Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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66. Zwei, die sich verstehen

Als die Sonne hoch über der Burg stand, waren Flint, Liam und Ed bereit, ihre Mission in die Tat umzusetzen. Man hatte sie in bäuerliche Kleidung gesteckt und mit allem ausgestattet, was man so bei sich trug, wenn man zu Fuß unterwegs war. Sie trugen nun dunkelrote Mäntel, geflickte Stoffhosen und Überwürfe aus Wolle, um sie warm zu halten. Ed hatte sich die Laute auf den Rücken geschnallt, Liam trug ein Säckchen am Gürtel, das mit Wolle gefüllt war und in dem kleine Glöckchen lagen. Die Wolle verhinderte, dass sie klingelten. Flint, der geflohen war, nachdem er das Lagerhaus des Königs in Brand gesteckt hatte, trug einige Fackeln bei sich. Vielleicht konnte er Kunststücke mit dem Feuer vorführen. Sie hatten sich im Thronsaal versammelt, um ihre Freunde zu verabschieden. „Was hast du dir für eine Geschichte ausgedacht, Flint?“ fragte Harry den rothaarigen Mann. „Wir sind Spielmänner und wurden bei Jonathan immer freundlich aufgenommen. Wir haben auch jetzt wieder unser Glück auf der Burg versucht, aber der neue König hat uns nicht eingelassen. Er lebt bescheiden, weil er will, dass es dem Volk gut geht und hat daher nichts für umherreisende Spielmänner übrig. Wir wurden der Burg verwiesen, sind verbittert und recht schlecht auf den neuen König zu sprechen. Außerdem ist er noch so jung, dass er ein unerfahrener Bengel ist, der es nicht wert ist, auf dem Thron zu sitzen. Wir wünschen uns einen König, der das Gute zu schätzen weiß, wie es Jonathan getan hat.“ Hätte Flint diese Worte nicht mit einem breiten Grinsen im Gesicht vorgetragen, Louis hätte ihm alles geglaubt. Harry sah ihn einen Moment an, dann nickte er: „Ja, das klingt glaubhaft. Versucht herauszufinden, was sie vorhaben und lasst es uns wissen. Ganz egal wie. Gwydion kann euch Krähen schicken, wenn ihr wollt...“ - „Nein, das wäre zu gefährlich, vergiss nicht, dass diese Männer die Vögel abgeschossen haben, Harry.“ erinnerte Louis ihn. „Mach dir keine Gedanken, wir werden schon einen Weg finden, um euch wissen zu lassen, was die Männer vorhaben.“ sagte Flint und legte Harry beruhigend die Hand auf die Schulter. Louis bewunderte ihn dafür, dass er offenbar keine Angst zu haben schien. Immerhin würden sie sich direkt in die Fänge der Gegner begeben und das war nicht ungefährlich. „Passt auf euch auf.“ sagte Louis und umarmte Liam fest: „Beim letzten Mal, als sich die Merry Men in den Wald gewagt hatten, kam nur einer lebendig zurück.“ Liam nickte, schien die Tränen nur mühsam zurückhalten zu können und erwiderte Louis Umarmung.

Nachdem sie sich alle verabschiedet hatten, wurden die drei Spielmänner bis in den Hof begleitet. Allerdings blieb Niemand im offenen Tor stehen, um ihnen zum Abschied zuzuwinken, denn wenn man sie beobachtete, würde der Plan sofort auffliegen. Also stapften Ed, Flint und Liam allein über die Zugbrücke, warfen keinen Blick mehr über die Schulter und nahmen dann den engen, gewundenen Pfad, der sie den Berg hinunter und tief in den Wald führen würde. Louis war zum Bergfried gerannt, als sie losgegangen waren und sah ihnen durch eines der Fenster nach, bis er die roten Mäntel zwischen den Bäumen nicht mehr ausmachen konnte.
Der Winter schien langsam milder zu werden und der Wind, der um den Bergfried wehte, war lange nicht mehr so beißend kalt. Trotzdem fröstelte Louis und zog den Kopf ein, als ihn eine besonders kalte Böe traf. Hinter sich hörte er Schritte und wandte sich rasch um. Wer außer ihm, Harry oder dem Zauberer kam denn hier herauf? Louis behielt den Treppenaufgang im Auge und sah einen braunen Haarschopf auftauchen. Es war Thomas. Er hatte sich in einen Mantel gehüllt und sah missmutig aus, den Blick auf seine Füße gerichtet, bemerkte er Louis nicht. Erst, als er den Kopf hob, zuckte er zusammen: „Oh...ich hatte nicht erwartet, hier Jemanden vorzufinden.“ sagte er und blickte Louis an. „Ich wollte sowieso gerade wieder gehen. Du hast hier oben deine Ruhe….“ Louis winkte ab und ging auf die Treppe zu, doch irgendwie fühlte es sich falsch an, den Vertrauten der Lady allein hier oben zu lassen. Immerhin wusste er ja, dass sich Thomas mit der Ehe sicherlich genauso quälte, wie alle Beteiligten. „Hast du dich hier schon eingelebt?“ fragte Louis und versuchte entspannt und locker zu klingen. Thomas seufzte und zuckte mit den Schultern: „Die Kammer, die mir zugewiesen wurde, ist ausreichend. Ich kann mich nicht beklagen...das Wichtigste ist sowieso nur, dass es meiner Herrin gut geht.“ - „Tut es das denn?“ wagte Louis zu fragen, während sie nebeneinander hergingen und sich in der Mitte des Raumes auf den Boden setzten. Ein Schulterzucken war die Antwort: „Ich wünschte, ich könnte das so genau sagen. Die Milady ist sehr still, seitdem wir hier sind und ich spüre, dass ihr etwas auf der Seele liegt, aber sie will sich mir nicht anvertrauen. Dabei hat sie das früher immer getan. Wir kennen uns schon seit unserer Kindheit und haben für gewöhnlich keine Geheimnisse voreinander.“ Thomas seufzte und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Dich belastet diese Ehe, habe ich Recht?“ - „Ja, aber das tut sie bei dir auch. Ich habe gesehen, wie du bei der Trauung um Fassung ringen musstest, Louis. Der König scheint dir genauso viel zu bedeuten, wie mir meine Herrin.“ Thomas´ graue Augen blicken direkt in die von Louis und der Schmerz der darin zu lesen war, was derselbe. Er seufzte und nickte: „Ja. Ich und der König….uns verbindet eine ganz besondere Art der Freundschaft -“ - „Liebe meinst du wohl.“ Ertappt wich Louis den grauen Augen aus. Thomas wusste es. Würde er es König James verraten? Dann wäre alles umsonst gewesen und er würde seine Soldaten zurückfordern. Nervös knibbelte Louis am Saum seines Umhangs herum und sagte dann schnell: „Du darfst es König James nicht verraten. Ich bitte dich. Diese Grafschaft geht unter, wenn er uns die Soldaten wieder nimmt.“ Ohne es zu wollen, hatte er Thomas am Unterarm gepackt und sah ihn flehend an. Dem Vertrauten der Königin schien diese Berührung unangenehm zu sein, denn er machte sich rasch los, stand aber nicht auf. „Ich werde es nicht verraten. König James weiß nicht, dass auch ich mit Lady Taylor auf diese gewisse Art verbunden bin. Wenn er die Soldaten abzöge, wären wir alle in Gefahr und ich kann nicht riskieren, dass die Frau...diese wunderschöne Frau in die Hände von Raubrittern oder Dieben fällt – was sicherlich geschehen würde, wenn diese Burg keine Verteidigung mehr besitzt. Also hab keine Angst. Ich werde nichts verraten.“ Erleichterung machte sich in Louis breit. Thomas schien auf ihrer Seite zu sein, zumindest ein wenig. „Darf ich fragen, wie es dir mit dieser Ehe ergeht?“ hakte Louis nach. „Sie belastet mich. Sie lässt mich fühlen, als wäre ich ein unwürdiger Mensch, der es nicht wert ist, dass Gott sich um seine Wünsche kümmert. Ich habe immer mein Bestes getan, um alle Versuche, Lady Taylor zu verheiraten, scheitern zu lassen. Doch es ist mir bei König Harry nicht gelungen, denn diese Abmachung fand nur unter den beiden Königen statt. Die Milady wurde vor beschlossene Tatsachen gestellt und ich somit auch. Du glaubst nicht, wie wir beide uns gefühlt haben, als wir die Reise hierher antreten mussten. Noch nie habe ich die Milady so häufig weinen sehen, wie in den Nächten vor der Hochzeit. Obwohl sie Harry ja bereits kennengelernt hatte, war sie unsicher, ob er auch als König noch so freundlich wäre, wie er es als einfacher Mann war. Sie hatte Angst, an einen brutalen Herrscher zu geraten.“ Thomas fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und blickte abwesend gegen die raue Steinmauer, die sich ihnen gegenüber befand: „Und ich denke, die meiste Angst hatte sie darum, dass sie mich nicht würde mitnehmen können und man ihr stattdessen eine Zofe zur Seite stellte. Du glaubst nicht, wie erleichtert wir waren, als König Harry mir mein Zimmer zugewiesen hat, denn das bedeutete, dass ich bleiben konnte.“ Thomas verstummte. Louis fühlte sich ein wenig besser, jetzt wo er die Geschichte der beiden erfahren hatte. Gleichzeitig tat ihm Thomas jetzt schon Leid, wenn er daran dachte, dass Harry mit Lady Taylor ein Kind bekommen würde. Sicherlich ging es ihnen da genau gleich. „Wie geht es dir damit, Louis?“ erkundigte sich Thomas plötzlich und sah ihn neugierig an. Louis zuckte mit den Schultern: „Ich würde sagen, wir empfinden dasselbe. Ich hatte Angst, nicht mehr an Harrys Seite sein zu dürfen, wenn die Vermählung erst einmal stattgefunden hatte. Doch Harry hatte mir versprochen, dass ich weiterhin bei ihm bleiben dürfe.“ Thomas kommentierte diesen Satz mit einem Schnauben: „Natürlich hat er das gestattet. Einem Mann ist es durchaus erlaubt auch außerhalb der Ehe Geliebte zu haben. Es ist an vielen Königshäusern ganz normal und wird von allen akzeptiert. Aber eine Frau hat sich dem Willen des Mannes zu fügen, treu zu sein, bis ans Ende ihrer Tage und nichts gegen dessen Liebschaften zu sagen. Du kannst sagen, was du willst aber ich finde das äußerst ungerecht. Wenn eine Ehe nur als Mittel zum Zweck eingegangen wird, dann sollte man beiden Seiten gestatten, ihre eigenen Leben zu führen und nicht nur dem Mann.“ Wütend kniff er die schmalen Lippen zusammen und starrte geradeaus, während sich seine Hände zu Fäusten ballten. „Ich will nichts gegen den König sagen, aber er sollte in diesem Fall gerecht handeln.“ Diesen Vorwurf konnte Louis so nicht stehen lassen, denn seiner Meinung nach handelte Harry sehr gerecht, denn er wusste um die Liebschaft von Taylor und Thomas. „Harry weiß von euch beiden. Ich habe euch im Badehaus gesehen. Du hast sie geküsst und ich habe es Harry gesagt.“ erzählte Louis. „Du hast was?“ brauste Thomas auf und wollte Louis packen. Verzweiflung und Angst lag in seinem Blick. „Beruhige dich!“ Louis sprang auf die Beine und brachte so ein wenig Abstand zwischen sich und den Vertrauten der Königin. „Harry wird das tolerieren. Wir waren sogar erleichtert, als wir das herausgefunden hatten, denn so war das ganze wenigstens ein faires Spiel für alle Beteiligten.“ Thomas hatte sich ebenfalls erhoben und sie standen einander gegenüber, blickten sich an und Louis letzter Satz schien zwischen ihnen in der Luft zu schweben. „Das bedeutet….dass ich...“ - „Ja, die Lady und du könnt eure Verbindung beibehalten.“ seufzte Louis. Mit einem Mal schienen Thomas Beine ihn nicht mehr tragen zu wollen: er strauchelte und hielt sich an der Wand fest, bevor er daran zu Boden sank. Ein ungläubiges Lächeln umspielte seine Lippen und er atmete schwer. In seinen grauen Augen hatten sich Tränen gebildet, die er zügig fortwischte und dann mehrmals tief Luft holte, um sich zu beruhigen. Die ganze Sache schien ihm deutlich nähergegangen zu sein, als Louis vermutet hatte. „Du glaubst gar nicht, wie erleichtert ich bin, das zu hören.“ brachte er hervor und Louis nickte nur. „Wir beide sitzen im selben Boot, Thomas. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie es dir geht.“ Gerne hätte er den Vertrauten umarmt, doch wusste Louis nicht, ob es angebracht gewesen wäre. Noch während er darüber nachdachte, hatte Thomas zwei Schritte auf ihn zu gemacht und ihn in die Arme geschlossen. „Danke Louis.“ sagte er, drückte ihn an sich und ließ ihn dann los. Was nun folgte war eine etwas peinliche Stille. Sowohl Louis als auch Thomas schienen ein wenig überrascht davon zu sein, dass sie sich einander so geöffnet hatten. „Ich geh dann mal wieder nach Unten...“ murmelte der großgewachsene Mann und verschwand rasch die hölzerne Treppe hinunter. Louis blieb zurück und das Herz war ihm ein wenig leichter. Jetzt musste nur noch ein Kind entstehen und der gegnerische König gebannt werden, dann würde endlich Ruhe einkehren.

Louis stieg wenig später ebenfalls die Treppe hinunter und war gerade auf halbem Weg, als Gwydion ihm entgegen kam. „Louis, was machst du denn hier?“ fragte er, als er sich an die Wand presste, um den Zauberer vorbei zu lassen. „Ich brauchte ein wenig Zeit zum Nachdenken.“ antwortete Louis und der Zauberer nickte verstehend. „Harry konnte mit seiner Frau sprechen. Sie willigte ein, den von mir gebrauten Trank einzunehmen, darum bin ich gerade auf dem Weg in meine Kammer, um etwas zusammen zu mischen. Wenn du möchtest, darfst du mir gerne helfen.“ Das Angebot klang verlockend und Louis war sofort einverstanden. Er war gespannt, was der Zauberer sich für die Lady wohl ausgedacht hatte und folgte dem alten Mann die Treppe wieder hinauf. „Hast du hier deine Kammer? Das habe ich gar nicht gewusst.“ fragte Louis, als sie auf der zweiten Etage ankamen und Gwydion eine dunkle Holztür aufschloss, die Louis bisher noch nicht aufgefallen war. „Nun, irgendwo muss ich ja meiner Arbeit nachgehen, oder?“ Gwydion lächelte, schob die Tür quietschend auf und sie betraten den wunderlichsten Raum, den Louis im Leben bisher gesehen hatte.    
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