Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

0Likes
0Kommentare
188Views
AA

52. Lawinengefahr

„Unglaublich...“ Leofwine lehnte sich nach vorne und sog genüsslich den Duft des gebratenen Fleisches ein, das man ihnen gebracht hatte. Sie saßen alle gemeinsam an dem langen Tisch, auf dem mehrere Holzplatten mit den gebratenen Hasen lagen. Die Küche war tatsächlich noch vor Mitternacht fertig geworden und sie bekamen endlich etwas zu essen. Jeder zog seinen Dolch oder ein Messer aus dem Gürtel und bediente sich. Innerhalb kürzester Zeit, waren die Holzplatten leer geputzt und alle schläfrig. „Ich lege mich hin.“ brummte Cuthbert, zog sich ein Fell aus einer Ecke des Thronsaals nahe ans Feuer und legte sich hin. Sofort erhoben sich auch alle anderen, denn die Plätze dicht an den Flammen waren begehrt. „Kommst du mit mir?“ fragte Harry Louis leise und streckte die Hand aus. Er ergriff sie und die Beiden verschwanden in die Kammer des Königs. Die Merry Men hatten kein Problem damit, dass Louis bei Harry schlief, schließlich war er sein persönlicher Begleiter und nach so langer Zeit, war auch den allerletzten klar geworden, wie nah sie einander standen.

Die Flure waren zugig und kalt und als sie den Durchgang zu Harrys Kammer nahmen, der am Hof entlangführte, mussten sie vorsichtig gehen, denn der Fußboden war glatt und rutschig. In der Kammer war es behaglich warm und Louis schloss rasch die Tür hinter ihnen. Das Feuer glühte noch im Kamin und strahlte eine wabernde Wärme aus. In einem Weidenkorb lagen gespaltene Hölzer bereit und Harry legte eines davon auf die Glut. So würde das Feuer in der Nacht nicht ausgehen. „Das Bett ist sicherlich kalt.“ mutmaßte Louis und blickte auf die Felle und Wolldecken. „Es wird nicht wärmer, wenn wir uns scheuen, hinein zu liegen.“ lächelte Harry, legte eine Wollweste  und die Stiefel ab und schlüpfte in Hemd und Hose unter die Felle. Louis tat es ihm gleich und schmiegte sich sofort an Harrys warmen Körper. „Du zitterst.“ - „Du auch...“ - „Mir ist auch wirklich ziemlich kalt.“ bibberte Louis, zog die Beine an die Brust und ließ sich von Harry in den Arm nehmen. „Lou...sag, wieso bist du vorhin mit Gwydion gegangen? Ich habe gesehen, wie du ihm nachgelaufen bist.“ fragte Harry, der so weit unter einem Fell lag, dass Louis nur noch die grünen Augen und den dunklen Haarschopf erkennen konnte. „Ich wollte fragen, ob er die Lage wirklich so schlimm einschätzt.“ - „Und, tut er das?“ - „Er sagt, dass du in Gefahr bist, weil es andere Machthaber ausnutzen können, dass du unerfahren bist und keine Truppen besitzt.“ gab Louis zu. Er  war sich nicht so sicher, ob das sonderlich weise war, wenn er es Harry so direkt sagte. Womöglich würde er dann wieder Selbstzweifel bekommen. „Ja, da hat er schon recht...woher soll ich auch wissen, wie man das alles macht...aus diesem Grund fand ich den Einfall, noch einmal Prinz Niall um Hilfe zu bitten sehr gut.“ gab Harry zu. Er schob eine Hand unter der Decke hervor und tippte damit gegen Louis kalte Nase. „Aber jetzt reden wir nicht mehr vom König-Sein und von Soldaten, ja?“ - „Worüber willst du dann sprechen?“ - „Darüber, wie schön du heute beim Essen aussahst.“ Louis spürte, wie er rot wurde. Hatte Harry ihn etwa den ganzen Abend lang beobachtet? „Ich...aber ich habe doch nur….gegessen...“ versuchte er sich herauszureden, doch der König schüttelte den Kopf: „Ich würde dir bei allem was du tust zusehen und finden, dass du der schönste Mensch im Raum bist.“ Harry war ziemlich stur, was dieses Thema betraf und ließ sich nicht davon abbringen, Louis zu beteuern, wie schön er ihn fand. „Was gefällt dir denn besonders gut an mir?“ Jetzt wollte Louis es dann doch genau wissen, drehte sich auf den Bauch und legte das Kinn auf Harrys Brust ab. Sie sahen einander lange an und die grünen Augen zuckten über Louis Gesichtszüge, fast so, als könne er sich nicht entscheiden. „Ich liebe es, wenn du lachst. Dieses Lächeln, wenn dir etwas gut gefällt. Dann strahlen deine Augen so und du kneifst sie so zusammen, dass man sie kaum noch sehen kann. Du bist nicht grob und vorschnell, sondern tust alles mit Bedacht, das wirkt beruhigend auf mich, wenn ich mal wieder durcheinander bin, weil mein Kopf zu viele Dinge verarbeiten muss. Du bringst mich zur Ruhe, das tut unglaublich gut.“ Diese Worte zu hören, ließ Louis Herz höher schlagen und ihm wurde angenehm war. Die großen Hände Harrys lagen auf seinem Rücken und strichen stetig hinauf und hinunter, es war so angenehm. „Ich finde du bist ein guter König. Ich hätte mich niemals getraut, diese Bürde auf mich zu nehmen und vollstes Verständnis dafür gehabt, wenn du einfach geflüchtet wärst. Ich bin unglaublich stolz auf dich, Harry. Und wenn es sein muss, werde ich dabei helfen, dich zu verteidigen.“ - „Oh nein, du wirst dein Leben nicht für mich aufs Spiel setzen.“ widersprach Harry sofort und hielt Louis fest, damit dieser sich nicht aus seiner Umarmung winden konnte. „Aber ich will es...“ - „Und ich will, dass du sicher bist...“ Harry reckte den Hals und verschloss Louis Lippen mit einem Kuss, sodass er nicht mehr widersprechen konnte. Er zog ihn auf sich und so lagen sie dicht beieinander, küssten sich und wärmten sich gegenseitig. „Glaubst du denn, Prinz Niall schickt uns Hilfe? Immerhin haben wir keinen handfesten Beweis dafür, dass du ihn Gefahr bist. Die Mörder hätten genauso gut Wegelagerer sein können.“ überlegte Louis und nuschelte dabei in das Fell über sich. „Ich hoffe, dass er uns hilft. Bisher war er immer auf unserer Seite, daher bin ich hoffnungsvoll, was das angeht. Und du solltest dir darüber nicht deinen hübschen Kopf zerbrechen.“ Liebevoll strich Harry über Louis Wange, lächelte ihn an und küsste ihn nochmal, sodass er nichts mehr sagen konnte.

In Harrys Armen war es warm und Louis schlief trotz der Kälte draußen sehr gut. Die Felle hielten ihre Körperwärme fest und Harrys Nähe tat ihr Übriges.

Recht erholt traten sie am nächsten Morgen gemeinsam in den Thronsaal. Die Jungs hatten ihr Nachtlager gerade zusammengeräumt und das Feuer im Kamin prasselte. Cuthbert und Zayn passierten sie in der Tür. „Wir gehen wieder hinunter auf die Wiese und kümmern uns um unsere Rekruten.“ teilte Cuthbert ihnen im Vorbeigehen mit. Bei Sprechen war sein Atem als weiße Schwaden in der Luft zu sehen. Es war verdammt kalt. Louis zitterte jetzt schon, dabei hatten sie nur einen kurzen Fußweg im Freien zurückgelegt. Rasch trat er ans Feuer heran und als die heiße Luft seine Haut traf, fühlte es sich an, als stünde er in Flammen. „Kam schon eine Nachricht von Prinz Niall zurück?“ fragte er Leofwine. Der war gerade dabei, neues Holz in die Weidenkörbe zu packen, damit sie immer einen Vorrat hatten. „Gwydion ist noch nicht hier. Vielleicht ist die Krähe ja direkt zu ihm geflogen.“ antwortete er.

Prinz Nialls Antwort kam erst am Mittag bei ihnen an. Der Morgennebel hatte sich ein wenig verzogen und die Sonne war hinter den weißen Wolken hervorgekommen. Der unberührte Schnee glitzerte und blendete Louis, als er auf die große Freitreppe trat und sich umsah. In der Nacht hatte es ordentlich geschneit und auf allen Vordächern und Zinnen, lag eine dicke Schicht, wie ein Häubchen. „Louis, willst du mich begleiten? Ich würde mir gerne ansehen, wie sich unsere neuen Soldaten so schlagen und vielleicht bei den Übungen mitmachen.“ Leofwine und Flint waren aufgetaucht und Louis schloss sich ihnen gerne an. Sie gingen die vereiste Treppe hinunter in den Hof und von dort unter einem Vorsprung entlang, der sie zu einem Durchgang führte. „Ob die Dächer so viel Schnee aushalten können?“ fragte Flint und deutete auf das Dach der Schmiede. Es war ein wenig schief gebaut und der Schnee an einer Seite bereits heruntergerutscht. „Das Dach scheint so gebaut zu sein, dass der Schnee...“ fing Louis an und wurde von einem dumpfen Knarzen unterbrochen. Das Geräusch schien direkt über ihnen zu sein und alle Drei legten langsam den Kopf in den Nacken. Keinen Augenblick später hatte sich der Schnee auf dem Vorsprung, unter dem sie standen, gelöst, war ins Rutschen geraten und ehe sie sich versahen, wurden sie unter der kalten Masse begraben. Es war schrecklich kalt und Louis quietschte erschrocken auf. Ein wenig Schnee war ihm in den Kragen gerutscht und schmolz nun auf seiner Haut. Flint hatte glücklicherweise seine Kapuze getragen und schüttelte sich nun den Schnee ab. Leofwine bog sich vor Lachen und fing an, sich mit den Händen selbst auszugraben. Flint tat es ihm gleich und die beiden hatten es recht schnell geschafft. Louis hingegen brauchte deutlich länger, denn da er fast zwei Köpfe kleiner war, als Leofwine und Flint, reichte ihm der Schnee beinahe bis zu den Oberschenkeln. Seine Finger waren von der Kälte schon ganz taub und es gelang ihm kaum, große Mengen davon zu greifen. „Wir helfen dir.“ bot Leofwine an und begann gemeinsam mit Flint, der nicht aufhören konnte zu kichern, Louis auszugraben. Ihr Plan, den anderen ein wenig beim Training zuzusehen, erübrigte sich nun, denn ihre Klamotten waren vom Schnee ganz durchnässt und würden sich erst einmal umziehen müssen.

In Harrys Kammer legte Louis die nassen Sachen ab und hängte sie vor den Kamin. In der Holzkiste fand Louis noch einige Kleidungsstücke, die ihm passten. Gerade zog er eine Kordel an der Hose zu, als die Tür aufgerissen wurde und Leofwine hereinstürzte. „Louis! Komm mit! Eine Nachricht kam an und ich glaube, Harry braucht jetzt seine Freunde.“ Alarmiert sprang Louis auf, zog sich rasch noch ein Hemd über den Kopf und folgte Leofwine dann im Laufschritt in Richtung Thronsaal. Sie gingen Flure entlang und stürzten dann durch die Seitentür in den Thronsaal hinein. Harry ging vor dem Kaminfeuer auf und ab und er wirkte total aufgebracht. Gwydion stand in seiner Nähe und hielt einen kleinen Fetzen Pergament in der Hand. „Sag das nochmal, damit ich sichergehen kann, mich nicht verhört zu haben.“ forderte Harry und seine Stimme grollte. Alle Merry Men standen in der Nähe und sahen unsicher und eingeschüchtert aus. Der Zauberer seufzte und sagte: „...König James gibt dir militärische Unterstützung. Allerdings unter einer Bedingung. Er weiß, dass du eine Frau brauchst und an seinem Hof gibt es eine passende Kandidatin. Wenn du sie zur Frau nimmst, bekommst du Soldaten. Wenn nicht, dann musst du allein kämpfen.“ Harry schnaubte. „Ist besagte Dame so schlimm, dass er sie loswerden will, oder wieso setzt er diese Bedingung? Ich will nicht heiraten!“ Wütend trat er gegen die Steinwand und schnaubte. „Nun, meines Wissens nach ist diese Dame die Cousine von Prinz Niall und noch ledig. Bisher gab es keinen passenden Kandidaten und es ist nur verständlich, dass der König seine Enkelin in gute Kreise verheiraten will und wenn das mit Druck geschehen muss, wird er diesen Druck anwenden.“ Gwydion versuchte beruhigend zu klingen, doch Harry blieb stur und schüttelte den Kopf. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: „Ich werde Lady Taylor gewiss nicht zur Frau nehmen.“    
Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...