Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

0Likes
0Kommentare
202Views
AA

1. Prolog

Die Sonne ging auf und scheuchte die Nacht langsam davon, de sich immer weiter in den Osten zurückzog, um dem blassen Lila, das sich langsam in Purpur verwandelte, Platz zu machen. Der Horizont färbte sich immer heller und es sah fast so aus, als sei der Saum des dunklen Kleides, das die Nacht trug ein wenig ausgewaschen. Sonnenstrahlen, kraftlos und zu schwach, um genug Wärme spenden zu können, schoben sich über die Hügel in der Ferne und blitzten über die Wiesen voller Nebel und den großen, dunklen Wald, der bis an den Fuß des Berges reichte, auf dem eine Burg errichtet worden war.
Der Wald hatte keinen Namen und wenn er doch mal einen gehabt hatte, so war er in den vergangenen Jahrhunderten in Vergessenheit geraten.
Unendlicher Wald, wegloser Wald, Wald des Unheils, Wald des Grauens.
Jeder Mensch gab diesem Wald seinen ganz eigenen, ganz persönlichen Namen. Je nachdem, was man selbst im Dickicht und zwischen den Blättern der Bäume erlebt hatte.

In diesem Wald, der so viele Namen trug, war schon vieles geschehen und manche Geschichten erzählten sich die Menschen im Dorf und auf den umliegenden Höfen noch immer gerne, wenn man lange Abende gemeinsam an den offenen Kaminen saß.
Die Alten pflegten die Geschichten an die Jungen weiterzugeben, in der Hoffnung, sie mögen sie unterhaltsam finden. So viele Geschichten sich auch um diesen Wald rankten, es gab nur eine Geschichten, die sich immer wieder wiederholte und die schon beinahe zu einer Legende geworden war. Niemand konnte mehr sagen, ob alles stimmte, was man einander über die Jahre erzählt hatte, doch war der Grund weshalb diese Geschichte nie in Vergessenheit geriet ein ganz Besonderer: sie gab den Menschen Hoffnung – denn sie handelte von ihrem König.

Allerdings ging es dabei nicht um den König, der seit nunmehr 3 Jahrzehnten auf der Burg saß, die Bauern schröpfte und sich auf ihre Kosten ein gutes Leben machte. Nein, diese Geschichte handelte von König Harold I, der einmal über die Grafschaft geherrscht hatte.
Harold war ein guter König gewesen unter dessen Herrschaft es dem Volk gut gegangen war. Zumindest erzählte das die Ältesten immer wieder. König Harold hatte keinen übermäßigen Reichtum genossen und von den Bauern nur den Zehnten Teil der Ernte als Steuern verlangt. Damals hatten es die einfachen Leute ganz gut durch den Winter geschafft und es hatte kaum Hungersnöte gegeben. Doch Harold fiel einem Komplott zum Opfer, als sein ehemaliger Verbündeter und Herrscher über die Grafschaft Leicestershire in einer Nacht überraschend die Burg stürmte und sie mit seinen Soldaten einnahm. Um nicht getötet zu werden, floh König Harold zusammen mit seinem damals 17 jährigen Sohn Edward und dessen Frau Anne.
Begleitet wurden sie von einigen getreuen Männern, sowie dem königlichen Berater, dem Druiden Gwydion.

Seit dieser Nacht hatte Niemand im Land den König je wieder zu Gesicht bekommen und es rankten sich Geschichten über seinen Verbleib, wie Efeu, das um alte Gräber wuchs. Manche sagte, Harold sei tot, andere waren noch immer in dem festen Glauben, dass der König – wenn nun auch schon sehr alt – sich noch immer im Wald verbarg und nur darauf hoffte, zurückkehrern zu können.
Dieses Gerücht hielt sich äußerst hartnäckig, da der Wald eine solch enorme Fläche des Landes einnahm, dass noch nie alles von ihm hatte erkundet werden können und da man wusste, dass Gwydion, ein sehr weiser Mann war, der sich früher häufig im Wald aufgehalten hatte, um dort Geister zu beschwören und Kräuter zu sammeln. Aufgrund dessen war es durchaus anzunehmen, dass er für den König und seine Familie ein geeignetes Versteck gefunden hatte.

„Er wird zurückkommen und uns von König Jonathan befreien.“ pflegte man sich gegenseitig zu versichern, wenn man wieder einmal die hohen Abgaben, welche unter Jonathan den Sechsten Teil des Ertrags ausmachten, zur Burg brachte, um die ohnehin schon vollen Speisekammern des Königs zu füllen.
Doch Niemand wusste, ob der ehemalige König überhaupt noch am Leben war, oder ob sein Sohn Edward überhaupt Ambitionen hegte, den Thron zurück zu erobern.

Die Menschen litten unter der Herrschaft Jonathans und von Jahr zu Jahr ging es dem Volk schlechter und die Erntevorräte waren nach einem besonders kalten und langen Winter so knapp geworden, dass es manchmal keine andere Möglichkeit gab an Essen zu kommen, als es zu stehlen.

In dieser Situation befand sich der junge Louis.

Er hatte es gewagt, im Garten des Königs über die Mauer zu klettern und einen der Äpfel, die dort dick, rot und saftig an den Bäumen hingen zu entwenden. Ein Wachmann hatte ihn erwischt noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, ihm den Apfel aus der Hand geschlagen, sein Haar gepackt und ihn hinunter ins feuchte Gras gedrückt. Louis hatte sich nicht wehren können und so war ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich von dem Wachmann über das Kopfsteinpflaster des Innenhofes schleifen zu lassen. „Dafür werdet Ihr bezahlen.“ Louis hätte seine Tat gerne geleugnet, aber die Tatsache, dass er den Apfel noch in der Hand hielt und kaute, überführte ihn eindeutig. Den groben Griff des Wachmanns im Nacken, stolperte er vor ihm her über den Innenhof, wo die Bauern und Kaufleute aus der Umgebung gerade ihre Wagen aufbauten, damit der tägliche Markt stattfinden konnte. Waren, die in großen, handgemachten Weidenkörben lagen, wurden feilgeboten und es war noch so früh am Morgen, dass die Kälte einem noch klamm in den Knochen saß. Alle Menschen an denen Louis vorbeigezerrt wurde, trugen mehrere Schichten Stoff und wollene Schals, um sich warm zu halten. Louis selbst war im Besitz eines grünen Mantels mit Kapuze, die sein Gesicht vor dem beißenden Wind schützte, der hier oben auf dem Plateau der Burg wehte. „Los, nicht stehenbleiben!“ fuhr ihn der Mann barsch an und schlug ihm mit der Faust in den Rücken, um ihn zum Weitergehen zu bewegen. Neugierige Blicke folgten Louis, als er an den Bauern aus dem Dorf vorbeikam, die ihn kannten. Manche seufzten mitleidig und schüttelten nur den Kopf, weil er in die Fänge eines Wachmanns geraten war. „Stehenbleiben!“ kam nun der Befehl und der Wachmann zog Louis am Kragen zurück. Das Band, welches den Stoff seines Mantels vorn zusammenhielt, schnitt ihm in die Kehle und Louis würgte kurz wegen des unangenehmen Gefühls, doch blieb er stehen, wie man es ihm befohlen hatte.
In seiner Lage war es jetzt sowieso besonders wichtig, sich ruhig zu verhalten um seine Chancen nicht noch zu verschlechtern.

Der Wachmann ging um Louis herum und klopfte an eine schwere, mit Eisen beschlagene Tür und das Klopfen hallte laut in dem Raum dahinter wider. Ob er ihn gleich zum König brachte? Noch nie hatte Louis Jonathan gesehen, schließlich war er ein einfacher Bauernsohn und da begegnete man für gewöhnlich einem König nicht allzu häufig.

Mit einem Kratzen, als das Holz über den Steinboden schabte, öffnete sich die Tür und rasch senkte Louis den Blick. Jemanden, der einem höheren Stand angehörte, starrte man nicht einfach so an, das hatten ihm seine Eltern noch beibringen können, bevor der Winter und der Hunger sie dahingerafft hatte. „Er hat im königlichen Obstgarten gestohlen.“ sagte der Wachmann zu dem Mann, von dem Louis nur die ledernen Stiefel sehen konnte, die auf der Türschwelle standen. Breitbeinig und fest, wie ein Baum, dem kein Sturm etwas anhaben konnte, stand er da. „So? Diebe im Obstgarten des Königs. So Etwas dulden wir hier nicht.“ sagte der Mann zu dem die schweren Stiefel gehörten. „Bringt ihn zum Fallturm. Morgen soll er für seine Tat bezahlen.“ Die Tür schloss sich wieder und gleichzeitig umfasste der Wachmann Louis Arm und zog ihn erneut über den Hof auf eine Treppe zu, die in schmalen Windungen hinauf ins Innere der Burg führte. Noch immer den Geschmack des Apfels auf der Zunge, wollte Louis sich gar nicht ausmalen, was man mit ihm anstellen mochte. Er war aber auch ein Tor gewesen. Hätte er doch wissen müssen, dass der Garten des Hofes bewacht wurde. Doch er war davon ausgegangen, dass ihn die Dunkelheit und die Tatsache, dass es noch früh am Morgen gewesen war, vor neugierigen Blicken schützen würden. Doch er hatte sich getäuscht und musste nun damit leben, dass er sich eine harte Strafe eingehandelt hatte. Jeder im Land wusste, dass Jonathan und seine Männer sehr hart waren, doch Louis Hunger hatte ihm keine andere Wahl mehr gelassen. Wann er das letzte mal etwas gegessen hatte, konnte er gar nicht mehr wirklich sagen. Seit seine Eltern gestorben waren, schlug er sich allein durch und bekam ab und zu in einem Wirtshaus eine Brotsuppe, wenn er das Geld dafür hatte.

Es ging einen schmalen Gang entlang, bis sie an einen steinernen, gemauerten Raum gelangten, der keine Fenster hatte und nur durch Fackeln beleuchtet war, die dunkle Rußspuren an die Wand brannten.

„Henkersmann! Ich bringe dir Jemanden, der seine Lektion noch zu lernen hat.“ sagte der Wachmann und aus dem Schatten an der gegenüberliegenden Wand löste sich ein bulliger Mann. Die dunkle Ledermütze, die er trug, war speckig und alt, genau wie er selbst, doch schien er über große, körperliche Kraft zu verfügen, denn seine Schultern waren breit und seine Hände kräftig. Sicherlich könnte er einen Menschen damit erdrücken, wenn er es wollte, überlegte Louis und schluckte. Würde man ihm die Knochen brechen? „Er hat gestohlen.“ sagte der Wachmann schlicht, drehte sich dann um und verließ den Raum. Louis blieb mit dem unheimlichen Mann alleine und betete, dass man ihm nichts allzu Schlimmes antun würde. Der Mann packte ihn am Mantel, genau wie sein Vorgänger es getan hatte und zog ihn in einen Raum, der gleich nebenan lag.
Außer einem runden Loch im Boden gab es hier nichts. An den Wänden waren schmale Schießscharten eingelassen und Louis erkannte, dass die Mauern hier dicker waren, als er an Höhe maß. „Hier wirst du eine Nacht verbringen.“ sagte der Henker und seine Stimme klang kratzig, als er sprach. Er legte ein Seil durch eine Rolle, die unter der Decke direkt über dem dunklen Loch im Stein verankert worden war, befestigte einen Eimer an dem Seil. Mit einem knappen Nicken gab er Louis zu verstehen, in den Eimer zu klettern, der nun über dem Loch baumelte, aus dem kühle Luft aufstieg. „Ist das ein Brunnen?“ wagte Louis zu fragen und griff nach dem Seil. „Nein, aber tief und kalt wird es trotzdem werden.“ antwortete ihm der Henker mit einem gemeinen Grinsen, das einige fehlende Zähne zeigte, dann ließ er Louis in das Loch hinunter.  Ohne das Wissen von Maßeinheiten, konnte Louis nicht genau sagen, wie tief das Loch war, doch er schätze, dass es etwa vier Mannshöhen maß, bis er festen Boden erreichte. Vorsichtig, weil er in der Dunkelheit nichts sehen konnte, die hier herrschte, stieg er aus dem Eimer und blickte hinauf zu dem Loch, durch das man nun einen Sonnenstrahl sehen konnte, der durch eine der Schießscharten in den Raum über ihm fiel.

„Wenn die Sonne aufgegangen ist, kann man hier unten ein wenig mehr sehen.“ sagte eine Männerstimme rechts neben ihm und Louis zuckte zusammen. „Wer seid Ihr?“ fragte Louis und hoffte, dass er weit mutiger klang, als er sich im Augenblick fühlte. „Ich bin Liam. Und Euer Name ist?“ - „Louis. Weshalb werdet Ihr hier festgehalten?“
„Ich habe es gewagt, eine Geschichte zu erzählen, die unserem König missfiel. Mich erwartet hier wohl bald die Ketzergabel.“ Louis schluckte. Wie Liam bei dieser Aussicht so ruhig bleiben konnte, war ihm ein Rätsel. Er hatte von diesem Folterinstrument gehört: es handelte sich dabei um eine Art metallenen Halsreif, der mit zwei scharfen Spitzen versehen war, die sich in den Hals des Tragenden bohren, sobald dieser keine Kraft mehr hatte, den Kopf aufrecht zu halten – was spätestens beim Einschlafen der Fall war. Man erzählte sich, dass die Menschen, die diese Folter oder Strafe überlebt hatten, danach nicht mehr in der Lage waren, zu sprechen.

Liam würde seine Stimme verlieren oder im schlimmsten Fall sterben.

Und das alles nur, weil er eine Geschichte erzählt hatte?          
Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...