Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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77. Magie kann helfen

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie endlich am Fuße des Berges ankamen, auf dem die Burg stand. Gwydion trieb sein Pferd den steilen Pfad hinauf und Louis folgte. Der Weg war so steil, dass Harry nach hinten kippte und Louis sich an der Mähne des Pferdes festhalten musste, um nicht herunter zu fallen. Das Pferd machte kleine Trippelschritte und er drückte dem Tier ungeduldig die Fersen in die Seiten, bis es schnell genug lief.

Windung um Windung näherten sie sich der Burg. Es wurde immer schwerer Harry festzuhalten. Louis konnte sein Gesicht nicht sehen, doch er war sich sicher, dass er mittlerweile bewusstlos geworden war. Wie viel Gift wohl an der Pfeilspitze gewesen war, die ihn getroffen hatte? Besorgt versuchte er einen Blick auf Harrys Verletzung zu erhaschen, um zu sehen, ob es noch blutete. Doch, als er sich zur Seite lehnte, kippte ihm Harry beinahe auf der anderen Seite herunter und er musste ihn rasch wieder festhalten.
Klappernd trafen die Pferdehufe auf die Pflastersteine des Burghofes. Gwydion war bereits von seinem Pferd herunter gesprungen und schon auf der Treppe. „Bringt den König in den Thronsaal!“ rief er den Menschen im Hof zu. „Rasch!“ setzte er nach, als alle zögerten und Niemand den ersten Schritt machen wollte. Der Schmied, der einer der stärksten Männer im Hof war, zog Harry vom Pferd und trug ihn alleine die Treppe hinauf in den Thronsaal. Die Dienstboten und Mägde, die ihre Arbeit unterbrochen hatten, blickten ihm besorgt nach. Louis stieg vom Pferd und rannte dem Schmied hinterher.

Als er in den Thronsaal platzte, hatte der Schmied Harry bereits auf den langen Tisch gelegt und Gwydion kramte in kleinen Metallschalen und Tonkrügen nach Kräutern. „Kann ich etwas tun? Bitte, ich möchte helfen.“ bettelte Louis atemlos und sah hektisch zwischen Gwydion und Harry hin und her. „Bleib bei ihm...er hat Schmerzen.“ sagte der Zauberer abwesend und zog einige getrocknete Blätter aus einem Krug und warf sie in einen Mörser. Louis trat an den Tisch heran, danke dem Schmied leise und sah dann auf Harry hinab. Seine Atmung ging schwer und er bewegte sich kaum. Der Ritt zur Burg schien ihn seiner letzten Kraft beraubt zu haben. Louis griff nach den schlaffen Fingern und hielt Harrys Hand fest. „Alles wird gut. Gwydion heilt dich.“ flüsterte er, doch er wusste nicht genau, ob Harry ihn hören konnte. Immer wieder flatterten seine Augen auf, doch er schien halb ohnmächtig zu sein und kaum noch etwas in seiner Umgebung wahrzunehmen. Ängstlich hob Louis den Kopf und sah zu Gwydion hin – hoffentlich beeilte er sich. Harry zitterte und wimmerte leise vor Schmerzen und Louis wollte sich gar nicht ausmalen, was das Gift des Pfeils in seinem Körper auslösen mochte. Wenn Cuthbert so schnell daran gestorben war, musste es sehr stark sein. „Lou...“ krächzte Harry, öffnete die Augen und blickte ihn an. „Shht, alles wird gut, wir sind schon in der Burg. Gwydion wird dir gleich helfen.“ Louis Stimme zitterte ein bisschen und er hoffte, seine Worte würden Harrys Schmerzen ein wenig lindern, doch der König zitterte immer heftiger. Zweimal würgte er, als müsste er sich übergeben. „Gwydion, beeil dich! Er stirbt hier sonst!“ flehte Louis und sah panisch zu dem Druiden hin. „Ich bin schon da.“ hektisch in einem Mörser rührend, kam der alte Mann zu ihnen herüber. Mit einem Spatel strich er eine dicke, übelriechende Paste auf das Loch in Harrys Bein. Sobald die Paste mit der Haut in Berührung kam, zischte es laut und das Zeug begann zu dampfen. „Argh!“ schrie Harry und warf den Kopf hin und her. „Alles wird gut, bitte halte still.“ bettelte Louis und biss die Zähne zusammen, als Harry seine Hand vor Schmerzen zusammendrückte. Gwydion legte ein Tuch auf die Wunde und schloss die Augen. Er murmelte leise vor sich hin, hielt die Hände vor sich und öffnete die Finger, als ob er eine unsichtbare Kraft dazwischen festhalten würde. Dann legte er die Hände auf Harrys Bein, der zusammenzuckte und ächzte. Louis beobachtete das Geschehen genau und es schien ihm fast so, als würde Harry mit jedem Wort, das Gwydion murmelte, ein wenig ruhiger. Die Stimme des Druiden wirkte einschläfernd und Louis entspannte sich zusehends. Auf dem Tuch, das auf der Wunde lag, hatte sich ein schwarzer Fleck gebildet, der immer größer wurde. Die dunkle Flüssigkeit durchtränkte langsam das ganze Tuch und es sah beängstigend aus. „Was ist das?“ fragte Louis den Zauberer, ohne den Blick von dem Fleck abzuwenden. Gwydion antwortete nicht. Konzentriert murmelte er weiter vor sich hin, bis Harry vollkommen ruhig da lag. Mit einem letzten Druck auf die Wunde, beendete Gwydion seine Heilung und richtete sich schwer atmend auf. Das Gift aus Harrys Körper zu ziehen, schien auch ihn sehr angestrengt zu haben.

Louis wandte den Blick von Harry ab, der mit geschlossenen Augen auf dem Tisch lag und flach atmete. „Ist es geschafft? Ist Harry geheilt?“ fragte Louis unsicher und strich seinem Geliebten mit der flachen Hand über die Brust. „Das meiste Gift ist aus seinem Körper heraus. Jetzt muss er sich ausruhen. Der Körper muss das restliche Gift selbst verarbeiten. Harry wird viel schlafen in den nächsten Tagen, aber das wird ihm gut tun. Sorge dich nicht um ihn, Louis, er wird schon wieder auf die Beine kommen.“ Gwydion sammelte seine Utensilien wieder ein und packte alles in eine Holzkiste. Louis ging zum Kamin hinüber, nahm sich eine der Decken, die dort herumlagen. Obwohl es in der Halle nicht kalt war, deckte er Harry zu und schob sie überall unter seinen Körper, sodass er warm eingepackt war. Der König seufzte, als Louis Hände ihn berührten, ließ die Augen geschlossen. Vielleicht war er zu kraftlos, um sie zu öffnen. Gwydion verließ den Thronsaal mit der Kiste unter dem Arm und die Tür schlug hinter ihm zu. Sie waren nun wieder allein. „Harry, du bist gerettet...hast du das mitbekommen? Du musst dich jetzt viel ausruhen und schonen, damit dein Körper sich erholen kann.“ Als er die Worte aussprach, kam die Wirklichkeit erst so richtig bei Louis an. Vor seinem geistigen Auge sah er den Kampf noch einmal vorbeiziehen, sah Harry zusammenbrechen und durchlebte noch einmal den Ritt zurück zur Burg, während dem er so sehr um Harry gebangt hatte. Tränen stiegen ihm in die Augen und er fragte sich, wieso er ihnen nicht schon früher nachgegeben hatte. Als sie noch im Wald gelebt hatten, war Harry zwar auch häufig allein losgezogen, doch Louis hatte noch nie so sehr um sein Leben gebangt, wie heute. Heute war es wirklich knapp gewesen und anhand von Cuthbert konnte man schließlich deutlich erkennen, dass nicht ausschlaggebend war, wie gut man kämpfen konnte, um am Leben zu bleiben. Siedend heiß fiel ihm ein, dass Harry noch gar nicht wusste, dass ihr Heerführer im Kampf gefallen war. Mit einem prüfenden Blick auf Harry beschloss Louis, ihm vorerst nichts von Cuthbert zu erzählen. Sanft strich er ihm mit seinem Ärmelsaum über die Stirn, tupfte den Schweiß ab und beugte sich dann vor, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu drücken. „Ich bin so froh, dass du überlebt hast.“ flüsterte er und eine Träne tropfte auf Harrys Wange. Der König zuckte zusammen und schlug die Augen auf. Sein Blick war noch verschleiert und die Augen zuckten hin und her, doch er erkannte Louis und lächelte matt. Der Versuch, die Hand zu heben scheiterte und er grummelte ein wenig, vermutlich weil die Decke ihn daran hinderte, Louis zu berühren. Zweimal setzte er zum Sprechen an, doch die Stimme versagte ihm. „Du musst nichts sagen...ruh dich einfach aus. Es ist nur wichtig, dass du wieder gesund wirst. Hörst du?“ Harry holte tief Luft, nickte und krächzte dann: „Wo sind die anderen?“ - „Sie sind noch im Wald. Wir haben dich so schnell wie möglich hergebracht. Sie kümmern sich um Benjamin und seine Männer.“ sagte Louis und hoffte, Harry würde nicht weiter fragen. Doch er tat es: „Haben alle überlebt?“ Louis biss sich auf die Lippe und schluckte. Er wollte es Harry nicht sagen. Sicherlich war es nicht gut, wenn er sich in seinem jetzigen Zustand auch noch aufregte. Aber anlügen wollte er ihn auch nicht. „Louis...“ drängelte Harry, befreite seine Hand nun endgültig aus der Decke und legte sie an seine Wange, um ihn dazu zu zwingen, ihn anzusehen. „Es haben nicht alle überlebt...Cuthbert hat mit Benjamin gekämpft...er hat ihn für dich gehalten, weil ihr die Umhänge getauscht habt. Er wurde von mehreren Pfeilen getroffen und hat es leider nicht geschafft. Ob von den anderen Jemand gefallen ist, kann ich leider nicht sagen...aber von den Merry Men, sind alle heil rausgekommen...bis auf dich und Cuthbert...es tut mir leid, Harry.“ Der König biss sich auf die Lippe und in seine müden Augen stiegen Tränen. Louis wünschte sich, er könnte etwas sagen, das ihn getröstet hätte, doch Harry war mit Cuthbert aufgewachsen, kannte ihn von Kindesbeinen an und es war sicherlich für ihn, als hätte er einen Bruder verloren. Harry blickte an die Decke des Thronsaals und Tränen liefen ihm übers Gesicht und verschwanden in seinen dunklen Haaren. „Ich hätte niemals zustimmen dürfen, dass wir die Kleidung tauschen….sicherlich hat man uns beobachtet und Benjamin ist deswegen direkt auf Cuthbert losgegangen. Wieso habe ich das nur zugelassen? Ich trage die Schuld an seinem Tod….“ seine Stimme versagte ihm und er setzte sich zu Louis Überraschung ruckartig auf, befreite sich aus der Decke und kletterte vom Tisch. „Harry, was tust du da? Gwydion hat gesagt, du sollst dich schonen.“ - „Ich kann mich nicht schonen...“ stammelte Harry, rutschte vom Tisch und wollte zur Tür laufen. Seine Beine versagten ihm beinahe den Dienst und er strauchelte. „Harry! Wo willst du hin, die Jungs sind alle noch im Wald. Du musst hier bleiben und dich ausruhen!“ protestierte Louis und ging schnell zu Harry. „Ich muss zurück, ich kann nicht hier bleiben und herumliegen, während meine Freunde sich mit dem besiegten König herumschlagen müssen. Ich muss meinen Pflichten nachkommen.“ Seine Knie gaben nach und er wäre sicherlich auf dem Holzboden gelandet, wenn Louis ihn nicht rechtzeitig an den Schultern gepackt und aufgefangen hätte. Er sah Harry prüfend ins Gesicht, das tränenüberströmt war: „Cuthbert ist tot...“ presste er hervor, klammerte sich an Louis Unterarm und vergrub das Gesicht in seiner Armbeuge. „Er war wie ein Bruder für mich. Ich kannte ihn schon mein ganzes Leben lang. Er war es, der mir das Schießen beigebracht hat...“ - „Ja, das mag sein, aber es bringt Niemandem etwas, wenn du jetzt Hals über Kopf zurück in den Wald gehst und dort vielleicht noch deiner Verletzung erliegst. Damit würdest du uns allen noch mehr Schmerz bereiten, als es Cuthberts Tod sowieso schon getan hat. Und sei dir bewusst, dass er es war, der dir den Umhangtausch angeboten hat. Cuthbert war sich der Gefahr bewusst. Er hätte alles für dich getan Harry. Lass seinen Tod nicht umsonst gewesen sein, indem du dich jetzt in Gefahr begibst...bitte sei vernünftig und bleibe hier.“ Jetzt gaben Harrys Knie nach und er sank mit Louis gemeinsam auf den Fußboden hinab. Noch immer hielten sie einander fest. „Du hast recht...ich weiß nicht, was ich gerade gedacht habe...“ stammelte Harry und wischte sich über die Augen. Sie blieben einen Moment sitzen und hielten einander fest. Louis zitterte, da es auf dem Boden kalt war weil der Wind unter den Türen hindurch pfiff. Harrys Körper war sehr warm und ein dünner Schweißfilm lag auf seiner Stirn. „Du musst dich wieder hinlegen. Du bekommst Fieber.“ Der König reagierte kaum. Gedanklich war er sicherlich noch bei seinem getöteten Bruder. Kurzerhand zog Louis ihn auf die Beine und schob ihn zurück zum Tisch. Er legte Harry die Decke um die Schultern und führte ihn durch die Seitentür in die königlichen Gemächer.    
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