehr, dass es jemand werden würde, der mir helfen könnte, aber das sollte nur eine fahle Hoffnung gewesen sein. 

Im nächsten Moment trat Mutoji aus einem Gebüsch und versperrte mir den Weg. Ich hätte es ahnen sollen... so viel Zeit wie ich an einem Ort verbracht hatte, hätte mich skeptischer machen müssen. Ich wusste ich hatte keine Chance mehr von diesem Ort noch lebend weg zu kommen. Zutiefst verzweifelt sank ich zu Boden. Alle Hoffnung kam zu spät. Ich würde niemals sehen, ob die Welt wieder besser werden würde. Würde niemals sehen, ob die Zeiten nicht hätten was ändern können. Ich wagte einen Blick nach Oben, Mutoji stand mittlerweile direkt vor mir und ich konnte tief in seine blutroten Augen sehen. Ein dunkler Schleier verbarg sein Inneres vor mir, doch ich konnte ein schwaches Gefühl des Schmerzes vernehmen. "Möchtest du dich jetzt ergeben, oder doch noch einmal den Versuch starten, die aussichtslose Flucht zu wagen?", fragte er zuversichtlich. Ich wagte etwas, was mir zuvor nie in den Sinn gekommen war. "Wieso tötet ihr alle verbliebenen Menschen?", fragte ich mit zitternder Stimme. Die Frage schien ihn offenbar zu verwirren, denn er hielt in seiner Bewegung inne. "Die Menschen haben unseren Herren getötet, die Gesetze der Natur missachtet und die Existenz des gesamten Planeten aufs Spiel gesetzt, und du fragst wieso wir euch alle zu Strecke bringen?!", antwortete er mir, in einem vor Hass triefenden Ton. Der Schmerz saß tief, ich vermochte kaum zu sagen wie tief ihn das alles womöglich getroffen haben muss. All die Jahre mitanzusehen wie wir Menschen immer und immer wieder alles zerstören und zunichte machen, was für die Welt von großer Bedeutung ist. Zu sehen, wie wir uns selbst von dem Planeten ausradieren, in die Natur eingreifen und alles unter Kontrolle haben wollen. Wie weit wir doch vom Weltfrieden entfernt waren und uns doch immer wieder sagten, wir würden dafür kämpfen. Irgendwo in meinem Herzen verstand ich ihn. Auch ich hatte lang genug zugesehen und auf Änderung gehofft, doch es wurde immer nur schlimmer, keiner konnte mehr alles unter Kontrolle halten, die Welt zerbrach schon lange vor dem Jahr 2500. "Ich weiß wie sehr du gelitten hast... wie sehr du immer noch leidest, aber... nein es gibt kein Aber... Wenn du denkst du würdest dich besser fühlen, wenn alle Menschen nicht mehr leben und du es geschafft hast alle in deiner Rache zu vernichten, dann gratuliere ich dir. Bitte. Aber sei versichert, die Einsamkeit und der Schmerz bleibt erhalten, wenn du ihn zu lange an dir nähren lässt." Mit diesen Worten schloss ich meine Augen und befürchtete das Schlimmste, doch auch nach mehreren Sekunden, geschah nichts. Zögerlich öffnete ich meine Augen. Was ich sah verschlug mir die Sprache. Mutoji saß vor mir und schaute mich mit tiefer Trauer und Schmerz in den Augen an. Ich konnte sein Leid deutlich spüren, und bekam einen Kloß im Hals. Noch nie zuvor hatte ich so etwas erlebt. Ich hätte nie im Leben damit gerechnet, dass er so verletzlich sein würde. Ehe ich bemerkte, was ich im Sinne war zu tun, umarmte ich ihn und vergrub mein Gesicht in seinem Fell. Mutoji zuckte zusammen und wollte sich schon von mir lösen, doch dann entspannte er sich und und ließ es geschehen. Ich wusste nicht was in diesem Moment durch meinen Kopf ging, ich weiß nur noch, wie sehr ich mich in der ganzen Zeit nach Geborgenheit gesehnt hatte. Und diese war ich im Begriff von meinem Feind zu bekommen.

Nach einiger Zeit, bekam ich dann doch unbehagen und löste mich von Mutoji. Er sah nicht mehr ganz so aus, als wenn er jeden Moment zerbrechen, dennoch wollte ich auf Nummer sicher gehen. "I..ich weiß, dass Menschen Fehler machen, andere verletzen und immer im Mittelpunkt stehen wollen. Dass sie das des Öfteren mit Absicht tuen oder vorher wissen welche Folgen ihr Tuen hat... aber ich bin mir sicher... nein ich weiß, dass das die wenigsten sind. Menschen machen Fehler, ja, aber niemand ist perfekt. Sie verletzen andere, ja, aber doch nur weil sie selbst verletzt sind und sonst nicht anders mit ihrem Schmerz umzugehen wissen. Und sie wollen immer und überall im Mittelpunkt stehen, aber das, weil wir nunmal nur unsere Seite kennen, wie können nicht in einen anderen zu hundert Prozent hineinschauen, wir wissen nie genau, welche Probleme ein Mensch hat und oder welche bestimmten Gedanken ihm durch den Kopf gehen. Aber... vielleicht.. vielleicht gibt es noch Menschen, die denken, die alles versuchen und ihr bestes geben um einigen Menschen zu helfen, und das nicht, weil sie glauben sie müssten es tun, sondern weil es ihnen einfach wehtut, zu sehen wie andere leiden." Mutoji sah mich während meines Monologs einfach nur an, keine Kommentare oder Unterbrechungen, er saß nur da und hörte mir zu. Als wenn er das Gesagte verarbeiten würde, als wenn er sich wirklich konzentrierte um alles zu verstehen. Dann schaute er mir wieder direkt in die Augen. In seinem Blick waren beinahe jegliche Wut und Schmerz verschwunden, die ihn vorher so unerträglich quälten. Ich hatte das Gefühl er würde mich mit neuen Augen sehen, ein neues Bild von mir haben, und da war ich auch irgendwie froh drüber.
Etwas um seinen Hals begann zu leuchten. Meine Sicht verschwamm, mir wurde schwindelig und ich bekam dass Gefühl ich würde im Winde verwehen. Und tatsächlich wurde mir mein Geist dem Körper entzogen, aber das fand ich erst heraus, als ich plötzlich meinen leblosen Körper am Boden liegen sah. Ich wollte schreien, doch hörte ich mich nur in Gedanken. Ich begann einen starken Körper, empfindliche Ohren, eine von vielen verschiedenen Gerüchen gereizte Nase, scharfe Augen und das durchs Wind durchwehte Fell, wahrzunehmen. Nur langsam realisierte ich was Sache war. Ich war im Körper von Mutoji. Und es war kein Traum. Es war die Realität. Mutojis Stimme machte sich im Kopf platz und sprach: "Das ist die einzige Möglichkeit um dich vor den Anderen zu schützen. Keiner würde dein Leben verschonen, wie ich es tat. Keiner würde Schmerzen zeigen, wie ich es tat. Dein Leben ist nun unter meinem Schutz. Wir teilen uns einen Körper. Unsere Seelen knüpfen nun ein Band. Ich gebe dir mein und du gibst mir dein. So soll es und so wird es sein." Ich verstand nicht ganz, was er mir zu dieser Zeit sagen wollte, doch ich würde es noch früh genug erfahren.

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