Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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35. Ruhe in der Kapelle

  Louis blieb eine ganze Weile in der Kammer liegen. Zurück in den Thronsaal wollte er erstmal nicht, denn Harry schien einiges besprechen zu müssen und er wollte ihn nicht ablenken.  Auf den Hof wollte er auch nicht, denn dort war es zugig und er würde den Bediensteten und den Lieferanten sicherlich nur im Weg stehen. Doch nach einer Weile war ihm fade und er beschloss, doch einmal eine Runde durch die Burg zu gehen, rappelte sich also auf und verließ die kleine Kammer wieder. Über einen schmalen Treppenabgang, der so finster war, dass er fast nichts mehr sehen konnte, gelangte er zu einem Durchgang, der einmal um den Burghof führte. Mit einer Hand auf dem Holzgeländer ging er langsam den Durchgang entlang und sah hinunter auf das Treiben im Hof. Ein Kaufmann lud Körbe ab, die ziemlich schwer zu sein schienen, schleppte sie über den Hof und gab sie an zwei junge Burschen, die damit in einem niedrigen Tor verschwanden. Sicherlich die Vorratskammer. Bei diesem Gedanken hob Louis seine rechte Hand und betrachtete die Lederschiene, die er von Ed bekommen hatte und seltsamerweise empfand er keinerlei Groll gegen den Kerkermeister von Jonathan, wie er es eigentlich hätte sollen. Nein, er war froh, dass ihm das passiert war, denn er hätte niemals Liam getroffen, nie von der Legende gehört und sich sicherlich nie allein auf den Weg in den Wald gemacht. Nie wäre er Harry begegnet.
Er hielt inne und fragte sich, wie sein Leben wohl verlaufen wäre. Vielleicht hätte er ja irgendwann wirklich eine Arbeit finden können um in der Nacht einen Schlafplatz zu haben. Vielleicht wäre er aber auch bettelnd auf den Straßen der Dörfer und den Märkten der kleinen Städtchen geendet. Ein müdes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und er zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Nein, wenn er alles so von Außen betrachtete, dann war er glücklich und dankbar dafür, dass es so gekommen war, auch wenn er mit einem verkrüppelten Daumen würde leben müssen. Doch er wäre sogar bereit, seine Hand abzuhacken, wenn er nur bei Harry bleiben dürfte. Unglaublich, wie viel Platz der Kronprinz, der König, der Junge des Waldes, oder wie auch immer man Harry nennen mochte, in seinem Herzen eingenommen hatte. Wieder warf er einen Blick nach unten und sah Lady Taylor gemeinsam mit der jungen Dame Eleanor über den Hof gehen. In gewissem Abstand folgte ihnen ein junger Mann, der die Kleidung eines Bediensteten trug und den Blick wachsam auf die beiden Damen gerichtet hielt, als wäre er ihr Beschützer. Sie schlugen den Weg zu den Ställen ein und verschwanden hinter einer massiven Holztür. Louis ging weiter durch den Rundgang und fand am Ende eine steile Steintreppe, die in eine kleine Kapelle führte.
Hier drin war es kühl und ein wenig feucht. Die schmalen Holzbänke waren glänzend, vermutlich wurden sie häufig gebraucht und durch die vielen Menschen, die sich täglich darauf niederließen poliert. Louis war noch nicht oft in einer Kirche gewesen. In den Dörfern gab es meist keine und wenn doch, dann waren sie nicht so prächtig, wie diese Kapelle hier. Andächtig trat er hinein und ging langsam den Mittelgang entlang, bis er die erste Bankreihe erreicht hatte. Der Altar, der vor ihm aufragte war aus hellem Stein und ziemlich schlicht gehalten. Allerdings war er von einem Steinmetz bearbeitet und mit Symbolen verziert worden, die sich anmutig über die Oberfläche schlangen. Auf dem Altar lag ein schmales Stück Stoff auf dem ein bronzenes Kreuz aufgestellt war. Es schien sehr schwer zu sein, denn es hatte sich bereits in den Stoff gedrückt. Louis ließ sich auf die erste Bank sinken und sah nach vorne. Die Sonne schien durch ein hohes, schmales Fenster, das sich seitlich in der Kapelle befand und der Lichtstrahl fiel genau auf das Bronzekreuz. Es sah schön aus und Louis versank einen Moment in diesem Anblick. Sein Blick wanderte auf die großen Steinplatten, die den Mittelgang zu seiner rechten bildeten. Erst jetzt bemerkte er, dass Buchstaben darauf geschrieben waren und der Anordnung nach zu folgen, handelte es sich um Grabplatten. Ob sich hier das Familiengrab der Adelsfamilie befand? Wenn Louis hätte lesen können, hätte er das mit einem Blick herausfinden können, doch so konnte er nur mutmaßen. Gerade überlegte er, wie viele Könige wohl unter seinen Füßen ihre letzte Ruhe gefunden hatten, als Schritte zu hören waren und er den Kopf hob. Harry trat durch die schmale Tür und ging mit langsamen Schritten über den Mittelgang. Sein Blick schien unergründlich und er bemerkte Louis nicht sofort, doch als er es getan hatte, lächelte er und machte zwei schnelle Schritte auf ihn zu, schob sich neben ihn auf die Bank und schloss ihn in die Arme. „Geht es dir gut?“ fragte er und strich ihm über die Nase. „Ja, schon...du willst dein Schicksal annehmen?“ fragte Louis und sprach damit ihre Begegnung heute im Thronsaal an. „Ja. Ich hab das Gefühl, dass ich nicht anders kann.“ sagte Harry leise und trotzdem hallte seine Stimme in der Kapelle wider. „Wenn ich einfach so täte, als wüsste ich nichts von meiner Bestimmung, dann würde ich das Volk verraten...ich kann nicht so tun, als sei nichts gewesen und einfach weiterleben wie bisher. Wenigstens sollte ich es versuchen...“ - „Aber du könntest bei dem Versuch ums Leben kommen.“ Louis Stimme zitterte und er versuchte nicht in Tränen auszubrechen, denn er war sich sicher, dass es das Letzte war, was Harry gerade brauchte. „Vielleicht kann das passieren...aber ich könnte auch nicht leben, wenn ich es nie versuchen würde. Ich muss es einfach wagen. Und wir haben ja auch noch Gwydion, die Merry Men und Niall auf unserer Seite. Er hat versprochen, uns mit Waffen und seinen Männern zur Seite zu stehen. Und sollte ich ums Leben kommen, dann wird er in meinem Sinne den Thron einnehmen und die Reiche zusammenlegen.“ erklärte Harry. Das war also der Plan gewesen, den sie heute Morgen besprochen hatten. „Das klingt schon ein wenig besser.“ gab Louis zu und tatsächlich machte ihm der Gedanke nicht mehr ganz so viel Angst, wenn er daran dachte, dass Niall ihnen beistehen würde. Doch tat er das einfach so, oder wollte er eine Gegenleistung dafür haben? „Was fordert er dafür ein, dass er dir hilft?“ wagte er es zu fragen und Harry lächelte: „Geschäftliche Beziehungen zwischen unseren Reichen und Beistand im Kampf. Das ist keineswegs schlimm. Ich denke, dass es immer gut ist, einen Verbündeten zu haben. Sollte alles funktionieren, dann werde ich sicherlich viel Rat und Beistand brauchen und dankbar für Prinz Niall, Prinz Bob und König James sein. Darum habe ich dieser Vereinbarung zugestimmt.“ Louis nickte und wollte etwas sagen, doch Harry hatte ihm einen Finger auf die Lippen gelegt und ihm einen Kuss gegeben. Hier in der Kapelle waren sie allein und geschützt, weswegen Louis keine Bedenken hatte, den Kuss zu erwidern.
„Prinz Niall will sich heute schon mit uns auf den Rückweg machen. Wir müssen uns mit den Anderen besprechen. Sie müssen wissen, wie wir vorgehen wollen.“ brummte Harry, nachdem sie sich wieder voneinander gelöst hatten. „Schon? Ich hätte gerne noch ein wenig die Vorteile dieser Burg genutzt.“ grinste Louis und Harry sah ihn verwundert an: „Wirklich? Also ich muss sagen, dass ich meine Holzplattform in luftigen Höhen, dem Schlafen in einer zugigen, muffigen Kammer vorziehe.“ gab Harry zu, umarmte Louis kurz und flüsterte dann: „Danke, dass du gestern für mich da warst, als ich es gebraucht habe.“ - „Immer. Ich bin immer für dich da.“

Gegen Mittag hatte Prinz Niall sein Pferd mit Nahrung für die Reise beladen und eine handvoll seiner Männer befohlen, sie zu begleiten. Sie verzichteten auf Pferde, denn es würde schon schwer genug sein, etwa 15 Mann im Wald zu verbergen. Pferde auch noch verstecken zu müssen, würde es nur noch schwerer machen, weshalb sie darauf verzichteten und zu Fuß gingen. Alle Soldaten trugen ihre Waffen bei sich, waren aber ansonsten genau wie Harry und Louis in Grün und Braun gekleidet, trugen Umhänge mit Kapuzen und Stiefel. Auf Brustpanzer hatten sie ebenfalls verzichtet, denn das würde die lange Wanderung nur erschweren. Die Kleidung, die ihnen der Hof geliehen hatte, hatten sie zurückgegeben und Harry und Louis trugen wieder ihre gewohnte Gewandung. Köcher und Bogen hatten sie sich ebenfalls umgeschnallt und waren zum Aufbruch bereit, als auch der Prinz auf den Hof kam. Begleitet wurde er von seinem Vater, sowie den Hofdamen. „Ich wünsche Euch eine gute Reise und möget Ihr alle heil ankommen.“ sagte Prinz Bob, nickte seinem Sohn zu und tat dies auch bei Harry und Louis. „Alles Gute, Harry.“ sagte Lady Taylor und streckte die Hand aus, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als sie zu nehmen und sich mit einem Handkuss bei ihr zu verabschieden. „Möge es ein Wiedersehen geben.“ sagte sie bedeutungsschwer und fixierte Harry mit ihren strahlenden Augen. Louis musste woanders hinsehen und blickte stattdessen zu Lady Eleanor, die neben der hochgewachsenen Taylor stand und den Blick gesenkt hatte. Ihr Haar hatte genau denselben Braunton, wie Harrys, fiel Louis auf und er dachte, dass er sie sicherlich ansprechend finden könnte, wenn sein Herz nicht bereits vergeben gewesen wäre. Nachdem sich Harry von der blonden Frau verabschiedet hatte, machte er ein paar Schritte zurück und stand wieder zwischen Louis und dem Pferd, das ungeduldig schnaubte und mit den Hufen scharrte.
„Lasst uns losgehen!“ rief der Prinz und alle setzten sich in Bewegung, verließen den Burghof, gingen über die Zugbrücke und nahmen dann den gewundenen Weg, der sie vom Berg hinunter in den Wald führte.

Alle hatten nur das Nötigste dabei. Sie würden unterwegs Wild erlegen, denn das würde mit Sicherheit für alle Soldaten, sowie für Harry, Louis und den Prinzen reichen. So sparten sie Gepäck und kamen schneller voran.
Es ging durch den Wald und sie konnten sich bei Weitem nicht so leise bewegen, wie sie es beim Hinweg getan hatten. Doch es war nicht schlimm, denn wer, außer der König könnte sich an ihnen stören? Und da dieser wusste, dass sie unterwegs waren, konnte die Gruppe so laut durch den Wald pflügen, wie sie wollte. Sie zogen eine Schneise aus umgeknickten Zweigen und zertretenen Sträuchern hinter sich her und wenn man sie verfolgen würde, wäre das sicherlich ein Leichtes gewesen. Der Waldboden unter ihren Füßen war weich, das Gras federte und bei jedem Schritt sank man ein wenig ein, doch entgegen aller Vermutung, machten diese Umstände das Gehen leichter und angenehmer, als wenn sie auf festgetretener Erde gehen würden. Die Soldaten von Prinz Niall waren nicht sonderlich gesprächig, vielleicht wagten sie es aber auch nicht, in Gegenwart ihres Prinzen eine Unterhaltung zu führen. Sie machten erst Rast, als es anfing zu regnen und dicke, schwere Tropfen auf sie hinunterfielen. Erst dann suchten sie sich einen Unterschlupf für die Nacht. Manche setzten sich unter einen Baum, andere bogen Äste und Zweige so zurecht, dass sich darunter schlafen ließ. Harry und Louis fanden eine dicke Eiche, die sie erklommen und sich gleich am Anfang der Baumkrone auf einigen dicken Ästen ausstreckten. Sie lagen auf dem Bauch, ließen die Arme und die Beine baumeln und zu Louis Erstaunen, war es tatsächlich ganz bequem, wenngleich er nicht glaubte, heute Nacht sonderlich gut schlafen zu können, aber besser, als auf dem Boden zu liege und von Wildschweinen zertrampelt zu werden, die in der Nacht hier vorbeikamen, war es allemal.  Die Regenwolken am Himmel hatten den Tag vorzeitig beendet und es war dunkler, als gewöhnlich. Sie konnten kaum noch etwas sehen. „Schlaf gut, Louis...“ flüsterte Harry ihm zu, streckte den Arm aus und nahm kurz seine Hand, um sie zu drücken, dann ließ er ihn wieder los und schloss die Augen.

     
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