Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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59. Thomas der Vertraute

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, folgte Louis den dreien in den Thronsaal. Als er zu ihnen aufgeschlossen hatte, hielt er sich, genau wie Thomas, einige Schritte hinter Harry und Taylor.
„Hier verbringen wir im Winter die meiste Zeit des Tages gemeinsam. Natürlich habt Ihr auch in Euren Gemächern einen Kamin, wo Ihr sitzen könnt. Ihr seid also nicht gezwungen, den ganzen Tag mit jungen Männern zu verbringen.“ erklärte Harry und blieb mit der blonden Dame am Kaminfeuer stehen, damit sie sich die Hände wärmen konnte. „Es ist sehr schön hier.“ sagte sie und sah lächelnd über die Schulter. Zuerst dachte Louis, sie würde sich die hölzernen Säulen ansehen, doch dann bemerkte er, dass Thomas das Lächeln seiner Herrin kurz erwiderte. Offenbar trug seine Anwesenheit deutlich dazu bei, dass Lady Taylor sich sicher und geborgen fühlte, schließlich war er der Einzige, den sie hier am Hof wirklich kannte. Mit Sicherheit war es nicht einfach, allein an eine neue Burg zu kommen und egal, wie ruhig sich Lady Taylor geben mochte, Louis spürte, dass sie ein klein wenig nervös war. Jemanden dabei zu haben, der einem nahe stand, war in diesem Fall sicherlich nicht schlecht. „Ich zeige Euch gerne Eure Kammer, dann könnt Ihr Euch schon einrichten. Thomas wird eine Kammer direkt nebenan bekommen. Ich hoffe, das ist so passend.“ sagte Harry und seine zukünftige Frau nickte, bevor sie wieder Harrys Hand nahm und sich durch die Seitentür geleiten ließ.

Die Kammer, die man Lady Taylor zugeteilt hatte,  war sehr schön und der ersten Dame am Hof angemessen. Der Raum war holzvertäfelt, verfügte über einen großen Kamin, vor dem mehrere hölzerne Stühle standen, die mit Kissen und Fellen gepolstert waren. Durch einen Durchgang gelangte man in ein Schlafgemach. Hier stand ein Bett, das dem Harrys sehr ähnlich war, mit Ausnahme, dass es über einen Baldachin aus besticktem Stoff verfügte. „Hier werde ich mich wohlfühlen.“ bemerkte sie, nachdem sie sich ausgiebig umgesehen und eines der Fenster geöffnet hatte. Der Blick über den schneebedeckten Wald war atemberaubend und sie blickte einen Moment in die Ferne. „Ich werde mich nun zurückziehen. Richtet Euch ein und sollte es an etwas mangeln, dann scheut Euch nicht, zu mir zu kommen.“ sagte Harry und machte respektvoll einen Schritt zurück. „Harry, eines wüsste ich gern noch. Wann ist die Vermählung geplant? Wie Ihr Euch sicherlich denken könnt, benötigt eine Dame ein wenig Zeit, um sich vorzubereiten.“ - „Heute Abend wird die Vermählung stattfinden. Es wird eine kleine Zeremonie sein und nur in Anwesenheit der Burgbewohner stattfinden.“ Louis sog bei diesen Worten die Luft scharf durch die Nase ein: heute Abend schon, würden Harry Taylor zur Frau nehmen. War das schon immer so geplant gewesen? Wieso hatte er nichts davon gewusst? Es wäre ihm sicherlich leichter gefallen, sich darauf vorzubereiten, wenn er im Bilde gewesen wäre. Harry fing Louis Blick auf und sagte rasch: „Ich weiß, es ist sehr schnell, aber mein Berater hielt es für wichtig, dass das Förmliche schnell erledigt wird. Ich ziehe mich jetzt zurück. Bis später.“ Mit einem erneuten Handkuss verabschiedete sich Harry, ging mit schnellen Schritten auf die Tür zu und betrat vor Louis und Thomas den Flur. „Oh und Thomas, Eure Kammer befindet sich hier.“ Harry drückte die Klinke einer Tür direkt gegenüber herunter und öffnete sie. Diese Kammer war winzig und verfügte nur über einen kleinen Kamin, der sicherlich nicht viel Wärme würde spenden können. Das Bett war schmal und durch das winzige Fensterchen kam wenig Licht, sodass Thomas hier immer Kerzen würde benutzen müssen. „Habt vielen Dank, Majestät.“ Der Vertraute von Lady Taylor nickte ergeben und blickte ihnen nach, als sie gemeinsam den Flur entlanggingen.

Erst, als sie um eine Ecke verschwunden waren, ließ Harry die königliche Körperhaltung fallen und seufzte: „Das war anstrengend. Wie findest du sie?“ Unsicher sah er zu Louis hinunter, der seufzte und dann zugab: „Sie ist bezaubernd. Ich kann es nicht anders beschreiben. Sie ist höflich, unglaublich hübsch und scheint keine Probleme zu machen. Oh Gott, ich würde gerne sagen, dass ich sie nicht ausstehen kann, aber das wäre eine Lüge.“ - „Ja, mir geht es genauso. Ich wünschte, sie wäre ein Biest, dann könnte ich ihr gegenüber mein Missfallen kundtun. Aber sie ist so freundlich, dass es mir wirklich schwerfällt, sie nur zum Schein zur Frau zu nehmen. Sie hat Jemanden verdient, der es ehrlich mit ihr meint.“ Louis war ein absurder Gedanke gekommen und er kicherte: „Thomas wäre doch ein guter Kandidat. Er ist genauso freundlich wie sie und die Beiden scheinen sich sehr nahe zu stehen.“ - „Natürlich tun sie das. Vermutlich wurde er an der Burg als Spielkamerad eingesetzt, als sie noch Kinder waren. Da ist man zwangsläufig miteinander vertraut.“ Harry strich Louis über die Wange, dann sagte er: „Wollen wir ausreiten? Ich will die letzten Stunden vor der Vermählung noch einmal ein wenig genießen.“

Sie verschwendeten keinen Gedanken daran, dass im Wald Gefahr auf sie lauern konnte, sondern gingen in ihre Kammer, warfen sich wärmende Felle und Mäntel über und machten sich dann auf den Weg hinunter auf den Hof. Es war, als feierte auch der Himmel die Ankunft Lady Taylors, denn die Sonne schien und es war keine einzige Wolke zu sehen. Die Luft war klar und kalt, weckte jedoch mit jedem Zug neue Lebensgeister. Alles im Hof war mit einer dünnen Frostschicht überzogen und es sah aus, als wäre die gesamte Burg versilbert worden. Ein Anblick, an den sich Louis gewöhnen konnte.
Sie gingen an der Schmiede vorbei und trafen vor den Stallungen auf Gwydion. Er trug einen Beutel bei sich und sah aus, als wollte er gerade aufbrechen. „Wo wollt ihr denn hin?“ fragte er, und schien dabei etwas in seinem Beutel zu sortieren. „Wir reiten aus. Bevor die Vermählung heute Abend stattfindet, möchte ich mich noch ein wenig ablenken.“ sagte Harry und die Miene des Zauberers wurde sofort ernst: „Harry, du weißt, dass im Wald Jemand auf dich lauert. Es wäre töricht von dir, dich jetzt allein dorthin zu begeben.“ - „Dann begleite mich. Du wolltest doch sowieso in den Wald auf Erkundungstour gehen, oder nicht?“ sagte Harry und zog die Tür des Stalls auf. Gwydion seufzte und schien zu bemerken, dass mit Harry gerade nicht zu reden war, weshalb er sich geschlagen gab: „Meinetwegen. Ich begleite euch, aber ich will, dass noch Jemand der Jungs mitkommt, damit ihr auf dem Rückweg nicht allein seid, wenn ich euch am Waldrand verlassen werde.“

So kam es also, dass wenig später fünf Pferde über die Zugbrücke ritten. Gwydion vorneweg, gefolgt von Louis, dann kam Harry und schließlich ritten Draca und Leofwine hinter ihnen her. Alle hatten Pfeil, Bogen und Schilder dabei. Nur der Zauberer hatte auf Waffen verzichtet und trug lediglich seinen Stab bei sich. Sie wählten einen Weg, der sie über Felder und weite Wiesen führte, sodass sie sich nicht in die Nähe des Waldes begeben mussten. Obwohl Louis eigentlich bedrückt hätte sein sollen, fühlte er sich ausgesprochen gut. Die klare Luft machte seinen Kopf frei und endlich wieder Bäume und Felder zu sehen, anstatt auf karge Burgmauern blicken zu müssen, tat wirklich gut. Der Atem der Pferde vermischte sich mit ihrem eigenen und bildete kleine Wölkchen in der Luft. Die Pferde zogen tiefe Gräben im Pulverschnee und sie hinterließen eine deutlich sichtbare Spur in der sonst so unberührten Schneedecke.

„Was hältst du von Lady Taylor?“ hörte Louis Draca Leofwine fragen. „Oh, sie ist viel hübscher, als ich sie mir vorgestellt habe. Irgendwie dachte ich immer, König James will eine alte Jungfer loswerden und schickt die Dame deswegen zu Harry. Aber sie ist ja noch so jung. Ich frage mich, wieso sie bisher Niemand geheiratet hat.“ - „Vielleicht verwandelt sie sich in der Nacht in eine hässliche Kröte.“ überlegte Draca und kicherte, dann rief er dem Zauberer zu: „Gwydion, glaubst du, Lady Taylor wird nachts zu einer Kröte und darum wollte sie niemand bisher heiraten?“ Auch ohne das Gesicht des alten Mannes zu sehen, wusste Louis, dass er die Augen verdrehte. „Mein Lieber, ich weiß leider nicht auf alle Fragen eine Antwort, aber ich bin mir sicher, dass unsere zukünftige Königin in der Nacht genauso schön ist, wie bei Tag. Fragt doch ihren Vertrauten.“ Harry und Louis tauschten einen Blick und Harry trieb sein Pferd ein wenig an, damit es mit dem von Gwydion gleichauf war. „Was hat Thomas damit zu tun?“ fragte er argwöhnisch. „Hast du nicht gesehen, wie er sie ansieht? Mein lieber Junge. Er hat dasselbe Glänzen in den Augen, wie du, wenn Louis deinen Blick erwidert.“ Augenblicklich wurde Louis rot. Es war ihm unglaublich unangenehm, dass der Zauberer solche Dinge offenbar bemerkt hatte. Hatten sie sich wirklich so offensichtlich verhalten. Auch Harry schien der Meinung zu sein, denn er sagte: „Du weißt wirklich fast alles...dir bleibt wohl am Hof nichts verborgen. Hast du vielleicht außer deinen Krähen auch noch Mäuse, die in der Burg Patrouillen laufen?“ - „Nein, ich bin einfach aufmerksam. Und wenn du das auch bist, dann wirst du verstehen, was ich meine.“ Gwydion klag, als sei das Gespräch für ihn damit beendet und er schwieg fortan. Harry ließ sich wieder zurückfallen und wandte sich dann an Louis: „Denkst du, Lady Taylor und Thomas sind...so wie wir?“ - „Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Ich glaube das nicht. So viel Glück kann man nicht haben.“ gab Louis zu und senkte den Blick. „Gwydion hat das sicherlich nur gesagt, um dich ein wenig zu beruhigen, damit du leichter an diese Ehe herangehst.“ Doch Harry schien anderer Meinung zu sein. Er hatte die Augen verengt und blickte auf Gwydions grauen Mantel vor ihnen, bevor er leise sagte: „Das glaube ich nicht. Ich kenne diesen Mann schon mein ganzes Leben lang. Er war immer ehrlich zu mir – wenn man einmal davon absieht, dass er mir verschwiegen hat, dass ich der rechtmäßige König bin. Ich kann nicht anders, als seinen Worten Glauben zu schenken.“

Als sie um einen weiten Ausläufer des Waldes herumgeritten waren, hielt Gwydion an und stieg ab. Der Schnee war auch hier so tief, dass er bis zu den Knien darin versank. Er sah zu ihnen hoch: „Ab hier werde ich Euch verlassen. Haltet die Augen auf, wenn ihr zurück reitet. Wenn ich etwas finde, werde ich euch eine Nachricht senden.“ - „Pass auf dich auf.“ sagte Harry und mit einem Nicken wandte sich der alte Mann von ihnen ab, schritt zwischen die Bäume und war bald nicht mehr zu sehen. „Hoffentlich geschieht ihm nichts.“ murmelte Draca und blickte in den Wald hinein. Bei Tageslicht und schneebedeckt, wirkte er ganz und gar nicht bedrohlich und es war wirklich schwer, sich vorzustellen, dass sich unter den Bäumen Feinde verbargen. Alles hier schien so friedlich. „Lasst uns zurückreiten. Schließlich willst du ja zu deiner eigenen Vermählung nicht zu spät kommen, oder Harry?“ Leofwine hatte die Augen mit der Hand abgeschirmt und sah zur Sonne hinauf. Sie stand schon nicht mehr so hoch, wie beim Beginn ihres Ausrittes, ein Zeichen dafür, dass der Nachmittag anbrach. „Dann lasst uns keine Zeit verlieren.“ Mit diesen Worten wendete Harry sein Pferd. Louis nahm das Tier auf dem Gwydion geritten war, am Zügel und folgte dem jungen König. Draca und Leofwine bildeten den Schluss und zu Viert galoppierten sie durch den Schnee zurück in Richtung Burg.

Der Gegenwind war so kalt, dass Louis Augen tränten, trotzdem trieb er sein Pferd weiter an. Er hatte das Gefühl, wenn er etwas tat, und sei es nur Reiten, könnte er die anstehende Hochzeit hinauszögern. Zwar wusste er, dass es unvermeidbar war und Harry und Taylor noch heute Abend Mann und Frau sein würden, doch es war gut, wenn er den Gedanken noch so lange wie möglich von sich wegschob. Die Erkenntnis würde ihn sicherlich noch hart genug treffen, dessen  war sich Louis sicher. Während die Hufe der Tiere über den gefrorenen Boden trommelten und Schnee in alle Richtungen aufwirbelte, hoffte Louis, Gwydions Vermutung, was Lady Taylors Beziehung zu ihrem Vertrauten anging, wäre wahr.

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Das ist übrigends Thomas:
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