Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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11. Im Dorf der Bauern

Noch vor Sonnenaufgang am nächsten Morgen schlug Louis die Augen auf. Harry lag noch immer in seinem Schoß und er selbst war im Schlaf nach hinten gerutscht, sodass sie nun eng beieinander lagen. Es dauerte einige Augenblicke, bis er wirklich wach war, dann rieb er sich die Augen und richtete sich langsam auf. Harry brummte etwas Unverständliches im Schlaf und schlug die Augen auf, als Louis gerade seinen Kopf festhalten wollte, um sich unter ihm hervorzuwinden. „Mhm Morgen.“ murmelte er, hielt sich an der Felswand fest und zog sich ins Sitzen. „Wieso bist du denn schon wach? Es ist noch dunkel….“ fragte er und gähnte herzhaft. „Ich muss pinkeln.“ antwortete Louis, erhob sich und verschwand hinter den nächsten Baum. Harry ließ sich wieder auf den Rücken fallen, doch ohne Louis unter ihm, war es nur halb so bequem und er setzte sich wieder hin. „Wir können gleich weitergehen, wenn du willst. Ich kenne mich hier aus, auch wenn es noch dunkel ist und wenn wir Beide nun schon wach sind….“ schlug Harry vor, als Louis zurückgekehrt war und sie einigten sich darauf, ihre Sachen zusammen zu packen.

„Wissen die Menschen in den Dörfern eigentlich, dass ihr kommt, um ihnen zu helfen?“ fragte Louis. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen, doch die Luft war weiterhin recht kühl, wodurch es sehr angenehm war. „Nein und das ist auch gut so. Die Menschen würden sich sonst zu sehr auf uns verlassen und wir schaffen es nicht immer, eine Kutsche mit so viel Geld auszurauben, bevor die Steuern fällig sind. Daher ist es immer eine Überraschung wenn wir kommen. Die Leute freuen sich sehr und können es meist kaum glauben, dass wir ihnen Geld geben. Wir wechseln auch immer die Boten ab, damit sie sich unsere Gesichter nicht merken und uns eventuell einmal versehentlich verraten.“ sagte Harry und lächelte dabei zufrieden. „Wir müssten das erste Dörfchen bald erreichen, wenn ich mich nicht irre.“

Nachdem sie einen Hügel und einen schmalen Fluss hinter sich gebracht hatten, tat sich vor ihnen ein kleines Wäldchen auf. Die Bäume hier waren noch recht jung und kleine Steinmauern, aus aufgeschichteten, hellen Steinen zeugten davon, dass sich hier in der Nähe Menschen niedergelassen hatten. Die Felder, die von den Mauern eingegrenzt wurden, waren bestellt worden und Korn und Getreide wogte im Wind leicht hin und her. „Das ist das erste Dorf. Man kann es noch nicht sehen, aber hinter dieser Baumgruppe dort, liegen die Häuser.“ Harry deutete in die Ferne und wollte schon losgehen, da fiel Louis etwas ein und er packte Harry am Arm: „Können wir denn einfach so in das Dorf spazieren? Brauchen wir keine Tarnung?“ - „Solange du deine Hand ein wenig versteckst, geht das schon. Ich gebe mich als Wanderer aus. Außerdem werden die Menschen uns schützen, sobald wir ihnen Geld gegeben haben.“ sagte er und ging los.

Das Dorf war klein und bestand nur aus wenigen Häusern, die im Kreis gebaut waren, sodass es einen kleinen Dorfplatz bildete. Vor einigen Häusern standen Holzkarren herum, Dreschflegel und allerlei Werkzeug lehnte an den Wänden und auf dem Platz rannten Hühner hin und her, die wild gackernd den Boden nach Essbarem absuchten. Zwei kleine Jungen saßen in einer Matschpfütze vor einem der Häuser und patschten mit den Händen im Dreck herum, während sie offenbar etwas spielten. Louis musste beim Anblick der Beiden lächeln, denn genau so hatte er seine Kindheit ebenfalls verbracht. Die Menschen schienen alle auf den Feldern zu sein, denn außer ein paar Frauen, die Wassereimer schleppten, oder im Haus arbeiteten, war Niemand zu sehen. Ein junges Mädchen trat aus dem Haus, das ihnen am nächsten stand und hielt inne, als sie Harry und Louis gesehen hatte. „Guten Tag werte Herren, kann ich Euch etwas Gutes tun?“ fragte sie und verbeugte sich kurz vor ihnen. Sie erwiderten den Gruß und verneigten sich ebenfalls, dann sagte Harry: „Sagt, ist der Hausherr zu sprechen?“ - „Natürlich. Ich hole ihn.“ sagte sie, kehrte ins Haus zurück und kam mit einer Frau zurück. Sie sah müde aus, als habe sie zu wenig geschlafen und hatte eine Sorgenfalte im Gesicht. „Gute Tag die Herren.“ grüßte auch sie und nickte ihnen zu. Hier im Haus hatte die Frau das Sagen, weswegen das Mädchen sie geholt hatte. „Guten Tag. Ich komme, weil die Steuern fällig werden.“ sagte Harry ernst und die Frau erblasste sofort. „Ich...wir haben das Geld nicht...nicht ganz. Einen Teil können wir zahlen. Bitte Herr, sperrt uns nicht ein, ich flehe Euch an.“ sie fiel vor Harry auf die Knie griff seinen Umhang und blickte ihn bittend und verzweifelt an. Offenbar glaubte sie, dass er von Jonathan kam, um die Steuern einzutreiben. Harry legte eine Hand auf ihre Hände und schüttelte den Kopf: „Nein, habt keine Angst. Ich bin nicht hier um die Steuer einzutreiben, werte Dame...ich bin hier um Euch zu helfen.“ Er griff in den Beutel, der an seinem Gürtel hing, nahm eine Silbermünze heraus, drückte sie der Frau in die Hand und schloss ihre Finger um das Geld. Mit großen Augen sah sie Harry an, schien es kaum glauben zu können, was gerade passiert war und schluckte. Dann musterte sie die Münze und hauchte: „Wer seid Ihr?“ - „Ist das so wichtig? Ich bin hier um die Familien davor zu bewahren, auseinander gerissen zu werden. Nehmt das Geld und gebt es den Männern des Königs, wenn sie vorbeikommen.“ Die Frau nickte lebhaft und Tränen der Dankbarkeit stiegen ihr in die Augen, als sie Harry ansah. „Ihr wisst nicht, was Ihr für uns getan habt...“ stammelte sie und küsst seine Hand dankbar. „Ich gehe noch zu den anderen Menschen hier….“ - „...wollt Ihr eine warme Mahlzeit?“ unterbrach sie ihn, doch er schüttelte den Kopf. Louis allerdings nickte, denn etwas Warmes im Magen zu haben, war immer gut. „Dann bleib du hier und iss etwas, ich ziehe schnell meine Runde und komme dann gleich zurück.“ sagte Harry zu ihm, nickte der Frau zu und ging dann zum Haus nebenan.

„Kommt nur herein.“ sagte das junge Mädchen zu Louis und trat beiseite, damit er in das Haus gehen konnte. Hier drin war es dunkel, denn durch die kleinen Fensterchen gelangte kaum Licht hinein. Eine Feuerstelle brannte und ein Kessel hing über dem Feuer, aus dem Dämpfe aufstiegen. Ein Holztisch stand im Zimmer, um den eine Menge Stühle herumstanden, in den Ecken lagen Strohsäcke, auf denen die Menschen schliefen. Viel Besitz hatten sie hier nicht, aber das war bei der Armut, die im Volk herrschte nichts besonderes und Louis war an diesen Anblick gewohnt. Er nahm auf einem Stuhl platz, den ihm das Mädchen zugewiesen hatte. „Es ist wirklich ein Wink Gottes, dass Ihr ausgerechnet heute hergekommen seid.“ sagte die Frau, stellte Louis einen Becher mit Wasser und eine Holzschale Suppe hin, dann nahm sie ihm gegenüber Platz. „Ihr müsst wissen, dass heute am Nachmittag der Steuereintreiber kommt und wir haben schon beim letzten Mal nicht alles bezahlen können. Er drohte meinem Mann, ihn festzunehmen, wenn dieses Mal das Geld nicht vorhanden ist. Aber die Ernte war so schlecht, dass wir kaum etwas verkaufen konnten und es reichte einfach nicht aus. Wenn die ganzen Abgaben noch dazukommen, dann haben wir für uns selbst fast nichts mehr.“ sie wischte sich über die Augen und schien zu hoffen, dass Louis ihre Tränen nicht sehen konnte, doch natürlich blieben sie ihm nicht verborgen. Sein Magen schnürte sich vor Mitgefühl für die Familie zu und er musste sich regelrecht zwingen, einen Schluck der Suppe zu nehmen, die sie ihm angeboten hatte. „Der Steuereintreiber ist ein sehr grober Mann, müsst Ihr wissen. Er bestraft die Leute sofort, wenn sie nicht zahlen können und beim nächsten Mal nimmt er die Männer mit. Und ohne unsere Männer kommen die Familien hier nicht durch. Nicht einmal die Nachbarn können sie lange durchbringen. Es bedeutet unseren Tod, wenn wir unsere Männer an den König verlieren...und alles wegen dieser hohen Steuern.“ sie seufzte, musterte die Silbermünze in ihrer Hand und lächelte Louis an: „Aber dank Euch, sind wir ja fürs Erste wieder sicher.“

Louis aß seine Suppe auf, bedankte sich herzlich dafür und wollte gerade wieder das Haus verlassen, als das Mädchen mit ängstlichem Gesicht hereingestürmt kam. „Mutter! Er ist da...er  ist früher gekommen und er hat einen Mann vom Feld mitgenommen!“ rief sie verzweifelt, zog die Frau an der Schürze und sie rannten alle hinaus. Ein Pferd stand auf dem Hof, angebunden an einen wackeligen Zaun, der beinahe zerfiel, so alt war er bereits. Aufregte Stimmen waren zu hören und die Menschen kamen alle vor ihre Häuser gelaufen. Louis konnte Harry sehen, der aus einem anderen Haus trat, wo er gerade offenbar seine Münzen verteilt hatte. Sie warfen einander rasch einen Blick zu, dann tauchten Männer auf dem Hof auf. Es war eine ganze Gruppe, alles Bauern und sie folgten einem prächtig gekleideten Mann, der einen jungen Kerl hinter sich herschleifte, der nicht viel älter schien, als Louis. „Dafür wirst du bezahlen. Ich habe bereits beim letzten Besuch schon gesagt, dass dieses Mal die Steuer komplette bezahlt werden muss!“ donnerte der Mann und zerrte den jungen Kerl an den Haaren hinter sich her. „Dorian!“ ertönte eine Stimme und ein junges Mädchen, das eindeutig in anderen Umständen war, rannte über den Hof. Offenbar war sie die Frau des armen Kerls. „Geh mir aus dem Weg, Weib!“ herrschte sie der Steuereintreiber an und stieß sie weg, sodass sie fast hinfiel, während sie versuchte ihren Mann davor zu bewahren, mitgenommen zu werden. Alle Bewohner des Dorfes standen hilf- und fassungslos da. Niemand traute sich zu, etwas zu unternehmen. „Ich bitte Euch! Nur noch ein Aufschub...bitte.“ ächzte Dorian, der bereits auf den Knien zu Füßen des Mannes war. „Meine Frau ist in anderen Umständen, ich kann sie jetzt nicht allein lassen, das müsst Ihr doch verstehen!“ Seine Verzweiflung war deutlich zu spüren. Louis sah zu Harry. Wollte er etwas unternehmen? Doch dieser schüttelte den Kopf. Offenbar hatte er der jungen Frau das Geld noch nicht geben können und sie wusste nicht, dass sie eigentlich in der Lage wären, die Steuern zu bezahlen. Gleichzeitig konnte er sich ihr jetzt aber auch nicht offenbaren, sonst würde der König sicherlich auf sie aufmerksam und das musste unbedingt verhindert werden. Also standen sie nur da und sahen zu, wie Dorian am Hals hochgezogen und auf den Boden zurückgestoßen wurde. Der Steuereintreiber griff an seinen Gürtel und Louis dachte schon, er würde sein Schwert ziehen, um den armen Mann umzubringen, doch stattdessen zog er eine Peitsche hervor. Mütter zogen ihre Kinder rasch zurück in die Häuser und die Männer versuchten auf den Mann einzureden, doch der blaffte sie nur an: „Ich werde ihn nicht mitnehmen, dann kann er bei seinem Balg bleiben, aber Strafe muss sein!“ - „Aber er wird nicht weiterarbeiten können, wenn Ihr ihn auspeitscht!“ rief ein Mann, doch das schien hier keine Rolle zu spielen. Die Peitsche wurde in die Luft gehoben und sauste mit einem schrecklichen Geräuch auf den Boden nieder, wo sie lange Striemen im Staub hinterließ. „Neeein!“ schrie die schwangere Frau und wollte zu Dorian rennen, doch eine andere Frau hielt sie zurück. Sie wehrte sich mit aller Kraft, doch die andere Frau war stärker und schaffte es, sie ins Haus zu drängen. Die Peitsche sauste erneut hinunter und dieses Mal traf sie ihr Ziel. Dorian schrie auf vor Schmerzen und machte sich am Boden ganz klein. Louis konnte das nicht mitansehen. Irgendetwas musste man unternehmen. Irgendetwas. Doch ihm wollte nichts einfallen. Er dachte an die Frau, die in den nächsten Wochen ein Kind zur Welt bringen würde. Sie würden  nicht lange durchhalten, wenn der Vater und Mann im Haus verletzt war.

Bevor er es sich genau überlegt hatte, war Louis losgerannt, hatte Dorian gepackt und zog ihn beiseite. Der Mann, der wie blind die Peitsche schwang, bemerkte es erst gar nicht und so sauste der Lederriemen auf Louis hinunter und traf ihn an der Schulter. Obwohl er einen Umhang aus dicker Wolle trug, durchfuhr ihn sofort ein brennender Schmerz und er schrie auf. „Du wagst es, dich mir in den Weg zu stellen?!“ fauchte der Mann, als er Louis bemerkt hatte und ein weiteres Mal traf ihn die Peitsche. Diese Mal war es allerdings absichtlich geschehen. Es war Louis Strafe dafür, dass er sich vor Dorian gestellt hatte. Der Schmerz war heftig und Louis spürte, dass seine Haut an der Stelle aufgeplatzt war, als die Leute um sie herum plötzlich aufschrien und er den Kopf hob. Harry hatte seinen Bogen in der Hand und zielte mit dem Pfeil auf den Mann. „Lasst die Beiden in Ruhe. Es ist genug! Ich werde Euch erschießen, wenn Ihr die Waffe nicht fallen lasst.“ Er schien ganz ruhig, doch Louis konnte das leise Zittern in seiner Stimme hören, während er sprach. Der Mann musterte Harry und hob spöttisch eine Augenbraue: „Ich glaube Euch nicht.“ sagte er schlicht, holte noch einmal aus und erwischte Louis dieses Mal am Oberschenkel. Dorian hatte es inzwischen geschafft, zu seiner Frau zu fliehen und wurde nicht noch einmal getroffen. Ein Surren ertönte und ein Pfeil schoss haarscharf an der Hand des Mannes vorbei, dessen Miene sofort gefror. „Ihr wagt es, einen Mann des Königs anzugreifen!“ rief er und machte einen drohenden Schritt auf Harry zu, doch dieser zog nur einen weiteren Pfeil aus dem Köcher, legte ihn in die Sehne ein und zielte genau auf die Brust seines Gegenübers. „Ich werde Euch sogar töten, wenn Ihr noch einen Schritt in meine Richtung macht.“ sagte er leise. Er musste die Stimme nicht erheben, denn auf dem kleinen Platz war es so still geworden, dass jeder Harry gut verstand, selbst, wenn er geflüstert hätte.

Einen Moment sahen sich Harry und der Mann an und es schien fast so, als versuchten sie ihre Gedanken zu lesen, dann machte der Mann einen Schritt und im selben Moment ließ Harry die Sehne los.
Der Pfeil sirrte los und traf den Mann genau in der Kehle. Er gab ein Röcheln von sich und fiel rückwärts um.    
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