Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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51. Nachricht an den Prinzen

Es war ein guter Tag zum Jagen, denn die Tiere konnte man im hellen Schnee gut sehen und so dauerte es nicht lange, bis mehrere tote Kaninchen hinter Louis am Pferd hingen. „Da vorn regt sich noch etwas.“ flüsterte Harry, nahm vorsichtig einen Pfeil aus dem Köcher und spannte ihn ein. Ein Grunzen war zu hören und ein Wildschwein, kräftig gebaut, kam hinter einem Strauch hervor. „Das wäre ein Festmahl.“ lechzte Louis und beim Gedanken an das saftige Fleisch, lief ihm bereits das Wasser im Mund zusammen.
Ihre Beute wühlte mit der Nase durch die Schneedecke und war gut abgelenkt, sodass sie die beiden jungen Männer nicht bemerkte, die es auf sie abgesehen hatten.
Harrys Pfeil schoss nach vorne und traf in das hintere Bein. Erschrocken quietschte das Wildschwein auf und jage davon, wurde durch den Pfeil allerdings behindert und strauchelte immer wieder. „Meine Hände sind so kalt...ein solcher Schuss hätte nicht passieren dürfen.“ schimpfte Harry mit sich selbst, zog einen neuen Pfeil aus dem Köcher und trieb sein Pony voran, um der flüchtenden Beute zu folgen. Louis setzte Harry nach und sein Pony stapfte durch den hohen Schnee voran und schlängelte sich zwischen Bäumen hindurch.
Es war nicht schwer, das Tier zu finden, denn sie mussten lediglich der Blutspur folgen, die es im weißen Schnee hinterließ. Schließlich fanden sie das Tier hinter einem Erdhügel liegend. Offenbar hatte es die Kraft verlassen. Harry erlöste es mit einem weiteren Pfeil, stieg dann ab und ging neben der Beute in die Knie. Einen Moment blickte er auf das Wildschwein hinunter und beschloss dann: „Wir sollten es gleich hier ausnehmen. Dann haben wir weniger zu tragen und es kann ausbluten, bis wir zurück sind.“

Die Luft dampfte, als sie den Kadaver öffneten und die Körperwärme in die kalte Winterluft entwich. Vorsichtig nahmen sie die Innereien heraus und der Schnee um sie her war bald blutrot gefärbt. Louis legte die glibberigen Innereien zur Seite. Sicherlich würden Füchse und Wölfe daran Gefallen finden. Sie banden das Wildschwein an ein Seil, wischen sich die Hände mit Schnee sauber und hievten ihre Beute dann auf Louis Pony. Dort hing es nun neben den erlegten Kaninchen und für Louis selbst gab es keinen Platz mehr. „Komm hinter mich.“ forderte Harry ihn auf und zog ihn hinter sich auf den Rücken seines Pferdes. Weil sie ohne Sattel unterwegs gewesen waren, konnten sie ganz bequem hintereinander sitzen. Louis schlang die Arme um Harry und hielt sich an dem Pelz fest, den er unter dem Umhang trug. Der junge König wandte den Kopf: „So nah haben wir schon lange nicht mehr beieinander gesessen.“ brummte er und lehnte sich ein wenig zurück, damit Louis ihn küssen konnte, was dieser auch prompt tat. „Ich liebe dich.“ sagten sie gleichzeitig und mussten dann gleichzeitig kichern. „Lass uns zurückreiten, dann bekommen wir heute vielleicht noch etwas zu essen.“

Kaum waren sie auf den Hof geritten, kamen Küchenjungen herbeigelaufen, um ihnen die Beute abzunehmen und sie den Köchinnen zu bringen, damit alles verarbeitet werden konnte. Eilig drückte Harry Louis die Zügel seines Pferdes in die Hand und sagte: „Ich geh rasch mit ihnen mit. Ich will sichergehen, dass alle hier auf der Burg etwas von dem Fleisch abbekommen.“ Und mit diesen Worten ging er über den Hof und verschwand die schmale Treppe zur Küche hinunter. Louis lächelte über diese Handlung. Obwohl Harry König war und tun und lassen konnte, was er wollte, schien es ihm wichtig zu sein, sich um jeden Menschen am Hof zu kümmern. Das rechnete er ihm hoch an und übernahm gerne die Pferdepflege.
Im Stall bürstete er ihnen den verklumpten Schnee aus dem Fell und stellte sie dann in ihre Boxen, wo sie sich über das Heu hermachten, das man ihnen gebracht hatte. Auch Louis hatte wirklich Hunger und beschloss, sich gleich auf den Weg in den Thronsaal zu machen. Natürlich würde das Essen noch eine ganze Weile auf sich warten lassen, aber vielleicht gab es dort über dem Kamin wenigstens ein warmes Getränk.

Harry war schon dort, als Louis eintrat. Er hatte seine Felle und Mäntel abgelegt und stand nah am Feuer, um sich die kalten Hände zu wärmen. Die anderen Merry Men saßen in einem Kreis um den Kamin herum, um so nah wie möglich an der Wärmequelle sitzen zu können. Louis streifte seinen Umhang ab, legte ihn über einen Stuhl und kam dann zu den Jungs hinüber. „Wissen wir schon etwas Neues, über die Mörder von Buck und Nerian?“ fragte Flint in die Stille hinein und alle blickten zu Gwydion hin, der ein wenig schläfrig in seinem Stuhl saß. Seit dem Überfall überflogen die schwarzen Krähen die Grafschaft und hielten Ausschau nach verdächtigen Personen. Bisher konnte aber nichts entdeckt werden und so wussten sie noch immer nicht, auf wessen Konto der Tod ihrer beiden Freunde ging. „Nein, auch heute kamen die Vögel ohne Neuigkeiten zurück.“ seufzte der Zauberer und zog besorgt an seiner Pfeife. Man sah ihm an, dass er gedanklich nicht ganz bei der Sache war, denn sein Blick war abwesend und weggetreten. Die Tür öffnete sich und Cuthbert trat ein. Sein dunkles Haar war feucht vom Schnee und fiel ihm strähnig ins Gesicht. Er war den ganzen Tag draußen gewesen und hatte sich um die Kampfausbildung der Nachwuchssoldaten gekümmert. „Wir belassen das Training für heute. Die Jungs sind ganz durchgefroren.“ teilte er den anderen mit und wie aufs Stichwort betrat auch Zayn den Thronsaal. Er hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen und bibberte. Seine Nase war gerötet, er hauchte sich mehrmals in die Hände und drängte sich neben Harry ans wärmende Feuer.  „Wo habt ihr eure Soldaten gelassen?“ erkundigte sich der König und Zayn informierte ihn darüber, dass man für die Soldaten einen großen Schlafsaal gefunden hatte, wo sie schlafen und essen konnten. „Wie weit seid ihr gekommen? Sind die Jungs schon in der Lage, einer Belagerung stand zu halten?“ fragte Harry neugierig und sah zwischen den beiden Männern hin und her, die neben ihm standen. „Sie sind alle schon sehr flink mit dem Bogen und auch das Schwert ist ihnen nicht mehr so fremd.“ erklärte Cuthbert. Er legte seinen Mantel ab und lehnte sich gegen einen Pfeiler des Kamins, dann sah er Harry ernst an: „Ich glaube allerdings nicht, dass sie einer Belagerung viel entgegen zu setzen hätten. Sie haben keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, haben wir das auch nicht.“ - „Wieso sprecht ihr denn dauernd von einer Belagerung?“ fragte Louis besorgt und sah Harry und seine beiden Heerführer an. „Nun, seit dem Mord an unseren Freunden müssen wir davon ausgehen, dass es Jemanden in der Grafschaft, oder im angrenzenden Reich gibt, der etwas gegen Harry hat. Und sollte diese Person uns angreifen wollen, wird das sicherlich mit einer Belagerung geschehen. Darum bereiten wir uns auf eine solche Situation vor.“ antwortete Zayn ziemlich direkt und Louis schluckte. Ihm war nie richtig bewusst gewesen, dass sie sich wirklich in Gefahr befinden könnten, doch wie Zayn das sagte, klang es ziemlich ernst. Er fing Liams Blick auf, der nur die Augenbrauen hob und sich auf die Unterlippe biss. Cuthbert hatte Louis Schreck nicht bemerkt und fuhr an Harry gewandt fort: „Nun, jedenfalls halte ich es für wichtig, Boten zu Prinz Niall zu senden. Er hat Soldaten, die deutlich mehr Erfahrung aufweisen können, als die unseren. Er muss uns nochmal einige Männer zur Seite stellen, damit wir im Falle eines Falles gewappnet sind. Wenn wir Glück haben, können sie uns dann auch gleich noch wichtige Strategien beibringen.“ Harry schien unsicher zu sein, denn er runzelte die Stirn und schien im Kopf die Möglichkeiten abzuwägen, die er hatte. „Harry. Cuthbert hat recht. Wenn wir heute noch eine Krähe losschicken, dann kann sie Prinz Niall noch in der Nacht erreichen. Wir wissen nichts über diese Fremden und je gründlicher wir vorbereitet sind, desto besser stehen unsere Chancen, im Falle eines Angriffs zu gewinnen.“ Alle sahen Harry an, der langsam nickte und sich dann an den Zauberer wandte: „Kannst du eine Nachricht losschicken?“ - „Natürlich.“ Gwydion erhob sich mit raschelndem Gewandt und ging zügig aus dem Thronsaal. Ob sie wirklich in Gefahr waren, oder war das alles nur eine Vorsichtsmaßnahme? Er beschloss sich direkt beim Zauberer zu erkundigen, wie er diese Situation einschätzte und ging Gwydion nach. Erst im langen Flur, der zu den Schlafkammern führte, holte er ihn ein. „Louis, was ist denn los, wieso bist du nicht bei den anderen?“ fragte der alte Mann, als er Louis neben sich bemerkt hatte. „Schweben wir wirklich in Gefahr?“ fragte er. Sie erreichten die steinerne Treppe des Bergfrieds und stiegen hinauf. Nach mehreren Windungen erreichten die Beiden die erste Etage. Der kalte Wind pfiff durch die Schießscharten hindurch und Louis dachte wehmütig an seinen Mantel, der im Thronsaal lag und ihm jetzt gerade sicherlich gute Dienste hätte leisten können. „Wie gesagt: wir haben noch keine Meldung über Eindringlinge bekommen. Aber das Leben ist ein ewiger Kampf und ich glaube, dass es sicherlich einen Herrscher gibt, der Harrys Unwissenheit auszunutzen versucht.  Zumindest würde ich das tun. Wenn man ein Königreich erobern will, ist der beste Zeitpunkt der, wenn der König noch unerfahren ist. Und das ist Harry leider.“ Gwydion seufzte und nahm nun die nächste Treppe, die allerdings aus Holz bestand.
„Also glaubst du, dass wir in Gefahr sind?“ Eigentlich wollte Louis die Antwort gar nicht wissen, doch unwissend zu bleiben, würde ihnen auch nichts nützen. „Ein König ist immer in Gefahr, selbst wenn er noch so gut bewacht ist. Das hat uns die Geschichte mit König Harold gelehrt.“ Der Zauberer klang recht neutral, vielleicht weil er schon zu alt war, um Angst zu haben. Louis hingegen blickte im Vorbeigehen aus einem schmalen Spalt in der Wand und fragte sich, ob in dieser Nacht vielleicht irgendwo in diesem Wald eine Truppe Kämpfer saß, die die Burg beobachteten. „Gibt es noch andere Zauberer, als dich?“ - „Wieso willst du das wissen?“ - „Naja, ich frage mich, ob die Gegenseite vielleicht Magie einsetzen könnte.“ überlegte Louis. „Soweit ich weiß, ich bin ich der einzige Druide in diesem Bereich des Landes, darüber musst du dir also keine Gedanken machen.“ beruhigte ihn Gwydion. Aber konnte es wirklich sein, dass nur sie das Glück hatten, einen Zauberer auf ihrer Seite zu haben? Könnte er ihnen nicht einfach eine Menge Soldaten herbeizaubern? Dann wären sie alle sicher. Louis wollte gerne noch mehr wissen, doch er wurde das Gefühl nicht los, dass ihm auf diese Fragen keine Antworten gegeben werden konnten. Entweder, weil Gwydion selbst sie nicht wusste, oder es sein Geheimnis bleiben würde.

Ganz Oben im Bergfried mussten sie sich ducken, um sich nicht den Kopf an dem Gebälk zu stoßen. Der Zauberer pustete in seine lange Pfeife und eine kleine Flamme schoss in die Höhe, sodass sie genug sehen konnten. Überall auf den Holzbalken saßen schwarze Krähen und blickten sie irritiert an, weil sie so spät am Abend hier heraufgekommen waren. „Würdest du das mal halten?“ Louis nahm die Pfeife entgegen und hielt sie so, dass der alte Mann eine kleine Rolle Pergament an das Bein einer Krähe binden konnte. „Wann hast du diese Nachricht geschrieben?“ - „Schon vor Tagen. Ich hatte bereits den Verdacht, dass wir bald mit Prinz Niall in Kontakt würden treten müssen.“ Der Vogel wurde zu einer Luke getragen und Gwydion entließ ihn in die Nacht. Er verschmolz sofort mit der Dunkelheit. Nur einmal konnte man das Tier kurz sehen, als es vor dem Vollmond flog und als scharfer Umriss zu erkennen war. „...dann wollen wir hoffen, dass sie ihr Ziel erreicht.“ sagte Gwydion leise und nahm Louis die Pfeife wieder aus der Hand.    
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