Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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46. Unvollständig ohne die Wildnis

Harry ließ den Kopf wieder nach vorn fallen, sodass seine dunklen Locken in allen Richtungen auf dem Holztisch landeten und ächzte. „Ich glaube, das reicht mir für heute, sonst platzt mir noch der Kopf. Zayn, wärst du so nett und bringst den Schreiber morgen früh hierher, damit wir ihn zu den Gefangenen befragen können?“ bat er seinen Freund und Zayn nickte ergeben. „Ich werde mich morgen mit der Rekrutierung neuer Soldaten vertraut machen.“ sagte Cuthbert mit ruhiger Stimme. Harry sagte dazu nichts, aber Prinz Niall nickte sofort lebhaft, als fände er den Gedanken, Cuthbert als Anführer der Soldaten zu wissen, sehr gut. „Ich danke euch, für die Hilfe.“ seufzte Harry und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, dann erhob er sich von seinem Platz. Erst jetzt, bemerkte er Louis, Buck und Ed, die tropfend und halb bekleidet neben einer Säule standen und warteten. Sie hatten das Gespräch nicht unterbrechen wollen und hatten leise gewartet. Harry hob fragend eine Augenbraue und seine Augen weiteten sich beim Anblick von Louis, der nur in seiner Hose dastand. „Wieso seid ihr so nass?“ fragte er. „Wir haben die Vorratssäcke für die Verteilung an das Volk abgefüllt.“ sagte Louis und neigte den Kopf. Niemand sollte denken, dass er keinen Respekt vor Harry hatten, obwohl sie hinter verschlossenen Türen einander ganz anders gesinnt waren. „Sehr gut, dann kann das ja gleich morgen verteilt werden.“ beschloss Harry und sah Louis direkt an. „Wenn du möchtest, dann können wir beide das gemeinsam übernehmen.“ - „Ja, sehr gern.“ antwortete Louis, doch Gwydion funkte dazwischen: „Harry, du solltest nicht mehr allein in den Wald gehen. Dein Leben ist wertvoll und es gibt viele Gefahren da draußen.“ Ausdruckslos sah Harry den Druiden an und sagte: „Du wusstest mein Leben lang, wer ich war und hast mich immer allein im Wald herumziehen lassen. Ich war schon immer König und schon immer in Gefahr. Ich kann mich verteidigen und Louis ist bei mir. Wenn wir deiner Meinung nach Geleitschutz brauchen, dann nehme ich gerne eine deiner Krähen mit.“ Gwydion sah Harry an, als hätte dieser ihm gerade vor die Füße gespuckt. Louis tat der Druide in diesem Moment ein wenig Leid, denn er wusste ja, dass der alte Mann es nur gut mit Harry meinte und eine solche Zurückweisung zu bekommen, war sicher auch für einen Zauberer nicht leicht. „Wie du meinst. Es ist nur ein Rat meinerseits. Ich ziehe mich zurück.“ Mit diesen knappen Worten, begleitet vom Rauschen seines Gewandes ging Gwydion aus der stillen Halle hinaus ins Freie.

Alle sahen ihm nach und Niemand sagte etwas. Erst, als die schwere Eingangstür hinter dem Mann ins Schloss gefallen war, sagte Zayn: „War das nötig, Harry? Er sorgt sich um dich. Und er war nicht umsonst Berater deines Großvaters.“ - „Er tut so, als könnte ich nicht auf mich selbst aufpassen, das ärgert mich.“ schnaubte der junge König und ging mit schnellen Schritten ebenfalls in Richtung Tür. „Ich brauche ein wenig frische Luft.“
Kaum war auch Harry verschwunden, seufzte Zayn und blickte fragend den Prinzen an, der mit den Schultern zuckte: „Lass ihn. Er muss sich erst an die Verantwortung gewöhnen, die er jetzt trägt, das kann einige Zeit dauern.“ Louis wandte sich um und sah auf die große Tür, die nun verschlossen war. Ob er Harry hinterher gehen sollte? Oder war es besser, ihn jetzt allein zu lassen, damit er sich beruhigen konnte. Ed und Buck hatten offenbar beschlossen hier zu bleiben, denn sie gingen zum Kamin und hängten ihre nassen Oberkleider vor das Feuer, um den Stoff zu trocknen. Louis stand einen Moment unschlüssig da, dann ging er auf die Tür zu, drückte sie auf und trat dann hinaus.

Vom obersten Punkt der Treppe aus, hatte er einen guten Blick über den Burghof und er hielt Ausschau nach Harry, konnte ihn aber nirgendwo sehen. Er konnte Liam erkennen, der noch immer bei Louise stand und an denen gerade ein Pferdekarren vorbeifuhr, doch der König war nicht zu sehen. Vielleicht war er in seinem Zimmer. Louis beschloss dort nachzusehen. Er stieg die Treppe hinunter und wurde dabei von den arbeitenden Menschen verwundert betrachtet, weil er ohne Oberbekleidung hier herumlief, doch Louis besaß nur dieses eine Hemd, das sich gerade tropfend nass in seiner Hand befand. Vielleicht fand er in Harrys Gemach noch etwas anzuziehen.
Er klopfte leise an die Tür, bekam jedoch keine Antwort, also trat Louis einfach ein. Das Zimmer war leer. Harry war nicht da.
An einer Wand stand eine Holztruhe, die mit Eisen beschlagen war. Louis stemmte den Deckel auf und sah hinein: ein Stapel dunkelroter Hosen und dazu passender Oberbekleidung lag dahin, sowie Stiefel und ein paar Oberhemden in Grau. Louis nahm sich eines davon heraus und schlüpfte hinein. Es war ein wenig lang, doch er stopfte es in seine Hose und krempelte die Ärmel hoch.
Frisch umgezogen verließ Louis das Zimmer wieder und überlegte, wohin Harry sich verzogen haben könnte. Wenn er durch das Fenster sah, konnte er auf den Wald blicken. Und während Louis sich den Wind um die Nase wehen ließ, fiel ihm ein, wo er Harry finden könnte.

Mit schnellen Schritten stieg er hinauf in den Turm des Bergfrieds, Umdrehung für Umdrehung brachte ihn die Treppe bis ganz nach Oben und als er den Kopf durch die Luke zur letzten Etage schob, sah er ihn sofort. Harry hockte in einem der Fenster, hatte die langen Beine an die Brust gezogen und blickte abwesend hinaus auf die Baumwipfel. Louis trat vorsichtig an ihn heran, streckte den Arm aus, doch bevor er ihn berührte, sagte Harry: „Ich hab dich schon gehört.“ Er wandte den Kopf und sah von unten zu Louis hoch. „Ist es dumm, wenn ich sage, dass ich Angst habe?“ frage er leise und zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Louis zog die Hand zurück und sagte genauso leise: „Nein. Ich kann es verstehen. Aber du solltest Gwydion nicht so behandeln. Er sorgt sich um dich. Ich weiß, dass du wütend auf ihn bist, weil er dir verschwiegen hat, wer du bist und nun von dir erwartet, dass du Verantwortung übernimmst. Aber er kümmert sich um dich und du musst ihm verzeihen, was er getan hat.“ Louis hielt kurz inne, entschied sich dann aber doch dazu, weiter zu sprechen: „Du hast mich auch angelogen. Zusammen mit Niall.  Ich hatte Angst und war wütend auf dich, habe mich genauso gefühlt, wie du jetzt, aber ich habe dir verziehen...und das solltest du bei Gwydion auch tun, wenn du es von mir verlangst.“ - „Ich verlange es nicht...ich bitte dich darum.“ versuchte Harry ihn zu korrigieren, doch er schüttelte den Kopf: „Harry, du hast mich um Verzeihung gebeten.“ Betreten nickte er: „Ja, du hast recht….“ Harry wandte den Kopf ab und blickte wieder hinaus auf den Wald. „Du bist noch immer wütend auf mich, sonst hättest du das eben nicht so gesagt.“ murmelte Harry, ohne dabei den Blick von den Baumwipfeln zu nehmen.
Ja, vielleicht stimmte das sogar, aber wütend wäre nicht das richtige Wort – er war eher enttäuscht, weil er von Harry eine solche Tat niemals erwartet hätte. Deswegen sagte Louis nur leise: „Ein kleines bisschen vielleicht schon, aber nicht mehr so sehr. Wäre ich denn sonst zu dir hierher gekommen?“ Mit diesen Worten setzte er sich Harry gegenüber in die Fensternische, die breit genug war, damit sie einander gegenüber sitzen konnten. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die raue Steinwand und folgte Harrys Blick hinaus auf die Ländereien. „Ich vermisse den Wald und die frische Luft. In diesem Thronsaal ist es so stickig und man kann den Himmel nicht sehen. Ich habe schon beinahe das Gefühl, ich hätte vergessen, wie frische Luft riecht. Mein ganzes Leben habe ich in der Natur gelebt, war Wind und Wetter, Hitze und Kälte ausgesetzt. Wie soll ich mich daran gewöhnen, unter einem Dach aus Holz und zwischen Mauern aus Stein zu leben?“ Harry wirkte regelrecht verzweifelt, als er diese Worte aussprach und seufzte so tief, dass Louis sofort tiefes Mitleid empfand. Der König wandte den Blick von den Bäumen ab und sah Louis direkt in die Augen, dann gestand er: „Ich weiß nicht, ob ich mich hier jemals zuhause fühlen kann.“ Was sollte man nun darauf sagen? Louis wusste es nicht und überlegte, was Harry in dieser Situation aufmuntern könnte. „Sollen wir uns davonschleichen?“ fragte er direkt heraus und wurde daraufhin mit einem verständnislosen Blick bedacht. „Naja, wir könnten durch die Tür verschwinden, die du für meinen Fluchtweg gehalten hast und dann gehen wir in den Wald und genießen es einfach.“ So ganz überzeugt war Louis von seiner eigenen Idee nicht und das war auch in seiner Stimme deutlich zu hören, doch Harrys Gesicht hellte sich bei seinen Worten auf und er nickte rasch. „Das ist eine tolle Idee...lass uns rasch warme Sachen anziehen und dann machen wir uns davon.“

In der Kammer ging Harry auf die Holzkiste zu, aus der Louis sein neues Hemd genommen hatte, klappte den schweren Deckel auf und sah hinein. „Ich frage mich, wo man meinen Umhang abgelegt hat. Hier sind ja nur elegante Kleidungsstücke drin, damit kann ich nichts anfangen.“ Mit einem lauten Schlag, ließ Harry den Deckel der Truhe herunter krachen und sah sich im Raum um. Über einem Hocker hingen ihre grünen Umhänge und Harry warf sich seinen über die Schultern. Es sah seltsam fremd und doch vertraut aus. Während er noch das elegante Wams und die dunkle Hose trug, die an ihm noch so ungewohnt und beinahe wie eine Verkleidung wirkte, verlieh ihm der Umhang etwas Vertrautes und es war beinahe so, als stünde wieder der Harry der Merry Men vor Louis. Auch Harry schien der Gedanke gekommen zu sein, denn er fuhr mit den Fingerspitzen sachte über den Saum des Umhangs und lächelte mild, als der raue Stoff seine Haut berührte. „Ich fühle mich wieder wie ich selbst.“ seufzte er erleichtert und wickelte sich kurz glücklich in den Umhang ein. Er kicherte, wie ein kleiner Junge und strahle Louis an, bevor er auch dessen Umhang ergriff und ihm von hinten  um die Schultern legte, dann schlang er die Arme um ihn, drückte ihn an sich und sagte: „Lass uns gehen. Ich will mich wieder mal lebendig fühlen.“ Liebevoll hauchte er Louis einen Kuss auf die Wange und zog ihn dann an der Hand aus der Kammer hinaus auf den Flur.

Der Tag dämmerte bereits, als sie sich über den Hof stahlen, sich dabei im Schatten der Treppenaufgänge und Vorsprünge hielten. Harry hielt seinen Bogen so gut es ging unter dem Umhang verborgen und hatte sich die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, damit ihn Niemand erkannte. Sie erreichten ungesehen die Holztreppe, die hinunter in den kleinen Hof führte, der von hohen Mauern mit schmalen Fenstern gesäumt wurde. Weil die Burg auf einem Hügel lag und die Mauer fast keinen Schutz bot, pfiff der Wind ihnen entgegen, als sie in der Mitte des Hofes auf dem federnden Gras standen. Die Umhänge bauschten sich auf und wickelten sie ein, doch Harry schien das nicht zu stören. Er trat mit glücklichem Gesicht an eines der Fenster heran, stellte sich hinein und wandte sich dem Wind. Mit geschlossenen Augen atmete er die frische, raue Luft ein und drehte sich dann mit glühenden Wangen zu Louis um. Wie lebendig er wirkte. Fast so, als würde ihn der Wind und die Aussicht auf einen Tag im Wald erst wieder komplett machen. „Lass uns gehen.“ sagte er leise. Louis konnte ihn trotz des Windes verstehen und nickte. Harry sprang von dem Fenster hinunter zurück ins Gras und lief zu der Tür, die im Schatten der Treppe und unter Moos und Flechten verborgen lag. Tatsächlich war das Moos an manchen Stellen zerrissen und hing nur noch an einzelnen Fasern am Holz, an dem es sich festgesetzt hatte. Harry packte den eisernen Griff, drehte ihn vorsichtig und öffnete die Tür. Auf dem kleinen Vorsprung vor der Tür, war es noch zugiger und Louis kniff die Augen zu, die bei dem kalten Wind zu tränen begonnen hatten. Der Weg führte ziemlich steil nach unten und verlor sich recht bald in kleinen Sträuchern, Dornenhecken und niedrigen Bäumchen. „Ich gehe voraus.“ sagte Harry, wandte sich um und kletterte vorsichtig rückwärts den steilen Hang hinunter. Mit den Händen hielt er sich an Ästen, Geröllbrocken und Wurzeln fest, kletterte immer weiter nach unten, bis er in den Büschen verschwunden war. Louis schloss die Tür vorsichtig hinter sich und folgte Harry dann, den Berg hinunter und zurück in die Wildnis.    
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