Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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37. Jonathan

Sie waren noch beinahe den ganzen Tag unterwegs und erreichten erst bei Dämmerung die Burg, die Louis mit so vielen schlimmen Dingen in Verbindung brachte. Mittlerweile hatte man ihn wieder auf seine Füße gestellt, nachdem er aufgehört hatte, sich zu wehren und er musste selbst gehen, was mit auf dem Rücken gebundenen Händen gar nicht so einfach war. Der Weg zur Burg hinauf, wand sich in gleichmäßigen Biegungen zwischen hohen Bäumen hindurch, die sich lichteten, je näher sie der Burg kamen. So konnten die Wachen des Königs potentielle Angreifer bereits von Weitem gut sehen. Louis taten die Füße weh und er stolperte ab und zu. Er war immer schwächer, doch ob es daran lag, dass er nichts gegessen hatte, oder nicht wusste, wie es Harry ging, konnte er nicht sagen. Anfangs hatte er sich immer wieder umgesehen in der Hoffnung, Jemanden zu entdecken, der im Schutz der Büsche neben ihnen her schlich, doch er konnte nichts erkennen und hatte es irgendwann aufgegeben. Die Wachen Jonathans hielten sie am Tor auf und beäugten Louis misstrauisch, der gefesselt zwischen den Soldaten stand, das Haar zerzaust und die Kleidung schmutzig, weil man ihn in den weichen Waldboden gedrückt hatte. „Was wollt Ihr hier?“ fragte einer ziemlich bissig und Prinz Niall trat vor: „Ich wünsche König Jonathan zu sprechen. Ich habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Lasst uns passieren. Wir kommen in Frieden.“ - „Ihr müsst Eure Waffen abgeben, bevor Ihr den Thronsaal betretet. Wenn Ihr dazu bereit seid, dann lasse ich Euch ein.“ sagte einer der Wächter und als Prinz Niall dem zugestimmt hatte, machten sie den Weg frei und sie konnten die Burg betreten. Mit einem erneuten Stoß in den Rücken wurde Louis dazu gezwungen, sich in Bewegung zu setzen und folgte.
Es hatte sich seit seinem letzten Mal hier nichts verändert. Er konnte die Mauer sehen, über die er in den Obstgarten geklettert war um den Apfel zu stehlen. Und auch heute war wieder Markt im Innenhof. Überall waren Kaufleute und Bauern zugange, schleppten Waren in Körben herum und wuselten geschäftig hin und her. Als die Soldaten aber mit strengen Mienen und schnellen Schritten auf sie zukamen, machten alle rasch Platz und senkten demütig die Blicke. Niemand wollte aufmüpfig wirken, oder wagte es, Fragen zu stellen und so taten sie alle einfach so, als sähen sie Louis nicht, der verängstigt zwischen den Soldaten mitgezogen wurde.
An den Innenhof grenzte eine große Treppe, die hinauf an ein hölzernes Tor führte, vor dem ebenfalls zwei Wachen standen. Prinz Niall bedeutete seinen Männern, am Fuß der Treppe zu warten. Er ging auf Louis zu, griff in das Seil, das ihm die Hände auf den Rücken zwang und schob ihn dann vor sich die Treppe hinauf. Es waren recht niedrige Stufen und man hatte das Gefühl, niemals Oben anzukommen. Doch irgendwann war man dort und sie standen vor den beiden Wachmännern. Diese trugen prächtige Brustpanzer und eine steinerne Miene im Gesicht. „Ich möchte zu König Jonathan vorgelassen werden.“ verlangte Prinz Niall mit fester Stimme. „Wen darf ich anmelden?“ - „Prinz Niall. Ich war bereits vor einigen Tagen hier.“ sagte er und der Wachmann wandte sich um, um den Thronsaal zu betreten. „Ihr müsst Eure Waffen abgeben.“ forderte der andere Wachmann und bekam von dem Prinzen sein Schwert ausgehändigt. „Was ist mit ihm?“ Louis wurde lediglich mit einem Nicken bedacht: „Ihm habe ich bereits seine Waffen entwendet, seid unbesorgt.“
Schwere Schritte kündigten den anderen Wächter an und er ließ die Tür offen stehen, nachdem er wieder an der frischen Luft auf seinem Posten stand. „Der König erwartet Euch.“

Louis hob den Blick nicht, als er von Prinz Niall in den Thronsaal geschoben wurde. Er wollte den König nicht sehen. Wenn er sich nur vorstellte, dass dieser Mann schuld daran war, dass Harry keine Eltern mehr hatte, wurde ihm ganz schlecht und deswegen wollte er die letzten Momente noch genießen, in denen sich hinter dem Namen „König Jonathan“ noch ein Gesichtsloser verbarg. Die Halle schien größer zu sein, als die des Prinzen, denn ihre Schritte hallten viel lauter von den Wänden wider und sie gingen lange, bis sie endlich zum Stehen kamen. „Oh, Prinz Niall, was verschafft mir die erneute Ehre Eures Besuches?“ fragte eine kräftige, männliche Stimme. „Eure Majestät, ich bringe Euch Jemanden, den ihr sicherlich schon lange sucht.“ sagte der Prinz, griff Louis ins Haar und zog seinen Kopf nach oben, damit er den König anblicken konnte und der Herrscher auch ihm ins Gesicht sah.
Jonathan war imposant. Ein großer, breitschultriger Mann, dessen rotbraunes, dichtes Haar ihm bis auf die Schulter reichte. Seine Augen waren grau, wie die Wolken am Himmel und sahen so wachsam aus, dass Louis das Gefühl hatte, es gab nichts im Königreich, das ihm verborgen bleiben könnte. Sein Bart war kurz und gepflegt und er reckte das Kinn, als er Louis anblickte. Gemächlich erhob er sich von dem prächtigen Thron, auf dem er gesessen hatte, warf den Umhang hinter sich und trat die wenigen Stufen hinunter, die ihn auf eine Ebene mit Prinz Niall und Louis brachten. „Wer ist das und wieso sollte ich ihn suchen? Ist er etwa der verloren geglaubte Sohn von Edward?“ In seiner Stimme klang etwas Begieriges mit und er streckte eine behandschuhte Hand aus, griff Louis Kinn und zwang ihn dazu, ihm in die Augen zu sehen. Louis setzte alles daran, den Mann vor sich so böse anzusehen, wie es ihm nur möglich war. „Nein Sir. Es ist nicht der Prinz. Ich habe auf dem Ritt zurück in das Reich meines Vaters einen jungen Mann im Wald kennengelernt, der Prinz Edward wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Ich bin mir sicher, dass er dessen Sohn ist. Wenn Ihr ihn aus dem Weg räumen wollt, ist dieser Junge hier genau der Richtige dafür, um ihn in eine Falle zu locken.“ Louis verstand nichts und auch dem König, schienen sich diese Worte nicht zu erschließen. „Wie soll ich das verstehen?“ fragte er laut. „Wenn Ihr erlaubt, würde ich Euch meinen Plan gerne in Ruhe darlegen. Ich überlasse Euch diesen Jungen. Ihr könnt ihn einsperren, wenn Ihr wollt.“ Jonathan hob die Hand und winkte zwei Männer  heran, die im Schatten gestanden hatten und nun hinter Steinsäulen hervortraten. „Hängt ihn in das Netz. Ich will ihn mir ein wenig ansehen können.“ befahl er und sie nickten. Das Netz? Was sollte das bedeuten? Louis sah sich um: die Halle war groß und aus hellgrauem Stein gefertigt. Sie war ebenfalls mit prunkvollen Wandteppichen ausgestattet, die zwischen hohen Fenstern hingen. Die Kerzenleuchter, die überall herumstanden, waren aus Bronze und glänzten im Licht der Kerzen und auch der Boden des Thronsaals glänzte, denn er war aus glattem Holz gefertigt. Einer der Wachen packte Louis und zog ihn in die Nähe einer Säule, wo bereits ein weiterer Mann wartete, der ein grobmaschiges Netz ausgelegt hatte. „Los, rein da!“ befahl er und löste Louis Fesseln. Seine Hände waren schon ganz taub und die Haut an seinen Handgelenken wund und blutig. Unsicher stellte sich Louis auf das Netz und kaum hatte er seinen Platz eingenommen, wurde es über seinem Kopf verschlossen und mit Hilfe eines Seils bis hinauf unter die Decke gezogen. Es riss ihn dabei von den Füßen, denn die Maschen waren recht groß, sodass er hin und wieder mit einem Bein hindurch glitt, doch nicht groß genug, um herausfallen zu können. „Viel Spaß da oben!“ rief einer der Wachen, machte das Seil an einem Haken in der Wand fest und stellte sich wieder auf seinen Posten.

Louis lag unbequem und sein Umhang, den er noch immer trug, verhedderte sich mit den Maschen, sodass es ihm beinahe unmöglich war, sich zu bewegen. Er fühlte sich ein wenig wie ein Mehlsack, wie er da in dem Netz hing, dass durch sein Körpergewicht so eng geworden war, dass er sich selbst die Knie an die Brust drückte und dadurch schlecht Luft bekam. Vorsichtig lugte er durch die Maschen hindurch nach Unten. Er konnte den Thron direkt unter sich sehen, auf dem Jonathan nun wieder Platz genommen hatte und Prinz Niall, der auf einem Stuhl daneben lag. Sie sprachen leise miteinander und durch den weiten Raum wurden ihre Stimmen so gedämpft, schallten so ungünstig zurück, dass Louis kein Wort von dem verstehen konnte, was die beiden Männer besprachen.
Wirklich gerissen von Prinz Niall, Harrys Vertrauen zu gewinnen, um herauszufinden, wie er ihn dazu bringen konnte, sich freiwillig in die Burg zu begeben. Denn das war sicherlich der Plan. Zumindest hätte Louis selbst es so gemacht. Vielleicht ließen sie es zu, dass Harry erfuhr, dass er noch am Leben war und herkommen würde, um ihn zu befreien. Obwohl er sich so sehr wünschte, den jungen Mann wieder zu sehen, wollte Louis nicht, dass er herkam, um ihn zu befreien. Wenn er dabei starb, wenn Jonathan ihn tötete und Harry sein Leben ließ, nur weil er ihn hatte befreien wollen, würde Louis sich das Niemals verzeihen.

Schritte, die zu ihm hochschwebten, waren zu hören und Louis drehte den Kopf. Zwei Diener kamen durch den Thronsaal gelaufen und trugen einen Holztisch zwischen sich, den sie vor Jonathans Thron abstellten. Er wurde mit Tellern und Kelchen gedeckt, dann tischte man das Abendessen auf. Der Geruch war köstlich und waberte natürlich bis zu Louis unter die Decke, sodass sein Magen zu grummeln begann. Neidisch blickte er von Oben auf die Speisen, die König Jonathan und Prinz Niall auf ihren Tellern und aus der Angst, die er verspürte, wurde langsam Wut. Wut, die heiß und brodelnd durch seine Adern floss. Wie konnten Menschen nur so hinterlistig sein? Waren Macht und Reichtum es wirklich wert, dass man sich gegenseitig das Leben so schwer machte? Vielleicht lag es daran, dass er nur ein einfacher Bauernjunge war, aber es erschloss sich Louis ganz und gar nicht. Er schloss die Hände um das Netz und schob eine Masche soweit auseinander, dass er das Gesicht hindurch schieben konnte. Er würde ihnen das Essen versauen. Louis sammelte Speichel in seinem Mund und spuckte den adeligen Herren von Oben auf ihre Teller. Er sah dem Tröpfchen nach, bis es auf der Platte mit Fleisch landete, das in der Mitte des Tisches stand und augenblicklich hörten die Männer auf zu essen. Jonathan hob den Kopf und sah Louis wütend an. „Dir scheint nicht klar zu sein, dass ich hier am längeren Hebel sitze, mein Freund.“ sagte er laut, damit Louis ihn hören konnte. „Ihr seid ein dreckiger Bastard!“ schrie Louis den König an und spuckte noch einmal hinunter auf den Tisch. Das schien dem Herrscher genug gewesen zu sein, denn er erhob sich und rief nach seinen Wachmännern, die sofort in den Thronsaal geeilt kamen. „Bringt diesem jungen Kerl da Oben bei, dass man sich einem König gegenüber angemessen verhält!“ rief er. Die Soldaten nickten, gingen auf das Seil zu, dass Louis Netz in der Luft hielt und lösten es so grob, dass er sich ziemlich schnell in Richtung Boden bewegte und hart auf dem Holzboden landete. „Bringt ihn mir aber in einem Stück wieder.“ verlangte der König noch, während die Männer Louis aus dem Netz zogen. Wieder wurde ihm der Arm auf den Rücken gedreht und man schleppte ihn aus der Halle hinaus.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden und nur wenige Fackeln brannten. Sie brachten Louis in einen Raum, der sich gegenüber des Hauptgebäudes in einem kleinen Turm befand. Hier war der Boden ebenfalls aus Holz und es gab kein Mobiliar. Erleichtert stellte Louis fest, dass es sich hierbei also nicht um eine Folterkammer handeln konnte, wie er zuerst angenommen hatte. Kaum war er in den Raum gestoßen worden, trat nach ihnen ein weiterer großer Mann ein. Er war schlicht gekleidet, wirkte aber bullig und hatte einen solch grimmigen Ausdruck im Gesicht, dass Louis ganz anders wurde. Seine Fäuste knackten, als er sie ballte und Louis in eine Ecke drängte, bis er an die Wand stieß. Die Wachen hatten den Raum wieder verlassen und er war mit diesem Mann allein. Ängstlich sah Louis ihn an. Der Mann verzog keine Miene, als er ausholte und Louis einen heftigen Schlag in den Magen versetzte. Keuchend sackte er zusammen und spürte daraufhin auch schon einen Schmerz im Rücken. Seine Knie gaben nach, doch der Mann hörte nicht auf, selbst als Louis am Boden lag und ihm beinahe die Sinne schwanden, er Blut im Mund schmeckte, dass ihm aus der Nase quoll und sich alles drehte, hörte der Kerl nicht auf. Vielleicht würde er ja jetzt sterben, dachte Louis und hoffte insgeheim darauf. Dann wäre der schlimme Schmerz endlich vorbei und er müsste sich keine Sorgen machen, dass Harry seinetwegen umkommen könnte.

   
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