Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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61. Man muss einander lieben

Das Essen roch unglaublich gut, doch Louis konnte keinen Bissen zu sich nehmen. Zwar hatte er sich ein wenig Gemüse und ein paar Streifen Fleisch auf den Teller gelegt, doch er schob es nur mit dem Messer hin und her. Alle am Tisch redeten angeregt miteinander und auch die neue Königin unterhielt sich ab und zu. Harry hingegen sprach nur, wenn er etwas gefragt wurde und auch dann antwortete er meist mit der kurzen Sätzen. Der Abend zog sich in die Länge, doch irgendwann sprach Cuthbert noch einen Toast auf das Brautpaar aus, dann löste sich die Tischgesellschaft auf, worüber Louis sehr froh war. Harry erhob sich und legte Taylor den Umhang wieder um die Schultern, dann bot er ihr seinen Arm an und geleitete sie zum Ausgang. Zayn blickte ihm mit bedeutungsschwerem Blick an, als er an ihm vorbeiging. „Wieso schaust du ihn so an?“ fragte Louis und sah Zayn in das dunkle Auge, das nicht von der Augenklappe bedeckt war. Für einen Moment schien Zayn nicht so genau zu wissen, was er sagen sollte, doch Draca kam ihm zu Hilfe. „Heute Nacht werden die Brautleute die Ehe vollziehen.“ Er grinste und fand den Gedanken daran offenbar unglaublich amüsant, doch Louis wich der letzte Rest Farbe aus dem Gesicht, als er das hörte: „D-das heißt….also...“ - „Ja. Er wird sie lieben...nenn es, wie du möchtest. Der Sinn einer Ehe ist es schließlich, einen Thronerben zu zeugen und das wird nun Harrys Aufgabe sein. Tut mir wirklich leid, Louis.“ Draca wollte ihm den Arm um die Schulter legen, doch Louis schüttelte ihn unwirsch ab. Irgendwie hatte er es immer schon gewusst, doch realisiert hatte er die Wahrheit erst just in diesem Moment. Harry würde diese junge Frau – seine Frau auf die Art und Weise berühren müssen, wie er es sonst nur bei ihm tat. Louis wurde schlecht beim bloßen Gedanken daran und ein Würgereiz überkam ihn so plötzlich, dass er sich die Hand vor den Mund schlug und nach Draußen rannte. Zitternd übergab er sich in den Schnee, stützte die Hände auf den Knien ab und würgte nochmals. Ein saurer, ekelhafter Geschmack zog ihm in Mund und Nase und er wischte sich mit dem Handrücken über die zitternden Lippen. „Louis?“ eine dünne Stimme kam aus der Dunkelheit und als er aufblickte, sah er die Magd Louise auf ihn zukommen. Offenbar war sie gerade dabei, die Tafel abzuräumen, denn sie trug einige hölzerne Teller. Rasch verlagerte sie alles in einen Arm und zog Louis mit dem anderen auf die Beine. „Du siehst schwach aus. Wieso finde ich dich immer, wenn es dir nicht gut geht?“ fragte sie und schien dabei mehr mit sich selbst zu sprechen, als von Louis eine Antwort zu erwarten.  „Was ist nur los mit dir? Du siehst schrecklich aus.“ Sie hielt ihn fest und sah ihn ernst an. „Können wir irgendwo hingehen, wo uns niemand stört?“ bat er und Louise nickte. Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn die Freitreppe hinunter auf den Hof. Es ging an der Schmiede vorbei und dann in einen kargen, schmalen, überdachten Gang. Dort gingen mehrere Türen ab, hinter der sich die Kammern der Angestellten befanden. Sie öffnete eine Tür, die ein wenig schief in den Angeln hing und schob Louis in einen stockdunklen Raum hinein. „Das ist meine Kammer. Hier haben wir Ruhe.“ Kaum war er in die Finsternis getreten, blieb Louis stehen, denn er wollte nicht über irgendetwas stolpern. Louise verschwand kurz und kam dann mit einer kleinen Öllampe zurück, die ein wenig Licht spendete und unglaublich rußte. „Ich bringe rasch die Teller zurück. Warte einen Moment hier.“ Sie reichte ihm die Lampe und verließ dann die Kammer nochmals. Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, nutzte Louis die Möglichkeit, um sich umzusehen. Die kleine Flamme ließ erkennen, dass er sich in einem kargen Zimmer befand. Außer einem Schemel und einem Jutesack, der mit Stroh gefüllt war, befand sich nichts darin. Louise schien keine Besitztümer zu haben. Nicht mal über ein Fenster verfügte die Magd. Louis stellte die Lampe in eine kleine Nische in der Wand, die offenbar eigens dafür vorgesehen war, denn die Steine über der Flamme waren schon voller Ruß. Vorsichtig ließ sich Louis auf den knisternden Jutesack sinken, als die Tür wieder aufschwang und die junge Frau zurückkam. Sie hatte die Teller weggebracht und schloss die Tür leise hinter sich. „Du hast es dir schon bequem gemacht.“ sagte sie und setzte sich neben ihn auf die Schlafstätte. „Los, jetzt erzähl mir doch mal, was dich so bedrückt.“  - „Du darfst mich aber nicht für das verurteilen, was ich dir jetzt sage, ja?“ Die Magd nickte.

Und er schüttete ihr sein Herz aus. Louis erzählte ihr alles: er berichtete von dem Apfel, den er gestohlen hatte und der Folter, die er dafür erleiden musste. Er erzählte, wie er in Zayns Falle geraten war und die Merry Men kennengelernt hatte. Louise erfuhr von dem Mord am Steuereintreiber und davon, dass er und Harry sich im Moor nähergekommen und sich schließlich langsam ineinander verliebt hatten. Louise hörte sich alles an und als er bei der erzwungenen Ehe angekommen war, zog sie ihn in ihren Arm. „Jetzt wird mir so einiges klar. Oh Louis, ich kann verstehen, dass es dir deswegen so schlecht geht und ich wünschte mir, ich könnte dir einen Rat geben, aber ich weiß nicht, was man dabei tun kann.“ - „Es ist schon eine große Hilfe, dass du mich angehört hast...“ nuschelte Louis und wischte sich die Augen. „Und jetzt, wo du weißt, was der König mit seiner Frau tun muss...“ sie unterbrach sich selbst und strich Louis über die Wange. „Ich weiß nicht, ob ich heute Nacht in meinem Bett schlafen kann. Was, wenn er mit ihr dort ist?“ überlegte Louis und sah die blonde Magd unsicher an. „Nun, ich würde dich ja hier schlafen lassen, aber dieses Polster reicht kaum für mich selbst aus.“ Bedauernd strich sie mit der Hand über den rauen Stoff des Jutesacks. „Das sagst du doch nur, damit ich zurück gehe...“ murmelte Louis und blickte auf seine Hände. Louise lächelte: „Ja, vielleicht sage ich das aus genau diesem Grund. Aber es gehört sich auch nicht für eine junge Frau, einen Mann bei sich in der Kammer schlafen zu lassen.“
In diesem Punkt hatte sie recht und er stand wieder auf. „Gut, dann halte ich mal deine Ehre aufrecht und werde zurückgehen. Danke, dass du mir zugehört und Trost gespendet hast.“ Louis lächelte kurz und drückte dann die Tür auf und trat wieder hinaus ins Freie.

Mittlerweile hatte es angefangen zu schneien und der Wind fegte über den Hof, wodurch die Schneeflocken in kleine Geschosse verwandelt wurden und auf der Haut wehtaten. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, stapfte Louis die Treppe zum Thronsaal wieder hinauf, drückte die große Tür auf und huschte hinein. Der große, weitläufige Raum, war still und dunkel. In der Luft hing noch der Geruch des Festmahls und im Kamin glomm die Glut des Feuers. Vor dem Kamin hatten sich die Jungs wieder ihr Nachtlager errichtet; manche schliefen schon, eingewickelt in warmen Decken auf dem Holzboden. Louis wollte sich gerade unauffällig zu ihnen legen, denn er hatte den Mut verloren, bis zu Harry in die Kammer zu gehen. Vielleicht war es doch besser, wenn er einfach die Nacht bei den anderen Merry Men verbrachte. Gerade wollte er sich auf den Boden setzen, als sich eine Gestalt in seiner Nähe aufsetzte. „Louis, wieso bist du nicht bei Harry?“ Es war Zayn und er klang überrascht. „Ich...nun, ich dachte, er verbringt die heutige Nacht bei seiner….Frau...“ Der Klang seiner eigenen Worte verursachte bei Louis beinahe erneut einen Übelkeitsanfall. „Das stimmt, aber Harry sagte mir auch, dass er die Milady nicht in seine Kammer lässt...du kannst also sicher sein, dass du sie nicht störst.“ - „Ich kann das nicht Zayn.“ seine Stimme quietschte, als er sprach und wieder stiegen ihm die Tränen in die Augen. Der beste Freund des Königs erhob sich und stieg über die schlafenden Gestalten am Boden, kam zu Louis herüber und schloss ihn in die Arme. „Ich verstehe, wie du dich fühlst...“ - „Harry wird sie anfassen und ich hab so große Angst, dass ich es dann nicht mehr ertragen kann, in seiner Nähe zu sein...aber ich liebe ihn so...“ gestand Louis und vergrub das Gesicht in den Händen. Zayn machte einigen schnelle Schritte auf ihn zu und nahm Louis vorsichtig in den Arm. „Das ist schwer, das kann ich mir vorstellen. Es fühlt sich an, als ob er dir untreu wäre...was er im Prinzip ja auch ist. Aber Louis, er tut es nur, um uns alle zu schützen. Es fällt ihm nicht leicht; ich habe gesehen, wie er gezittert hat, als er zusammen mit Lady Taylor in der Kapelle stand. Glaub mir, dass er diese Ehe nur widerwillig eingegangen ist. Ich weiß, dass es ihm in der Seele wehtut, dir das antun zu müssen.“ Zayn schob Louis eine Armlänge von sich weg und sah ihn lächelnd an: „Soll ich dich zu deiner Kammer bringen? Harry freut sich sicherlich, dich zu sehen.“ Mit einem Schulterzucken antwortete Louis und ließ sich von Zayn in  die königlichen Gemächer zurückbringen.

Harry war nicht in seiner Kammer, als sie eintraten. Sicherlich war er noch bei seiner Frau. Louis erschauderte, als er den Raum betrat und Zayn ihn allein ließ. Das Feuer im Kamin brannte und der Raum war angenehm warm. Louis setzte sich auf das Bett, wickelte sich in eine Decke ein und starrte in die Flammen, die knisternd das Holz verschlangen. Obwohl er innerlich so aufgewühlt war, beruhigte ihn der Anblick des Feuers und seine Augen wurden immer schwerer, bis er langsam zur Seite kippte und auf den weichen Fellen einschlief.

„Louis, aufwachen...“ Jemand rüttelte ihn und er öffnete die Augen. Harry war wieder da und kniete vor dem Bett auf dem Boden. „Harry...“ nuschelte Louis und setzte sich langsam auf. Er blinzelte Harry verschlafen an und stellte fest, dass der Mann, den er so sehr liebte, genauso müde aussah, wie er sich fühlte. Harry brachte gerade so ein Lächeln zustande. „Hast du mit ihr...habt ihr die Ehe vollzogen?“ wagte Louis es zu fragen und wunderte sich, dass er den Mut dafür überhaupt aufbrachte. Der König schüttelte den Kopf und Louis Herz machte einen Sprung. „Nein...ich...ich habe es nicht gekonnt...es war nicht möglich, weil...mein Körper nicht mitgemacht hat.“ gab Harry zu, streckte die Hand aus, um Louis über die Wange zu streichen: er wirkte bedrückt und erleichtert zugleich. „Du bist der Einzige, dem ich so nahe sein kann...ich glaube so etwas kann man nur tun, wenn man liebt. Und ich liebe nur dich. Wie soll ich so jemals meine Pflicht gegenüber dieser Frau erfüllen?“ Louis schmiegte sich in Harrys warme Hand und schloss die Augen. Sein Herz war ihm leicht geworden, als er gehört hatte, dass Harry der hübschen Frau nicht nahe gekommen war. Er wandte den Kopf und küsste die Handinnenfläche seines Geliebten und seufzte: „Sei mir nicht böse, aber es macht mich sehr glücklich, das zu hören, wenn du die Wahrheit wissen willst.“ gestand Louis. Harry lächelte müde und sagte: „Ich glaube dir, dass es dich glücklich macht, aber ich muss einen Erben bekommen und dafür muss ich…muss ich sie lieben und ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll.“ Louis schwieg und sagte nichts dazu, denn er wusste, dass er Harry ansonsten nur ermutigen würde, sich von seiner Frau fernzuhalten. Auch der König schien heute Nacht nicht mehr in der Stimmung zu sein, darüber zu sprechen, stattdessen ließ er sich neben Louis auf das Bett sinken und  zog ihn mit sich. „Ich kann dir gar nicht genug dafür danken, wie sehr du mir heute den ganzen Tag über Kraft gegeben hast. Vielleicht konnte ich es dir nicht zeigen, aber ich habe den ganzen Tag gespürt, wie nah du mir warst und ich bin dir sehr dankbar dafür.“ sagte er leise. Louis näherte sich Harry und wollte ihn küssen, doch er hielt kurz inne. „Küsst du mich, bitte?“ fragte Harry leise und wollte die letzte Distanz zwischen ihnen überbrücken, doch Louis zog sich ein wenig zurück. Die Augen des Königs wurden überrascht und er schien kurz enttäuscht zu sein: „Willst du mich nicht mehr küssen?“ - „Doch schon, aber wenn ich daran denke, dass du gerade deine Frau geküsst hast, dann fällt es mir schwer, das nun bei dir zu tun.“ gestand Louis. Er wusste, dass er Harry damit wehtat. Der König setzte sich auf und fuhr sich durch die Haare: „Ich habe Taylor nicht geküsst. Der einzige Kuss, den sie von mir bekommen hat, war der auf die Stirn nach der Trauung. Meinst du, mit diesem Wissen, dürfte ich einen Kuss von dir bekommen?“ fragte Harry und  er hatte kaum den Satz beendet, als Louis ihm seine Lippen auf den Mund gepresst hatte.    
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