Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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78. Pfeifenrauch und Kräuternebel

Der König war nicht zur Ruhe zu bringen. Er lies zwar zu, dass Louis in ins Bett brachte, doch konnte er nicht schlafen. Immer wieder stiegen ihm Tränen in die Augen und er machte sich die schlimmsten Vorwürfen, betrauerte Cuthberts Tod und bangte um das Leben seiner Freunde, die noch im Wald waren. Egal was Louis auch tat und sagte, er lies sich nicht ablenken, dabei brauchte er doch dringend Ruhe. „Du kannst doch nicht von mir verlangen, hier herum zu liegen, während ich anderswo gebraucht werde.“ protestierte Harry, als Louis ihn zum wiederholten Male darum bat, endlich die Augen zu schließen um wenigstens zu versuchen Schlaf zu finden. Seufzend stand Louis auf und verließ das Schlafgemach. „Wo gehst du hin?“ fragte Harry und hob den Kopf. „Ich hole Gwydion.“ antwortete Louis und zog die Tür hinter sich zu. Um sicher zu gehen, dass Harry sich nicht davonmachte solange er den Zauberer suchte, blockierte er die Tür von außen, indem er eine Fackel von der Wand nahm und sie in den Türgriff schob. Harry würde das Zimmer nun nicht verlassen können und Louis konnte sicher sein, dass er noch da war, wenn er zurückkam.

Wo sich Gwydion aufhielt, wusste Louis nicht, doch er machte sich zuerst auf den Weg hinauf in den Bergfried, um in der kleinen Kammer des Zauberers nachzusehen. Die Treppenstufen knarrten, als er mit schnellen Schritten hinauf rannte und rasch mehrere Etagen hinter sich brachte. Draußen hatte die Sonne beinahe die Baumwipfel erreicht und der Himmel erstrahlte in einem seltsam intensiven Rot. Kurz blieb Louis am Fenster stehen und blickte hinaus. Der Himmel sah aus, als hätte jemand einen Eimer Blut ausgekippt und der Anblick lies Louis automatisch an Cuthbert denken. In Gedanken an den Heerführer, blieb er am Fenster stehen, ließ sich den kalten Wind um die Nase wehen und stellte sich vor, dass Cuthbert jetzt von den roten Wolken auf sie hinunterblickte. Vielleicht hatte er seinen Bogen dabei und beschützte sie alle, indem er alle Gefahren von dort oben abschoss, bevor sie die Merry Men erreichten. Der Gedanke war beruhigend. Lächelnd wischte sich Louis eine Träne aus dem Augenwinkel, zwinkerte dem Himmel zu und redete sich ein, Cuthbert hätte ihn gesehen. Es fiel leichter, den Tod eines Freundes zu akzeptieren, wenn man sich ausmalte, dass er vom Himmel aus über sie wachte. „Louis, was machst du hier?“ Gwydion trat aus seiner Kammer und Louis zuckte erschrocken zusammen, weil er nicht mit dem Druiden gerechnet hatte. „Wolltest du nicht bei Harry bleiben?“ Im Blick des alten Mannes glaubte Louis beinahe ein wenig Enttäuschung zu sehen. „Ja, ich bin auch gleich wieder bei ihm. Aber er hat gerade von Cuthberts Tod erfahren und sich nur mit Mühe davon abhalten lassen, zurück in den Wald zu gehen. Er will sich einfach nicht ausruhen und schläft nicht. Kannst du nichts tun, damit er ruhiger wird? Du hast doch Ed damals mit einem Kraut eingeräuchert, woraufhin er eingeschlafen ist. Ist das bei Harry nicht auch möglich?“ fragte Louis und klang offenbar so verzweifelt, dass Gwydions Enttäuschung darüber, dass er Harry allein gelassen hatte, verebbte. „Ich komme mit zu ihm. Wir bekommen ihn schon ruhig gestellt. Natürlich kann ich verstehen, dass es ihm schwer fällt, ruhig liegen zu bleiben, aber er darf sich jetzt nicht überanstrengen.“ Gwydion nickte Louis auffordernd zu und stieg ihm voran die Stufen wieder hinunter.

Vor Harrys Kammer angekommen, entriegelte Louis die Tür und erklärte dem Zauberer rasch: „Das habe ich nur gemacht, um Harry daran zu hindern sich selbst auf den Weg nach Draußen zu machen.“ Der alte Mann zog anerkennend die Augenbrauen hoch und unter seinem dichten Bart war zu erkennen, dass sich sein Mund zu einem Lächeln verzog. Sie traten in die Kammer und Harry setzte sich sofort auf und blickte sie erwartungsvoll an. „Gibt es Neuigkeiten aus dem Wald?“ frage er. „Nein, aber ich habe Gwydion noch einmal geholt, damit du endlich zur Ruhe kommst.“ sagte Louis. Harry ließ sich wieder in die Felle sinken und grummelte: „Ich brauche keine Ruhe. Mir geht es gut.“ Da er immer noch blass war, schenkte Louis seinen Worten natürlich keinen Glauben und nickte Gwydion nur zu. Der alte Mann zündete sich seine Pfeife an und trat an das Bett heran. „Harry, du solltest wirklich auf Louis hören. Dein Körper braucht ganz viel Ruhe, um das Gift zu verarbeiten.“ Beiläufig zog Gwydion an seiner Pfeife und blies Harry rasch eine Ladung Rauch ins Gesicht, wie er es bei Ed getan hatte. Der König hustete und riss die Augen auf, als ihm klar wurde, was der Druide gerade mit ihm anstellte: „Du kannst mich nicht...einfach….ich lasse nicht….zu...dass….“ Mitten im Satz fielen Harry die Augen zu und sein Körper erschlaffte. Louis und Gwydion tauschten einen Blick und der Zauberer gluckste amüsiert. „Gegen dieses Kraut war bisher noch niemand widerstandsfähig genug. Auch ein König schläft bei diesen Dämpfen ein, ob er will, oder nicht.“ Gwydion löschte seine Pfeife und steckte sie zurück in die tiefen Taschen seines Mantels, dann blickte er auf Harry hinab und nickte leicht: „Wenn wir Glück haben, dann schläft er bis morgen Nachmittag durch.“ Er schien es sich anders überlegt zu haben und zog die Pfeife wieder hervor, um sie Louis in die Hand zu drücken. „Ich lasse dir die Pfeife da, du kannst ihn ja ein wenig einnebeln, wenn er früher aufwachen sollte.“ - „Wie lange soll er denn schlafen?“ fragte Louis unsicher und nahm die Pfeife des Zauberers entgegen. „Drei Tage wären mit Sicherheit ideal. Vielleicht schaffst du es ja mit Hilfe der Pfeife.“ Gwydion zwinkerte Louis zu und verließ dann die Kammer. Er schien in irgendeiner Weise amüsiert darüber zu sein, dass er den König mit seinem Pfeifenrauch ausgeschaltet hatte.

Harry schlief so tief, als hätte Gwydion ihn mit einem Knüppel bewusstlos geschlagen. Louis setzte sich auf einen Hocker am Feuer, stützte sich mit den Ellbogen auf die Bettkante ab und beobachtete Harry beim Schlafen. Sein Gesicht wirkte friedlich, seine Augen huschten nicht hin und her, er schien traumlos zu schlafen.

Die Sonne vor den Butzenglasfenstern ging unter und die Nacht brach herein. Louis beschloss, sein Kettenhemd abzulegen, das er noch immer trug und stand auf. Allein war es fast nicht möglich, es auszuziehen. Nachdem er mehrmals versucht hatte, es sich über den Kopf zu ziehen, beugte er sich nach vorn, bis die Nasenspitze beinahe seine Knie berührte. Durch Schütteln des Oberkörpers gelang es ihm schließlich das Hemd abzustreifen und es fiel als einziger Metallklumpen auf den Holzboden der Kammer. Ohne das Gewicht der Rüstung fühlte sich Louis, als könnte er fliegen. Er rieb sich die schmerzenden Schultern und legte dann seinen Umhang wieder an.  Gerade wollte er sich wieder setzen, als es an der Tür klopfte. Es war ein zaghaftes Klopfen, fast so, als wäre die Person nicht sicher, ob sie überhaupt anklopfen durfte. Lady Taylor stand vor der Tür und lächelte ihn unsicher an: „Wie ist der Kampf ausgegangen? Ich habe erst gerade eben gesehen, dass ihr zurück seid.“ fragte sie schüchtern und vermied es, Augenkontakt aufzubauen. „Cuthbert ist gefallen und Harry wurde von einem vergifteten Pfeil getroffen.“ die Königin wurde blass und riss erschrocken die Augen auf, doch Louis fasste sie rasch an den Schultern und sprach schnell weiter: „Gwydion konnte ihn heilen. Mach dir keine Gedanken.“ Sie nickte schnell und fragte dann unsicher, als ob sich die Frage nicht gehörte: „Thomas...hat er euch gefunden und ist er...ist er am Leben?“ Ihre Stimme zitterte und als Louis lächelte, wirkte sie erleichtert. „Wann kommen sie zurück?“ - „Ich weiß es nicht genau. Sie haben sicherlich noch damit zu tun, zu entscheiden, was mit den Gefangenen geschehen soll. Aber ich bin sicher, dass sie bald wieder hier ankommen werden.“ Die Königin erhaschte einen Blick ins Zimmer und sah Harry im Bett liegen: „Ich würde gern sehen, wie es ihm geht.“ sagte sie und Louis machte sofort einen Schritt zur Seite, um sie einzulassen. Auch, wenn er wusste, dass sie Harry nicht liebte, so war sie doch seine Frau und die Königin und wenn sie ihn sehen wollte, hatte Louis sie einzulassen. Leise betrat sie das Zimmer und sah sich um, sie war noch nie in Harrys Gemächern gewesen und natürlich interessierte es sie, wie ihr Mann wohl eingerichtet war. Sie trat an das Bett heran und blickte auf Harry hinunter, der reglos dalag und kaum merklich atmete. Er hätte auch tot sein können, überlegte Louis und blieb in einigem Abstand zu den beiden stehen. „Er wird wieder aufwachen, oder?“ fragte sie und Louis war überrascht, als er eine gewisse Sorge aus ihrer Stimme herauszuhören glaubte. „Ja. Gwydion hat ihn in einen mehrtägigen Schlaf versetzt, bis das Schlimmste überstanden ist. Dann wird er hoffentlich ganz genesen sein.“ Die Königin nickte und streckte die Hand aus, um Harry übers Gesicht zu streichen, doch sie entschied sich im letzten Moment anders, zog sie zurück und wandte sich ab. „Ich gehe wieder in meine Kammer. Wärst du so freundlich und würdest mich rufen, sollten die Männer zurückkommen?“ Er nickte und begleitete sie zur Tür.
Schwer atmend lehnte er sich dagegen, als sie hinter der Königin ins Schloss gefallen war. Sie schien sich tatsächlich um Harry zu sorgen und er war sich nicht so sicher, was er davon halten sollte. Hatte sie doch Gefühle für ihn entwickelt? Oder einfach Angst, dass sie an einen schlimmen Herrscher weitergereicht wurde, sollte Harry nicht überleben? Ja, das würde es sein, schließlich hatte sie sich zuerst nach Thomas erkundigt. Louis hatte also keinen Grund, eifersüchtig auf die Königin zu sein.
Den restlichen Abend verbrachte er an Harrys Bett und wurde noch einmal von einer Magd gestört, die ihm etwas zu Essen brachte.

Harry schlief bis zum nächsten Morgen durch. Louis hatte sich neben ihn gelegt und an seinen Körper geschmiegt. Er wachte erst auf, als Harry sich ein wenig regte. Im Licht das durch das Fenster fiel, konnte er sehen, dass die Augen des Königs hinter den geschlossenen Lidern zuckten und er kurz davor war, aufzuwachen. Rasch suchte Louis nach der Pfeife des Druiden, kletterte über Harry und entzündete sie mit einem dünnen Holz aus dem Kamin. Das Kraut qualmte sofort und er zog vorsichtig an dem dünnen Mundstück. Er vermied es, den Qualm selbst einzuatmen, womöglich würde er sich dann selbst einschläfern. Kontrolliert hauchte er Harry den Kräuterqualm ins Gesicht und wenig später schlief der König wieder ruhig. Lächelnd, weil es so einfach gewesen war, löschte Louis die Pfeife wieder und schob sie sich in die Hosentasche. Sie war ein wenig lang und das Mundstück ragte ein wenig aus der Tasche, doch das störte ihn recht wenig. Weil es im Raum recht stickig war, trat er kurz hinaus auf den Flur und ging zum Durchgang, von dem aus man hinunter in den Hof sehen konnte. Überrascht stellte er fest, dass die Soldaten zurückgekehrt waren. Zumindest hatten sich einige Männer im Hof versammelt, die das Wappen von Prinz Niall trugen. Louis stellte sich auf das Geländer und beugte sich ein wenig vor, um besser sehen zu können. Soweit er erkennen konnte, waren auch Flint und Zayn unter den Soldaten. Zayn trug einen Sack bei sich, der auf einer Seite merkwürdig dunkel war. Es herrschte geschäftiger Trubel und die Soldaten machten sich nach und nach auf in ihre Kammern. Louis beobachtet Zayn dabei, wie er die Freitreppe hinaufstieg, die Wachen am Eingang passierte und dann im Thronsaal verschwand. Sicherlich wollte er zu Harry. Nachdem er einen letzten Blick in die Kammer geworfen hatte, um sich zu vergewissern, dass der König tief und fest schlief, machte sich Louis auf, Zayn entgegen zu gehen.

Im Flur vor dem Thronsaal stießen sie beinahe zusammen. „Ihr seid zurück!“ freute sich Louis. „Wie geht es Harry?“ fragte Zayn und sah ihn gespannt an. Er sah unglaublich müde aus, war voller Schmutz, hatte noch einige Kratzer im Gesicht, an denen noch immer getrocknetes Blut klebte und seine Hände waren so schmutzig, als hätte er damit im Schlamm gewühlt. „Er schläft. Gwydion konnte ihn retten.“ - „Gott sei Dank.“ seufzte der Dunkelhaarige erleichtert und brachte ein Lächeln zustande. „Ich habe ihm ein Geschenk mitgebracht, wenn er aufwacht.“ sagte er und nahm den Sack von der Schulter. Er öffnete ihn, griff mit einer Hand hinein und zog den abgetrennten Kopf Benjamins heraus.
Darauf war Louis nicht vorbereitet gewesen und er stolperte erschrocken zurück. Noch nie hatte er etwas dergleichen gesehen und kniff rasch die Augen zu, doch er wach sich sicher, dass er den Anblick der toten Augen so schnell nicht vergessen würde. „Ihr...ihr habt ihn umgebracht?“ - „Er wollte Cuthbert….naja eigentlich Harry töten. Wir haben abgestimmt und waren fast alle der Meinung, dass er keine Gnade verdient hat.“ berichtete Zayn, hob den Kopf auf Augenhöhe und sah ihn verächtlich an. „Er hat genau das verdient, was er bekommen hat.“ - „Was ist mit seinen Soldaten?“ fragte Louis, den Blick abgewandt. Er wollte den Kopf nicht sehen. Zayn steckte ihn zurück in den Sack und Louis erkannte nun auch, dass der dunkle Fleck auf dem Jutestoff, Blut war. „Sie haben sich uns angeschlossen. Wir werden sie mit unseren Männern mischen und sie werden gemeinsam vor Harry den Eid ablegen, sobald er wieder auf den Beinen ist. Durch Benjamins Tod geht das Königreich Lancastershire an Harry. Ich werde noch heute einen Boten dorthin entsenden, um die Nachricht über den Machtwechsel mitzuteilen. Wenn Benjamin genauso streng geherrscht hat, wie sein Bruder, dann wird das Volk und sein Hofstaat erfreut sein, einen neuen König zu bekommen.“

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Ich freue mich euch mitteilen zu dürfen, dass das hier vermutlich das zweit- oder drittletzte Kapitel ist.
Viel wird nicht mehr passieren.
Ich hoffe aber, ihr bleibt noch, bis zum Schluss.
LG
   
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