Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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21. Nächtlicher Besuch

„Das sind bestimmt Soldaten. Ich werde dafür sorgen, dass sie schnell wieder verschwinden." wisperte Veland, kniete sich neben Louis, legte einen Stein in die Schleuder und zielte nach unten. Er traf sein Ziel genau, was das Wiehern eines Pferdes zeigte. Jemand schrie erschrocken auf und ein dumpfes Geräusch ließ vermuten, dass ein Pferd gescheut war und seinen Reiter abgeworfen hatte. „Treffer." grinste Veland und schob die Schleuder zurück in den Gürtel, bevor er sich wieder erhob. Wieder raschelte es über ihnen und Flint und Zayn tauchten auf. Sie hatten sich ihre Waffen auf die Rücken geschnallt und kletterten an ihnen vorbei weiter nach Unten. „Willst du mitkommen? Du musst ja nicht schießen, aber dabeisein ist ja auch schon etwas." Veland lächelte Louis aufmunternd an und er stand ebenfalls auf. Sie kletterten Richtung Boden, wo noch immer das Schimpfen eines Mannes zu hören war. Louis  klammerte sich an einen dicken Ast und sah zu Zayn hinüber, der in einer Astgabel festhing, sich nach vorn gelehnt hatte und mit einem Pfeil nach unten zielte. Wollte er etwa einfach blind in die Dunkelheit schießen? „Nicht schießen, Ihr Hornochsen! Ich bin es, Cuthbert!" ertönte eine Stimme hastig aus der Dunkelheit unter ihnen. Überrascht ließen alle ihre Waffen sinken und Louis sah jetzt, dass nicht nur Zayn und Flint die Bögen gezückt hatten, sondern auch Buck, Ed und Leofwine in den Ästen hingen und ihre Pfeile nach Unten richteten. „Louis, sieh nach, ob er es wirklich ist." zischte Zayn ihm zu und er kletterte vorsichtig weiter hinunter. Einige Meter über dem Boden hielt er inne. Er befand sich nah genug am Boden, um die Menschen sehen zu können und hoch genug, um nicht von ihnen vom Baum gezogen zu werden.
Zwei Pferde standen in der Nähe der Eiche. Eines trippelte noch immer nervös hin und her. Das war offenbar das, das Veland mit dem Stein getroffen hatte. Es wurde von einem Mann auf einem zweiten Pferd am Zügel festgehalten, der mit besorgtem Blick auf den Waldboden sah, wo ein Stoffknäuel lag, das sich bewegte. Neben dem Knäuel kniete tatsächlich Cuthbert und machte einen ziemlich verlegenen Eindruck. „Es tut mir wirklich Leid, ich war davon ausgegangen, unsere Wachposten würden mich erkennen. Ich entschuldige mich vielmals für das Verhalten meiner Freunde." sagte er zu dem Stoffknäuel, aus dem sich nun ein Stiefel befreite. „Er ist es, ihr könnt die Waffen sinken lassen!" rief Louis in den Baum hinauf und seinen Worten folgte das Klappern von Pfeilen, die zurück in die Köcher geschoben wurden. „Und wen hat er bei sich?" wurde von Oben gefragt. Louis hob den Kopf und sah die Jungs neugierig und argwöhnisch zu ihm hinunterschauen. Alle versuchten einen Blick auf den Mann zu erhaschen, der sich gerade aus seinem Umhang freizustrampeln versuchte. „Ich habe den irischen Prinzen bei mir, ihr Hornochsen. Es war meine Aufgabe, ihn zu warnen und herzubringen. Habt ihr das etwa alle schon wieder vergessen?!" rief Cuthbert, sichtlich sauer und half nun einem blonden, jungen Mann auf die Beine. Dieser wirkte noch ein wenig erschrocken, schließlich war er ja gerade von seinem Pferd gefallen. Er klopfte sich den Umhang und die Hosen ab, hob dann den Kopf und sah in die Baumkrone hinauf. Im Mondlicht konnten alle Merry Men sein Gesicht gut erkennen, während der Prinz geblendet wurde und die Augen zusammenkniff. „Ihr solltet Anstand haben und Euch hinunter auf den Boden begeben, wenn Ihr mein Pferd schon dazu bringt, mich abzuwerfen!" rief der Prinz recht fordernd und die Merry Men beeilten sich, von der Eiche zu klettern. Nacheinander landeten sie im Laub vor der Eiche und verneigten sich vor dem Prinzen, der versuchte möglichst beeindruckend auszusehen, was ihm nicht sonderlich gut gelang, da ihm noch Blätter in den blonden Haaren hingen, die ihm das Aussehen einer Vogelscheuche verliehen. „Verzeiht Herr, aber wir wurden gewarnt, dass König Jonathan Suchtrupps durch die Lande schickt und mussten sichergehen, dass man uns nicht aufspürt." entschuldigte sich Veland hastig bei dem Prinzen versteckte dabei seine Steinschleuder rasch hinter dem Rücken. „Ja, Cuthbert hatte mir schon von Eurer Gemeinschaft und der Mission, die Euch am Herzen liegt, berichtet." antwortete der Prinz, zupfte sich ein Blatt aus den Haaren und nahm die Zügel seines Pferdes wieder in die Hand. Sein Diener stieg nun ebenfalls von seinem Reittier, offenbar hielt er es nicht für angebracht auf dem Rücken des Pferdes zu sitzen, während sein Prinz auf dem Waldboden stand. „Nun will ich mit Eurem Anführer sprechen. Ich hatte das Vergnügen, König Jonathan kennenzulernen und würde diese Erfahrung gerne mit Eurem Höchsten teilen." Cuthbert nickte rasch, deutete eine Verbeugung an und deutete auf den Spalt in der Eiche: „Hier entlang, wenn ich Euch bitten darf." Der Prinz hielt kurz inne, dann drückte er die Zügel seines Pferdes dem Diener wieder in die Hand und gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass er Draußen warten sollte.

In der Eiche war es richtig eng, nachdem sich alle in den Stamm gequetscht hatten. Gwydion hatte sich dem Prinzen vorgestellt und auch der Prinz selbst hatte ihnen seinen Namen verraten. Prinz Niall James Theobald. Prinz Niall schien allerdings ausreichend zu sein, um ihn anzusprechen. Er hatte neben Gwydion Platz genommen und bekam von Cuthbert Wasser und Fleisch, das noch vom Abendmahl übrig war, gereicht. Alle anderen Merry Men standen an der Wand angelehnt, oder saßen auf dem Boden, wobei sie versuchten so viel Abstand wie möglich zu halten. Es gehörte sich nicht, einem Prinzen zu nahe zu kommen. Auch, wenn er sich auf ihre Seite stellen sollte, hielten sie alle respektvollen Abstand und drängten sich eng zusammen.

"Ihr habt also König Jonathan getroffen." sagte Gwydion zu Prinz Niall und sah ihn erwartungsvoll an. „Ja. Und ich war ziemlich überrascht, wenn Ihr meine ehrliche Meinung wissen wollt. Ich hatte erwartet, auf König Harold oder Prinz Edward zu treffen. Mein Großvater und König Harold hatten gute Beziehungen gepflegt, viel Handel getrieben und einander in Kriegen beigestanden. Natürlich kann ich davon nur berichten, was mir erzählt wurde, denn ich habe diese Zeit nicht selbst miterlebt. Irgendwann hatte mein Großvater keine Boten mehr von Harold erhalten und war gekränkt darüber, dass das Königreich sich offenbar zurückgezogen hatte. Er war verbittert und traurig und zog sich ebenfalls zurück. Wir wussten nicht, dass ein anderer König an der Macht war. Ich habe es heute erst mit eigenen Augen gesehen. Jonathan ist kein sonderlich gutmütiger Mensch, wie mir scheint. Er macht einen groben und sehr strengen Eindruck auf mich und die Menschen in seiner Umgebung, die ich erblickt habe, hatten traurige Gesichter und sahen sehr besorgt aus. Dem Volk geht es nicht gut und ich sah viel Armut auf meinem Weg hierher. Am Hofe traf ich auf Cuthbert, der mich ansprach und Andeutungen machte, er könnte mir meine Fragen beantworten. Natürlich war ich neugierig und bat ihm, mich zu dem Mann zu bringen, der mir sagen kann, was mit König Harold und seiner Familie geschehen ist." Prinz Niall sah Gwydion neugierig an, ganz offenbar konnte er es kaum abwarten, endlich zu erfahren, wieso dieser schreckliche Mensch auf dem Thron eines guten Freundes seiner Familie saß und Macht besaß, die ihm eigentlich nicht zustand. Louis, saß zwischen Buck und Ed auf dem Erdboden und sah über die Flammen des kleinen Feuers den Druiden an, der langsam nickte und dann für einige Atemzüge die Augen schloss, als würde er darüber nachdenken, was er dem Prinzen sagen sollte.

Im ganzen Baum war es so still, dass Louis es nicht wagte zu atmen. Was würde Gwydion Prinz Niall sagen? Wusste er mehr, als er vielleicht zugeben wollte? „Mein verehrter Prinz, ich kann Euch nur sagen, dass König Harold und Prinz Edward von Jonathan überfallen und gestürzt wurden. Ihnen gelang damals die Flucht in den Wald, wo sie sich verbargen und darauf warteten, ihren Widersacher anzugreifen und die Macht zurückzuerobern. Allerdings war Jonathan stärker und tötete die beiden Männer im Kampf. Er war damals noch sehr jung, müsst Ihr wissen. Ich war der Berater des Königs und habe hier im Wald mit einigen Getreuen ausgeharrt. Obwohl ich dem König starke Waffen gegeben hatte, war Jonathan stärker und Harold und Edward verloren ihr Leben. Noch heute schmerzt mich ihr Verlust sehr und ich hoffe darauf, dass der wahre Erbe König Edwards erkennt, wer er ist und seinen Anspruch auf den Thron erhebt." Bei diesen Worten des Mannes ging eine Welle der Erregung durch die Jungen, die aufmerksam lauschten und Louis wusste, dass sie sich alle dieselbe Frage stellten. Wusste Gwydion etwa, wer der Erbe war? Louis Augen huschten zu Buck, der seinen Blick auffing und zu Zayn hinüber nickte. Louis verstand nicht ganz und sah ihn fragend an. Buck beugte sich zu ihm vor und flüsterte: „Zayn weiß nicht, wo er herkommt...er könnte der Erbe des Throns sein, ohne es zu wissen." Louis sah zu Zayn, der aufrecht dastand und den Blick auf Gwydion geheftet hatte. Das Licht des Feuers ließ seine scharfen Gesichtszüge noch härter wirken und in seinen dunklen Augen spiegelten sich die Flammen. War er wirklich der Erbe des Throns und hatte bisher keine Ahnung gehabt? War Harry vielleich umsonst unterwegs und suchte nach Jemandem, den er schon längst gefunden hatte?
Leofwine, der neben Zayn stand neigte den Kopf und flüsterte ihm etwas ins Ohr, dieser schüttelte jedoch den Kopf und heftete dann den Blick wieder auf Gwydion, der nun weitersprach: „Wir sind schon lange auf der Suche nach dem Thronfolger. Einer unserer Männer macht sich immer wieder auf den Weg, die verschiedenen Dörfer abzusuchen, doch bisher hatte er keinen Erfolg." Prinz Niall nickte verständnisvoll, dachte dann kurz nach und sagte: „Ich könnte meinen Vater und Großvater fragen. Es ist zwar schon lange her, dass sie von Harold und Edward gehört haben, mein Vater war damals selbst noch ein Kind, doch vielleicht fällt ihnen ja noch etwas ein, wenn ich mich danach erkundige." Gwydion nickte einverstanden und lächelte den Prinzen an. „Tut das. Und lasst mich wissen, wenn Ihr etwas herausgefunden habt. Ich gebe Euch einen meiner Boten mit." In den Gesichtern der Anwesenden machte sich Neugier breit: wen würde Gwydion mit dem Prinzen ziehen lassen? Alle verfolgten den alten Mann mit den Augen, der aufstand, um das Feuer herumging und dann nach Draußen verschwand. Auch Prinz Niall hatte offenbar damit gerechnet, einen der Merry Men als Begleiter zu bekommen und sah nun ein wenig verwirrt aus, während er auf die Spalte im Baum sah, durch die der Druide verschwunden war. Wenige Augenblicke später kam er zurück und trug eine schwarze Krähe auf dem Unterarm. Nervös blickte der Vogel hin und her und spannte kurz seine Flügel auf, doch Gwydion hielt ihn an den Füßchen fest und reichte ihn Prinz Niall. „Hier. Wenn Ihr Informationen habt, erzählt sie dem Vogel und lasst ihn fliegen. Er wird seinen Weg zu mir finden und mir die Nachricht überbringen." - „Der Vogel versteht meine Sprache? Kann er auch sprechen?" hauchte der blonde Prinz und nahm vorsichtig die Krähe entgegen, die ihn nun neugierig anblickte. „Nein, das kann sie nicht. Aber ich selbst bin der Sprache dieser Tiere mächtig." sagte Gwydion ruhig und seine Stimme klang dabei so tief und mächtig, dass es Louis einen Schauer über den Rücken jagte. Buck, der neben ihm hockte, war vor Erstaunen der Mund aufgeklappt und er starrte den Mann nur mit großen Augen an. Nerian klappte ihm den Mund mit einer Hand wieder zu und flüsterte: „Wieso glaubst du, sollte er sich sonst so viel mit Krähen umgeben?" Ja, irgendwie hatte er recht, doch Louis hätte niemals gedacht, dass Gwydion wirklich die Sprache der Vögel verstehen konnte und die Achtung, die er gegenüber des Mannes empfand, wuchs noch weiter. Prinz Niall erhob sich mit der Krähe auf dem Arm und verabschiedete sich von den Merry Men. „Ich wünsche euch allen viel Glück bei der Suche und ich bin mir sicher, wir sehen uns bald wieder. Ich werde mein Bestes tun, um euch zu unterstützen und den Prinzen zu finden. Jonathan muss gestürzt werden und ich werde euch dabei helfen." sagte der Prinz, neigte den Kopf vor allen Anwesenden zum Abschied und verließ dann den Baum. Gwydion folgte ihm, dann Cuthbert und schließlich gab es an der Spalte im Baum ein wenig Gedränge weil alle auf einmal nach Draußen wollten um den Prinzen zu verabschieden.

Als endlich alle im Freien standen, saß der Prinz schon wieder auf seinem Pferd. Die Krähe hatte einen Platz auf der Schulter seines Begleiters, der nicht sonderlich begeistert davon schien und das Tier unsicher ansah. „Habt eine gute Reise." - „Vielen Dank. Ich werde Euren Auftrag nicht vergessen, werter Gwydion." sagte Prinz Niall, dann wendete er sein Pferd und ritt zwischen den Bäumen davon. Die Merry Men blieben stehen und sahen dem Prinzen nach, bis man ihn in der Dunkelheit nicht mehr sehen konnte, dann sagte Buck leise: „Ich geh dann mal wieder schlafen." Er schob sich zwischen seinen Freunden hindurch und kletterte den Baum hinauf. Nach und nach folgten ihm die anderen und bald lag Louis wieder unter seiner Decke, in Gedanken wieder bei Harry und wünschte sich den Lockenkopf zurück.


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Wow, meine Bitte hat im letzten Kapitel ja wirklich funktioniert. Danke, dass ihr euch gemeldet habt. Es hat wirklich gut getan. Ich weiß, dass es auch anderen Autoren hier so geht und das ist wirklich schade. Deswegen freue ich mich sehr, über eure Nachrichten. Und Niall ist jetzt auch endlich aufgetaucht :-)
LG
   
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