Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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56. In der Schreibstube

Kaum war die Tür hinter Gwydion zugeschlagen, griff Harry wieder nach Louis Hand und zog ihn ebenfalls in Richtung Ausgang: „Lass uns den Schreiber aufsuchen. Ich will diese Sache hinter mich bringen, bevor mich der Mut verlässt.“ sagte  Harry. „Weißt du denn, wo sich die Schreibstube befindet?“ fragte Louis, denn er selbst hatte keine Ahnung, wo genau in der Burg der Schreiber arbeitete. „Ich weiß es nicht, aber fragen wir doch mal einen der Wachmänner.“ Kurzerhand ging Harry auf die Wache zu, die neben der Tür zum Thronsaal stand und starr geradeaus blickte. Als der Mann den jungen König auf sich zukommen sah, bekam er einen respektvollen Blick und stellte sich rasch noch ein bisschen aufrechter hin. „Könntet Ihr mir sagen, wo sich die Stube des Schreibers befindet?“ Unterwürfig nickte der Wachmann und musste mehrmals dazu ansetzen, zu antworten, denn offenbar war er so nervös, weil Harry ihn so direkt angesprochen hatte, dass ihm die Stimme versagte. Als er sie nach mehrmaligem Räuspern endlich wieder gefunden hatte, sagte er: „Diesen Flur entlang, Majestät. Dort gelangt Ihr ins Wohnhaus und findet dort die Schreibstube in der ersten Etage. Auf das Holz der Tür wurde eine Schreibfeder gemalt.“ Er verneigte sich, als er geendet hatte, rasch vor Harry und nahm dann seine militärische Haltung wieder ein, während die beiden sich dem Flur zuwandten. Der Flur war karg und die Holzdielen knarrten unter ihren Füßen. An den gemauerten Wänden waren Fackeln angebracht, die nur spärlich Licht spendeten. Draußen wurde es schon wieder dämmrig und Louis wünschte sich den Frühling herbei, wenn die Tage wieder länger wurden. Diese kurzen Tage drückten ihm langsam auf die Stimmung und er sehnte sich nach sonnigen Tagen, die man im Freien verbringen konnte.
Die erreichten eine weitere Tür, die sie ins Wohngebäude brachte. Hier waren die Kammern des Königs, der Berater und der Hofdamen untergebracht. Obwohl Louis und Harry dieses Gebäude kannten, hatten sie es noch nie durch diese Tür betreten und mussten sich daher erst einmal orientieren. Auch hier war es nicht viel heller, als im Rest der Burg und Harry nahm sich kurzerhand eine Fackel aus einer Wandhalterung, um damit die Türen zu beleuchten.  
Sie passierten einige davon, öffneten sie aber nicht, um zu sehen, was sich dahinter befand, sondern gingen weiter, bis zu ihrer Linken eine Tür auftauchte. Auf das Türblatt  war mit dunkler Farbe eine Feder gemalt worden. „Hier ist es.“ Harry festigte seinen Griff um die Fackel und klopfte zweimal an die Tür, bevor er die Klinke herunter drückte und sie eintraten.

Der Raum des Schreibers war schmal und recht lang. Entlang der Wände waren Regale angebracht, die Bücher und Pergamentrollen enthielten. Alles war sehr ordentlich und schien gut sortiert zu sein. In einigem Abstand zu den Regalen standen Kerzen und warfen ihr flackerndes Licht auf die Buchrücken. Louis und Harry gingen weiter in den Raum hinein, wobei Harry sorgsam darauf achtete, die Fackel nicht zu nah an die Bücher zu halten. Außer ihren Schritten und dem Knistern der Flammen, war nur das Kratzen einer Feder zu hören und Louis sah neben dem Kamin ein Schreibpult stehen, an dem der Schreiber arbeitete. Mit konzentrierter Miene hatte er sich über ein Blatt Pergament gebeugt und schrieb etwas. Er schien so vertieft in seine Arbeit zu sein, dass er Harry und Louis erst bemerkte, als sie direkt vor ihm standen und einen Schatten auf seinen Tisch warfen. Er hob den Kopf und zuckte bei ihrem Anblick so heftig zusammen, dass ein Tintenklecks das letzte Wort, das er geschrieben hatte, unleserlich machte.
„Eure Majestät….was verschafft mir diese Ehre, Euch in meiner Stube begrüßen zu dürfen?“ fragte er atemlos, machte rasch einen Schritt nach vorn und verneigte sich vor Harry. Louis kniff die Lippen zusammen und musste sich sehr zurückhalten, nicht verächtlich zu schnauben. Er erinnerte sich daran, wie dieser Mann gemeinsam mit Jonathan seine Anklageschrift verfasst hatte, ohne dabei auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob das, was er da gerade tat, richtig oder falsch war. Die Treue des Schreiberlings schien in Louis Augen nur dem aktuell mächtigsten Mann zu gelten. Wie falsch und heuchlerisch das doch war. Louis verachtete ihn dafür. „Ihr müsst eine Nachricht von mir an König James verfassen.“ sagte Harry und der Schreiber nickte sofort ergeben, während er nach einem großen Blatt Pergament griff. Sicherlich wollte er es zu einer offiziellen Mitteilung machen, doch Harry hielt ihn zurück: „Nein, es muss eine möglichst kleine Nachricht sein.“ betonte er und der Mann tauschte das Pergament rasch gegen ein deutlich kleineres aus. Er nahm eine Feder aus dem Tintenfass, das im Holz des Tisches eingelassen war und sah Harry dann erwartungsvoll an: „Was wünscht Ihr, dass ich schreibe?“ Der König antwortete nicht sofort. Er schien genau darüber nachzudenken und fuhr sich dabei mehrmals durch die langen Haare, bis er langsam und gewählt sprach. „An Eure Majestät König James. Ich nehme Eure Bedingung an und bitte Euch dringlichst um Unterstützung.“ Der Schreiber nickte und fing an, die Nachricht auf das kleine Pergament zu schreiben. Louis beugte sich ein wenig vor und konnte sehen, dass er die Buchstaben so eng wie möglich schrieb, damit die Nachricht überhaupt Platz auf dem Pergament fand, „Wie gedenkt Ihr, diese Nachricht zu verschicken?“ fragte der Schreiber und sah auf die glitzernde Tinte, die sich auf dem Papier zu Worten verschlang. „Mit einem Vogel, vermute ich. Wieso wollt Ihr das wissen?“ fragte Harry und klang misstrauisch. Auch Louis kam diese Frage seltsam vor, schließlich waren sie gerade offenbar unter Beobachtung von Feinden. Womöglich steckte der Schreiber mit den Fremden unter einer Decke. Oder sah Louis nun schon überall Verräter und eine Gefahr für Harry? Der Schreiber entkräftigte seinen Verdacht allerdings schnell, indem er nach einem Kerzenstummel griff und ihn hochhielt: „Ich kann die Schrift vor Regen schützen, indem ich eine dünne Schicht Wachs darüber reibe, darum meine Frage. Wenn die Nachricht mit Schnee oder Regen in Kontakt kommt, könnte die Tinte verwischen, das lässt sich so verhindern.“ Mit dem Kerzenstummel rieb er über das Pergament, faltete es dann zusammen und überreichte es Harry mit einer Verbeugung.

Draußen auf dem Flur lehnte sich der junge König an die Wand und besah sich die Nachricht noch einmal. „Ich kann zwar nicht lesen, aber zu wissen, dass ich mit diesem kleinen Stück Pergament meine Einwilligung zu einer Hochzeit gebe, ist ein beklemmendes Gefühl. Ich meine: dieses Papier ist so klein und doch hat es durch das auf ihm geschriebene Wort eine so große Wirkung auf unsere Zukunft...“ er hob den Blick und Louis sah sofort, dass er unsicher war. Natürlich. „Ich habe Angst davor, es loszuschicken, Louis...“ gestand er, blickte nochmal unsicher auf die Buchstaben hinab und faltete es wieder zusammen. Louis machte einen Schritt auf Harry zu und legte die Arme um ihn. „Ich will nicht, dass du ihn abschickst...“ murmelte er gegen seine Brust und fügte dann aber hinzu: „ich weiß aber auch, dass du keine andere Wahl hast...“ Harry sagte nichts. Er nickte nur und erwiderte die Umarmung fest. Es tat gut, einander so zu halten, denn so wurde der Moment an dem dieses Papier die Burg verlassen würde, hinausgezögert und es schien fast so, als sei es sowohl Harry als auch Louis gerade sehr recht, wenn das geschah. „Lass es uns gemeinsam hinter uns bringen.“ flüsterte Harry gegen Louis Haar und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Seine Lippen zitterten dabei, das war deutlich zu spüren und als sie sich voneinander löste, wischte sich der König rasch einige Tränen aus den Augen und nahm dann seine Hand. Er sah müde aus, als habe er nicht mehr viel Kraft, um das alles durchzustehen, was Louis wirklich Leid tat. Seine grünen Augen schienen ständig nach Hilfe zu rufen und Louis erkannte in ihnen Angst. Angst vor der Verantwortung, die er tragen musste. Außerdem sah man deutlich, dass ihm der nächste Schritt unglaublich schwer fiel und sich alles in ihm sträubte. Doch leider war es eine unvermeidbare Notwendigkeit und so stiegen die Beiden wenig später die vielen Treppenstufen hinauf zum Bergfried.

Schon auf der Treppe konnte man einen beißenden Geruch vernehmen. Es roch nach verbranntem Fleisch und verkohlten Federn. Louis ahnte, wer sich ganz oben unter dem Dach aufhielt.
Als sie auf die letzte Ebene traten, die sich direkt unter den Dachbalken befand, erkannte Louis eine große Schale aus Metall. Sie war direkt vor einer der schmalen Luken aufgestellt worden. Blaue und weiße Flammen schlugen in die Höhe und in ihrem Herzen konnte man gerade noch die Reste der getöteten Krähen erkennen. Gwydion stand an der Schale und blickte in die Flammen. Sein Gesicht wurde von den Flammen erhellt und sah ein wenig unheimlich aus. Er sah auf und zog fragend die Augenbrauen zusammen: „Was führt euch hier herauf?“ fragte er. „Wir haben eine Nachricht an König James aufsetzen lassen und wollen sie jetzt verschicken. Hältst du es für sinnvoll, nochmal eine Krähe zu nehmen?“ fragte Harry und hielt das kleine Pergament hoch. Gwydion seufzte kurz und sah nochmal auf die Feuerstelle, dann sagte er: „Wenn ich dem Vogel einschärfe, dass er hoch genug fliegen soll, dann wird diese Nachricht sicherlich ankommen.“ Der Zauberer wandte sich einer hölzernen Stange zu, auf dem noch einige Krähen saßen und nahm eine davon auf die Hand, trug sie zu Harry und strich dem Tier über den Kopf. Er murmelte leise Worte, während die Krähe ihn mit wachsamen Augen musterte und zu verstehen schien, was er ihr gesagt hatte. „Gib mir bitte die Nachricht, Harry.“ sagte der Zauberer und streckte die Hand aus. Zögernd legte Harry ihm den Zettel in die geöffnete Handfläche, dann zog er die Hand so schnell zurück, als hätte er sich verbrannt. Gwydion rollte die Nachricht zusammen und der Vogel griff sie mit einem Bein, dann ließ er sich zu einer der Luken tragen, warf noch einen letzten Blick auf den König, öffnete dann raschelnd und plötzlich die Flügel, um sich hinaus in die Abenddämmerung zu schwingen. „Lass dich bloß nicht erwischen.“ murmelte Gwydion kaum hörbar, stützte sich auf den steinernen Vorsprung und sah dem Vogel nach, bis man ihn am immer dunkler werdenden Nachthimmel kaum mehr sehen konnte. Harrys Hand griff nach seiner und Louis erwiderte den leichten Druck, den sie auf ihn ausübte. Zu Dritt standen sie an der Luke und blickten hinaus in den Abend. „Das war eine gute Entscheidung von dir, Harry. Ich bin wirklich stolz auf dich, dass du diese Entscheidung getroffen hast. Du wirst sehen, es wird sich auszahlen.“ seufzte der Zauberer und aus seiner Stimme klang Stolz heraus. „Ja, das hoffe ich, denn nochmal bin ich nicht bereit, ein solches Opfer zu bringen.“ murmelte Harry und wandte sich schnell ab. Louis wusste, dass er endgültig den Tränen nachgegeben hatte und auch er selbst verspürte einen Kloß im Hals, der ihm beinahe die Luft zum Atmen nahm. Spätestens am nächsten Morgen würde König James die Nachricht erhalten haben und die heiratswillige Dame wäre auf dem Weg zu ihnen. Louis wünschte sich diesen Tag weit weg, doch wusste er, dass er nichts tun konnte, um die Ankunft Lady Taylors zu verhindern. Alles, was er tun konnte, war, seinen eigenen Stolz herunterzuschlucken und seinen Geliebten zu unterstützen.

Auch, wenn es ihnen Beiden das Herz brechen würde.    
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