Revenge

Cassy lebt unter Menschen zu denen sie nicht gehört, ihre einzige Möglichkeit ihr Ziel zu verfolgen - die Prüfung. Was, wenn sie nicht besteht?

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1. Kapitel 1

Als sie aufwacht, scheint die Sonne nicht mehr durch das kleine Fenster. Es ist bereits nachts.  Zeit aufzustehen.
Cassy streift sich die Wolldecke ab und fasst sich durch ihre trockenen braunen Haare, in denen noch Erde von letzter Nacht festhängt. Bis in die Morgenstunden trainierte sie auf dem Gelände, um die nächste Prüfung zu bestehen. Denn heute ist der Tag, an dem sie ihr neues Abzeichen bekommt. Sie wird in den Kreis der Schützer geführt und wird den Hauptsitzt das erste Mal verlassen.  
Cassy überkommt erneut ein Anklang von Müdigkeit, doch sie verdrängt das Verlangen, sich wieder hinzulegen. Sie tritt mit ihren nackten Füßen auf den grauen Betonboden auf. Ihre Klamotten und ihre Waffen entnimmt sie dem hölzernen Nachttisch. Es dauert keine fünf Minuten, bis sie die schwarzen Shorts und das schwarze Top angezogen hat. Die kleinen Messer schiebt sie unter die Halterung unter ihren Shorts. Dann verlässt sie das Zimmer.   
Es ist groß. Mindestens fünf Meter lang und drei  breit. Mehr als das Bett und der Nachttisch passen nicht hinein. Aber das ist um einiges mehr, als die meisten hier besitzen.
Nur dank Nick wurde ihr dieses Zimmer zugeschrieben. Vor 10 Jahren. Seitdem gehört es ihr und bietet ihr die einzige Privatsphäre, die an diesem Ort zu finden ist. 
Nick war damals noch kein Schützer. Aber als jüngster Teilnehmer kämpfte er sich durch ein Turnier und gewann das Zimmer als Hauptpreis. Doch eines Tages bekam er mit, wie Cassy von anderen Kindern angegiftet wurde. Wochenlang schikanierten sie sie, zogen ihr an den Haaren, bewarfen sie mit Essensresten. Als sie letztendlich Cassys Klappbett mit feuchtem Müll überkippten, beschloss Nickt ihr sein Zimmer zu überlassen.
Vor der Prüfung steht noch das Essen an. Alle versammeln sich in dem großen Speisesaal. Tisch an Tisch, Mensch an Mensch gereiht. Die Kinder haben ihre eigenen Tische in der Ecke, um nicht zu stören. Cassy setzt sich an den Rand eines Tisches und wartet darauf, dass die Küchenkräfte das Essen verteilen. Sie schieben große Metallschüsseln durch den Raum und kippen mit einer Kelle den Chicorée Brei auf jeden Teller.
Das geredet von den rund 500 Menschen nimmt Cassy nur als Fluss von Geräuschen wahr. Während  sie dabei ist, den ersten Löffel Brei zu essen, taucht Nick neben ihr auf. Er setzt sich mit den Rücken zum Tisch auf die Sitzbank, lehnt sich gegen ihn und stützt seine Ellbogen ab.
„Ich wusste es.“, sagt er, sie musternd. Cassy schaut ihn fragend an.
„Dass du mal wieder-“, er schüttelt seinen Kopf verzweifelt aber mit einem leichten Grinsen im Gesicht. „Geh dir was Ordentliches anziehen.“
„Was Ordentliches?“, fragt sie, immer noch nicht ahnend worauf er hinaus will.
„Ja, Cassy.“ Er lehnt sich zu ihr und guckt ihr in die Augen. „Karl leitet die Prüfung an. Er beurteilt, ob du fähig bist den nächsten Rang zu erreichen. Vor ihm kannst du dich so nicht zeigen.  Zieh dir ordentliche Klamotten an.“ Er greift in ihre Haare und zieht ein Stück Erde heraus. „Und wasch dich.“ Er steht wieder auf. „Ich warte vor der Halle auf dich.“
„Isst du nichts?“, fragt sie ihn.
Er lächelt sanft. „Kümmer dich um dich selbst.“ Kurz streicht er ihr über das Haar und verschwindet dann, so schnell wie er gekommen ist.  
Gestärkt vom Essen befolgt Cassy seinen Rat. Sie begibt sich in den Waschraum, in dem reihenweise längliche Waschbecken durch den Raum führen. Nachdem sie jeden Körperteil mit Wasser und Seife geschrubbt hat, geht sie zu der Kleiderkammer und tauscht ihre Short und ihr Top gegen neue ebenfalls Schwarze Shorts und ein Top aus. Die alten Klamotten gibt sie ab. Sie kommen in die Wäscherei und jemand anderes wird sie sich holen können.
Um Mitternacht startet die Prüfung. Eine halbe Stunde vorher macht Cassy sich auf den Weg zur Haupthalle. Durch die aus Beton gebauten Gänge gelangt sie in den grauen Vorraum der Haupthalle, der bereits mit den Prüflingen und deren Angehörige gefüllt ist. Sie schaut sich in dem Raum um, bis sie Nick an der rechten Wand entdeckt. Er redet gerade mit Camilla, einem weiteren Prüfling.
„Das ist alles“, sagt Nick zu Camilla, als Cassy sich zu ihnen stellt.  
„Alles was du weißt, oder alles was du sagen willst?“, fragt Camilla.
„Das spielt doch keine Rolle“, sagt Nick während er sich zu Cassy wendet. Er mustert ihre neuen Klamotten und gewaschenen Haare. „Du siehst besser aus.“
Cassy nickt kurz.  
„Okay, also, unsere Prüfung hat Einfluss auf die Hauptmission, aber dann ist es doch keine Prüfung mehr. Es kann doch nicht sein, dass wir etwas beeinflussen, wenn wir etwas falsch machen.“, sagt Camilla.
„Wenn ihr etwas falsch macht, seid ihr keine Schützer.“, meint Nick, immer noch Cassy zugewandt. Camilla gibt einen unzufriedenes Schnaufen von sich.
„Gut. Ich versteh schon. Du Willst nichts mehr sagen. Aber keine Sorge, wenn ich erstmal Schützer bin, werden wir viel Zeit miteinander verbringen. Und dann überlegst du es dir zweimal, was du zu sagen hast.“ Sie dreht sich um und verlässt die beiden.
„Bist du nervös?“, fragt Nick Cassy.
„Wovor?“, fragt sie zurück.
„Vor dem, was die anderen Prüflinge nervös macht. Zu versagen.“
„Ich versage nicht.“, sagt sie.
„Cassy.“
„Ja?“
Nick seufzt.
„Zeig ein bisschen Respekt vor der Prüfung. Dieses Mal gibt es keinen Reset-Knopf. Entweder du bestehst-“, seine Stimmte wird leiser, „Oder du wirst nie wieder antreten können. Du weißt, was das heißt.“
Sie spürt ein leichtes ziehen in ihrer Brust.
„Ich kann nicht weg.“, sagt sie. Nur als Schützer oder mit einem höherem Rang darf sie den Hauptsitzt verlassen. Aber sie muss raus. Nur deswegen hat sie nächtelang trainiert. Um die Menschen zu finden, die vor fünfzehn Jahren entschieden, sie auf die Straße zu setzten. Ohne Essen, ohne trinken. Sie war alleine und sollte überleben. Oder wenn es nach diesen Menschen ging, sterben. Letztendlich endete sie an diesem Ort, zu dem sie nicht gehört. Daran kann weder Nick, noch ein eigenes Zimmer etwas ändern.
Die zwei Seiten der Holztüren, die zu der Haupthalle führen, öffnen sich. Die Prüflinge verabschieden sich von ihren Angehörigen und treten nacheinander in die Haupthalle ein.
„Pass auf dich auf“, sagt Nick. „Bitte.“
„Ich schaffe das.“, erwidert sie. Er lächelt.
„Ich weiß. Du hast es immer geschafft. Halte dich nur an die Regeln.“ Er zieht sie an ihren Oberarmen zu sich und schaut ihr tief in die Augen. „Was du vorhast -  dafür wirst du später Zeit haben. Dir bedeutet es  vielleicht nichts. Mir bedeutet es viel. Dass du wiederkommst.“
„Alle Prüflinge in die Halle!“, ruft John, ein Schützer, in den Vorraum. Nick lässt Cassy los. Sie tritt einen Schritt zurück.
„Es bedeutet mir was“, sagt sie. Aber sie spürt einen Widerspruch bei diesen Worten. Denn dieser Ort bedeutet ihr nichts. Sie könnte gehen, nie wieder einen Blick zurückwerfen. Nie wieder einen Gedanken an das fade Essen, oder die fremden Menschenmassen verschwenden.
Doch Nick würde ihr fehlen. Davon ist sie überzeugt. Er war der einzige, der sich für sie eingesetzt hat, jedes Mal, wenn sie ihn brauchte. Ohne ihn, wäre sie bereits Tod.
„Du bedeutest mir was.“, sagt sie.
Er lächelt und schweigt einen Moment.
„Geh schon.“

 

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