Julia

Julia hat alles, was man sich wünschen kann. Doch alles was sie sieht, sind Masken. Was verbirgt sich dahinter?

Hatte einfach Lust mal was zu schreiben :)

0Likes
0Kommentare
50Views

1. Entschuldigung

„Ruhe jetzt.“ Herr Waimar lässt seinen kalten Blick über die Gesichter der Klasse schweifen.  „Wir befinden uns hier nicht in irgendeiner beliebigen Schulanstalt. Wir repräsentieren die Elite des Landes und ich erwarte,  ich verlange, dass jeder von euch den Titel der-“ Julia schaut aus dem Fenster. Sie schenkt der Rede des Lehrers keine weitere Aufmerksamkeit. Ihr Handy und zwei weitere aus dem Jahrgang wurden gestohlen. Also mussten alle Schüler sich in ihre Klassen begeben und warten jetzt nur darauf, dass die Schule endlich die Polizei verständigt. Doch sie wollen die Sache verdeckt halten. Dem Image der Schule soll nicht geschadet werden.

Ein schwarzes Auto fährt auf den Schulparkplatz vor. Julia räumt ihre Stifte in die Schublade unter den hölzernen Schreibtisch, steht auf und verlässt den Raum. Sie durchquert die langen hellen Gänge, bis sie zu den zwei Haupttreppen gelangt, die in die Eingangshalle führen. Von dort sieht sie, wie Ganold, in seinem üblichen schwarzen Anzug, durch die gläserne Eingangstür hetzt. Hektisch setzt er einen Fuß vor den anderen und erreicht Julia auf der Mitte der Treppe.
„Warum meldet ihr euch nicht?“, fragt er, leicht außer Atem. „Wir haben versucht euch zu erreichen, euer Bruder wartet schon. Es gibt eine Terminverschiebung, ihr müsst doch an euer Handy gehen, gerade jetzt, wo die Meetings stattfinden.“
„Es wurde geklaut.“, antwortet Julia. Sie erreichen das Ende der Treppe.
„Geklaut?“  Sie nickt und hält ihre Hand über den Scanner neben der  gläsernen Tür. Die Stimmte der Schulleitung ertönt durch ein Lautsprecher, der durch einen weißen Punkt über der Tür zu sehen ist: „Ich wünsche ihnen einen schönen Nachmittag, Lady Karell.“ Die Tür öffnet sich. Julia tritt gefolgt von Ganold heraus, auf den von Wiesen umrandeten, steinernen Weg. Das gesamte Schulgelände ist von hohen dunkelgrünen Hecken umrandet. Zur Sicherheit wurde in diese ein Zaun eingearbeitet, der von außen nicht sichtbar ist.  
„In der Schule?“, fragt Ganold ungläubig nach und schüttelt seinen Kopf. „Ach, weswegen ich eigentlich hier bin, das Meeting wurde nach vorne verlegt. Das heißt, wir haben noch eine Stunde um euch herzurichten und zum Center zu fahren.“ Bei dem Gedanken an das Meeting versteift sich Julias Gesicht. Ganold öffnet ihr die Autotür und setzt sich neben sie auf die Rückbank. Der Chauffeur startet das Auto.
„Ich werde gleich euer Handy sperren lassen.“, sagt Ganold. „Nehmt erst einmal dieses.“ Er überreicht ihr eines seiner Arbeitshandys. Es weiß und kleiner, als Julias übliche Handys. Sie öffnet den Chat.
„Mein Handy wurde gestohlen, Julia.“  Nur wenige Sekunden später leuchtet ein weißer Kreis am Rande des Chats auf. Ihr Bruder hat die Nachricht gelesen. Sie blickt auf das Chatfenster.
Nach drei Minuten leuchtet der Kreis blau auf, er schreibt.
Er leuchtet grün.
„Komm her.“

Es dauert fünfzig Minuten, bis Julia mit dunkelblauem, knielangem Kleid vor dem historischen Wirtschaftsanwesen im Stadtcenter steht. Obwohl es bereits Frühling ist, erzeugt der kühle Wind Gänsehaut. Ganold und die Stylistin Maria begleiten sie. Sie war schon öfters hier und kennt sich in dem grau silbernen Gebäude aus. Die Wege von Tür zu Tür sind kurz. So muss sie nicht zu weit mit dem hohen Schuhen gehen.
Der Fahrstuhl fährt sie zur 25ten Etage. Julia bildet sich ein, dass das heben des Bodens unter ihren Füßen für ihren schnellen Herzschlag verantwortlich ist. Doch sie kennt die Ursache. Ihr ganzer Körper versteigt, als die Fahrstuhltür sich öffnet. Julia tritt heraus und vor ihr steht John, ihrem Bruder.
Sie blickt ihm in seine dunkel blauen Augen. Sie stehen in einem kleinen Vorraum, indem sich Menschen durch den Hauptsaal zum Fahrstuhl oder zu den privaten Räumen bewegen.
„Herr, wir haben sie so schnell wie möglich hergebracht.“, sagt Ganold.
John nickt. „Komm“, sagt er knapp und ist schon auf dem Weg in den Hauptsaal. Julia versucht mit seinen schnellen Schritten mitzuhalten, während Gonald und Maria sich von ihnen entfernen.
Der Hauptsaal ist voller gut gekleideter Menschen und Damenschuhen die auf dem schwarzen Marmorboden klacken. In der Mitte sind Tische angerichtet. An der weißen Wand steht ein Büffettisch und durch die Fensterwand lässt sich auf die Hochhäuser der Innenstadt blicken.
„Daniel“, sagt John und streckt einem braunhaarigem Mann mitte dreißig seine Hand hin.
 Dieser nimmt sie lächelnd an. „John. Ich hab mich schon gefragt wo du bleibst.“ Sein Blickt fällt auf Julia. „Und Julia, wunderschön wie immer.“ Er zwinkert ihr zu als Michael zu ihnen stößt.
Michael und Daniel sind Geschäftspartner von John. Sie arbeiten zusammen, wie in einer Zweckgemeinschaft. Das erste was Julia im Wirtschaftsbusiness gelernt hat, Kontakte haben Priorität. Dabei spielt wahre Sympathie keine Rolle. Und das ist einer der Gründe, warum sie diese Veranstaltungen hasst. Es ist, als ob Roboter das immer gleiche Programm abspielen. In endlos Schleife.
„Herr Lan-Wong ist hier.“, sagt Micheal. „Hallo Joe, Julia“, wirft er schnell ein. Seine Haare sind im Gegensatz zu Daniels blond. Julia kennt ihn schon lange und weiß, dass seine Wangen nicht immer so hervorgestanden haben. Seine Nase war auch einmal größer.
„Er hat 30 Minuten Zeit zur Verfügung, bevor er die Stadt verlässt.“
„Lan-Wong? Wirklich?“, fragt Daniel. „Dann los. Bevor jemand anderes von diesen-“, sein Blick fällt auf Julia und seine Lippen formen erneut ein Lächeln. „Genügsamen Arbeitern-„
„Wo ist er jetzt?“, unterbricht John ihn.
„Ich hab ihn zuletzt auf dem Balkon gesehen, aber ich denke nicht, dass er dort lange bleiben wird.“, antwortet Michael.
„Dann lass uns gehen.“, sagt John und bewegt sich in Richtung Balkon.
Kurze Zeit später steht Julia alleine in dem Hauptsaal. Alleine unter Robotern.
Da sie noch nichts gegessen hat bahnt sie sich ihren Weg zum Buffet. Sie füllt ihren Teller mit Brotsnacks und Rohkost. Dann setzt sie sich an einen leeren Tisch und versucht sich auf ihr Essen zu konzentrieren. Nicht auf die Blicke, die sagen, sie ist die Schwester von John. Bewunderung oder Verachtung, sie kann es nicht unterscheiden.
Ganold schiebt den Stuhl neben Julia beiseite und stellt einen kleinen Schokoladenbrunnen auf den Tisch. Während er sich setzt schaut Julia ihn verwirrt an.
„Von John“, sagt Ganold freudig. „Er kann sich heute nicht mehr zu euch gesellen und möchte sich dafür entschuldigen.“
Die Schokolade fließt leise die drei Stufen des Brunnens herab.
„Freut ihr euch nicht?“, fragt Ganold.
„Doch“, antwortet Julia. Sie kann das auch. Eine Maske aufsetzten und sich unter die anderen Gesichtslosen stellen. Ihre Emotionen wären jetzt nicht angemessen. Denn sie weiß genau, was der Brunnen ausdrücken soll. Er soll sie daran erinnern, dass er auf sie warten musste. Dann es dafür eine Entschuldigung geben muss. Der Grund für ihren Herzschlag.   
 

Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...