Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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29. Regen

Louis war erst in den frühen Morgenstunden eingenickt und dabei immer tiefer an der Felswand heruntergerutscht. Das Feuer war fast aus, aber die Glut strahlte noch genug Wärme ab, sodass es angenehm war. Im Schlaf vergaß Louis für einen Moment die Sorgen, die sich in sein Herz genistet hatten und schlief traumlos. Erst als Harry mit einem Keuchen hochfuhr und ihm dabei versehentlich den Ellbogen gegen die Brust schlug, wurde Louis recht unsanft wieder geweckt. Er öffnete die Augen auf und rieb sich die Brust, während Harry neben ihm saß und versuchte, seinen Atem wieder zu beruhigen. Um sie her war es dämmrig, der Tag schien gerade erst angebrochen zu sein. Das Feuer war erloschen und der Rauch malte kleine Kringel in die kühle Morgenluft, die in die Höhe stiegen und sich dann mit dem Morgennebel vermischten. Verwirrt, weil er so plötzlich geweckt worden war, sah Louis sich um und als er Harry erkannte, der sich müde mit den Händen übers Gesicht fuhr und noch immer besorgt aussah, fühlte er sich wieder bedrückt und voller Sorge. „Harry...wie geht es dir heute?“ fragte er und sah ihn an. Der Lockenkopf zuckte mit den Schultern und seufzte schwer, bevor er murmelte: „Nicht viel besser, als gestern, wenn ich ehrlich sein soll...aber der Gedanke haut mich nicht mehr ganz so sehr um.“ murmelte er mit noch rauer Stimme. Als er sah, wie Louis sich die Brust rieb, weiteten sich seine Augen erschrocken: „Oh Louis, war ich das?“ fragte er besorgt und umarmte ihn schnell. „Ist nicht schlimm...du bist gerade wichtiger...“ Harry schüttelte den Kopf: „Das ist kein Grund für dich, dich zurück zu nehmen. Danke, dass du dich gestern auf die Suche nach mir gemacht hast. Ich war wirklich froh, dass du es warst, der hier aufgetaucht ist. Außer dir hätte ich Niemanden sehen wollen.“ sagte Harry, rückte noch näher an Louis heran und umschloss sein Gesicht mit beiden Händen. „Ich bin dir so dankbar für alles...weißt du das eigentlich?“ Noch bevor Louis antworten konnte, hatte Harry ihm seine Lippen auf den Mund gepresst und ihn auf seinen Schoß gezogen. Der Kuss war verzweifelt und gleichzeitig voller Dankbarkeit von Harry. Sie trugen noch immer ihre Umhänge, die sie einhüllten, wie ein wärmender Kokon. Louis schmiegte sich an Harrys Körper, erwiderte den Kuss und versuchte nicht daran zu denken, dass ihre gemeinsamen Tage gezählt waren, sollte Harry sich dazu entscheiden, es mit Jonathan aufnehmen zu wollen. Der Lockenkopf griff in Louis Haar und drückte ihn noch ein wenig enger an sich heran. „Ich hab Angst um dich.“ gestand er, brach den Kuss ab und sah Harry in die Augen, die sofort wieder in Tränen schwammen. „Ich auch...ich weiß nicht was ich machen soll...ich will euch nicht in Gefahr bringen, aber ich weiß, dass ich es ohne dich und die anderen niemals schaffen würde, mir mein Recht zu erkämpfen. Wenn ich es überhaupt will...vielleicht ist es besser, alles bleibt so, wie es bisher war.“ Atemlos küsste er Louis wieder, während ihm die salzigen, heißen Tränen über die Wangen strömten. „Dann bringe ich euch wenigstens nicht in Gefahr.“ wimmerte Harry, öffnete dann die Lippen und stupste sanft mit seiner Zunge gegen Louis´. Es war ein ungewohntes und ganz neues Gefühl, doch er zuckte nicht zurück, sondern vertiefte den Kuss noch. Die Nähe, die sie einander gaben, vermittelte ihnen das Gefühl von Sicherheit und alles, was sie belastete, wurde verbannt und hatte – zumindest in diesem Moment – keinen Platz in ihren Köpfen. Da waren nur sie beide, die sich Nähe und Kraft gaben und füreinander so wichtig geworden waren, dass der Gedanke, sich trennen zu müssen, ihnen beinahe körperliche Schmerzen bereitete. „Aber, so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben….die Menschen leiden, Harry...“ versuchte Louis auf Harry einzureden, der nickte und seine Lippen sofort wieder mit einem warmen Kuss verschloss. Natürlich wollte er jetzt nichts davon hören, das war Louis klar und er konnte es verstehen, weshalb er beschloss, Harry erst einmal nicht mehr darauf anzusprechen und ließ sich von ihm wieder in einen Kuss verwickeln. „Ich will jetzt einfach erstmal vergessen, was passiert ist...einfach vergessen.“ hauchte Harry und küsste Louis hastig, als wollte er sich selbst schnell ablenken, sah ihm in die Augen und seufzte schwermütig. Langsam hob er die Hand und strich über Louis Wange und sah ihn an, ohne etwas zu sagen. Louis lehnte sich zurück und runzelte die Stirn. „Was ist?“ - „Ich kann nicht glauben, dass du mir gestern durch den Wald gefolgt bist und dass du da bist und mir beistehst. Das ist mehr, als ich je von dir hätte verlangen können.“- „Natürlich stehe ich dir bei, Harry. Aber das machen die Anderen auch. Ich bin mir sicher, dass sie alle an deiner Seite sind, solltest du dich entscheiden, deinen Platz einnehmen zu wollen. Du musst keine Angst haben. Alle werden dich bedingungslos unterstützen und stehen hinter dir. Und wir haben ja auch noch Niall.“ sagte Louis und hoffte, Harry so ein wenig Mut gemacht zu haben, obwohl er eigentlich das Thema nicht hatte ansprechen wollen. Seine Worte waren nicht umsonst gewesen, denn der Lockenkopf lächelte ihn schwach und ein wenig müde an, dann nickte er langsam. „Ja, sie stehen mir sicherlich zur Seite...“ Harry seufzte und lehnte sich an die Felswand, dann fuhr er fort: „Aber ich muss zuerst mit Niall zu seinem Vater. Ich muss dieses Gemälde von Prinz Edward mit eigenen Augen sehen, bevor ich wirklich glauben kann, dass ich der Prinz sein soll.“ Mit einem Mal wirkte Harry nicht mehr ganz so ängstlich, sondern es schien, als hätte er ein wenig Mut geschöpft. Er holte tief Luft und erhob sich, dann sagte er: „Wir sollten uns auf dem Weg zurück machen...ich muss jetzt dieses Gemälde sehen.“ Ein wenig verwirrt von Harrys plötzlicher Entscheidung, erhob sich Louis und suchte seinen Köcher, sowie Pfeil und Bogen zusammen und sah Harry dann an, der das Pferd des Prinzen von einem Baum losgebunden hatte und mit dem Tier zu ihm zurückkam. „Wenn wir reiten sind wir schnell wieder da und dann will ich mich sofort mit Prinz Niall auf den Weg machen.“ sagte Harry und hielt neben Louis an. „Darf ich mitkommen? Ich will nicht, dass du wieder allein losziehst und du hast gesagt, wenn ich mit Pfeil und Bogen umgehen kann, dann nimmst du mich mit.“ sagte Louis und sah Harry bittend an. Der machte kurz ein Gesicht, als wollte er nicht, dass Louis ihn begleitete, doch dann sagte er: „Du würdest mir vermutlich sowieso folgen, oder? Also bleibt mir nichts anderes übrig, als dich mitzunehmen.“ Und zum ersten Mal seit Stunden brachte er ein Lächeln zustande. Vielleicht hatte sich der Gedanke, dass er König sein könnte ein wenig gesetzt und machte ihm nicht mehr ganz so viel Angst. „Kannst du Reiten?“ fragte er Louis und half ihm auf den Rücken des Pferdes. „Nein nicht wirklich...aber es wird schon klappen. Du bist ja bei mir.“ - „Ich kann auch nicht sonderlich gut reiten. Beruhigt dich das?“ fragte Harry und kletterte hinter Louis auf das Pferd. Es schnaubte und hob den Kopf, die Ohren waren nach hinten gedreht und es lauschte ihren Stimmen. Überrascht von dieser Aussage, drehte sich Louis zu Harry um und sah ihn an: „Aber wie bist du dann bis hierher geritten?“ Der Lockenkopf zuckte die Schultern und seufzte: „Ich habe das Tier nicht gelenkt, sondern ihm einfach meine Haken in die Seite gedrückt, damit er losrennt. Ich wollte nur weg von der Eiche, es war mit egal, wohin er mich bringen würde. Der Rückweg könnte sich daher ein wenig schwieriger gestalten, aber das kriegen wir schon hin.“

Es war ungewohnt, sich auf einem Pferd durch den Wald zu bewegen, aber durchaus eine Art der Fortbewegung, an die sich Louis gewöhnen könnte. Man musste nicht darauf achten, an Wurzeln hängen zu bleiben, oder sich in Schlingpflanzen zu verfangen, bekam bei der Durchquerung eines Flusses keine nassen Füße und stolperte nicht in Erdlöcher. Allerdings mussten sie sich nun ab und zu unter Ästen hindurch ducken. Doch das gefiel Louis ganz gut, denn jedes Mal, wenn sie sich nach vorn lehnten, legte Harry den Arm um ihn und drückte ihn ein wenig fester an sich, damit er nicht vom Pferd rutschte, was ein angenehmes Kribbeln an der Stelle auslöste, die er berührte.

Der Morgennebel verzog sich nach und nach, doch es schien nicht heller zu werden. Man könnte fast meinen, die Sonne hätte sich Harrys verstörter Stimmung angepasst und sich dazu entschieden, heute nicht zu scheinen. So blieb es unter den Bäumen recht dunkel und Louis und Harry behielten wachsam die Bäume in ihrer Nähe im Auge und horchten auf fremde Geräusche. Doch außer dem Brausen des Windes hoch über ihnen, war es ruhig im Wald. Sie sprachen kaum ein Wort, zu sehr waren sie damit beschäftigt, ihre Umgebung zu beobachten und Louis fuhr erschrocken zusammen, als ein Blitz, der alles erhellte und scharfe Schatten warf, vom Himmel zuckte, gefolgt von Donnergrollen. Warme Arme schlangen sich um Louis und er wurde von Harry an sich gedrückt: „Hab keine Angst, es ist nur ein Gewitter.“ murmelte er ihm ins Ohr und drückte ihm kurz beruhigend einen Kuss unter eben dieses. Es donnerte erneut und sie konnten spüren, wie sich die Muskeln des Pferdes unter ihnen anspannten, es hatte offenbar genauso ein ungutes Gefühl bei Gewitter, wie Louis. „Wollen wir nicht absteigen und warten, bis es vorbei ist? Dem Tier scheint es auch lieber zu sein.“ schlug Louis vor und als es mit einem Mal anfing zu regnen und die Tropfen so dick waren, dass sie schwer und kalt durch die Blätter bis zu ihnen hinunter prasselten, rutschte Harry schnell vom Pferd, packte es an den Zügeln und führte es mit langen Schritten in die Nähe eines großen Baumes, der fast so alt war, wie die Eiche in der sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. „Los, steig ab, dann können wir näher an den Baum heran.“ forderte Harry über das Rauschen des Regens hinweg und Louis landete im Laub auf dem matschigen Boden. Die Äste des Baumes hingen Tief und je näher sie dem Stamm kamen, desto trockener wurde es. Als es nicht mehr weiter ging, band Harry das Pferd wieder fest und setzte sich dann neben Louis auf eine Wurzel, die dick und knorrig oberhalb der Erde wuchs. Ihre Umhänge waren schwer und feucht vom Regen und hingen ihnen von den Schultern. „Ich würde ja sagen, dass wir das ausziehen, aber dann wird uns nicht wirklich viel wärmer sein.“ murmelte Harry und strich nachdenklich mit der Hand über den nassen Stoff. „Am Körper ist der Umhang zwar nass, aber er behält wenigstens unsere Körperwärme. Da müssen wir jetzt wohl  durch.“ Sie lehnten sich an den Baumstamm und  warteten darauf, dass der Regen vorüberzog und sie weiter reiten konnten, doch es dauerte ziemlich lange. Zwar hörte das Gewitter bald wieder auf, doch der Regen wollte einfach nicht nachlassen. „Vielleicht sollten wir einfach im Regen weiterziehen. Im Lager gibt es immerhin ein Feuer, an dem wir uns trocknen können, dann ist es doch nicht so schlimm, wenn wir nass werden.“ überlegte Louis irgendwann laut, denn auf der Wurzel wurde es langsam unbequem und sie hatten sicherlich auch noch einen langen Weg vor sich. „Ja, vermutlich hast du recht. Aber im Lager muss ich mich Gwydion stellen und ich versuche das gerade noch ein wenig hinauszuzögern. Er ist wie ein Vater für mich, schließlich hat er mich aufgezogen und ich bin so enttäuscht, dass er mir die Wahrheit mein ganzes Leben lang verschwiegen hat, dass ich nicht weiß, wie ich ihm gegenübertreten soll.“ gab Harry zu und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Du wirst dich ihm aber irgendwann stellen müssen. Und ich bin mir sicher, dass Gwydion dachte, zu deinem Besten gehandelt zu haben.“ murmelte Louis und zuckte zusammen, als Harry aufsprang und mit einem Mal wütend wurde: „Du glaubst also auch, dass es zu meinem Besten war, mit einer Lüge aufzuwachsen!“ Er bemerkte den erschrockenen Ausdruck auf Louis Gesicht und fing sich sofort wieder: „Oh es tut mir Leid, ich hatte nicht vor, dich anzuschreien...Louis verzeih mir bitte. Ich bin nur noch immer so durcheinander und fühle mich hintergangen.“ gab Harry zu, griff schnell nach Louis Händen und küsste seine Fingerknöchel. Als er den Blick hob und Louis mit den grünen Augen musterte, die ihn immer wieder aufs Neue fesselten, konnte er gar nicht anders, als ihm nicht böse zu sein und lächelte mild. „Ich weiß doch Harry.“ Er rutschte von der Wurzel herunter in die Arme des anderen und sie hielten einander fest. Harrys Hand ruhte auf Louis Hinterkopf und er hatte das Kinn gegen seine Stirn gedrückt. „Du hast recht, wir sollten weitergehen. Ich kann mich ja nicht einfach verstecken. Obwohl ich das gerne täte, glaub mir.“ murmelte er. Sie küssten sich noch einmal zart, dann kletterten sie wieder auf den Rücken des Pferdes, zogen ihre Kapuzen über und ritten durch den Regen, bis sie das Lager wieder erreicht hatten.    
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