Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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68. In einer zugigen Zelle

„Lasst uns die Lady mal auf diese Bank legen. Der Boden ist kalt.“ sagte Harry und griff ihr unter die Arme. Doch bevor er sie vom Boden heben konnte, ging die Tür des Zimmers wieder auf und Thomas trat ein. Eine Wimpernschlag lang verharrten sie alle in ihren Positionen: Harry und Louis auf dem Fußboden über die bewusstlose Dame gebeugt und Thomas im Türrahmen stehend. „Was habt ihr mit Lady Taylor vor? Finger weg!“ rief Thomas, stürzte nach vorne, schlug Louis beiseite, packte Harry am Kragen und drückte ihn auf dem Boden. „Ihr wolltet Euch an ihr vergehen!“ Thomas kniete über Harry und drückte ihm den Unterarm an die Kehle und sah ihn böse an. „Ich weiß, Ihr seid der König, aber das gibt Euch nicht das Recht, Euch mit Gewalt das zu nehmen, was Ihr wollt!“ Louis packte Thomas an den Schultern und versuchte, ihn von Harry herunter zu ziehen, der japsend um sich trat und versuchte, Thomas von sich herunter zu bekommen. Er bekam keine Luft mehr und schien langsam Panik zu bekommen. „Thomas, lass ihn los! Wir wollten nicht….“ Louis zog nochmals kräftig an Thomas Obergewand, doch der Vertraute schien so wütend zu sein, dass er nicht hören wollte. Mit einer Hand stieß er Louis erneut grob von sich, sodass er nach hinten auf den Rücken fiel. „Lass Harry los, wir wollten ihr nichts tun...“ jammerte Louis. Er war auf die Schulter gefallen, die jetzt schmerzte und musste zusehen, die Harry verzweifelt versuchte, Thomas von sich herunter zu treten. Seine Bewegungen wurden immer fahriger und es würde sicherlich nicht mehr lange dauern, bis er bewusstlos wurde. Mit einem kräftigen Tritt in seinen Rücken schaffte es Harry, dass Thomas ihn losließ. Er nutzte den Moment, in dem sich Thomas vor Schmerz aufrichtete und krabbelte von dem Vertrauten weg. Louis konnte schnell reagieren und stürzte sich auf Thomas. Obwohl dieser viel größer war als er, schaffte es Louis, ihn zu Fall zu bringen. „Lass mich los!“ knurrte er und blickte Louis wütend an. „Damit du Harry erwürgst? Ich denke gar nicht daran.“ presste Louis hervor, das Gesicht vor Anstrengung verzerrt und setzte sich auf Thomas Brust, um ihn daran zu hindern, aufzustehen. Harry war mittlerweile ein wenig von ihnen weggekrochen, hielt sich die Kehle und schnappte nach Luft, während er Thomas einen bitterbösen Blick zuwarf. „Du hast gerade den König angegriffen, das ist dir klar?“ Seine Stimme war krächzend. „Ihr wolltet sie vergewaltigen“, warf Thomas Harry vor, der den Kopf schüttelte. „Die werte Dame hatte einen Ohnmachtsanfall...weiter nichts…. Du kannst sie gerne fragen, wenn sie wieder aufwacht. Du bist ein leichtgläubiger Tor. Ich könnte dich der Burg verweisen lassen!“ Die letzten Worte schrie er ihm entgegen und sofort waren schnelle Schritte auf dem Flur zu hören. Zwei Soldaten stürzten in den Raum, sahen die drei jungen Männer am Boden liegen und richteten ihre Speere sofort auf Thomas. „Hat er Euch angegriffen, Majestät?“ fragte einer der Soldaten und Harry nickte, die Hand immer noch an seinem Hals. Sein Nicken schien den Soldaten als Befehl zu gelten, denn sie packten Thomas, zogen ihn unsanft auf die Beine und fesselten ihm die Hände auf den Rücken. Der Vertraute der Königin sprach kein Wort, versuchte nicht, sich zu verteidigen, sondern ließ es zu, dass man ihn in Fesseln legte und aus dem Zimmer schleppte. Als die Schritte auf dem Flur verklungen waren, krabbelte Louis zu Harry hinüber, der sich die Kehle rieb und noch immer ungläubig auf die Tür starrte. „Was wird mit Thomas geschehen? Wirst du ihn in den Kerker werfen lassen?“ Würde Harry wirklich in der Lage sein, einen anderen Mann gefangen zu nehmen, weil er ihm gegenüber handgreiflich geworden war? Es passte nicht zu ihm und Louis bezweifelte, dass er das vorhatte. „Es würde ihm recht geschehen, wenn dem so wäre.“ krächzte der König, schüttelte jedoch den Kopf: „Er hat sich um die Frau gesorgt, die er liebt. Ich hätte dasselbe für dich getan, daher kann ich Thomas diesen Angriff nicht übel nehmen. Ich werde jedoch dafür sorgen lassen, dass er lernt, wem in dieser Burg er Respekt zu zollen hat. Eine Nacht in den Kerkern wird ihn schon nicht umbringen.“ Daraufhin sagte Louis nichts, sondern zuckte nur mit der Schulter und sah zu Lady Taylor hin, die noch immer auf dem Fußboden lag: „Wir sollten uns um sie kümmern.“ Sie rappelten sich auf und starteten einen erneuten Versuch, die bewusstlose Dame auf eine Bank zu legen. Erneut klopfte es an der Tür und Gwydion stand im Türrahmen. „Was ist denn hier passiert? Mir sind auf dem Flur zwei Wachen begegnet, die Thomas mitgenommen haben.“ Der Zauberer nickte in die Richtung, in die die drei Männer verschwunden waren. „Er hat Harry angegriffen, weil er dachte, wir würden uns an Lady Taylor vergehen. Sie ist bewusstlos geworden und wir wollten sie gerade auf die Bank legen“, berichtete Louis und hob die Dame gemeinsam mit Harry nun endlich vom Boden hoch. „Wieso ist sie bewusstlos geworden?“ - „Weil ich ihr sagte, dass wir wissen, dass sie und Thomas einander näher stehen, als sie es sollten“, seufzte Harry und ging neben der Bank in die Hocke, um sie sich genauer anzusehen. Auch Gwydion musterte die Dame und stellte dann einen Becher, den Louis erst jetzt bemerkte, auf den Fenstersims. „Hier ist der Trank. Sie sollte ihn trinken, sobald sie wieder wach ist und die Wirkung wird die nächsten zwei Tage anhalten.“ Der alte Mann legte Louis die Hand auf die Schulter und zog ihn ein wenig mit sich: „Lassen wir die beiden mal allein. Wenn die Dame aufwacht, sollte Harry erst einmal alles in Ruhe erklären.“  Louis wollte Gwydion gerade sagen, dass ihr Plan eigentlich gewesen war, dass Taylor ihn kennenlernte, doch Harry sah ihn nur ernst an und Louis verließ gemeinsam mit dem Zauberer die Kammer der Königin.

„Hast du eine Vermutung, wohin man Thomas gebracht haben könnte?“ fragte Louis, kaum dass sie draußen auf dem Flur standen. „Ich vermute mal, man hat ihn in einen der Kerker gebracht...oder in ein Arrestzimmer“, antwortete Gwydion und zeigte in Richtung des Hofes: „Das Arrestzimmer findest du draußen im Hof der Falkner. Es ist eine kleine Zelle, wo es kalt und zugig ist. Der Kerker befindet sich unterhalb der Burg in der Nähe der Vorratskammern.“ Louis bedankte sich und machte sich schnell auf den Weg dorthin. Er wollte mit Thomas sprechen und ihn besänftigen, ihm klarmachen, dass Harry ihm nichts Böses wollte.
Die hölzernen Stufen zur Falknerei waren rutschig vom Schmelzwasser und Louis musste sich am Geländer festhalten, um sich nicht auf die Nase zu legen. Im Innenhof der Falknerei lag recht wenig Schnee, denn die hohen Mauern hatten das Meiste abgehalten. Louis betrat den Hof und sah sich um: der Wind wehte durch die hohen Spalten in der dicken Mauer und brachte seine Haare durcheinander. Unterhalb der Treppe befand sich die Tür, durch die er gemeinsam mit Harry seinen Ausflug in den Wald unternommen hatte, aber eine Zelle war nirgends zu sehen. Suchend lief er den Hof ab, bis er mit dem Fuß auf ein hölzernes Gitter trat, das er bisher noch nicht bemerkt hatte und das im Boden eingelassen war. Gras und Laub hatten es vermutlich immer abgedeckt, doch nun lag es frei da. Louis ging in die Hocke und sah durch die Streben hindurch: er blickte von Oben in eine Zelle hinein. Sie war in den Fels genauen und eine Seite nur mit Metallstäben versehen, durch die man über den Wald und hinunter in die Tiefe sehen konnte. Die Felswand fiel steil ab und wer sich in luftiger Höhe nicht wohlfühlte, hatte hier auch noch mit Angst zu kämpfen. Der Wind blies ungnädig in die Zelle hinein und es gab keine Möglichkeit, sich vor ihm zu schützen. Thomas saß in einer Ecke zusammengekauert, hatte sich in seinen Umhang gewickelt und zitterte heftig. „Thomas!“ rief Louis über das Rauschen des Windes und der Vertraute hob den Kopf. Ungläubig sah er Louis an und schüttelte den Kopf: „Wieso bist du gekommen? Willst du dich über mich lustig machen?“ fragte er und erschauderte vor Kälte. „Ich wollte nur sehen, wohin sie dich gebracht haben.“ gab Louis zu und Thomas Augenbrauen zogen sich wütend zusammen: „Und dann? Wolltest du mich verhöhnen, weil ich mich in diese Situation gebracht habe?“ - „Nein, ich wollte dir nur sagen, dass Harry kein böser Mensch ist...das solltest du wissen.“  - „Ts natürlich ist er das nicht. Nur gute Menschen stecken Jemanden in eine solche Zelle, weil er seine Liebste verteidigen wollte.“ höhnte Thomas und machte sich noch kleiner, um weniger Angriffsfläche für den Wind zu bieten. „Nein, Harry wollte dir nur klarmachen, dass...nun...dass er der Boss hier ist.“ gab Louis zu und jetzt, da er das sagte, klang es total lächerlich. „Er lässt also das Alphamännchen raus...und mich lässt er hier verrecken, oder wie? Glaubt er, seine Frau dadurch gefügig machen zu können? Lady Taylor ist sensibel. Wenn ich sterbe, wird sie das krank machen. Aber, wenn er König die Chance auf einen Thronfolger dadurch verspielen will...gerne.“ Thomas beendete ihr Gespräch, indem er sich seine Kapuze aufzog und den Blick von Louis abwandte. Seufzend richtete er sich wieder auf und dachte einen Augenblick nach: Harry musste Thomas wieder freilassen. Wenn stimmte, was er sagte, dann wäre es vernünftiger, wenn man Thomas aus der Zelle holte und zurück in die warme Burg brachte. Louis nahm wieder die Stufen hinauf in die Hauptburg und beeilte sich, in den Thronsaal zu kommen. Vielleicht war Harry schon dort und er könnte mit ihm sprechen. Im Thronsaal traf er nur auf Draca, Veland und Leofwine, die gemeinsam am Feuer saßen und Fleisch auf langen Spießen brieten. „Wollt ihr nicht darauf warten, bis wir alle gemeinsam essen können?“ fragte Louis, als er die Drei erreichte. „Wir haben heute gemeinsam mit Cuthbert und den Soldaten den Schwertkampf geübt, ich denke, das Essen haben wir uns verdient.“ sagte Draca und schob ein Stück Fleisch vom Spieß auf einen Holzteller, bevor er einen zweiten aufspießte. „Wieso trainiert ihr mit Cuthbert?“ fragte Louis. „Weil Zayn der Meinung ist, dass wir in einen Kampf ziehen müssen, sobald unsere Spione wieder zurück sind. Und da wir unsere Kampftechniken in der letzten Zeit ein wenig vernachlässigt haben, haben wir beschlossen wieder ein wenig mehr zu tun. Ich habe nämlich nicht vor, in dem Kampf mein Leben zu verlieren.“ Leofwine klang ehrgeizig und blickte Louis vielsagend an. „Auch du solltest ein bisschen mehr Üben, wenn du lebendig aus diesem Kampf herauskommen möchtest.“ Tatsächlich hatte Louis nur wenig an seinen Fähigkeiten gearbeitet, seit sie auf der Burg lebten. Er beschloss, sich darum zu kümmern, sobald er den Kopf frei hatte – was sicherlich erst geschehen würde, wenn er die Nacht mit Lady Taylor hinter sich gebracht hatte.
Ohne zu fragen, nahm er sich den fertig gebratenen Fleischstreifen von Dracas Teller und schob ihn sich in den Mund. „Ich muss Harry suchen.“ sagte er und ignorierte Dracas Protest, während er sich abwandte und auf die Seitentür zusteuerte.

Vermutlich war er noch bei Lady Taylor und Louis hoffte, dass sie mittlerweile wieder aus ihrer Ohnmacht erwacht war und Harry schon mit ihr gesprochen hatte. Er ging mit langsamen Schritten in die Richtung der königlichen Gemächer, denn sonderlich eilig hatte er es nicht. Schließlich hatte er nicht vor, in dem Moment herein zu platzen, wenn Harry seiner Frau eröffnete, dass sie bei der Hochzeitsnacht zu Dritt sein würden.  Leider kam er doch schneller an der Holztür an, als er geplant hatte und verharrte so kurz vor der Tür und lauschte. Dass sich König und Königin miteinander unterhielten, war deutlich zu hören, aber was sie sagten, war nicht zu verstehen. Louis seufzte und konnte sich nicht dazu durchringen, den Raum zu betreten. Seine Hand lag auf dem kalten Metall der Klinke und er setzte mehrmals dazu an, die Tür zu öffnen, aber er wollte sich nicht dem Blick der Königin stellen. Sicherlich war sie ganz und gar nicht begeistert davon, ihr Bett gleich mit zwei Männern zu teilen. Irgendwann kam Louis sich ziemlich dumm dabei vor, an der Tür zu stehen, wie ein Spion und zu lauschen. Das gehörte sich nicht und er würde der Dame sowieso früher oder später unter die Augen treten müssen, also brachte er es lieber schnell hinter sich.

   
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