Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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16. Wiedersehen der Merry Men

Nachdem sie sich wieder durch den schmalen Spalt in die Eiche geschoben hatten, wurden sie freudig empfangen. Alle waren wohlbehalten von ihren Reisen in die Dörfer zurückgekehrt und saßen zusammen am Feuer. Louis´ Blick huschte sofort zu Liam, der im Gegensatz zum letzten Mal, heute aufrecht saß, wenngleich er auch an der Wand lehnte. Offenbar fehlte ihm noch die Kraft, selbstständig sitzen zu können. Sein Hals war verbunden und er bewegte den Kopf kaum, denn offenbar hatte er noch Schmerzen. Als er Louis jedoch sah, funkelten seine braunen Augen erfreut und er streckte die Hand nach ihm aus. „Liam, oh ich bin ja so froh, dass es dir wieder besser geht.“ seufzte Louis, kam zu ihm herüber, was nicht einfach war, denn überall saß Jemand auf dem Boden und umarmte Liam vorsichtig. Der Verletzte gab einige Laute von sich, die mehr an ein Keuchen oder Brummen erinnerten, doch Louis ahnte, dass er ihn willkommen hieß und sich ebenfalls freute, ihn wieder zu sehen. „Wie geht es dir?“ fragte Louis und setzte sich neben Liam, der mit den Schultern zuckte, aber gleichzeitig nickte.  „Wie ist es euch ergangen?“ fragte Harry währenddessen die anderen Jungs am Feuer und alle berichteten von ihren Erlebnissen. Überall waren die Silbermünzen dankbar angenommen worden und sie hatten vielen helfen können. Zayn und Nerian, die gemeinsam unterwegs gewesen waren, berichteten, dass sie einem Steuereintreiber über den Weg gelaufen waren, der sie angehalten hatte. Glücklicherweise hatte er sie nicht als Geächtete erkannt und sie weiterziehen lassen. „Das ist ja noch harmlos. Ich bin mit einem Steuereintreiber aneinander geraten. Er hat einen Mann mit der Peitsche geschlagen, weil der die Steuer nicht zahlen konnte. Louis ist dazwischen gegangen und wurde ebenfalls getroffen. Daraufhin habe ich eingegriffen….“ Alle Gesichter wandten sich Harry zu und Buck hauchte: „Was hast du getan?“ - „Ich habe ihn erschossen, nachdem er mich ebenfalls bedroht hatte.“ - „Was habt ihr mir der Leiche gemacht?“ Der Druide, der ebenfalls mit am Feuer saß, musterte Harry und Louis eindringlich. „Wir haben ihn entsorgt. In der Nähe des Dorfes gab es ein Moor, dort haben wir ihn versenkt. Keine Sorge. Man wird ihn nicht finden. Allerdings ist uns das Pferd, das der Mann bei sich hatte, davongelaufen und ich hoffe sehr, dass es nicht zurück zum Hof galoppiert ist.“ gab Harry zu. Gwydion hielt inne und schien für einen Augenblick geschockt zu sein, dann stand er so ruckartig auf, dass Louis einen Moment Angst hatte, er würde sein Gewand am Feuer in Brand stecken. „Du hättest das Pferd auch erschießen müssen.“ Zayn wandte sich Harry zu und schüttelte ungläubig den Kopf: „Ich dachte, du bist clever genug, um daran zu denken, dass der Schutz unserer Gruppe hier immer an erster Stelle steht. Wenn Jonathan seinen Steuereintreiber suchen lässt und sie dabei auf unser Lager treffen, dann werden wir alle festgenommen. Wie kannst du das nur aufs Spiel setzen?“ Er schien richtig wütend zu werden, doch auch Harry selbst konnte seinen Zorn offenbar nicht mehr zurückhalten und erhob nun ebenfalls die Stimme: „Du weißt genau, dass ich keine Unschuldigen töte. Außerdem ist das alles deine Schuld. Hättest du nicht darauf bestanden, dass Louis mit mir mitkommt, dann hätte der Mann nicht auf ihn losgehen können und ich wäre nicht in der Pflicht gewesen, ihn zu verteidigen!“ - „Ach, jetzt willst du mir die Schuld für dein Verhalten zuschieben?“ fragte Zayn herausfordernd und breitete die Arme aus. Fast spöttisch schüttelte er den Kopf, musterte Harry, wie einen Fremden, wandte sich um und verschwand aus der Eiche. Schnaubend vor Wut bleib Harry zurück, während die anderen Jungen ihn ansahen. „Starrt mich nicht so an! Ich hatte euch eigentlich einen Plan vorschlagen wollen, wie wir Jonathan stürzen können, aber offenbar will man sich ja hier mit Kleinigkeiten herumärgern.“ Gwydion stand noch immer am Feuer und die flackernden Schatten, die die Flammen auf sein Gesicht warfen, verliehen ihm einen gruseligen Eindruck. „Ich muss Zayn leider recht geben, Harry. Du hättest das Tier erschießen müssen. Aber nun kann man daran nichts mehr ändern. Ich werde mich nun beeilen, das Lager hier abzusichern. Bleibt bitte alle hier in der Eiche, ich kann euch nicht gestatten, mir bei der Absicherung zuzusehen.“ Alle Merry Men nickten, nur Louis verstand nichts. Was würde der Druide Besonderes vornehmen, um das Lager abzusichern?

Kaum war der Druide verschwunden, wandte sich Cuthbert an Harry: „Was ist dein Plan? Du hattest eben so eine Andeutung gemacht.“ fragte er und Harry nickte. „Wir müssen Jemanden von uns auf die Burg schicken. Ein Prinz, der mit König Harold in gutem Kontakt stand, ist heute an uns vorbeigeritten und er ist auf dem Weg zum König gewesen. Er weiß nicht, dass Jonathan auf dem Thron sitzt und ich hoffe, dass er von dem neuen König nicht sonderlich beeindruckt sein wird. Seine Familie hat wohl gute Beziehungen zum alten Herrscher unterhalten. Wenn es uns gelingt, ihn auf unsere Seite zu ziehen, dann haben wir ein Königreich samt Soldaten hinter uns stehen und können Jonathan stürzen, sobald wir den rechtmäßigen Thronerben gefunden haben.“ fasste Harry seinen Plan ganz kurz zusammen Er sprach sehr schnell, denn offenbar wollte er nicht noch mehr Zeit verlieren. „Jemand muss sich auf den Weg zum Königshof machen. Am besten Jemand, der nicht von Folter gezeichnet ist, damit er nicht auffällt.“ schlug Harry vor und ließ den Blick über alle Anwesenden schweifen. Außer ihm selbst, Zayn und Cuthbert kam Niemand in frage. Zayn war noch nicht zurückgekehrt und schien außerdem wütend auf Harry zu sein, weshalb er ausschied. Harry und Cuthbert sahen einander an, dann sagte Cuthbert: „Ich denke, ich sollte gehen. Du solltest dich auf die Suche nach dem Thronerben machen. Je früher du losziehen kannst, desto besser. Wenn der Winter erst wieder hereingebrochen ist, wirst du nicht so lange reisen können.“ sagte Cuthbert und sah Harry an, der nickte. „Gut, dann mache dich auf den Weg, sobald Gwydion wieder zurück ist. Fang den Prinzen ab und bring ihn hierher. Wenn Gwydion ihm alles erklären kann, wird er uns vielleicht helfen können.“ Der großgewachsene Cuthbert erhob sich, legte sich seinen Umhang um und schob neue Pfeile in den Köcher über seiner Schulter. „Macht mir keine Dummheiten, solange ich fort bin.“ sagte er zu den anderen und alle nickten artig. Louis fiel auf, dass Buck dabei verdächtig mit dem Mundwinkel zuckte. Offenbar hatte er schon einiges angestellt, wenn der älteste Merry Men nicht hier war.

Von Draußen war ein Brausen und das wilde Zwitschern und Rufen von Greifvögeln zu hören. Erschrocken sah Louis Ed an, der ihm jedoch keine Antwort geben konnte und stattdessen Nerian antippte, der Louis den Lärm erklärte. „Das ist Gwydion. Immer, wenn er die Eiche schützen will, gibt es diese Geräusche. Wir wissen nie genau, was er macht. Schließlich dürfen wir ja dabei nicht zusehen. Wir haben schon Vermutungen aufgestellt, doch er hat uns bisher keine davon bestätigt.“ - „Ja und das wird er auch niemals tun, egal wie sehr ihr ihn damit noch belästigt.“ sagte Harry und klang grimmig. Der Streit mit Zayn schien ihn noch zu beschäftigen.

„Hmmmhm.“ machte Ed plötzlich und erlangte so Louis Aufmerksamkeit. „Ja, was ist denn?“ fragte er und der rothaarige Junge legte ihm einen Riemen aus dickem Leder in die Hand. Erst musterte Louis ihn ein wenig ratlos, doch dann kam ihm Nerian zu Hilfe: „Das ist eine Stütze für deine Hand. Ich helfe dir, sie anzuziehen.“ bot er an und schob Louis das zusammengenähte Leder über den Finger. Er passte gut, saß recht eng und stützte den verletzten Knochen. Durch ein langes Band aus weichem Leder, ließ es sich ums Handgelenk fixieren, sodass er es nicht verlieren konnte. Buck, der Louis gegenüber saß, hob eine Hand und erst jetzt erkannte Louis, dass auch er eine solche Vorrichtung an der Hand trug. Cuthbert sammelte seine Sachen zusammen und wartete in der Eiche darauf, dass er von Gwydion die Erlaubnis dazu bekam, ins Freie treten zu dürfen. „Entschuldige, darf ich mal?“ mit diesen Worten schob sich Harry zwischen Nerian und Louis und setzte sich auf den Boden. Er nickte auf die Lederstütze hinunter und sagte: „Hilft das?“ - „Ja, ich will es doch hoffen.“ entgegnete Louis und fragte sich, wieso Harry ihn darauf ansprach. Es war offensichtlich, dass er nur einen Grund gesucht hatte, um sich zu Louis setzen zu können. „Hör zu, ich werde mich morgen wieder auf den Weg machen und die Städte weiter absuchen und ich möchte, dass du hier bleibst.“ Mit gerunzelter Stirn sah Louis Harry an. Wieso durfte er ihn nicht begleiten? Bevor er die Frage stellen konnte, fuhr Harry fort: „Du bist durch deine Verletzungen nicht voll leistungsfähig. Ich muss mich unterwegs auf meinen Gefährten verlassen können und das geht in deinem Fall nicht. Ich werde Nerian fragen, ob er mitkommen möchte. Wenn du wieder ganz gesund bist, dann kannst du mich beim nächsten Mal begleiten, in Ordnung? Och sieh mich bitte nicht so an.“ Louis hatte die Unterlippe vorgeschoben und sah Harry bittend an. Was sollte er denn allein bei den Merry Men machen? „Du solltest sowieso ein wenig besser im Schießen werden, bevor ich dich mitnehmen kann. Und Fechten kannst du meines Wissens auch nicht, oder?“ Fechten konnte eigentlich nicht sonderlich schwer sein, überlegte Louis und erwiderte ein wenig trotzig: „Doch, ich kann Fechten.“ Draußen war der Lärm verstummt und Cuthbert wagte sich aus dem Versteck. Auch Harry erhob sich. „Ich muss Zayn suchen und mich bei ihm entschuldigen. Du lässt dich von Gwydion verarzten und wenn du das geschafft hast, kannst du mir ja mal deine Fechtkünste zeigen.“ Harry lächelte und verließ nach Cuthbert den Baum.
„Wurdest du schlimm verletzt, als der Steuereintreiber auf dich losgegangen ist?“ Draca musterte Louis besorgt und er zuckte die Schultern: „Ich weiß nicht. Ich konnte mich zumindest gut bewegen. Aber er hat mich mit einer Peitsche getroffen und ich habe zwei offene Stellen am Körper. Harry hat sie notdürftig verbunden, aber Gwydion sollte zur Sicherheit noch einen Blick darauf werfen.“ antwortete Louis, schlüpfte aus dem Hemd und lies den Verband von Buck abnehmen. Alle machten ein erschrockenes Gesicht, als sie die nässende offene Stelle sahen und niemand getraute sich mehr, an die Wunde heran, bis der Druide zurückkam.

Als Gwydion ebenfalls von Draußen hereinkam, machte er einen müden, aber zufriedenen Eindruck. Offenbar hatte er es geschafft, den Schutz um die Eiche zu erhöhen und setzte sich wieder ans Feuer. „Was hast du da, Louis? Sind das die Verletzungen, die du von dem Steuereintreiber zugefügt bekommen hast?“ fragte er, als er die offene Stelle im Licht der Flammen gesehen hatte. Louis nickte. „Komm zu mir herüber Junge, ich kümmere mich darum. Ihr anderen könnt euch auf eure Plattformen verziehen, hier drin wird es langsam zu eng.“ sagte er, lächelte die Jungs an und scheuchte sie somit hinaus. Gwydion zog eine Holzkiste zu sich heran, in der viele kleine Tontöpfchen gestapelt waren. Er griff sich eines davon und tupfte eine dunkle Paste auf Louis Haut. Es brannte ein wneig, doch irgendwie fühlte es sich auch so an, als würde die Haut so schließen, denn die Stelle war nicht mehr so empfindlich wie davor. „Lass das Oberhemd noch aus, bis du dich hinlegst, bis dahin dürfte die Salbe gewirkt haben.“ sagte der alte Mann und nickte Louis aufmunternd zu. Louis fiel auf, dass außer Liam und dem Druiden Niemand mehr in der Eiche saß und er nahm seinen ganzen Mut zusammen um eine Frage zu stellen. „Gwydion, darf ich Euch etwas fragen?“ - „Nun, das hast du gerade getan, oder nicht?“ der alte Mann lächelte hinter seinem weißen Bart und nickte aufmunternd. „Nun, ich habe mich gefragt, ob Ihr...naja magische Fähigkeiten besitzt.“ verlegen biss sich Louis auf die Lippe, da er befürchtete, zu weit gegangen zu sein, doch der Druide wirkte keineswegs verärgert. Er dachte einen Augenblick nach und sagte dann: „Viele mögen das, was ich zu tun vermag, als Magie bezeichnen, doch eigentlich ist es für Jemanden wie mich etwas ganz Natürliches. Die Menschen neigen dazu, Ungewöhnliches als Magie zu bezeichnen.“ Mit dieser Antwort hatte Louis nicht gerechnet und sie verwirrte ihn. „Was soll ich darunter verstehen?“ - „Nun, das bleibt ganz allein dir überlassen.“ In den Augen des Mannes lag etwas, das Louis zu verstehen gab, dass es ihm nicht erlaubt war, weitere Fragen zu stellen, er ihm jedoch nicht böse war.
Louis nahm sein Oberhemd in die Hand und verschwand aus der Eiche.    
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