Revenge

Cassy lebt unter Menschen zu denen sie nicht gehört, ihre einzige Möglichkeit ihr Ziel zu verfolgen - die Prüfung. Was, wenn sie nicht besteht?

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2. Kapitel 2

Die Decke der Haupthalle ist mit langen lichtöhren ausgestattet und reicht weiter in die Höhe, als die üblichen Räume des Hauptsitzes.  An den Wänden sind Tische und Stühle gestapelt, die normalerweise für Versammlungen genutzt werden.
Zehn Prüflinge nehmen dieses Jahr teil. Sie stehen in einer Reihe vor den Schützern John, Lisa, Mark und Jamie. In der Mitte Karl, der Leiter der Schützer. Er befehligt alle Missionen. Nichts was hier geschieht, geschieht ohne sein Wissen. Cassy hat ihn bis jetzt nur ein paar Mal gesehen. Meistens, wenn eine wichtige Mission bevorstand und er sich mit den Schützern versammeln musste, um die Lage zu besprechen. Den Rest der Zeit verbringt er in seinem Büro, das keiner ungefragt betreten darf.
„Das sind alle?“, fragt Karl, während er seine schwarzen Ärmel runterkrempelt.
„Sind alle.“, antwortet John knapp. Lisa überreicht Karl ein Klappbrett. Nachdem er es kurz gemustert hat, wendet er sich den Prüflingen zu.
„Wir teilen euch in fünf Gruppen ein. Jeder Schützer und ich übernehmen zwei Prüflinge. Den Rest der Missionen besprecht ihr dann in euren Gruppen.“
„Eine Frage“, sagt Camilla. Alle Augen sind auf sie gerichtet.
„Unsere Prüfung hängt ja mit der Hauptmission zusammen. Was passiert, wenn etwas schief läuft?“
„Es sollte nichts schief laufen“, antwortet Jamie.
„Wir sind ja dabei“, fügt Lisa hinzu. „Wenn ihr die Prüfung nicht besteht, können wir trotzdem noch die Fehler beheben.“
Karl gibt Lisa das Klemmbrett zurück und bindet seine blonden Haare zu einem Zopf.
„Wenn es keine weitere Fragen gibt.“ Er gibt John ein Handzeichen. Dieser macht sich auf zu den Tischen und verteil vier Tische mit jeweils drei Stühlen im Raum.
„Wir teilen euch jetzt in die Gruppen ein“, sagt Lisa. Cassy achtet nicht auf die anderen Prüflinge. Sie wartet auf ihren Namen.
„Cassy und Camilla zu Karl.“, verkündet Lisa endlich. Cassy wirft kurz einen Blick zu Camilla, dann setzt sie sich an einen freien Tisch. Camilla setzt sich neben sie und Karl gegenüber von den beiden. Er zieht einen Zettle unter der Tischkante hervor und breitet ihn auf dem Tisch aus.
„Das ist Merien.“, sagt er. Cassy begutachtet die Karte vor sich. Sie zeigt einen Haufen von dicht aneinander gereihten Häusern. In der Mitte eine Grünfläche und einen Fluss der durch die Karte führt.
„Wir gehen in die Stadt?“, fragt Camilla.
„Ihr bekommt beide eine Informationsmission“, antwortet Karl. Er zeigt auf zwei Häuser auf der Karte. „Familie Quang und Familie Karton. Wir brauchen Dokumente bezüglich der vorstehenden Wahlen.“
„Die sind in den Häusern versteckt?“, fragt Camilla.
„Möglich“, sagt Karl. „Das sollt ihr herausfinden.“ Er schiebt zwei weitere Zettel auf den Tisch, einen zu Camilla, einen zu Cassy.
Familie Karton, steht als Überschrift auf ihrem Zettel. Darunter folgen Namen, Melissa Karton, Staatsangestellte zweiten Ranges. Jeffrey Karton, Parteivorsitzender, Staatsangestellter ersten Ranges. Kile Karton, ehelicher Sohn, Staatsangehöriger fünften Ranges. Weitere Namen folgen, alle aus der Familie Karton. Großväter, Großmütter, Geschwister, Töchter.  Cassy schaut wieder auf die Karte von Merien, auf der Karl die Häuser von Familie Karton angekreuzt hat. Es sind sechs Stück. Das heißt, sie muss jedes dieser Häuser durchsuchen. Ohne bemerkt zu werden.
Sie fasst ihre Shorts an und spürt durch den Stoff die Halterung mit den Messern.
Das heißt auch, dass sie zur Not ihre Waffen benutzen muss.
„Aber wenn es keine Informationen gibt?“, fragt Camilla weiter.
„Ihr habt die Prüfung bestanden, wenn ihr alle Häuser durchsucht habt.“, erklärt Karl. „Und unbeobachtet bleibt.“
„Dürfen wir töten?“, fragt Cassy. Karl guckt sie an.
„Ihr dürft immer töten“, antwortet er und steht auf. „Lernt die Daten auswendig. Schaut euch die Baupläne der Häuser an. Ihr habt eine Stunde Zeit.“

Eine Stunde vergeht wie im Flug. Cassy hat alle Namen und Baupläne auswendig gelernt. Außerdem hat sie genau geplant, von welcher Seite sie in die Stadt, zu den Häusern und letztendlich, wie sie in die Häuser kommt.
Cassy hört Camilla angestrengt stöhnen, während sie sich ihre Haare zurückbindet und einen schwarzen Schal um ihren Hals wickelt, der die Hälfte ihres Gesichtes verdeckt. Bis zur Stadt ist es noch eine Stunde Fußmarsch. Dann bleiben ihr vier Stunden, bis es hell wird.
Karl geht vor. Er verlässt die Haupthalle aus dem Hintereingang, führt die Gruppe durch mehrere dunkle Gänge, bis sie schließlich an einer Leiter ankommen. Bevor er hochklettert, dreht er sich noch einmal um.
„Sobald ihr die Erde berührt, seid ihr auf euch allein gestellt.“, sagt er. Cassy nickt entschlossen. Ihre Muskeln spannen sich an, wie sie es kurz vor einem Kampf tun. Doch sie verspürt weder Angst noch Nervosität.  Sie kann und sie wird diese Prüfung bestehen.  
Direkt nach Karl, klettert sie die Leiter hoch. Es herrscht Totenstille. Als sie die Luke zur Oberfläche erreicht, weht ein kühler Luftzug durch ihr Gesicht. Den letzten Schritt auf der Leiter lässt sie aus, schwing sich nach oben und landet leise auf ihren Füßen. Es riecht nach Gras, Moos und Wald. Die Erde gibt unter ihren Schuhen nach, als ob sie sie vorantragen will.
Cassy wartet nicht lange ab. Sie richtet sich auf und läuft los. Schnell und leise. Ihre Füße schweben über dem Boden. Sie versucht jeden Ast und jedes Blatt zu vermeiden, alles das zu viel Lärm verursacht.
Nach 45 Minuten laufen, erblickt sie die Lichter von Merien. Sie verlangsamt sich, und pirscht sich das letzte Stück durch die dichten Bäume voran. Schließlich erreicht sie die letzte Baumreihe.
Kniend verschafft sie sich einen Überblick über ihr Umfeld. Hinter der letzten Baumreihe folgt ein Sandweg, den hecken von einem weiteren Sandweg trennen. Ungefähr alle 15 Meter steht eine lange strahlende Laterne. Blickt man den Weg entlang, sieht es aus, als ob Lichter in der Luft schweben würden. Und hinter den Laternen - die Häuser.
Cassy erinnert sich nur wage an ihr früheres Zuhause. Sie erinnert sich an den Duft der Küche, wenn es essen gab. An den hölzernen Schrank neben dem Fenster, in dem sie sich versteckte. An die weißen Gardinen, durch die sie die anderen Kinder spielen sah. Jetzt von außen betrachtet, sehen die Häuser ganz anders aus. Sie sind kleiner. Dennoch wirken sie mächtig, wie sie reih in reih aneinader stehen. Die Fenster sind dunkel, keine weißen Gardinen, nur schwarze Löcher die einen verschlingen.
„Wunderschön“, sagt Camilla, die sich neben Cassy gekniet hat. „Findest du nicht?“
„Ja“, antwortet Cassy mit einem bitterem Beigeschmack im Mund. Die Häuser sind wunderschön. Ihr Inhalt ist hässlich.
„Wir sollten da wohnen. Nicht in diesem grauem Loch.“, sagt Camilla. Cassy zischt, um ihr zu zeigen, dass sie leise sein soll.
„Ist ja gut. Ich muss weiter nördlich anfangen. Viel Glück.“ Camilla zieht sich zurück in den Wald. Cassy hört ihre leisen Schritte, bis sie in der Dunkelheit verschwinden. Sie atmet tief ein und aus, dann zieht ihren Schal noch weiter über ihre Nase. Die Häuser der Karton Familie sind nicht weit von hier. Sie muss es nur ungesehen über die beleuchteten Wege schaffen.
So schnell und leise, wie sie kann, huscht sie von der Baumreihe zu den Hecken. Von hier schleicht sie kniend über den Sandweg und klettert über einen Holzzaun, der das Gebiet zum ersten Haus freimacht. Jedes der Häuser ist durch Zäune getrennt, manche aus Holz, andere aus Stahl.
Sie braucht eine halbe Stunde, um von Gebiet zu Gebiet über die Zäune entlang zu den Häusern der Karton Familie zu gelangen.
Sie sind aus weißem Stein gebaut, das Dach schwarz. Die Zäune sind hier größer und besitzen spitze Enden. Um sich nicht zu schneiden, muss Cassy sich über den Zaun schwingen und auf den Boden springen. Sie rollt ab und stoppt. Für einen Moment bewegt sie sich kein Stück. Doch alles um sie herum bleibt still.
Sie schleicht hinter das Haus und zieht ihr dünnstes Messer aus der Waffenhalterung. Das Schloss des Fensters aufzubrechen dauert keine Minute. Darin war sie schon immer gut. Im Hauptsitzt gab es zwar keine Schlösser an Türen und keine Fenster, aber regelmäßig wurden alte Schlösser geliefert, an denen sie üben konnte.
Als Cassy durch das Fenster klettert spürt sie den Stoff der Gardinen an ihren Armen. Sie überkommt ein Gefühl der Enge. Auf einmal kommen alle Erinnerungen ihrer Kindheit hoch. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie auf der Straße Stand.
Das Schlaflied, das sie im Hauptsitz oft an den Kinderbetten gehört hatte, kommt ihr in den Sinn.
In der dunklen Nacht, der Mond erwacht, das Licht uns nährt und Schutz gewährt.
In der dunklen Nacht, der Mond erwacht, der Sternen Segen auf unseren Wegen.
In der dunklen Nacht, ein gelbes Licht, schließ die Augen und rühr dich nicht.
Richtig. Damals, mit sechs Jahren, alleine auf der Straße, war die Nacht angsteinflößend. Doch jetzt kennt Cassy die Nacht besser als jeder, der in dieser Stadt wohnt. Sie ist keiner von ihnen mehr. Sie ist ein Schützer.
Dieses Mal, wird das Haus sie nicht beherrschen. Sie beherrscht das Haus. 

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