Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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53. Schnee und Geschosse

Lady Taylor..
Harry sollte diese blonde Dame zur Frau nehmen? Louis schluckte und biss sich auf die Lippe. Da war es also: das Unvermeidliche. Das, wovor er sich seit einiger Zeit fürchtete, schien nun einzutreten. Harry war stehengeblieben und sah Gwydion an, dann flüsterte er ungläubig: „Das ist Erpressung...König James weiß genau, dass ich eigentlich keine andere Wahl habe, als auf seine Forderung einzugehen.“ - „Ja, das ist Erpressung. Aber so wird es immer sein. Niemand in dieser Welt tut einem anderen Menschen einfach so einen Gefallen. Zumindest nicht unter den Mächtigen.“ antwortete Gwydion und er musste nicht mal laut sprechen, denn im Thronsaal waren alle verstummt. Louis blickte in die Gesichter der Merry Men und konnte dort Mitleid und Angst lesen. Viele wussten, wie nahe sich Louis und Harry standen und schienen zu ahnen, wie sehr diese Erpressung sie beide traf. Harry fuhr sich mit den Händen durch die Haare und wandte allen den Rücken zu, um in die Flammen zu starren. „Lassen wir ihn mal allein.“ wisperte Draca und machte leise einige Schritte zurück. Nach und nach folgten ihm die anderen und zogen sich in eine Ecke zurück, um Harry das Gefühl zu geben, in Ruhe gelassen zu werden. Gwydion und Louis waren die letzten, die noch am Kamin standen. „Lass es dir durch den Kopf gehen. Diese Entscheidung kann den Untergang der Grafschaft bedeuten….“ - „Ja, wenn ein Weib hier einzieht, geht die Grafschaft unter...“ knurrte Harry, ohne den Zauberer anzusehen. Gwydion seufzte nur und wandte sich dann ebenfalls ab. Louis war nun der Letzte und blickte mit Tränen in den Augen auf Harrys Hinterkopf. Wollte er ihn überhaupt jetzt gerade sehen, oder sollte er sich auch lieber zurückziehen? Testweise machte er einen Schritt zurück und sofort streckte Harry eine Hand nach hinten aus: „Bleib, Louis.“ bat er und seine Finger streiften Louis Handrücken. Er umfasste Harrys Hand vorsichtig und schlang ihm von hinten die Arme um den Körper. „Verlass mich nicht.“ brachte er hervor, obwohl er wusste, dass er ihm dafür eigentlich keinen Vorwurf machen durfte. Schließlich wurde Harry von König James vor die Wahl gestellt und handelte nicht aus eigenen Stücken. Der Lockenkopf griff Louis Hand, drückte sie sich an die Brust und hauchte ihm einen Kuss auf die Fingerknöchel und verharrte dann in dieser Position. Sein Atem streifte Louis Haut und er drückte sein Gesicht zwischen Harrys Schulterblätter. „Ich werde dich nicht verlassen….aber ich kann auch die Grafschaft nicht riskieren. Das ist eine verdammte Zwickmühle und ich bin gerade völlig ratlos.“ Seine tiefe Stimme brummte angenehm in Louis Ohr, das er gegen Harrys Rücken gedrückt hatte. „Versprichst du mir etwas, Lou?“ - „Was denn?“ - „Sag erst, dass du es mir versprichst.“ - „Aber ich kann doch nicht, ohne es zu wissen...gut. Ich verspreche es dir.“ Unsicher schloss er die Augen und konnte Harrys Herz hören, das genauso schnell schlug, wie sein eigenes. „Wenn ich mich für diese Frau entscheide, dann musst du mir glauben, dass ich nur dich liebe und es immer tun werde. Diese Ehe wird nichts sein, was mein Herz berührt. Sollte ich mich dazu entscheiden, dann nur, um die Grafschaft zu verteidigen. Du darfst mir das nicht vorhalten.“ Einen Moment schwiegen sie und Louis Gedanken kreisten: Was erwartete Harry da von ihm? Er würde sicherlich eifersüchtig auf diese Frau sein, sollte sie die Gemahlin des Mannes werden, den er liebte. „Harry, du erwartest da etwas Großes von mir.“ fing er an und sofort ließ dieser seine Hand los. „Glaubst du, für mich ist das eine leichte Entscheidung? Sie würde mir aber leichter fallen, wenn ich wüsste, dass du treu zu mir stehst.“ Die Bitterkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören und er machte einen halben Schritt von Louis weg. Sofort beschlich ihn das Gefühl, abgelehnt worden zu sein und er streckte die Hand wieder nach ihm aus. „Aber, versuch doch auch, mich zu verstehen. Wie würdest du dich fühlen, wenn du wüsstest, dass ich eine Frau heirate? Dass ich mir ihr das Bett teile?“ - „Ach was, davon habe ich nie gesprochen. Sie wird ihre eigenen Gemächer bekommen und in ihrem Bett schlafen. In meine Kammer kommt keine Frau.“ widersprach Harry und es klang so absurd, dass Louis tatsächlich kurz auflachte. „Und du denkst, sie wird das mit sich machen lassen?“ - „Ich würde ihr Mann sein. Sie hat zu tun, was ich von ihr verlange. Und wenn es die Nutzung des eigenen Bettes ist, wird sie sich daran zu halten haben.“ Harry ließ sich vor dem Kamin auf den Boden sinken, zog die langen Beine an die Brust und umschlang sie mit den Armen. So saß er da, blickte in die Flammen und schwieg, während Louis in einigem Abstand zu ihm stehenblieb und sich schlecht fühlte, weil er ihm nicht das Versprechen gegeben hatte um das er ihn bat. „Ich dachte, du liebst mich.“ nuschelte der König und Louis seufzte: „Jetzt versuchst du mich wirklich mit Mitleid um den Finger zu wickeln?“ - „Ich versuche dich lediglich von meiner Ehrlichkeit zu überzeugen. Ich hatte gedacht, du wüsstest, dass ich das, was ich sage, ernst meine. Und wenn ich sage, dass ich nur eine Ehe eingehen würde, um mein Land zu schützen, wäre dir das Beweis genug dafür, dass ich dich liebe.“ Louis seufzte „Das weiß ich doch, aber es ist schwer für mich das zu akzeptieren.“ gab er zu und legte Harry die Hand auf die Schulter. „Ich muss über meine Entscheidung in Ruhe nachdenken. Würdest du mich allein lassen?“ fragte Harry. Louis nickte knapp und zog die Hand zurück. Er sollte traurig sein, was diese Entwicklung anging, doch stattdessen spürte er eine heftige Wut in sich aufsteigen. Um zu verhindern, dass er Harry noch weiter ein schlechtes Gewissen machte, drehte er sich auf dem Absatz um und stürmte regelrecht aus dem Thronsaal. Ohne so recht zu wissen, was er tat, ging Louis zurück in die Kammer, die er (noch) mit Harry teilte. Dort warf sich warme Kleidung über und stampfte dann über den Hof zu dem Durchgang, der ihn hinunter zu der Wiese führte, wo Zayn und Cuthbert die neuen Soldaten unterrichteten.

„Kann ich mitmachen?“ fragte er, als er auf der Wiese ankam und an Zayn und Cuthbert herantrat, die vor den neuen Soldaten standen. Louis gab sich alle Mühe möglichst normal zu wirken, denn die Beiden wusste noch nichts von der Nachricht, die per Krähe angekommen war. Sie sollten nicht bemerken, dass er innerlich ganz unruhig und aufgewühlt war. „Ja, du kannst gerne mitmachen. Wir üben gleich den Zweikampf mit Schwert. Thomas hier, hat noch keinen Partner.“ Zayn wies auf einen jungen Mann, mit halblangen blonden Haaren und stellte sie einander vor. „Bist du auch neu hier?“ erkundigte sich Thomas, nachdem sie einander die Hand gegeben hatten. „Nein, ich gehöre zu den Freunden des Königs.“ antwortete Louis. Wie seltsam es sich anfühlte, Harry nur als „der König“ zu bezeichnen. Als er diese Worte gehört hatte, wurde Thomas Blick sofort von tiefem Respekt erfüllt und er sagte: „Oh, dann muss ich mich jetzt wohl besonders anstrengen. Wenn alle Freunde des Königs so gute Kämpfer sind, wie Zayn und Cuthbert, wirst du mich schnell besiegt haben. Louis bezweifelte das zwar, denn er war nicht so gut wie Zayn, doch er hatte trotzdem nicht vor, sich von Thomas besiegen zu lassen. Er nahm sich ein Schwert aus Holz aus einer Kiste und stellte sich in Position. Sie taxierten einander und als der Rekrut keine Anstalten machte, anzugreifen, tat es Louis selbst. Die ganze Wut über König James, Lady Taylor und dieser erpressten Ehe, verlieh Louis ungeahnte Kräfte und er war schneller und besser als jemals zuvor. Flink und wendig sprang er um den Rekruten herum und es dauerte nicht lange, bis er seinen Gegner entwaffnet hatte.  
Zayn und Cuthbert machten große Augen und ihnen schien schon die Frage auf der Zunge zu liegen, wieso Louis heute so kraftvoll – ja fast schon wütend – kämpfte, doch sie entschieden sich rasch dagegen. Louis hatte ihren Blick natürlich gespürt, doch er gab ihnen zu verstehen, dass er jetzt nicht bereit war, darüber zu sprechen.
Der Rekrut Thomas sammelte schwer atmend sein Schwert wieder ein und schüttelte ungläubig den Kopf: offenbar hatte er nicht damit gerechnet, so schnell besiegt zu werden. „Ich muss noch eine Menge lernen.“ murmelte er ziemlich geknickt und mehr zu sich selbst. „Thomas, du darfst gerne auch gegen mich kämpfen. Ich lasse dich auch gewinnen.“ bot Zayn an und sagte  zu Louis: „Gut gemacht, aber ich glaube, du übst dich lieber noch ein wenig im Bogenschießen. Wenn du mir jetzt alle Jungs so auseinander nimmst, werfen sie womöglich noch alles hin – und das sollte vermieden werden.“ Er reichte ihm einen Langbogen, samt Köcher und flüsterte: „Was ist passiert? Wieso bist du so wütend?“- „Das wirst heute noch erfahren. Frag einfach Harry.“ antwortete Louis ein wenig patzig und nahm die Waffe entgegen.
Er hängte sich den Köcher an den Gürtel und sah sich nach einer Zielscheibe um.  Nirgendwo war eine zu entdecken und Louis überlegte gerade, ob er einfach einen Baum beschießen sollte, als der Schnee hinter ihm knirschende Schritte ankündigte. Sein Herz schlug nervös: ob es Harry war, der ihm mitteilen wollte, dass er sich gegen eine Hochzeit entschieden hatte? Langsam wandte er sich um.
Leofwine kam durch den Schnee auf ihn zugestiefelt. Louis war enttäuscht. „Ich dachte, ich sehe mal nach dir.“ sagte der Merry Men und lächelte Louis tröstend an. „Ich habe natürlich mitbekommen, wie sehr dich und Harry diese Nachricht getroffen hat. Was treibst du hier?“ Fragend deutete er auf Pfeil und Bogen. „Ich reagiere mich ab...aber es gibt keine Zielscheiben….“ - „Wenn du möchtest, kannst du auf Schneebälle schießen. Ich werfe sie dir gerne.“

Und so verschaffte Leofwine Louis eine gute Ablenkung. Er formte feste Schneebälle mit den Händen und warf sie mit viel Kraft in den Himmel. Anfangs tat er sich noch schwer, die fliegenden Ziele zu treffen, da es langsam dämmerte, doch wenn er die Augen zusammenkniff, ging es. Mit jedem Schuss wurde er schneller und irgendwie schien es, als hätte jeder Schneeball, den er traf Lady Taylors Gesicht. Die Genugtuung, die er dabei empfand, tat äußerst gut und seine Wut ebbte irgendwann ab. Nach einiger Zeit waren Leofines Finger schon ganz steif vor Kälte, doch er bat nicht darum eine Pause zu machen, sondern formte einen Schneeball nach dem Anderen für Louis. Erst, als keine Pfeile mehr im Köcher waren, hörten sie auf. Sofort hauchte sich Leofwine in die kalten Hände und sah Louis fragend an: „Geht es dir besser?“ - „Ja, ein bisschen. Danke, dass du mich abgelenkt hast.“ schnaufte Louis und sah sich um. Zayn und Cuthbert waren mit den Rekruten zurück in die Burg gegangen und sie waren allein auf der schneebedeckten Wiese. Dort, wo sie gestanden hatten, war der Schnee plattgetreten und zerwühlt. „Wenn wir uns beeilen, können wir die Pfeile noch einsammeln. Weit können sie nicht geflogen sein, du hast ja mehr in die Höhe geschossen.“ meinte Leofwine und sie gingen rasch in verschiedene Richtungen davon, um im Schnee nach den verschossenen Pfeilen zu suchen. Mittlerweile war die Sonne untergegangen und es war sofort dunkel, wie es im Winter immer der Fall war. Glücklicherweise stand der Mond am Himmel und der Schnee schimmerte bläulich und Louis konnte ein wenig mehr sehen. Suchend ließ er die Augen über die glatte Oberfläche gleiten, doch nirgendwo war ein langer, schmaler Abdruck eines Pfeils zu sehen. Hatte er wirklich so weit geschossen. „Hast du schon was gefunden!?“ rief er über die Schulter und bekam ein „Nein“ zurück. Louis bewegte sich immer näher auf den Waldrand zu, der auf dieser Seite der Burg recht nahe an der Mauer begann. Schwarz und hochgewachsen, ragten die Bäume in den dunkeln Himmel hinauf und rauschten beruhigend. Louis blieb stehen und genoss den Anblick der Natur vor seinen Augen. Im Unterholz in seiner Nähe knackten einige Äste und Louis machte alarmiert einen Schritt zurück. Er wollte nicht von einem wilden Eber umgerannt werden. Es knackte nochmal und plötzlich schoss ein Pfeil aus der Dunkelheit in seine Richtung und verfehlte ihn um einige Fußbreiten. Erschrocken duckte sich Louis und flüchtete durch den Schnee zurück. Er sah nicht über die Schulter, doch sein Herz klopfte wie wild. Jeden Moment könnte ihn ein Pfeil treffen. Im Laufen fand er endlich einen Pfeil im Schnee, spannte ihn in den Bogen und schoss in Richtung Waldrand. Ob er den oder diejenigen getroffen hatte, die dort lauerten, wusste er nicht, denn  es war viel wichtiger, dass er schnell wieder hinter die sicheren Mauern der Burg kam. „Louis! Was ist los, wieso rennst du so?“ fragte Leofwine, als er ihn erreicht hatte. Louis antwortete nicht, sondern zog ihn nur rasch am Arm hinter sich her. Sie gelangten über die Zugbrücke sicher wieder in den Burghof, der von Fackeln erleuchtet war. „Was ist los?“ wiederholte Leofwine und Louis blieb schwer atmend stehen. Mit den Händen auf die Knie gestützt, schnappte er nach Luft, dann sagte er: „Am Waldrand hat Jemand auf mich geschossen.“    
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