Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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2. Was Liam erzählt

Tatsächlich wurde es in dem Loch, in das man Louis geworfen hatte, ein wenig heller, als die Sonne endlich aufgegangen war und so konnte Louis seinen Mitgefangenen erkennen, der neben ihm an die Steinmauer angelehnt saß: sein Haar war kurz geschoren und dunkel. Er trug einen Bart und seine Augen waren mit Sicherheit einmal wachsam und offen gewesen, doch jetzt war darin Angst zu lesen. „Willst du mir die Geschichte erzählen, für die du...hier eingesperrt wurdest?“ fragte Louis zaghaft, er wusste nicht, ob Liam sich noch zutraute, die Geschichte ein weiteres Mal zu erzählen. Vielleicht wurden sie belauscht und seine Strafe würde noch härter ausfallen, als sowieso schon. „Wenn du sie hören willst, tue ich das gerne. Nochmal kann man mich ja nicht einsperren.“ sagte Liam, sah zu dem Loch an der Decke hinauf und senkte die Stimme: „Ich werde es dir aber flüsternd erzählen, sollte da oben ein Wachposten stehen. Ich will nicht noch schlimmer gefoltert werden, wenn herauskommt, dass ich sogar noch im Fallturm die Geschichte verbreitet habe.“ Liam rutschte ein wenig näher an Louis heran, beugte sich vor und begann zu erzählen.

„Ich komme nicht von hier, wie du sicherlich schon an der Art, wie ich spreche gehört hast. Als Handwerker ziehe ich auf der Suche nach Arbeit von Siedlung zu Siedlung. Hier im Dorf habe ich auf der anderen Seite des Flusses Rast gemacht und traf dort auf eine alte Frau. Ich erzählte ihr, dass ich auf dem Weg in den Wald sei und sie warnte mich davor, den Weg im Wald zu verlassen, wenn ich weiterreiste. Natürlich war ich neugierig und wollte gerne wissen, wieso sie mir diesen Rat so nahe legte. Zuerst wollte sie es mir nicht sagen, doch dann erzählte sie mir, wie eure König von dem jetzigen Herrscher verdrängt wurde. Sie sagte im Wald würden Banden lauern, die Reisende überfielen. Sicherlich ist dir diese Geschichte bekannt, wenn du von hier kommst.“ Louis nickte: er war hier aufgewachsen und natürlich war ihm die Legende von König Harold und seinem Sohn Edward, die angeblich im Wald darauf lauerten, wieder zurückzukehren, nicht fremd. Doch da Louis wusste, dass sich die Menschen diese Geschichte noch immer gegenseitig erzählten, fragte er sich, weshalb man nun Liam dafür eingesperrt hatte. „Vor einigen Tagen also, wollte ich weiterreisen, packte mein Bündel zusammen und betrat den Wald. Der Pfad wand sich immer mehr ins Unterholz und bald war alles um mich herum so zugewachsen, dass ich ihn kaum noch sehen konnte. Mir schien fast so, als wolle der Wald selbst mich in die Irre führen. Die Bäume um mich herum wurden immer dichter und älter und bald drang kaum noch Tageslicht durch das Blätterdach bis zu mir hinunter. Ich habe mich gefürchtet, denn es war richtig unheimlich. Wie lange ich gegangen war, konnte ich nicht mehr sagen, doch ich sah irgendwann eine Eiche aus der Dunkelheit auftauchen. Noch nie im Leben hatte ich einen so großen Baum gesehen, er schien älter zu sein, als die Menschheit, so groß und knorrig war er. Manche Äste waren so schwer, dass sie bis auf den Boden hinunter hingen und dort festgewachsen waren. Doch was mich besonders erschreckte, mal abgesehen von der enormen Größe des Baumes, war, dass darin ein Feuer zu brennen schien. Ich schlich mich näher heran, denn natürlich war ich auch neugierig geworden. Auf Händen und Knien kroch ich näher an den alten Baum heran, als ich mit den Fingern etwas berührte, das in der weichen Erde zwischen den Wurzeln des Baumes eingegraben zu sein schien. Ich schob ein wenig Erde beiseite und erkannte eine Brosche, wie sie Adelige  vorne als Verschluss an ihren Gewändern tragen. Die alte Frau hatte mir eine Zeichnung des Wappens von König Harold gezeigt. Zwar habe ich es nur einmal gesehen, doch war ich mir sicher, dass es sich um dasselbe Wappen handelte.“ - „Aber, was hat das Wappen im Wald...“ fing Louis an, der Liam neugierig gelauscht hatte. Liam lächelte vielsagend und fuhr fort: „Ich denke, dass sich der König hier im Wald bei der alten Eiche versteckt hält, oder dass er zumindest dort gewesen sein muss. Weil die alte Dame so verzweifelt geklungen hatte, als sie mir von der Geschichte erzählte, beschloss ich, nochmal zu ihr zurückzukehren. Ich wollte ihr sagen, was ich im Wald gesehen hatte, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben durfte.“ Liam seufzte und schloss die Augen für einen Moment, dann sprach er weiter: „Der Sheriff kam bei der Frau vorbei, als ich ihr gerade von meiner Beobachtung berichtete. Er verhaftete mich sofort, weil ich angeblich Lügen über König Jonathan verbreitete. Er brachte mich geradewegs hierher und man warf mir vor, Intrigen gegen den König zu planen. Dabei wollte ich ihr doch nur sagen, dass sie die Hoffnung nicht aufgeben darf, denn ich bin mit mittlerweile sehr sicher, dass in dieser alten Eiche Jemand sein Lager aufgeschlagen hat. Und wenn es nicht der König, sein Ratgeber, oder der Kronprinz waren, dann zumindest jemand, der Harold I treu ergeben ist. Und nun sitze ich hier in diesem elenden Loch und warte darauf, dass man mir körperliche Schmerzen zufügt, weil ich es gewagt habe, etwas zu erzählen, das dem König nicht passt.“ Liam lehnte sich wieder zurück an die Mauer und schloss noch einmal die Augen. „Weißt du, obwohl ich nicht weiß, ob diese Geschichte Wahrheit oder Legende ist, so wünsche ich mir doch, dass es in diesem Wald Jemanden gibt, der den Thron im Blick hat und nur darauf wartet, diesen Tyrannen zu stürzen.“
Ja, das hoffte Louis auch. Viel zu lange hatte das Volk nun schon gelitten und es war Zeit für eine Erlösung – ganz gleich, wer sie bringen würde.

In der Nacht wurde es im Turm so kalt, dass Louis seine Finger nicht mehr spüren konnte und ihm jeder Knochen im Körper schmerzte. Der Boden, auf dem sie saßen, war nur spärlich mit Stroh ausgelegt, das nur wenig polsterte und noch weniger Wärme spendete, obwohl sich Louis und Liam eng nebeneinander gesetzt hatten, um einander gegenseitig zu wärmen.
Der Hahnenschrei war gerade über den Burghof geschallt und bis zu ihnen ins Verlies vorgedrungen, als ein Strahl warmen Lichts durch das Loch in der Decke fiel und eine raue Stimme rief: „Du! Dieb! Komm her und halte dich an dem Eimer fest!“ Hastig rappelte sich Louis auf. Sein Herz schlug bis zum Hals, denn er wusste, dass er jetzt seine Strafe erhalten würde. Vielleicht sollte er einfach hier unten sitzen bleiben, überlegte er, doch den Gedanken hatte der Henker offenbar auch gefasst, denn er sagte: „Ich kann dich von hier oben auch mit einem Pfeil erschießen, wenn du nicht gehorchst.“ - „Louis,“ sagte Liam, stand ebenfalls auf und umarmte ihn fest: „wenn du hier raus bist, versuch die alte Eiche zu finden und schließe ich denen an, die sich dort aufhalten. Wer immer sie sind: wenn sie das Wappen des alten Königs bei sich tragen, müssen sie besser sein, als das alles hier.“ Louis nickte und sein Mund war ganz trocken vor Angst. Er wusste nicht, was ihn erwarten würde, wenn er aus dem Verlies kam und das war kein gutes Gefühl. Mit einem letzten Blick zu Liam, von dem er nicht wusste, ob er ihn jemals wiedersehen würde, kletterte Louis in den Holzeimer, wie man es ihm befohlen hatte. Das Seil spannte sich und leicht hin und her schwingend wurde er nach Oben gezogen.
Kaum hatte er das Loch hinter sich gelassen, wurde er auch schon am Kragen gepackt und einen schmalen Gang entlang gestoßen, der nur von einigen Fackeln beleuchtet war, die starken Ruß ausspien und Schatten an die Wände warfen, die ziemlich unheimlich aussahen. Wie die Geister derer, die in diesem Kerker ihr Leben gelassen hatten.

Der Raum in den man ihn brachte, war recht groß. An den Wänden waren Haken angebracht, an denen allerlei bedrohlich aussehende Gegenstände festgemacht waren. Zwar war es nicht allen Geräten auf den ersten Blick anzusehen, wofür sie gedacht waren, aber die spitzen Stacheln und scharfen Nägel an einigen davon sahen so schmerzhaft aus, dass Louis gar nicht erfahren wollte, wofür sie gedacht waren.

Der Mann, der ihn aus dem Loch gezogen und hierher geführt hatte, nickte zu einem Schemel hin, der vor einem Holztisch stand und Louis setzte sich unsicher darauf. Diese Position behagte ihm gar nicht. Sie war unterwürfig und klein. Trotzdem senkte er den Blick, als Zeichen der Demut und hob ihn erst wieder, als man ihn ansprach. „Du wurdest gestern dabei beobachtet, einen Apfel des Königs gestohlen zu haben. Entspricht dies der Wahrheit?“ Vor ihm hatte sich ein großgewachsener Mann aufgebaut, der mit seiner dunklen Kleidung und der Kapuze, die er trug, sehr angsteinflößend aussah. „Ja, Sir.“ gestand Louis und versuchte dabei nicht so ängstlich zu klingen, wie er sich fühlte, doch es klappte nicht. Immerhin saß er gerade in einer Folterkammer, an der schreckliche Gerätschaften an der Wand hingen, da war es schwer die Ruhe zu bewahren. „Ist das ein Geständnis?“ blaffte der Henker und Louis nickte schnell. Mit Sicherheit erging es ihm besser, wenn er gleich gestand. „Unser König duldet keinen Diebstahl auf seinem Grund und Boden.“ sagte der Henker und legte ein metallenes Werkzeug vor Louis auf den Tisch. „Daumenschrauben.“ sagte er, griff nach einem Seil und band Louis so flink am Stuhl fest, dass er vollkommen bewegungsunfähig war. Louis schlug das Herz bis zum Hals und instinktiv versuchte er sich zu wehren, doch das Seil war so festgezurrt, dass es fast schon wehtat.
Der Henker griff nach der Daumenschraube und Louis wimmerte vor Panik, als das Metall um seinen rechten Daumen gelegt wurde. Es war kalt und von innen mit kleinen Stacheln besetzt und Louis kniff die Lippen zusammen, als der Henker die Schraube zudrehte und sich die Stacheln in seine Haut bohrten. Der Schmerz war so heftig, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb, doch er gab keinen Laut von sich – das hatte er sich selbst eingehandelt und diese Strafe würde er nun durchstehen müssen. Immer enger schoben sich die Metallplatten zusammen und so langsam wurde sein Finger taub. „Für das Stehlen eines Tieres, wird die Hand abgehackt, Sei also froh, dass du nur eine Kleinigkeit entwendet hast.“ knurrte der Henker und hielt inne. Das Blut pulsierte in Louis Hand und der Schmerz breitete sich langsam wabernd über seinen kompletten Arm aus. Eine Umdrehung mehr und ein Knacken war zu hören, das zwischen den Steinwänden widerhallte. Ein brennender Schmerz zeigte Louis nun ganz deutlich, dass sein Finger gebrochen sein musste. Er schloss die Augen, wollte die Verletzung nicht sehen und hoffte darauf, dass diese Tortur bald vorbei sein würde.

Die Zeit verging und als ihn das Gefühl beschlich, der verletzte Finger könnte ihm bald abgefallen sein, löste der Mann die Schrauben. Vielleicht hatte das enganliegende Metall den Schmerz doch ein wenig gedämpft, denn als Louis Hand wieder frei war, schien es noch mehr wehzutun, als zuvor. Seine Fesseln wurden gelöst und das Seil rollte sich auf dem Steinboden zusammen, als es von seinen Schultern rutschte. „Steh auf, du kannst gehen.“ wurde er angewiesen und mit wackeligen Knien erhob sich der Junge. „Durch dieses Foltermal bist du als Dieb gekennzeichnet und somit ein Geächteter und vogelfrei, also nimm dich in Acht.“ Mit diesen Worten und einem heftigen Tritt, wurde Louis hinaus vor die Tür befördert. Vogelfrei – gesetzlos – da Louis sein ganzes Leben in dieser Grafschaft unter der Regierung von König Jonathan verbracht hatte, wusste er genau, was damit gemeint war.

Als vogelfrei und gesetzlos galt hier jeder Mensch der Narben einer Folter trug. Man verlor sämtlichen Besitz, sämtliche Rechte, die den normalen Bürgern zustanden. Wenn man getötet wurde, drohte dem Mörder keine Strafe, da man ja einen Vogelfreien umgebracht hatte. Man war also auch vor Raubmord nicht sicher und ständig in Gefahr. Wenn man Jemandem half, der als vogelfrei galt, lief man außerdem Gefahr, selbst geächtet zu werden. Niemand wollte das herausfordern und so hielt sich die Gesellschaft von Menschen mit Folternarben fern.

Louis konnte also von Niemandem Hilfe erwarten.

Die Daumenschrauben hatten seinen Fingerknochen zerdrückt und die Stacheln hatten die Haut aufgerissen, sodass er sehr stark blutete. Kaum hatte er das Burgtor passiert und die Zugbrücke hinter sich gebracht, stolperte Louis den Pfad entlang, der ihn hinunter ins Dorf führte. Er wollte vermeiden, Jemandem zu begegnen und verließ kurzerhand den Pfad und suchte sich einen Weg durchs Unterholz, um die öffentliche Straße zu umgehen.
Im Wald war es still, nur das Zwitschern der Vögel war zu hören, die hoch über ihm in den Baumkronen saßen, wo die Sonne sie gut erreichen und wärmen konnte. Im Unterholz, durch das sich Louis schlug, war das Licht trüb und der Boden feucht. Die hohen Farne, die beinahe den ganzen Waldboden bedeckten, waren von Tau überzogen, boten ihm aber ausgezeichneten Schutz.

       
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