Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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14. Silber für die Bauern

Der Morgen zog klar und kühl herauf und der Nebel war noch ein wenig mehr geworden. Das Pferd stand noch immer neben ihnen und Harry war eingeschlafen. Er lag neben Louis im Gras, das feucht vom Morgentau war und seine Augen waren geschlossen. Seine große Hand lag direkt neben Louis´ und er fragte sich, ob sie vielleicht heute Nacht einander festgehalten hatten. Louis setzte sich auf und sah sich um; sonderlich weit konnte er wegen des Nebels nicht sehen und es schauderte ihn, wenn er sich vorstellte, dass vielleicht in nächster Nähe Jemand stand, den sie nicht sehen konnten, weil der Nebel ihn verbarg. Louis dachte an die Irrlichter, die sie in der Nacht gesehen hatten und bekam ein wenig Angst. Noch immer war es dunkel und der Himmel über ihren Köpfen wolkenverhangen. Es sah nach Regen aus und danach, als würde die Sonne am heutigen Tag gar nicht erst aufgehen wollen. Louis glaubte sogar, einige verirrte Regentropfen auf der Haut zu spüren. Er hob den Arm und wischte sich mit der Hand übers Gesicht, wobei ihm ein stechender Schmerz in die Schulter fuhr und er ächzte. Offenbar hatte sich in der Nacht auf seiner Verletzung ein Wundschorf gebildet, den er gerade wieder aufgerissen hatte. „Oh verdammt...“ fluchte er leise und kniff die Lippen zusammen. „Louis, was ist los?“ Harry hatte die Augen aufgeschlagen und sah ihn müde an. „Bist du schon lange wach?“ - „Nein, gerade erst aufgewacht, wieso hast du gerade so gestöhnt?“ fragte er, setzte sich auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, um sie sich aus dem Gesicht zu schieben. „Ich habe nur gerade eine ungünstige Bewegung gemacht und die Wunde von gestern tat weh.“ Louis sah Harry an und biss sich kurz auf die Lippe. Er wollte eigentlich nicht zugeben, dass er sich fürchtete, trotzdem sagte er: „Wollen wir gehen. Ich finde es hier auf dem Moor mit all dem Nebel nicht sehr schön und würde mich im Wald sicherer fühlen.“ Harry nickte und stand auf.
Das Pferd hob den Kopf, als Louis von Harry auf die Beine gezogen wurde und sah sie mit aufgerichteten Ohren an. „Ich fühle mich hier auch nicht sonderlich sicher. Lass uns von hier verschwinden.“ Harry hob sein Bündel vom Boden auf, hängte sich den Köcher wieder über die Schulter und nahm den Bogen in die Hand. „Wie geht es deinem Bein?“ fragte er und als Louis nachdenklich das Gesicht verzog, nickte Harry nur verstehend, zog das Pferd zu sich. „Los, setz´ dich auf ihn, ich führe ihn und du schonst dein Bein.“ - „Willst du nicht mit mir auf seinen Rücken?“ fragte Louis und ließ sich von Harry auf das Tier heben. „Ich denke, es ist besser, wenn ich den Weg abtaste und das Pferd führe, oder willst du steckenbleiben?“ Natürlich wollte Louis das nicht und so nahm Harry die Zügel, drückte Louis seinen Bogen in die Hand und stocherte mit dem langen Stab vor sich im Gras herum, um stabile Stellen zu finden.
Das Pferd folgte ihm und so arbeiteten sie sich durch das Moor, bis sich vor ihnen wieder der Wald auftat. Louis wollte Anstalten machen, abzusteigen, denn jetzt, wie sie sich wieder im Wald befanden, war  das Risiko, dass man sie sah groß. „Was machst du denn? Ich sagte doch, du sollst dein Bein schonen.“ sagte Harry und wollte ihn davon abhalten, doch Louis rutschte trotzdem vom Pferd. „Und wie willst du unseren Besitz des Pferdes erklären? Es trägt noch das gute Zaumzeug des Hofes. Man wird sofort wissen, dass es nicht unseres Pferd sein kann und uns wegen Diebstahls hängen.“ Louis deutete auf das Leder, das dm Tier umgeschnallt war und Harry schien nun auch zu verstehen. „Gut, lass es uns abzäumen und wenn uns das Pferd auch ohne Zaumzeug folgt, dann behalten wir es.“ Kaum hatten sie jedoch die Verschlüsse gelöst, riss das Pferd den Kopf hoch und galoppierte davon. Offenbar froh darüber, von ihnen wegzukommen. Die Hufe trommelten über den weichen Untergrund und verhallten bald in der Ferne. Ein wenig enttäuscht sahen sie dem Pferd hinterher. Es wäre schon schön gewesen, einen Teil der Strecke nicht zu Fuß zurücklegen zu müssen, doch das schien ihnen nun verwehrt zu sein. Allerdings waren sie ohne Pferd viel wendiger, wenngleich auch nicht so schnell. Sie konnten zu Fuß quer durch das Unterholz gehen, steile Abhänge hinunterklettern und durch Flüsse waten. All das war mit einem Pferd nur schwer möglich.

Louis Bein schmerzte noch, deswegen gingen sie langsam durch den Wald. Immer wieder sah Harry sich um, als wolle er sich vergewissern, ihn nicht verloren zu haben. Jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, lächelte Louis und der Lockenkopf erwiderte es glücklich. Die Nacht auf dem Moor hatte etwas zwischen ihnen zerbrochen. Etwas, das sie bisher auf einer gewissen Distanz gehalten hatte. Jetzt, da sie einander einmal ganz nah gewesen waren, lag zwischen ihnen eine Vertrautheit, die Louis sich nicht erklären konnte.

Doch es war ein sehr angenehmes Gefühl.

Harry führte sie durch ein Wäldchen und sie gelangten wieder an einen schmalen Fluss, der sich zu einem kleinen Tümpel vergrößerte. Zu gerne hätte Louis sich einmal gewaschen, doch das Wetter war einfach zu kalt und außerdem sah das Wasser sehr trüb und schlammig aus. Sauber würde man davon sicherlich nicht werden. „Geht es noch mit deinem Bein?“ Harry hielt an und besah Louis mit einem besorgten Blick, weil er immer noch ein wenig hinkte. „Wir können im nächsten Dorf darum bitten, eine Nacht bleiben zu dürfen, bevor wir uns auf die Weiterreise machen, dann kannst du dich noch ein wenig erholen.“ schlug Harry vor und wartete, bis Louis bei ihm angekommen war, dann griff er nach seiner Hand, hielt sie fest und passte sich dann seiner Geschwindigkeit an.

Das nächste Dorf erreichten sie bei Dämmerung und in den kleinen Häuschen brannte bereits Licht. Einladend fiel das goldene Licht der Kaminfeuer auf den Staub der Straße und Louis hoffte, dass man sie über Nacht hier schlafen lassen würde. Noch immer war das Wetter feucht und heute würde er ungern im Freien übernachten. Sie klopften an der Holztür des ersten Hauses an und es öffnete sich eine kleine Klappe auf Augenhöhe. Ein Mann, von dem nur zwei blaue Augen und buschige, weiße Augenbrauen zu sehen waren, musterte sie. „Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier? Es ist sehr spät.“ fragte er mürrisch und es schien, als wären Besucher zu dieser Zeit gar nicht willkommen. „Ich komme, um Euch dabei zu helfen, die Steuern für den König begleichen zu können.“ raunte Harry und ließ dabei ganz zufällig die Münzen in seiner Tasche klimpern. Die Augen hinter dem Türchen wurden rund vor Staunen und man konnte hören, wie der Riegel kratzend zurückgeschoben wurde. „Kommt herein, mein Herr.“ Der Mann verneigte sich tief vor Harry und Louis folgte ihm rasch über die Türschwelle. Nachts auf offener Straße zu stehen, war nicht sonderlich klug. „Mein Begleiter ist verletzt.“ sagte Harry und deutete auf Louis. „Könnten wir wohl einen Stuhl bekommen?“ Eine Frau stellte Louis rasch einen einfachen Melkschemel hinter Louis.

Das Haus war klein und genauso eng, wie das in dem Louis gestern eine Schale Suppe gegessen hatte. Auch hier war die einzige Wärme- und Lichtquelle das Feuer, das in der gemauerten Feuerstelle glomm. Neugierig wurden Harry und Louis von den Anwesenden gemustert. Eine alte Frau saß auf einer Schlafstätte, während ein junger Mann am Tisch angelehnt stand und ihnen neugierige und misstrauische Blicke zuwarf. „Ihr sagt, Ihr könnt uns helfen?“ fragte der alte Mann, der ihnen die Tür geöffnet hatte und Harry nickte: „Ja, das ist richtig. Ich weiß, dass die Steuern bald fällig sind und die Ernten im letzten Jahr nicht gut waren.“ mit diesen Worten trat Harry an den Holztisch heran und legte dem alten Mann eine silberne Münze in die Hand. Keuchend sah er das Geld an und seine Knie gaben nach. „Herr, wie kommt Ihr dazu? Wir werden euch auf ewig dankbar sein. Wieso tut ihr das? Wie können wir uns erkenntlich zeigen?“ Harry zog den Mann wieder auf die Beine und sah ihn ernst an: „Den Menschen in diesem Land muss geholfen werden. Alles was ich verlange, ist Diskretion – Niemand darf erfahren, woher das Geld kommt. Ihr müsst Geheimhaltung wahren. Natürlich wären wir auch sehr dankbar dafür, wenn Ihr uns ein Nachtlager geben könntet.“ - „Alles, was ihr wollt...“ stammelte der Mann und in seinen alten, matten Augen glitzerten Tränen der Dankbarkeit. „Wollt Ihr noch eine warme Mahlzeit?“ fragte die Frau, die am Herd stand und füllte ihnen zwei Schalen mit etwas Suppe, noch bevor sie etwas auf die Frage hatten antworten können.

Während sie aßen, herrschte Schweigen. Offenbar wollte sie niemand stören. Stattdessen warf man ihnen ehrfürchtige Blicke zu. Louis glaubte in den Blicken viele Fragen zu lesen, schließlich kam es selten vor, dass Jemand mit einem Beutel Silbermünzen herumspazierte und das Geld an Bauern verteilte.

Nachdem sie ihre Schalen geleert hatten, stellte sich bei Louis mit einem Mal eine Müdigkeit ein, die so stark war und ihn so plötzlich ergriff, als hätte er einen Schlaftrank genommen. Die Frau bemerkte seine Schläfrigkeit und sagte: „Ihr könnt heute Nacht in der kleinen Scheune schlafen. Mein Mann kann Euch den Weg zeigen.“ Der junge Mann nickte, durchquerte den Raum und öffnete die Haustür. „Los, lass uns mitgehen.“ sagte Harry und sie verabschiedeten sich von den Bewohnern des Hauses, wobei ihnen noch viele Male gedankt wurde.

Draußen konnte man fast nichts mehr sehen. Nur die Häuser waren noch ein wenig schwärzer als die Dunkelheit und wirkten wie bedrohliche, große Schatten. Sie folgten dem Mann, der sie hinter das Häuschen an einen kleinen Holzschuppen führte. Die Bretter, aus denen er gebaut war, waren morsch und knarrten leise, während der leichte Wind durch die Spalten zwischen ihnen hindurchwehte. „Man kann die Tür nur von außen absperren. Ich lasse Euch morgen früh wieder heraus, seid Ihr damit einverstanden?“ Harry willigte ein, Louis jedoch hatte kein sonderlich gutes Gefühl dabei, in einem Schuppen eingesperrt zu werden. Allerdings wirkten die Bretter so morsch, dass man sie sicherlich mit einem gezielten Tritt zerbrechen konnte. Freikommen würden sie also in jedem Fall.

Sie betraten den Schuppen, in dem es nach Heu und Stroh roch. Es war nicht viel wärmer, als im Freien, doch wenigstens würde der Wind sie heute Nacht nicht belästigen. Louis streckte die Hand vor sich aus und versuchte sich in der Dunkelheit ein wenig zu orientieren. Er streifte den rauen Stoff von Harrys Umhang und stieß dann mit den Zehenspitzen gegen einen Haufen Stroh, das auf dem Boden lag. „Lass uns im Stroh schlafen, da haben wir es wenigstens warm.“ raunte der Lockenkopf neben ihm und Louis spürte eine Hand auf seiner Schulter, die ihn hinunterdrückte, bis seine Knie nachgaben. Gemeinsam krochen sie auf das Strohlager und gruben sich eine Mulde, in die sie sich hineinlegen konnten. „Wenn wir unsere Mäntel übereinander legen, dann könnte es warm genug werden.“ überlegte Harry und Louis zuckte zusammen, als sein Begleiter anfing nach dem Verschluss des Umhangs zu tasten. Unwillkürlich musste er an ihre Berührungen in der letzten Nacht denken und ihm wurde ganz warm. Vorsichtig zog Harry ihm den Umhang von den Schultern und breitete ihn über Louis aus, bevor er seinen eigenen ebenfalls abstreifte und darüberlegte. Endlich war es warm genug, dass Louis nicht mehr zitterte.
Der Wind rauschte durch die Blätter der Bäume, die um das kleine Dorf herum wuchsen und das Brausen schien stärker zu werden, je deutlicher er lauschte. Als dann auch noch das Prasseln von Regentropfen zu hören war, war Louis froh darüber, heute Nacht in einer Scheune schlafen zu können. Mochte sie auch noch so klein sein. „Ob das Pferd zum königlichen Hof zurückgelaufen ist?“ überlegte Harry laut und durchbrach somit die Sinfonie aus Regen und Wind, der Louis gelauscht hatte. „Wieso fragst du dich das?“ -“Naja, Pferde kommen doch immer zu ihrem Stall zurück und wenn die Soldaten das Pferd erkennen, werden sie bemerken, dass ihr Steuereintreiber verschwunden ist. Sicherlich senden sie Suchtrupps aus, wenn der Mann nicht zurückkommt.“ Harrys Worte ließen Louis erschaudern, denn er gestand sich ein, dass er mit dieser Überlegung recht haben könnte. Ob die Männer des Königs ein Verbrechen witterten? Was, wenn Soldaten den Wald durchkämmten und dabei zufällig auf das Versteck in der Eiche stießen?

   
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