Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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54. Theobald aus dem Norden

„Geschossen? Wie konnte das passieren?“ fragte Leofwine ungläubig und sah nochmal zum Tor, als hätte er Angst, eine wilde Meute könnte über die Zugbrücke in die Burg gestürmt kommen. Glücklicherweise setzten die Torwächter gerade dazu an, eben diese Brücke hoch zu ziehen und machten die Burg für die Nacht sicher. „Ich habe nach den Pfeilen gesucht und mich immer weiter an den Waldrand herangewagt. Im Unterholz hat etwas geraschelt und ich dachte erst, es sei vielleicht ein Tier, aber dann hatte ich ein seltsames Gefühl. Ich  zog mich zurück und da kam auch schon der erste Pfeil geflogen….“ - „Und du bist sicher, dass dich nichts getroffen hat?“ - „Ja. Ich denke, das hätte ich gespürt….“ -  „Nicht unbedingt. Wenn man abgelenkt ist, bekommt man manche Verletzungen erst spät mit. Kontrolliere deinen Körper bevor du dich schlafen legst auf jeden Fall.“

Im Thronsaal fanden sie nur Cuthbert und Gwydion vor, die noch wach waren. Alle anderen lagen bereits in ihre Decke gewickelt am Feuer und schliefen. Sie berichteten dem Zauberer und dem Heerführer von dem Angriff auf Louis und beide schienen sofort beunruhigt. „Harry muss sich für diese Heirat entscheiden. Nur so können weitere Angriffe verhindert werden und offenbar haben sich diese Männer schon sehr nah an unsere Mauern herangewagt. Ich frage mich, wieso meine Krähen mir nichts gemeldet haben.“ Gwydion stand auf, griff sich seinen Stab und verließ den Thronsaal durch die Seitentür. „Du solltest dich hinlegen Louis. Du siehst sehr mitgenommen aus.“ Cuthbert klang sanft, als er das sagte und erhob sich nun ebenfalls von seinem Platz. „Solltest du gerade darüber nachdenken, hier zu schlafen. Wir haben leider keine Decken mehr übrig.“ Er sagte das in einem Tonfall, der es Louis schwer machte, sagen zu können, ob es nun bedauernd oder tatsächlich amüsiert klang. „Du wirst bei Jemandem schlafen müssen, der sicherlich noch wach liegt und auf dich wartet.“ setzte Cuthbert im Weggehen noch nach, dann wurden seine Schritte immer leiser und Louis sah ihn vor dem Kamin nur noch schemenhaft. Er schüttelte seine Decke auf, legte sich zwischen zwei andere Merry Men und verschmolz mit den schlafenden Körpern. Louis seufzte und ging dann unsicher auf die Seitentür zu, durch die auch der Zauberer verschwunden war.

Auf den Fluren herrschte wieder eine enorme Kälte und Louis Haut brannte sofort empfindlich an den ihr ausgesetzten Stellen. Nur noch wenige Fackeln brannten in den Halterungen an der Wand und er war gezwungen, kleine Schritte zu machen, um nicht über Unebenheiten zu stolpern. Die Vorstellung, jetzt gleich zu Harry unter die Decke zu schlüpfen, neben ihm zu liegen und ihn vielleicht versehentlich zu berühren – das alles fühlte sich seltsam an. Die Tür der Kammer kam immer näher und Louis sah den schmalen Lichtstreifen unter der Tür hindurch auf den Flur fallen. Die Klinke war kalt, als er sie berührte und leise die Tür aufdrückte.

Das Feuer brannte im Kamin, Harry saß in ein Fell gewickelt auf dem Bett und starrte in die Flammen. Er hob den Kopf, als Louis eintrat und sah dann schnell wieder weg. Louis  sagte nichts, sondern schloss leise die Tür hinter sich, bevor er den Umhang ablegte und neben Harry stehenblieb. „Am Waldrand hat Jemand auf mich geschossen.“ sagte er ganz direkt und der Kopf des Königs fuhr so schnell hoch, dass Louis sicher war, dass er sich dabei sicherlich den Hals verrenkt haben musste. „Bist du verletzt?“ fragte er besorgt und hob sofort die Hände, um Louis das Hemd auszuziehen. „Nein, ich glaube nicht, dass sie mich getroffen haben. Mach dir keine Gedanken.“ sagte er rasch und zog sich das Hemd selbst aus. „Aber, wenn es dich beruhigt, kannst du gerne nachsehen.“ Er legte den Stoff auf das Bett und drehte sich einmal im Kreis, damit Harry ihn mustern konnte. „Und?“ - „Nein, es ist alles gut….oh Gott, ich kann es nicht glauben, dass dir Jemand etwas antun wollte. Wo war das?“ Louis zog sich wieder an und ließ sich dann neben Harry auf die Bettkante sinken. „An der Wiese hinter der Burg. Ich war recht nah am Wald und die Sonne war schon untergegangen.“ murmelte er. Harry schluckte: „Dann sind die schon sehr nah an der Burg….verflucht...“ er wandte den Kopf nach links und sagte: „Louis, ich werde Taylor zur Frau nehmen.“ Damit hatte er so nicht gerechnet und Louis schnappte nach Luft. Es war, als fiele er durch eine Falltür im Boden und es gab kein Halten für ihn. Ein Klumpen bildete sich in seiner Kehle und drohte, ihm die Luft zu nehmen, während heiße Tränen sich in seinen Augen sammelten, bis alles verschwamm. „Lou….ich tu das für dich...sie haben heute versucht, dich umzubringen. Ich kann dich und die Burg nur beschützen, wenn ich Männer habe...und die brauche ich von König James….ich war mir bis gerade nicht sicher, ob diese Männer, die Nerian und Buck auf dem Gewissen haben, wirklich ernstzunehmen sind. Aber nach der Nachricht, die du mir gerade gebracht hast, weiß ich, dass wir in Gefahr schweben. Louis; bitte hör auf zu weinen, ich kann die Tränen in deinen Augen nicht sehen.“ Harry umfasste sein Gesicht mit den Händen und küsste ihm eine Träne fort. „Lou, Liebster. Hör mir zu: wenn mein Feind bemerkt, wie wichtig du mir bist, dann schwebst du in großer Gefahr. Der Angriff gerade mag Willkür gewesen sein, aber sie werden versuchen, dich zu töten oder in ihre Gewalt zu bringen, um an mich heranzukommen. Versteh doch. Wenn du ihrer Aufmerksamkeit entgehst,  weil sie denken, ich liebe die Frau an meiner Seite...dann bist du sicher...und darum werde ich Lady Taylor zur Frau nehmen. Verstehst du das?“ Langsam nickte Louis. Er verstand Harrys Absicht und es rührte ihn, dass er bereit war, eine Frau zu heiraten, die er nicht liebte, nur um ihn zu schützen. Aber die Tatsache, dass da eine Frau an den Hof kommen würde, die Harry als „ihren Mann“ bezeichnen dürfte, tat unglaublich weh. Wie ein Splitter, der ihm im Herzen steckte. „Aber, sie wird deine Frau sein...“ -  „...und das wird nichts an dem ändern, wie wir zueinander stehen.“ beendete Harry seinen Satz und zog Louis in seine Arme. Erst wollte er sich dagegen wehren, doch dann ließ er es zu.  „Ich muss euch beschützen. Ich habe Verantwortung und der werde ich mich nicht entziehen. Bitte verstehe das, Louis. Ich will nicht zulassen, dass dir nochmal etwas passiert.“ murmelte er und küsste Louis Haaransatz zärtlich und drückte ihn hinunter auf die Felle. „Du solltest dich jetzt ausruhen. Du siehst müde aus.“ Louis wehrte sich nicht. Er hatte Harrys Standpunkt verstanden und tat nun sein Bestes, ihn auch akzeptieren zu können. Harry legte Louis in die Mitte des Bettes, deckte ihn mit den Fellen und Decken zu und schlüpfte dann neben ihn, wobei er ihn in den Arm nahm. „Morgen werde ich König James eine Antwort schicken,“ hauchte er und seufzte: „dann werden wir sehen, was passiert.“
Louis nickte nur. So schwer es ihm auch fiel, er musste Harrys Entscheidung annehmen, denn er verstand durchaus, wie viel davon abhing.

In dieser Nacht konnten sie beide nicht richtig schlafen. Louis horchte immer wieder auf Harrys Atem, doch der ging nicht tief und entspannt, wie das beim Schlafen der Fall war. Sie schwiegen beide und hingen ihren Gedanken nach. Der Pfeil, der am Waldrand auf ihn zugeschossen war, beschäftigte Louis genauso, wie die Tatsache, dass Harry morgen der Hochzeit zustimmen würde. Zu viele Fragen schwirrten in Louis Kopf herum, auf die er noch keine Antwort hatte und das hielt ihn vom Schlafen ab. Wer hatte auf ihn geschossen? War er wirklich auch das Ziel gewesen, oder nur zufällig Opfer geworden? Was, wenn Leofwine, statt ihm am Waldrand gestanden hätte? Waren die Angreifer, dieselben, die auch Nerian und Buck getötet hatten? Und wieso hatte Gwydion von seinen Krähen keine Warnung bekommen? Bisher war Louis immer davon ausgegangen, dass diese Vögel zuverlässig und klug waren, doch in diesem Fall schienen sie aus irgendeinem Grund versagt zu haben. Aber was, wenn die Vögel die Fremden nicht als Gefahr erkannt hatten? Prinz Niall war Louis ja seit dem „Überfall“ nicht mehr ganz geheuer und wenn er genauer darüber nachdachte, dann könnte er sich durchaus vorstellen, dass dieser Harry vielleicht doch stürzen wollte. Louis sponn den Gedanken weiter: Prinz Niall hatte Harry auf den Thron geholfen, in dem Wissen, dass dieser dann wenige Soldaten haben würde. Mit einem schutzlosen König auf dem Thron, wäre es sicherlich ein Leichtes für den Prinzen und seinen Großvater, Harry zu überfallen und sich auch die Macht über dieses Königreich einzuverleiben. Deswegen hatte König James auch diese irrwitzige Forderung mit der Hochzeit gestellt. Sicherlich hatte er gehofft, dass Harry sie niemals eingehen würde und dann hätte er einen Grund gehabt, ihn anzugreifen. Er setzte sich auf und wandte sich zu Harry, um ihm seinen Gedankengang zu erklären. „Harry...“ Doch er bekam nur ein tiefes Atmen als Antwort. Im Licht des Kaminfeuers sah er, dass Harry die Augen fest geschlossen hatte und eingeschlafen war. Dann musste er mit seiner Vermutung bis morgen warten. Der junge König sah müde aus und Louis wollte ihn nicht mehr wecken. Also beugte er sich über ihn, hauchte einen Kuss auf seine Wange und zog Harry in seine Arme.

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Der Morgen dämmerte genauso kalt und frostig herauf, wie der gestrige und Louis wollte am Liebsten den ganzen Tag unter den wärmenden Fellen liegen bleiben. Harry gähnte ausgiebig und angelte sich dann einen wollenen Überwurf vom Boden, den er unter die Bettdecke schob. „Der hat die ganze Nacht auf dem Boden gelegen und ist jetzt sicherlich total kalt, ich werde ihn erst ein wenig anwärmen müssen, bevor ich hineinschlüpfe.“ teilte er Louis mit und rieb sich die Augen. Draußen vor dem Fenster war es schon hell geworden und Eisblumen hatten sich an den kleinen Butzenscheiben entlang gebildet. „Wie kann es eigentlich sein, dass Gwydions Krähen die Männer, die am Waldrand auf dich gelauert haben, nicht gemeldet haben?“ überlegte Harry. „Vielleicht sollte unser Druide mal sichergehen, ob seine Tiere ihm überhaupt treu ergeben sind.“ Mit diesen Worten zog Harry den wollenen Überwurf unter der Decke hervor und schlüpfte hinein, dann stand er auf und erschauderte, weil es so kalt war. Louis stand ebenfalls auf und zog sich rasch an. In der Holzkiste fand sich noch ein gestricktes Oberhemd und Louis nahm es sich.
Gemeinsam verließen sie das Zimmer und traten hinaus auf den zugigen Flur. Unten auf dem Hof war Hufgetrappel zu hören und als Louis hinunterblickte, sah er einen Reiter, der gerade angekommen war. Er war in einen dunklen Umhang mit Kapuze gekleidet und hatte einen Sack hinter sich auf dem Pferd liegen. „Sieh mal.“ Louis hielt Harry am Ärmel fest und gemeinsam sahen sie über die Brüstung hinunter auf den Hof. „Ich muss zum König.“ verlangte der Mann und deutete auf den Sack, den er vom Rücken des Pferdes gezogen hatte. Der Wachmann, ihm gegenüber nickte und führte den Mann die Freitreppe hinauf zum Thronsaal. „Los, wir beeilen uns besser. Wenn der Mann zu mir will, dann sollte ich da sein, wenn er eintrifft.“ Harry beschleunigte seine Schritte und sie betraten den großen Saal genau in dem Augenblick, als die Haupttür aufging und der Wachmann in Begleitung des Reiters eintraf. Alle Merry Men sahen auf und die Gespräche verstummten. Der Mann ging direkt auf Gwydion zu, der in seinen Augen wohl am vertrauenswürdigsten aussah. „Seid gegrüßt, mein Herr.“ sagte er und verneigte sich vor dem Zauberer. Seine Kapuze hatte er abgenommen und es zeigte sich nun, dass er dunkles Haar und einen intelligenten Blick hatte. „Mein Name ist Theobald. Ich bin Jäger und lebe in einem kleinen Dorf an der Nordgrenze.“ stellte er sich vor. „Ich grüße Euch, Theobald. Was führt Euch hierher?“ fragte Gwydion. „Ich muss den König sprechen.“ - „Hier. Ist er.“ der Zauberer deutete auf Harry, der schnell vortrat und sich neben Gwydion stellte. „Eure Majestät. Ich grüße Euch. Ich komme, weil ich eine beunruhigende Entdeckung im Weglosen Wald gemacht habe, über die Ihr informiert sein solltet. Es ist äußerst seltsam...“ Theobald bückte sich zu dem Sack, den er mitgebracht hatte und kippte ihn aus.

Mindestens 10 Krähen fielen heraus.

Und in jeder Einzelnen steckte ein Pfeil.    
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